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Nordfriesische Inseln
Ohne Kreißsaal schwieriger Start ins Leben

Seit Jahren geht die Zahl der Kreißsäle in Deutschland zurück. Auch Nordfriesland und seine Inseln trifft diese Entwicklung mit voller Wucht. Nun ist mit dem Kreißsaal auf der Insel Föhr der letzte einer deutschen Nordseeinsel geschlossen worden - für Schwangere beginnt damit eine unschöne Reise kurz vor der Geburt.

Von Johannes Kulms | 06.02.2017

Ein Neugeborenes liegt auf einem männlichen Arm und schaut zur Kamera.
Ein Neugeborenes: Auf den deutschen Nordseeinseln gibt es nun keinen Kreißsaal mehr. (Imago)
Die Überfahrt mit der Fähre von Dagebüll nach Wyk auf Föhr ist immer auch eine Passage in eine andere Welt – eine Inselwelt. Rund 8.000 Menschen leben hier ständig, im Sommer, wenn die Touristen kommen, kann sich die Einwohnerzahl schnell mal vervielfachen.
Schön leben und Urlaub machen auf Föhr, das geht. Doch Kinder zur Welt bringen: Das geht hier seit Kurzem nicht mehr. Denn im Herbst 2015 wurde der Kreißsaal der Insel quasi über Nacht geschlossen. Zur Überraschung und zum Ärger der Inselbevölkerung.
Die Föhrerinnen müssen nun zwei Wochen vor der Geburt auf's Festland und dort in einer sogenannten Boarding-Unterkunft darauf warten, dass die Wehen einsetzen.
"Also, es ist purer Psychoterror. Man muss alles mitnehmen, man weiß nicht, wie lange man rüber muss, wie lange man über Termin ist, kann der Mann dabei bleiben. Man ist von Freunden weg, man ist ziemlich alleine da einfach auch."
Sagt Daniela Muth. Die 31-Jährige steht an diesem kalten Winternachmittag in einer leer gefegten Fußgängerzone von Wyk. Im Dezember hat die gebürtige Hessin eine Tochter zur Welt gebracht im Krankenhaus von Heide.
Ja, das Personal habe sich dort rührend um sie gekümmert. Trotzdem findet sie: Eine Insel ohne Geburtsstation, das könne durchaus andere junge Menschen abschrecken, vom Festland nach Föhr zu ziehen.
Große Mühen für Schwangere
Der Lebenspartner müsse sich extra Urlaub nehmen, um bei der Geburt dabei sein zu können. Und hochschwanger mehrere Stunden mit Fähre und Krankenwagen zu reisen zu den Krankenhäusern auf dem Festland sei nicht lustig:
"Und jetzt auch mit dem zweiten sind wir schwer am Überlegen. Wir würden gerne, ja, wohin mit dem anderen?"
Mit Föhr verlor die letzte deutsche Nordseeinsel ihren Kreißsaal. Bereits zwei Jahre zuvor hatte die Geburtsstation auf Sylt dichtgemacht. Und selbst auf dem Festland hat vergangenen Sommer der Kreißsaal von Niebüll geschlossen, weil sich nicht mehr genügend Personal finden ließ, so der Klinikbetreiber.
Ein Luxusproblem? Könnte man denken, denn im Kreißsaal von Föhr kamen 2014 gerade mal 64 Kinder zur Welt. Das sind ganz andere Dimensionen als in den Kreißsälen deutscher Großstädte, wo es schnell mal mehr als 2.000 werden können – pro Krankenhaus. Und doch ist ein solcher Schritt auf einer Insel wie Föhr etwas anderes. Denn schnell mal rüber ins nächste Krankenhaus von Husum, Heide oder Flensburg geht nicht. Zumal der Schritt automatisch auch Signalwirkung hat:
"Dann fragt man sich anschließend, was bleibt hier eigentlich noch. Und es ist immer der Kostenfaktor gewesen."
Sagt Manfred Hinrichsen, der 1986 als Lehrer nach Föhr kam und meint, der Staat ziehe sich nach und nach zurück: bei der Berufsschule, der Wasserschutzpolizei oder dem Finanzamt. Als Sprecher der Initiative Inselgeburt kämpft der 65-Jährige für die Wiedereröffnung des Kreißsaals. Doch er klingt fast resigniert:
"Wir haben das Ziel noch nicht aufgegeben. Nichtsdestotrotz sehen wir schon, dass die Wahrscheinlichkeit, dass in absehbarer Zeit hinzubekommen, recht gering ist."
In Husum ist der Sitz des Klinikums Nordfriesland, das auch das Krankenhaus auf Föhr führt und im Herbst 2015 den Kreißsaal schließen ließ.
"Ich bin erst seit acht Monaten in dem Unternehmen. Und bei der Rückschau komme ich auch zu der Beurteilung, dass in dem vorliegenden Fall die Schließung des Kreißsaals unausweichlich war."
Fachkräftemangel ist das Problem
Christian von der Becke ist seit knapp einem dreiviertel Jahr der Geschäftsführer des Klinikums Nordfriesland. Die Gründe, die er für die Schließung nennt, werden auch anderswo angeführt, wenn auf dem Festland in dünn besiedelten Gegenden Kreißsäle aufgegeben werden: fehlendes Fachpersonal, das nicht nur auf Föhr, sondern zuletzt auch in Niebüll zum Problem geworden sei:
"Wenn Sie mir für Wyk die entsprechende Anzahl von Fachkräften zur Verfügung stellen, würden zunächst einmal aus meiner Sicht als Geschäftsführer des Klinikums nichts dagegen sprechen, die Geburtsstation wieder aufzumachen."
Auch die Zahl der Geburten ist bundesweit ein wichtiges Kriterium: Stationen mit weniger als 500 Babys pro Jahr haben einen schweren Stand. Doch folge die Schließung des Kreißsaals auf Föhr mit seinen zuletzt 64 Geburten weniger einem reinen betriebswirtschaftlichen Denken, sagt Krankenhausmanager Von der Becke, sondern einer bundesweiten Entwicklung:
"In der wir eher geneigt sind, vor Gericht zu ziehen. Und insbesondere auch im medizinischen Bereich die Anzahl von Schadensfällen erheblich zugenommen hat."
96 Prozent aller Behinderungen entstünden bei einer Geburtssituation, sagt von der Becke. Er meint: Das sichere Ufer für werdende Mütter liege auf dem Festland. Viele Föhrerinnen dürften das genau andersherum sehen.