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StartseiteBüchermarktDer Tod des Mimen14.02.2021

Norbert Gstrein: "Der zweite Jakob"Der Tod des Mimen

Norbert Gstrein ist ein Spezialist für das unzuverlässige Erzählen. Moralische und biografische Gewissheiten löst er in eleganten Satzmelodien auf. 2021 wird Gstrein 60 Jahre alt. Sein neuer Roman erzählt von einem Schauspieler, dessen wichtigste Rollen die eines Frauenmörders waren.

Von Christoph Schröder

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Der Schriftsteller Norbert Gstrein (Oliver Wolf)
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Roman von Gstrein  Ein Verdacht vor zehn Jahren

Was das Schlimmste sei, das er in seinem Leben jemals getan habe – diese Frage bekommt der Schauspieler Jakob Thurner eines Tages von seiner Tochter Luzie gestellt. Jakob, der Ich-Erzähler von Norbert Gstreins neuem Roman, versucht sich zunächst herauszureden: Dass er bei ihrer, Luzies Geburt, nicht dabei gewesen sei. Oder dass er und ihre Mutter Riccarda Luzie seinerzeit ohne ihr Einverständnis auf ein Internat geschickt hätten. Doch das ist es nicht, was Luzie von ihrem Vater erwartet. Jakob weiß auch, dass er seiner Tochter die Antwort schuldig ist, die ihm als erstes und spontan in den Kopf gekommen war:

"‘Ich habe niemanden umgebracht, und ich habe niemanden so weit getrieben, dass er sich selbst das Leben genommen hat‘, sagte ich, als sie nicht aufhörte zu drängen. ‚Aber ich bin einmal bei einer Sache dabei gewesen, die nicht gut ausgegangen ist. Ich war Beifahrer bei einem Unfall. Eine Kollegin ist gefahren, und es hat eine Tote gegeben.‘"

Buchcover: Norbert Gstrein: „Als ich jung war“ (Foto: Deutschlandradio/Stefan Fischer, Buchcover: Hanser Verlag) (Foto: Deutschlandradio/Stefan Fischer, Buchcover: Hanser Verlag)Norbert Gstrein: "Als ich jung war" - Beschönigung eines Lebens 
Wo man Bekenntnisprosa vermuten könnte, führt "Als ich jung war" ins sprachphilosophische Zwielicht: Norbert Gstrein lässt seinen Erzähler Lebensetappen als Hochzeitsfotograf in Österreich und als Skilehrer in den USA resümieren.

Schönheit und Raffinesse

Norbert Gstreins Romane sind in ihrer Struktur komplex angelegt. Bereits auf den ersten zehn Seiten entspinnt Gstrein auch im neuen Buch ein Geflecht von Handlungsfäden, die er im weiteren Verlauf verknüpft und verknotet; so lange, bis daraus eine schwer durchschaubare Gemengelage entsteht. Die Wahrheit ist bei Gstrein nicht um den Preis von Simplifizierung zu bekommen, im Gegenteil.

Dass seine Bücher sich trotzdem recht leicht und mit so großem Genuss lesen lassen, liegt an Gstreins unverwechselbar eleganter Sprache, an den langen melodiösen Satzbögen, die etwas Umschmeichelndes haben. Oft merkt man erst zu spät, welche Ungeheuerlichkeiten einem da gerade in aller Schönheit und Raffinesse untergejubelt wurden.

Dunkle Punkte in der Biografie

Jakob Thurner also, ein berühmter Schauspieler aus Tirol, steht unmittelbar vor seinem 60. Geburtstag. Wir erfahren, wie er seinen Einstand als Schauspieler gegeben hat – mit einer Rolle als Frauenmörder. Wir erfahren auch, dass er von Luzies Mutter Riccarda getrennt lebt, in einer 250 Quadratmeter großen Wohnung mit Panoramablick in Innsbruck. Und wir erfahren, dass es offenbar mehrere dunkle Punkte in seiner Biografie gibt, über die zu sprechen er nicht, noch nicht bereit ist.

"Der zweite Jakob" spielt auf mehreren Zeitebenen, zwischen denen Gstrein kapitelweise hin- und herwechselt. Etwa zwei Jahre vor seinem 60. Geburtstag empfängt der Schauspieler einen professionellen Biografen, der pünktlich zum Jubiläum ein Buch über Jakobs Leben vorlegen soll. Dieser Mann, Elmar Pflegerl heißt er, avanciert im Verlauf der Erzählung zu einem immer aggressiver beäugten Feind.

Der Freund wird missbilligt

Das wiederum ist zum einen in der Selbstwahrnehmung Jakobs und zum anderen in Gstreins Poetologie begründet: Der Biograf versucht anhand von Daten, Orten und recherchierbaren Tatsachen Ordnung in einen Lebenslauf zu bringen, während Jakob selbst sich dieser Ordnung konsequent verweigert.

Seine Tochter Luzie hingegen kooperiert aus undurchsichtigen Beweggründen mit dem Biografen. Nicht nur daran lässt sich das ambivalente Verhältnis zwischen Luzie und ihrem Vater ablesen. Zwar scheint, wie sich nach und nach herausstellt, Jakob sehr wenig über seine Tochter zu wissen, doch hat er sie stets in fast übergriffiger Weise behütet. Das zeigt sich beispielsweise auch in seinem Umgang mit Luzies erstem, von ihm missbilligten Freund:

"Sie hatte damals noch bei mir gewohnt, und ich hatte zu ihm gesagt, entweder er nehme fünftausend Euro in bar auf die Hand und lasse in Zukunft die Finger von ihr oder ich würde ihm Probleme bereiten, die er sich gar nicht vorstellen könne, ich würde ihm mit Vergnügen eine blutige Nase schlagen, die Polizei rufen und behaupten, er habe mich bedroht, und das wäre erst der Anfang."

Die Aura des Verruchten

Mit solchen Szenen bietet Norbert Gstrein seinen Lesern geschickt unterschiedliche Wahrnehmungsmöglichkeiten und Blickwinkel auf den Protagonisten, auf diesen Mann, der zu Aggressionen neigt; einen Mann, der es gewohnt ist, sein Geld zur Durchsetzung seiner Ziele einzusetzen, der einerseits drei gescheiterte Ehen hinter sich hat, über die er nicht sprechen möchte, der andererseits seine Berühmtheit als Schauspieler in verschiedenen Frauenmörder-Rollen erlangt hat.

In Gstrein-Romanen bewegt man sich lesend stets auf schwankendem Boden. Den Gewissheiten verweigern sie sich ebenso sehr wie den klaren moralischen Urteilen. Gleichzeitig aber spielt Gstrein ganz kalkuliert mit der Aura des Gefährlichen und Verruchten, die seine Figur umgibt.

Das ist der Frauenmörder

An die erste Nacht beispielsweise, die er mit seiner engen Vertrauten Friederike verbracht hat, einer Germanistin an der Universität Innsbruck, erinnert Jakob sich so:

"Ihren Kopf hatte sie ganz nah an meinem gehabt, und ich hatte direkt in das bläuliche Grau oder Grün ihrer Iris geblickt, mit dem dunklen Gesprenkel darin, und jetzt erinnerte ich mich daran, wie sie geflüstert hatte: ‚So ist das also mit Dir. Verstehe, Jakob! So also ist das mit einem Frauenmörder.‘"

Das ist vor dem Hintergrund aktueller feministischer Diskurse eine gezielte Provokation. Von derartigen Provokationen gibt es nicht wenige in "Der zweite Jakob". Sie sind kein reiner Selbstzweck, das wäre profan.

Gstreins Jakob ist kein erfolgreicher, larmoyanter Mann in der Krise des Älterwerdens. Jedenfalls nicht nur. "Der zweite Jakob" entwickelt sich stattdessen auf bestechend kluge Weise in unterschiedliche Lektürerichtungen.

Morde an Mexikanerinnen

Der zweite Haupterzählungsstrang des Romans ist Jakobs Erinnerung an einen Filmdreh in Texas und Neu-Mexiko in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre. Stephen, ein amerikanischer Freund seit dem gemeinsamen Schüleraustausch in Montana, hatte Jakob seinerzeit zur Schauspielerei gebracht.

Stephen hat Jakob nun auch eine Rolle in einem Film verschafft, in dem er, Stephen, ebenso mitspielt wie seine Freundin Xenia. Jakobs Rolle, mal wieder: Ein Frauenmörder. Zur Zeit der Dreharbeiten wiederum ereignet sich im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet tatsächlich eine Reihe von Morden an jungen Mexikanerinnen, so dass die Filmhandlung und die vermeintliche Realität sich in Jakobs Erinnerungen ständig abwechseln und zu einem allgemeinen Bild der Unruhe verdichten.

Ein Unfall in der Wüste

Diese Überlagerungstechnik ist charakteristisch für Norbert Gstrein. Er beherrscht sie wie kein anderer, und sie macht die beklemmende Atmosphäre seiner Bücher aus. In den Texas-Passagen beschwört Gstrein eine Stimmung herauf, wie man sie aus den Filmen David Lynchs kennt. Bilder von geradezu pathetischer Schönheit gehen nahtlos über in surreale Szenarien, über denen etwas Bedrohliches liegt:

"Wir fuhren nach Norden, und es war gerade noch Tag gewesen, da brach schon die Dämmerung herein, türkis, hellblau und violett über der Wüste, ein irisierendes Flackern. Die ganze Ebene schien noch nach Jahrzehnten verstrahlt von den Atombombentests, die irgendwo hier oder jedenfalls nicht weit entfernt stattgefunden haben mussten, und die Abfahrten zu da einer Air Base oder dort einem militärischen Sperrgebiet deuteten darauf hin, dass in der Gegend noch immer Dinge vor sich gingen, von denen man sicher nicht alles wusste und auch gar nicht wissen wollte."

Es gab einen dumpfen Knall

Als Stephen und Xenia sich eines Abends am Filmset eine ihrer zahlreichen und stets auch heftigen Eifersuchtsszenen liefern, springt Xenia in der texanischen Wüste in ein Auto, um davonzupreschen. Um sie nicht alleine hinaus in die Weite fahren zu lassen, setzt Jakob sich auf den Beifahrersitz.

Die beiden fahren die schnurgerade Straße immer weiter, besorgen sich unterwegs Getränke, fahren mit betrunkenem Kopf ziellos durch die Gegend – bis es schließlich zu jenem Ereignis kommt, das Jakob Jahre später gegenüber seiner Tochter als die schlimmste Tat seines Lebens eingestanden hat:

"Es gab einen dumpfen Knall, gar nicht einmal so laut und gar nicht einmal so heftig, aber doch einen sehr spezifischen Knall, von dem ich eine Zeitlang, als ich den Vorfall nicht und nicht aus meinem Kopf zu tilgen vermochte, nicht abzubringen war, dass er anders geklungen hätte, wenn er von einem Tier gekommen wäre und nicht von einem Menschen."

Norbert Gstrein: "Der zweite Jakob" Zusehen ist das Buchcover, auf dem ein Mann und sein Schatten angedeutet sind. (Cover: Hanser Literaturverlage)Norbert Gstrein: „Der zweite Jakob“ (Cover: Hanser Literaturverlage)

Schuld und Mutmaßungen

Xenia und Jakob können sich aus dieser Situation herauswinden. Die Schilderung der Umstände und der weiteren Ereignisse dieser Nacht gehört zu den aufregendsten Szenen des Romans.

Während der Lektüre von Gstrein-Romanen empfiehlt es sich, zwischendurch einmal innezuhalten, seinen Kopf aus dem suggestiv erzeugten Sog der Rede herauszuziehen und zu fragen: Was wissen wir tatsächlich? Wie schon im voran gegangenen Roman "Als ich jung war" sind die möglichen Zusammenhänge von schicksalhaften Wendungen, eigener Schuld und Mutmaßungen so kunstvoll ineinander verschränkt, dass die Antwort auf diese Frage nur lauten kann: Wenig.

Der Onkel als Gespenst im Keller

Das ist der Augenblick, in dem die Herkunft des Erzählers relevant wird. Eine Herkunft, die mit der des Autors selbst große Schnittmengen aufweist. Norbert Gstrein wird in diesem Jahr 60 Jahre alt, und es scheint, als würde er sich selbst mit fortschreitendem Alter seiner eigenen Prosa zunehmend ungeschützt aussetzen. Jakob Thurner, so erfahren wir, ist ein Künstlername, den er angenommen hat, um der Unaussprechlichkeit von vier aufeinander folgenden Konsonanten in seinem eigentlichen Namen zu entkommen.

Ein Name, aus dessen Buchstabenzusammensetzung sich auch das Wort "Gestirn" bilden lässt. Jakob stammt aus einem kleinen Tiroler Gebirgsdorf. Und eines seiner ihm stets vor Augen geführten negativen Leitbilder war seit seiner Kindheit jener Onkel Jakob, der bis in die Gegenwart als eine Art Gespenst durch die Kellerräume der sich im Familienbesitz befindlichen Hotels geistert.

"Ich war damit groß geworden, in den zuerst vier, dann fünf und sechs Hotels meiner Eltern, dass sie mich nach diesem Onkel den zweiten Jakob genannt hatten, sooft sie mir sagen wollten, wohin es mit mir führen würde, wenn ich den Kopf nicht aus den Wolken, den Blick nicht aus dem Himmel bekäme. Er war also schon mein Vorläufer gewesen, bevor der erste Zeitungsschreiber auf die glorreiche Idee verfallen war, die Verbindung herzustellen, einer dieser großen Welterklärer, für die das eine nur die Kehrseite des anderen war, hier die Kunst, dort das Irrenhaus, oder noch dämlicher, Genie und Wahn."

Groß angelegte Identitätsauslöschung

Onkel Jakob galt von je her als "einer der Komischen", wie es heißt, und Gstrein insinuiert unterschwellig, dass Jakob Thurner, der Erzähler, in einer psychopathologischen Erbfolge stehen könnte. Man weiß schließlich nicht nur nicht, ob Thurner die Wahrheit erzählt. Man weiß vor allem nicht, ob er alles erzählt, was es zu erzählen gibt.

Dem Klischee einer Verbindung von künstlerischer Potenz und kriminellen Handlungen, die durch den Wahnsinn des Genies entschuldigt werden können, erteilt Gstrein eine radikale Absage. Diese Radikalität zeigt sich in der Art und Weise, mit der Jakob Thurner seine Selbstauflösung betreibt.

In seinem inneren Kern ist "Der zweite Jakob" ein groß angelegtes Identitätsauslöschungsprogramm. Gstrein knüpft an die zurzeit geführten Diskurse an und setzt ihnen sein ästhetisches Credo entgegen.

Das Böse sickert durch die Zeilen

Wo die identitentätspolitischen Debatten der Gegenwart darauf abheben, woher eine Person kommt, welche Benachteiligungen das mit sich bringt oder welche Privilegien sich daraus ableiten lassen, ist Jakobs machtvolle Identitätszersetzung sein Versuch, sich zu befreien. Die sprachliche Spurenverwischung in Hypotaxen ist Teil davon.

Es geht nicht weniger als um eine Erlösung von sich selbst, und das in einem durchaus metaphysischen Sinne. Denn das unterschwellig Böse, das Toxische, sickert durch die Zeilen. Nicht auf dessen Verteidigung, sondern auf dessen präzise Darstellung ist Gstrein aus.

Identitätspolitik ist Machtpolitik und Selbstermächtigung zugleich. Gstreins Erzählen dagegen widmet sich einem Menschen, der die Macht verloren zu haben scheint, auch und vor allem über die eigene Biografie. "Der zweite Jakob" ist in vier Großkapitel unterteilt: "Sag ihnen, wer du bist" und "Du bist dieser hier", die beiden ersten Teile, sind ein rund 350 Seiten umfassendes, aufwendig angelegtes Kontrollaufrechterhaltungsprogramm.

Das Auseinanderklaffen zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung Jakobs wird von Gstrein geradezu vorgeführt: Sicher, Jakob ist der alte weiße Narziss, der einen teuren Sportwagen fährt, Seidenhemden mit goldenen Manschettenknöpfen und darüber hinaus zu Hause noch Lederpantoffeln trägt. Einer, dem seine Tochter und deren Freund, ein politischer Aktivist, nahelegen, sein Männlichkeitsbild zu überprüfen, was auch sonst?

Seitenhiebe auf die Generation Y

Die Frontlinien der aktuellen Debatten führt Gstrein im Aufeinanderprallen gegensätzlicher Lebenshaltungen spürbar genüsslich und mit deutlichen Seitenhieben auf die so genannte "Generation Y" vor, also der zwischen den frühen 1980ern bis späten 1990er-Jahren Geborenen.

Aber Jakob ist eindeutig auch ein Mensch, der nicht nur ein mögliches Abgehängtsein und einen physischen Zerfall unter Kontrolle zu halten versucht:

"In einem Roman hatte ich einmal über eine Figur gelesen, dass sie immer, eine Sekunde bevor ein Ausdruck darauf trat, ihr Gesicht spürte, und genauso kam ich mir jetzt vor, im Versuch, den Ausdruck, der sich jeweils ankündigte, nicht auf mein Gesicht treten zu lassen. Sonst hätte ich im einen Augenblick ausgesehen wie das ewige Monster, im nächsten wie der traurigste Mensch auf der Welt, und beides galt es zu vermeiden."

Die Depraviertheit der Erzählerfigur

Gstreins literarisch und sprachlich mit allen Wassern gewaschener Roman erreicht wie auch schon der Vorgänger "Als ich jung war" im Schlussdrittel einen hohen Grad an Unheimlichkeit. Es gehört zu Gstreins Kunstgriffen, seinen Büchern gegen Ende immer noch mindestens eine überraschende Wendung, eine wohl gesetzte Pointe zu geben. Im neuen Roman treibt er dieses Verfahren auf die Spitze.

Ohne zu viel zu verraten, lässt sich sagen, dass die letzten 100 Seiten aus drei kurzen Kapiteln bestehen. Die ersten beiden davon sind Abstiegserzählungen, die die Depraviertheit der Erzählerfigur in physischer und emotionaler Hinsicht durchexerzieren. Beschrieben werden ein Arztbesuch und eine verzweifelte Liebesgeschichte zu einer deutlich jüngeren Frau, die genau so endet wie man es erwarten darf.

Diese beiden Kapitel leisten die Vorarbeit zum Schlusskapitel, in dem Jakob Thurner und seine Tochter Luzie zurück in das Tiroler Dorf, zurück zu seinen Verwandten, zu den Brüdern, Schwägerinnen und Cousins, reisen. Gutes wollen sie ihm dort nicht. Ein despektierliches Interview, das er kurz nach seinem Weggang gegeben hat, wird ihm übelgenommen.

Der Blick in den Abgrund

Trotzdem ist er als Schauspieler eine Berühmtheit, die offiziell geehrt werden soll. Am Vortag von Jakobs 60. Geburtstag kommen sie an. Hier, in der Landschaft von Jakobs Kindheit, schließt sich auf, das lässt sich nicht anders sagen, geradezu rührende Weise ein Kreis:

"Vielleicht war ich deswegen nie etwas anderes als ein Kind im Winter gewesen, das Wärme nur aushielt, wenn es davor lange genug in der Kälte sein konnte. Wann immer ich das jemandem zu erzählen versucht hatte, hatte ich damit Abwehr ausgelöst, aber es nicht auszusprechen hätte bedeutet, zu verleugnen, wer ich war."

Aber wer war und wer ist dieser Jakob Thurner denn nun tatsächlich? Vielleicht einer dieser Komischen, wie sein Onkel, wie das schwarze Schaf der Familie. Vielleicht ein Psychopath. Vielleicht auch nicht. Die Angst davor hat Jakob jedenfalls stets um- und angetrieben. Was das Schlimmste ist, das er in seinem Leben getan hat?

Die Abschaffung der Eindeutigkeit

Vielleicht war es sein verzweifelter Versuch, den ersten Jakob, seinen Onkel, aus seinem Leben auszusperren? Denn der lebt noch immer dort oben im Dorf. Luzie trifft sich mit ihm, und sie kommt von der Begegnung mit ihm geradezu beseelt zurück. Jakob, der erste Jakob, sei ein wunderbarer Mann, sagt sie, weit entfernt vom Stumpfsinn der Normalität. Ein letztes Mal lässt Gstrein hier die Gewissheiten verschwimmen.

Das Abschaffen von Eindeutigkeit geht bei Norbert Gstrein stets einher mit dem Erzeugen von Genauigkeit. Er wird seinen Figuren gerecht, indem er ihnen verbindliche Zuschreibungen erspart. Darin besteht Gstreins Menschlichkeit. Am Ende stehen wir vor einem Leben, das gerade noch einmal in aller Ungewissheit neu geschrieben, neu aufgeschrieben wurde.

Wer "Der zweite Jakob" liest, lässt sich auf ein Abenteuer ein, nämlich auf das, in einen Abgrund zu schauen, der auch der eigene sein könnte. Und erst wenn man diesen auf produktive Weise verstörenden Roman bis zur letzten Zeile gelesen hat, weiß man, dass dieser Abgrund auch sehr konkret werden kann.

Norbert Gstrein: "Der zweite Jakob"
Carl Hanser Verlag, München. 448 Seiten, 25 Euro.

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