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NorwegenJunge Sozialdemokraten kehren zurück nach Utoya

Zwischen Aufbruch und Gedenken: Vier Jahre, nachdem der Terrorist Anders Breivik auf der norwegischen Insel Utoya 69 Menschen ermordet hat, findet dort erstmals wieder ein Sommerlager statt. Eine schwierige Rückkehr für die Jugendorganisation der Sozialdemokraten - die nicht jeder Norweger für richtig hält.

Von Albrecht Breitschuh | 07.08.2015

Eine Frau sitzt am 05.08.2015 auf der Insel Utøya (Norwegen) vor einem stählernen Ring, in den die Namen der Opfer der Terroranschläge eingraviert sind . Vier Jahre nach den Terroranschlägen von Anders Behring Breivik lädt die Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei (AUF) wieder zu einem Sommerlager auf der Insel Utøya ein.
Auf Utoya gibt es zum Andenken an die Opfer des Breivik-Attentats einen stählernen Ring, in den die Namen der Verstorbenen eingraviert sind. (picture alliance / dpa / Sigrid Harms)
"Unsere Antwort auf diesen unfassbaren und von Hass erfüllten Terrorangriff lautet: Die AUF und ihre Ideen werden weiter leben, so wie sie es immer getan haben. Wir kämpfen für die Ideale, an die wir glauben. Wir kommen zurück nach Utoya."
Es war am Tag nach dem Attentat, als diese Worte fielen. Ein sichtlich bewegter, um Fassung ringender Eskil Pedersen, damals Vorsitzender der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten AUF, versuchte, gegenüber den Medien Haltung zu bewahren. Seine Botschaft in all der Trauer. "Wir lassen uns nicht unter kriegen." Vier Jahre später sind sie nun tatsächlich zurück auf der Insel. Über 1.000 Jugendliche haben sich zu diesem Sommercamp angemeldet, so viele wie noch nie in seiner über 60-jährigen Geschichte:
"Bei all meinen Bekannten sind es maximal drei Schritte weiter, dass sie jemanden kennen, der jemanden kennt, der auf Utoya war. Maximal drei Schritte weiter. Deswegen kann man eigentlich sagen: Ganz Norwegen war hier versammelt."
Informationszentrum am Ort des Blutbands
Sagt Sigurd Bredal Jensen, er selbst war jetzt zum ersten Mal auf der Insel. Zusammen mit anderen jungen Handwerkern, die die Gebäude auf Utoya renovierten. Vor allem das Café wurde umgestaltet, erklärt Projektleiter Jörgen Fryndes. Dort starben damals 13 junge Menschen:
"Dieser Raum, in dem wir jetzt stehen, und große Teile des Raumes nebenan, wo sich viele versteckten, werden so erhalten bleiben wie wir sie jetzt hier sehen. Aber außen herum wird ein neues Gebäude entstehen, das auch ein Informationszentrum sein soll."
Dieses Gebäude wird aus 69 Säulen bestehen, eine für jedes Menschenleben, das in dem Kugelhagel umkam. Für so manchen Teilnehmer des Sommercamps dürfte all das nur schwer zu verkraften sein, Psychologen werden sich an diesem Wochenende auf Utoya um die Jugendlichen kümmern, und auch die Polizei ist vor Ort.

"Utoya wird nie mehr so sein wie früher"
Drei Gebäude auf der norwegischen Insel Utøya. Im Vordergrund flattert ein rot-weißes Absperrband mit den Buchstaben AUF. Sie stehen für die Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei. Im Hintergrund sind Wasser und Bäume zu sehen. 
Zu dem ersten Jugendlager auf der norwegischen Insel Utoya haben sich so viele Jugendliche angemeldet wie noch nie. (Sigrid Harms/dpa)
Zwischen Aufbruch und Gedenken die richtige Balance zu finden, dürfte die größte Herausforderung für die AUF sein. Die Insel müsse wieder ein Ort der politischen Diskussion und der Freude sein, so ein AUF-Funktionär, aber es gibt auch viele, die den Weg zurück für falsch halten, wie die 20 Jahre alte Aina Farsted, die damals überlebte:
"Vier Jahre, das ist gar nichts, um ein solches Trauma aufzuarbeiten, das schaffe ich einfach nicht. Anderen mag das gelingen. Sollte ich in 10 oder 15 Jahren mal Lust haben, ein Sommerlager zu leiten, dann nur an einem anderen Ort. Ich möchte nicht mehr dorthin zurück. Ich werde nie wieder die Fähre dorthin zurück nehmen, nie wieder."
Der Projektleiter der Insel, Jörgen Frydnes, weiß um die Schwierigkeiten der Rückkehr. Ob die Sommercamps auf Utoya wieder an die Tradition vor dem 22. Juli 2011 anknüpfen können, als junge Menschen mit gestandenen Politikern diskutierten und feierten, kann er auch nicht mit Gewissheit sagen:
"Utoya wird nie mehr so sein wie früher, den 22. Juli werden wir nicht los. Deswegen war auch die Debatte über eine Rückkehr so wichtig. Sie war wichtig, weil wir den Grundstein für eine würdevolle Zukunft legen wollen. Und deswegen sind wir sehr abhängig von den Erfahrungen der jungen Menschen."