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StartseiteKalenderblatt"Das Abenteuer des wirklichen Sehens"27.10.2020

"Nouveaux Réalistes""Das Abenteuer des wirklichen Sehens"

Banale Dinge des Alltags und Konsums in Kunst transformieren, eine Poesie im Materiellen finden - das wollten französische Künstler wie Jean Tinguely, Yves Klein, Daniel Spoerri und Christo. Am 27. Oktober 1960 schlossen sie sich zur Gruppe "Nouveaux Réalistes" zusammen.

Von Carmela Thiele

Das Werk "Sevilla-Serie Nr. 18 Mit Händen und Plastikblumen" des Schweizer Künstlers Daniel Spoerri aus dem Jahr 1991, ausgestellt auf der Kunstmesse "art Karlsruhe" in Karlsruhe (Baden-Württemberg) am 12.03.2014 (Uli Deck/dpa)
"Sevilla-Serie Nr. 18 Mit Händen und Plastikblumen" von Daniel Spoerri auf der Kunstmesse art Karlsruhe 2014 (Uli Deck/dpa)
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Nouveau Réalisme

Wenn von den Nouveaux Réalistes, den Neuen Realisten, die Rede ist, könnte man an eine der Spielarten der figurativen Malerei denken. Diese französischen Künstler interessierten sich jedoch nicht für die Abbildung der Realität, sondern für die konkreten Dinge, für ihre Materialität, ihre Fähigkeit zur Metamorphose. Jacques Villeglé etwa streifte durch die Straßen von Paris, auf der Suche nach Plakatwänden, aus denen er mit einem Messer das Material für seine Bilder herausschnitt. Im Atelier begann er verschiedene Schichten freizulegen, wie er rückblickend beschreibt:

Die abstrakte Malerei herrschte in jener Epoche vor. Und ich suchte mit meiner Kunst eine Rückkehr zur Realität, die Kommunikation mit dem Alltäglichen. Es war ein Aufbruch. Die Plakatabrisse, die wir Décollagen nannten, waren etwas völlig Neues. Die Leute dachten, Plakate seien anonym, jedenfalls keine Kunst, aber ich habe durch meine Wahrnehmung und Auswahl etwas Neues daraus gemacht."

Eine Besucherin schaut sich das Gemälde "Blüchers Begegnung mit Wellington nach der Schlacht bei Belle-Alliance, 1858" von Adolph Menzel an. Im Vordergrund spiegelt sich die Gipsbüste Menzels, geschaffen von Reinhold Begas, in einer Glasscheibe. (dpa / picture alliance / Peter Kneffel) (dpa / picture alliance / Peter Kneffel) Endlich mal erklärt - Wie realistisch war der Realismus?
Ein Mann mit einem Loch im Schuh, eine blutige Schlacht, eine untergehende Epoche. Dies alles hat der Realismus beschrieben. In Bildern, in Büchern. Mit manchmal schmerzhaften Darstellungen, ohne Schwärmerei. Noch heute wird gestritten, wer die Realität erschaffen hat: Der Mensch oder die Medien.

Auch andere Künstler hatten in den Fünfzigerjahren dieses Verfahren entdeckt. Mimmo Rotella verfremdete mit Abrissen ein Marilyn-Monroe-Plakat. Raymond Hains ließ farbige Plakatreste stehen, die den Eindruck abstrakter Malerei machten, während François Dufrêne aus Plakatschichten Strukturen herausarbeitete, die an freigelegte Fresken erinnerten. Gründer der Nouveaux Réalistes war der Kunstkritiker Pierre Restany. In dem von ihm verfassten 1. Manifest heißt es:

"Wir sind heute Zeugen des Ausverkaufs und der Verhärtung alles gängigen Vokabulars, aller Sprachen und aller Stile. Was kann man sonst anbieten? Das hinreißende Abenteuer des wirklichen Sehens."

Konstruktion einer Maschine, die sich selbst zerstörte

Zu den Gründungsmitgliedern, die sich am 27. Oktober 1960 in der Wohnung von Yves Klein zusammenfanden, gehörten die schon erwähnten Plakatabreißer, die Bildhauer Jean Tinguely und César sowie die Objekt-Künstler Daniel Spoerri, Martial Raysse und Arman. Etwas später kamen der Verpackungskünstler Christo und Niki de Saint-Phalle dazu, die auf in Gipsreliefs integrierte Farbbeutel schoss. In den Actions-Spectacles der Neuen Realisten entstanden Bilder vor den Augen des Publikums. Tinguely konstruierte für ein Happening in New York eine Maschine, die sich selbst zerstörte, Yves Klein choreografierte während einer Veranstaltung die Bewegungen weiblicher Modelle, die sich mit blauer Farbe bemalten und ihre Körper auf weißen Leinwänden abdrückten.

"Das Messer der Abreißer ist, wie die Malerrolle von Yves-Klein-dem Monochromen, eine höfliche Herausforderung an die Paladine des durchweg Handgemachten. Nicht handeln, sondern stehlen."

Poetische, sinnlose Maschinen

So der Noveau realiste Raymond Hains, der mit diesen Worten auf eine zentrale Strategie der Nouveaux Réalistes anspielte: , die auf der Aneignung von Objekten und kunstfremden Methoden beruhte. Arman wurde mit seinen "Akkumulationen", also der Anhäufung von Dingen, in Plexiglasboxen bekannt, César für seine "Compréssions", aus verschrotteten Autos gepresste Skulpturen. Jean Tinguely konstruierte poetisch, sinnlose Maschinen und Daniel Spoerri erfand Tisch-Reliefs, die nichts Anderes waren als Relikte eines gemeinsamen Abendessens. Teller und Gläser fixierte er in ihrer zufälligen Position, samt der Flaschen, Brotreste und Aschenbecher Daniel Spoerri erinnert sich:


"Wir waren zwar überzeugt von uns, aber dachten nicht an die Zukunft. Wir wollten ja nicht etwas für die nächsten 2000 Jahre machen, sondern wir sagten: hier und jetzt. Und es ging gar nicht darum, dass es Kunst an der Wand ist, sondern es ging darum, wie verändert sie das Leben."

Auflösung 1963

Die Gruppe der Nouveaux Réalistes wurde zusammengehalten durch Freundschaften und gemeinsame Aktionen. Der Kritiker Pierre Restany lieferte den theoretischen Überbau. Seine einseitig soziologische Interpretation ihrer künstlerischen Arbeit stieß bei den Mitgliedern jedoch zunehmend auf Kritik. 1963 erklärte der Kunstkritiker das Ende der Neuen Realisten und stellte seine Organisationsarbeit ein. Der Nouveau Réalisme sei eher als Tendenz einer neuen Kunstrichtung zu verstehen und weniger als fester Stil, korrigierte sich Pierre Restany. Dennoch wurde er nicht müde, die von ihm entdeckten Poeten des Immateriellen im Materiellen als würdige Nachfolger der abstrakten Malerei zu feiern.

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