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StartseiteBüchermarktGewalt als einziger Ausweg04.10.2021

Nina Bouraoui: "Geiseln"Gewalt als einziger Ausweg

Sylvie Meyer war immer eine vorbildliche Mitarbeiterin. Doch als ihr Chef sie bittet, ihre Kollegen für gezielte Entlassungen zu bespitzeln, überschreitet er eine Grenze. Die französische Autorin Nina Bouraoui hat ihren eindringlichen Roman den "Geiseln der Wirtschaft und der Liebe" gewidmet.

Von Dina Netz

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Die Schriftstellerin Nina Bouraoui und ihr Roman "Geiseln" (Foto: Patrice-Normand, Buchcover: Elster & Salis Verlag)
Nina Bouraoui erzählt kein Einzelschicksal, sondern von gesellschaftlichen Rollen, in die Frauen gepresst werden (Foto: Patrice-Normand, Buchcover: Elster & Salis Verlag)
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"Ich heiße Sylvie Meyer. Ich bin dreiundfünfzig Jahre alt. Ich bin Mutter zweier Kinder. Ich lebe seit einem Jahr von meinem Mann getrennt. Ich arbeite bei Cagex, einem Gummiunternehmen. Ich bin für die Produktionskontrolle zuständig. Ich bin nicht vorbestraft."

Knapp und präzise stellt sich die Ich-Erzählerin am Anfang von "Geiseln" vor. Insgesamt benötigt Nina Bouraoui nur wenig mehr als 100 Seiten, um in kurzen Hauptsätzen das Drama eines ganzen Lebens zu erzählen.

Sie bedroht ihn mit dem Küchenmesser

Als die Handlung einsetzt, ist Sylvie Meyer straffällig geworden. Ihr Chef, Victor Andrieu, hatte sie als Supervisorin ihrer Abteilung unter Druck gesetzt, ihr aufgetragen, die Angestellten zu beobachten, um aufgrund ihrer Berichte Entlassungen vorzunehmen. Sylvie stößt an eine Grenze. Sie bedroht ihren Chef eine Nacht lang in seinem Büro mit einem Küchenmesser.

"Ich bin dir böse, Victor. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr. Ich bin dir böse, weil du meine Wand zerstört hast, (...) die Wand, die niemand einreißen darf. Die Wand zwischen Gut und Böse. Früher stand ich auf der richtigen Seite. Ich war nicht perfekt, ich hatte meine Schwächen, aber ein reines Gewissen. Ich zog eine Linie, nein, ich ging auf einer geraden Linie, nicht auf den Abwegen, die zu abwegigen Zielen führen; ich ging auf der guten, geraden Geburt-Schule-Arbeit-Heirat-Familie­Linie, bis zum Tod, ohne allzu viel Schaden anzurichten. Aber du hast mich erpresst."

Es geht nicht nur um Rache

Bis hierhin liest sich "Geiseln" wie ein kapitalismuskritischer Roman über eine Frau, die sich aus den menschenverachtenden Zwängen der Arbeitswelt befreit. Doch wir sind noch nicht einmal in der Mitte des Romans, und Nina Bouraoui hat viel mehr vor.

Sylvie Meyer bedroht ihren Chef lediglich mit ihrem Küchenmesser. Sie verletzt ihn nicht, und sie erklärt ihm auch nicht, warum sie ihn eine Nacht lang als Geisel nimmt. Es geht ihr nämlich nicht nur um Rache dafür, dass er sie gezwungen hat, ihre "Bienen" zu bespitzeln, wie sie ihre Mitarbeiterinnen nennt.

Angriff als Befreiungsschlag

Für Sylvie ist der Angriff auf ihren Vorgesetzten ein Befreiungsschlag auf ganzer Linie. Ihr Leben lang hat sie das getan, was man von ihr erwartete: Sie hat gearbeitet wie ein Tier, ist ihrem Mann eine gute Ehefrau und ihren Söhnen eine fürsorgende Mutter gewesen. Aber Sylvie war nicht nur permanent eingespannt - sie hat auch eine frühe Gewalterfahrung mit sich getragen. Als Jugendliche hat sie ein Mann, den sie für einen väterlichen Freund hielt, vergewaltigt. Über dieses Trauma hat Sylvie nie gesprochen, trotz dieser "Scheißtraurigkeit", die sie immer empfand. Und nur, indem sie Jahre später selbst Gewalt an ihrem Chef ausübt, kann sie sich dieser grauenhaften Erfahrung stellen und sie überwinden. Der Weg in die Arrestzelle führt in Sylvies Wahrnehmung also absurderweise in die Freiheit:

"Jetzt fügen sich die Dinge zusammen, es gibt kein Vakuum, kein Warten mehr. Als ob meine tausend Stücke, die früher auf dem Boden herumlagen, sich zu einem Ganzen vereint hätten. Ich habe mich noch nie so aufrecht, so lebendig gefühlt, obwohl ich liege. Ich bin fest verbunden mit dem Raum, der mich umgibt, er ist zwar geschrumpft, aber er gefällt mir, denn mein Körper hat darin seinen Platz gefunden, sich bis in die vier Ecken meiner Zelle geschmiegt, sie ist wie ein Kinderzimmer, allerdings ohne die Zeichnungen und die Farben und auch ohne die Spielsachen, aber schön klein und tröstlich. Ich brauche nichts."

Vorbild Marguerite Duras

In dieser Passage klingt deutlich die Nähe zu Marguerite Duras an, die Nina Bouraoui als Vorbild nennt. Sylvie verfügt über eine sehr genaue Beobachtungsgabe und findet immer wieder poetische Bilder für ihre Empfindungen. Meist lässt Bouraoui ihre Protagonistin jedoch in einer kargen Sprache erzählen, in kurzen, prägnanten Sätzen, die Sylvies sozialem Stand entsprechen und deren stakkatohafter Rhythmus das Buch besonders eindringlich macht.

Nina Bouraoui hat ihren Roman verfasst als "Hommage an die Geiseln der Wirtschaft und der Liebe, die wir alle sind." Und darin erinnert ihr Text an die soziologisch grundierten Romane von Annie Ernaux. Denn auch Nina Bouraoui erzählt nicht von einem einzelnen Frauenschicksal, sondern von der gesellschaftlichen Rolle, in die Frauen gepresst werden und aus der sie sich oft mühsam befreien müssen. Von männlicher Gewalt, der viele Frauen irgendwann auf die eine oder andere Weise ausgesetzt sind. Von Frauen, die in einfachen Verhältnissen leben und denen die #MeToo-Debatte rein gar nichts genützt hat. Dass Sylvie Meyer für sich keinen anderen Ausweg sieht, als selbst Gewalt anzuwenden, ist traurig. Aber leider allzu nachvollziehbar.

Nina Bouraoui: "Geiseln", Roman
Aus dem Französischen von Nathalie Rouanet
Verlag Elster & Salis, Zürich 2021
126 Seiten, 19 Euro

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