Freitag, 03. Dezember 2021

NutztierhaltungBorchert fordert staatliche Prämie für mehr Tierwohl

Ex-Landwirtschaftsminister Jochen Borchert hat sich gegen schärfere Gesetze zur Nutztierhaltung ausgesprochen: Dann produzierten Landwirte in Deutschland zu Preisen, die am Markt nicht zu erreichen seien, sagte Borchert im Dlf. Die Betriebe müssten bei der Umstellung finanziell unterstützt werden.

Jochen Borchert im Gespräch mit Jule Reimer | 03.05.2021

Sauen auf dem Hof eines Ferkelerzeugers und Schweinemastbetriebs in Bayern
Für mehr Tierwohl bei der Ferkelzucht müssten die Betriebe vom Staat entschädigt werden, fordert die Borchert-Kommission (dpa)
Die "Borchert-Kommission" unter dem früheren Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert hat im Frühjahr 2020 Vorschläge vorgelegt, wie bei der Haltung von Nutztieren mehr Tierwohl berücksichtigt werden kann. Im Kern der Vorschläge stand die Einführung eines abgestuften Gütesiegels, das Informationen darüber liefert, wie es dem Schwein, Huhn oder Rind bei der Aufzucht und Mast ergangen ist.
Die Kommission hat Folgen und Kosten der Umstrukturierung für Tierhalter und Tierhalterinnen durchrechnen lassen. Ein Beispiel: Die Umstellung auf die Kennzeichnungsstufe II, bei dem ein Mastschwein Zugang zur Außenluft und 1,1 Quadratmeter Platz - statt wie bisher 0,75 Quadratmeter - hätte, würde für einen mittelgroßen bis großen Betrieb "Mehrkosten von rund 35 Prozent gegenüber der traditionellen Schweinehaltung" bedeuten, sagte Kommissionsleiter Jochen Borchert im Deutschlandfunk.

Mehrkosten in Höhe von 2,9 Milliarden Euro

Die gesamten Mehrkosten, laut Bundeslandwirtschaftsministerium 2,9 Milliarden Euro allein bis zum Jahr 2025, müssten die Betriebe über eine staatliche Prämie ersetzt bekommen, forderte Borchert. Sonst könnten sie nicht im Wettbewerb auf dem europäischen Markt überleben.
Gerade bei der Sauenhaltung müsse alles dafür getan werden, so Borchert, die Betriebe bei der Umstellung finanziell zu unterstützen, damit nicht noch mehr Produktion aus Deutschland abwandere. Schon jetzt würden in der Schweinezucht zu einem Großteil Ferkel aus anderen europäischen Ländern importiert, so Borchert, dort würden die Sauen zu schlechteren Bedingungen gehalten.
Vier Kühe auf einer Weide, eine Kuh schaut direkt in die Kamera. 
Borchert-Kommission mit Plädoyer für mehr Tier- und Umweltschutz
Der Umbau der Tierhaltung in Deutschland sei unumgänglich – so die Bilanz der Borchert-Kommission. Die Nutztierhaltung müsse den fachlichen und gesellschaftlichen Ansprüchen an den Tier- und Umweltschutz entsprechen. Das Geld dafür könnte aus einer Verbrauchssteuer auf tierische Produkte kommen.
Schärfere Haltungsvorschriften per Gesetz vorzuschreiben, sei aber schwer durchsetzbar, sagte Borchert. Landwirte in Deutschland würden dann zu Kosten produzieren, die am Markt nicht zu erreichen seien.
Einer möglichen Abkehr von der Massenproduktion für den Export, vor allem nach Asien, steht Borchert kritisch gegenüber. Die Preise würden dann noch mehr unter Druck geraten. Dafür seien auch die Verbraucher hierzulande verantwortlich, so Borchert: Fleischexporte nach Asien seien zu einem großen Teil Produkte, die auf dem deutschen Markt nicht absetzbar sind, wie etwa Pfoten, Schnauzen oder fettes Fleisch, sie würden dann als Tierfutter verwertet oder verbrannt werden.
Ein Schwein ist hinter dem vergitterten Fenster eines Tiertransportes vor dem Tönnies Schlachthof in Weißenfels zu sehen.
Der weite Weg zu mehr Tierwohl
Wie erreicht man bessere Bedingungen für Nutztiere in Ställen? Rechtlich sind Preisaufschläge für die Verbraucher prinzipiell möglich. Welche Vorschläge werden gemacht? Kann ein nationaler Vorstoß das Problem lösen? Ein Überblick.

Das Interview im Wortlaut:

Jule Reimer: Der Umbau eines Stalls zur Kennzeichnungsstufe II bedeutet, das Mastschwein kann frische Luft schnuppern, es hat Zugang zum Außenklima – nicht verwechseln mit Auslauf, das ist nicht vorgesehen. Und statt einem dreiviertel Quadratmeter hätte es 1,1 Quadratmeter Platz. Herr Borchert, so ein größerer, mittelgroßer Schweinemäster, welche Mehrkosten kämen auf ihn zu, wenn er sich für diesen Umbau zur Stufe II entscheidet?
Jochen Borchert: Nach den Berechnungen verschiedener Institute belaufen sich die Mehrkosten auf rund 35 Prozent gegenüber der traditionellen Schweinehaltung. Davon entfallen etwa 20 Prozent auf höhere Kosten bei den Investitionen und 80 Prozent auf höhere Kosten während der Produktionsphase im Stall. Die Tiere brauchen mehr Betreuung, Beschäftigungsmaterial, machen insgesamt sehr viel mehr Arbeit, damit wir Wohlbefinden, Tierwohl in den Ställen erreichen können. Das Schwein wird rund 35 Prozent teurer, wenn es zum Schlachthof geht.

Borchert: "Schwein wird um 35 Prozent teurer"

Reimer: In der Analyse des Thünen-Instituts, die Sie jetzt vorstellen, wird gesagt, Tierhalter und Tierhalterinnen müssten die volle Kompensation erhalten, wenn sie Mehrkosten für den Umbau in Kauf nehmen. Was heißt das denn dann praktisch?
Borchert: Praktisch heißt das, dass wir bei der Produktion von tierischen Nahrungsmitteln bei Mastschweinen, aber auch von Milch und Eiern im Wettbewerb mit anderen europäischen Ländern sind. Wir haben heute schon Haltungsvorschriften, die deutlich über dem europäischen Niveau liegen. Wenn wir die Haltungsvorschriften weiter erhöhen, wie wir das bei den Vorschlägen für mehr Tierwohl machen, dann wird die Produktion teurer und die Mehrkosten muss der Landwirt über eine staatliche Prämie ersetzt bekommen. Sonst kann er mit den Mehrkosten am Markt nicht überleben.

Stall-Umbau heißt auch geringere Bestände

Reimer: Das bedeutet, auf der einen Seite sollen die Landwirte bei der Investitionsförderung, beim Umbau, Unterstützung bekommen, und dann Unterstützung bei den laufenden Mehrkosten. Jetzt passen in einen bestehenden Stall nach dem Umbau weniger Tiere. Angesichts der Frage, wohin mit der vielen Gülle und der Nitrat-Belastung von Grundwasser, von Flüsse und Seen - außerdem haben wir ja teilweise Ramschpreise für Fleisch - das wäre doch eine gute Gelegenheit, die Tierbestände in Deutschland abzusenken. Das heißt: Wer seinen Stall umbaut, sollte dann auch mit weniger Tieren weiter wirtschaften?
Borchert: Wer seinen Stall umbaut, hat automatisch weniger Tiere, denn das Tier erhält mehr Platz. In der Stufe III haben die Mastschweine etwa doppelt so viel Platz wie nach den gesetzlichen Haltungsvorschriften. Das heißt, dann würde in dem gleichen Stall die Zahl der Tiere nur noch halb so hoch sein.
Reimer: Die Frage ist ja: Darf er dann auch direkt einen weiteren Stall aufmachen für die restlichen Tiere?
Borchert: Das wird regional sehr unterschiedlich sein. Das wird sehr stark abhängen von der regionalen Viehdichte. Wir haben Regionen mit einer relativ hohen Viehdichte und wir haben Regionen, in denen sehr wenige Nutztiere gehalten werden. Das lässt sich nicht generell beantworten und das ist von Region zu Region sicher unterschiedlich. Es wird sicher Regionen geben, die sich darüber freuen, wenn in ihrer Region wieder mehr Nutztiere gehalten werden.
Reimer: Es wird aber auch diskutiert, dass man viel stärker die Tierhaltung an die dazugehörige Hoffläche, Ackerfläche binden soll.
Borchert: An die landwirtschaftliche Fläche binden, auch darüber gibt es Vorschläge. Wir haben uns in den Empfehlungen bewusst konzentriert auf die Verbesserung des Haltungsniveaus, auf mehr Tierwohl. Man kann natürlich die Umstellung der Nutztierhaltung noch mit vielen anderen Punkten gleichzeitig verbinden: die Bindung der Tiere an die Fläche, bestimmte Fütterungsvorschriften und alle möglichen anderen Regelungen. Dann wird es aber immer komplizierter, so was umzusetzen. Und ich finde, auch bei anderen Maßnahmen, etwa beim Umweltschutz sagen wir auch nicht, wir müssen alles auf einmal regeln und solange wir nicht alles in einem Konzept haben, fangen wir gar nicht erst an. Ich finde, hier muss man schrittweise vorgehen, und unser Vorschlag ist es, mit der Umstellung der Haltungsbedingungen zu beginnen, weil das am drängendsten ist.
Reimer: Der Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Klaus Müller, sagt: Wir brauchen bei Fleisch ein Konzept, wie jenseits von Bio auch eine gute Tierhaltung in einem mittleren Preissegment möglich ist. Er verweist auf die Eier: Da gibt es eindeutige Haltungsvorschriften bei Legehühnern und eine ordentliche Kennzeichnung. Wir haben für Milchkühe, Puten und Mastrinder noch nicht mal Haltungsvorschriften. Warum sollen wir nicht erst einmal ordentliche Gesetze schaffen? Das hat ja auch der Bundesrechnungshof angemahnt und gesagt, damit ließe sich Tierwohl wahrscheinlich wirtschaftlicher durchsetzen.
Borchert: Der Bundesrechnungshof hat nur nicht die Konsequenzen genannt. Wir können natürlich die Haltungsvorschriften verändern, andere Haltungsvorschriften, etwa die Haltungsvorschriften der Stufe II gesetzlich festlegen. Dann produzieren Landwirte in Deutschland zu Kosten, die am Markt nicht zu erreichen sind. Das heißt, die Tierhaltung in Deutschland wird aufgegeben, wandert ab in andere europäische Länder, und damit hätten wir dem Tierschutz keinen Gefallen getan, denn die Tiere in den anderen europäischen Ländern werden dann nicht artgerecht gehalten. Allein über das Ordnungsrecht geht es nicht!
Reimer: So schlecht sind die Vorschriften in anderen europäischen Ländern jetzt auch nicht. Und die deutschen Legehennen-Halter konnten sich trotz der Kennzeichnungsvorschriften behaupten.
Borchert: Bei den Legehennen müssen Sie nur folgendes sehen: Wir haben einen relativ hohen Anteil der Produktion bei Eiern, die im Laden als Ei angeboten werden. In den verarbeiteten Produkten ist Eimasse aus anderen europäischen Ländern, die unter anderen Bedingungen größtenteils noch in Käfigen gehalten werden und dann in Verarbeitungsprodukten hier verarbeitet werden. Unser Marktanteil an Eiern insgesamt ist deutlich zurückgegangen. Wir produzieren im Grunde nur noch Konsumeier, während die Eier für verarbeitete Produkte aus dem Ausland kommen.

Mastproduktion für den Export nach Asien

Reimer: Ein Gutteil der deutschen Schweineproduktion geht allerdings in den Export - unter anderem nach Asien. Das ist ein Hoffnungsmarkt auf der einen Seite, auch wenn er gerade eingebrochen ist wegen des Exportverbots wegen der afrikanischen Schweinepest. Jetzt ist es aber so, dass China längst in riesigen Dimensionen eigene Schweinefarmen aufbaut und dazu noch billiger produzieren kann. Große Schlachtereien und Fleischkonzerne expandieren dann vermutlich ihr Geschäft nach China, aber der deutsche Schweinehalter sitzt natürlich hier. Warum müssen wir so viel für den Exportmarkt produzieren?
Borchert: Da muss man ein bisschen differenzieren. In den asiatischen Raum exportieren wir zum größten Teil Produkte, Teile von Schweinen, die in Europa und in Deutschland nicht mehr zu vermarkten sind.
Reimer: Da muss ich Sie kurz unterbrechen. Mindestens die Hälfte ist ordentliches Fleisch und der Trend ist steigend in dem Bereich.
Borchert: Mindestens die Hälfte des Schweines, das hier in Deutschland geschlachtet wird, wird nicht in Deutschland verzehrt, sondern in den asiatischen Raum exportiert. Wenn wir die Exporte in den asiatischen Raum ganz aufgeben, dann kommen die Preise noch mehr unter Druck, denn die Produkte, die jetzt zum Großteil nach Asien exportiert werden – natürlich wird auch Fleisch exportiert, aber zu einem großen Teil auch Produkte, die hier nicht absetzbar sind -, die würden dann hier als Tierfutter verwertet oder verbrannt, also in die Tierkörper-Verwertungsanstalt gehen.
Reimer: Man könnte natürlich auch in diese Gütesiegel-Werbekampagne mit einbeziehen, dass das ganze Tier verwertet werden soll.
Borchert: Dann müssten Sie in Deutschland die Verbraucher davon überzeugen, dass sie wieder Pfoten, Schnauzen, Ohren und fettes Fleisch essen, und ich sehe da wenig Chancen, das zu erreichen.
Reimer: Wir hatten vor kurzem einen Beitrag, wo beschrieben wurde, dass die Sauenrassen in der Intensivtierhaltung darauf gezüchtet sind, möglichst viele Ferkel zu werfen, und dass dabei Merkmale wie die eigene natürliche Mütterlichkeit auf der Strecke geblieben sind. Wir haben eine hochgradige Spezialisierung: Männliche Küken aus der Legelinie werden getötet. Männliche Kälber, die aus Milchrassen hervorgehen, bringen fast nichts auf dem Markt, weil klar ist, dass die niemals ordentliches Fleisch ansetzen. Müsste die Wende in den Tierställen umfassender angegangen werden?
Borchert: Wir haben in den Empfehlungen des Kompetenznetzwerkes auch darauf hingewiesen, auch Vorschläge gemacht, dass wir auch in der Zucht Umstellungen brauchen. Man muss da von Tierart zu Tierart sehr differenziert vorgehen, welche Umstellungen wir brauchen. Bei Sauen müssen wir sicher neben der Zahl der Ferkel weiterhin auf Langlebigkeit züchten, auf mehr robuste Sauen, und dann sind Umstellungen in der Zucht notwendig. Das gleiche gilt für die Milchvieh-Haltung und in vielen anderen Bereichen. Auch das ist ein Schritt, der mit der Umstellung der Nutztierhaltung verbunden ist.

Schwierige Umstellung in der Sauenhaltung

Reimer: Es gibt ja auch Ställe, in denen stehen Sauen in besonders engen Kastenständen. Grundsätzlich ist der Kastenstand erlaubt, der findet zum Beispiel auch in der Biotierhaltung in bestimmten Fällen Anwendung. Aber das sind jetzt besonders enge Kastenstände, die eigentlich schon seit vielen Jahren verboten sind. Die Übergangszeit ist auch schon seit langer Zeit abgelaufen. Sollen diese Tierhalter auch staatlich gefördert werden beim Umbau?
Borchert: Die Umstellungsfrist ist noch nicht abgelaufen, sondern die Sauenhalter sind mitten in der Umstellung.
Reimer: Entschuldigung! Es geht um die engen Kastenstände und das Urteil von 2016.
Borchert: Das ist das Urteil von 2016 und die Entscheidung für die Umstellung der engen Kastenstände ist erst vor einiger Zeit auch im Bundesrat getroffen worden. Die Sauenhalter stehen hier vor dem Problem, ihre Ställe generell umzubauen, und wir erleben heute schon, dass ein Teil der Sauenhaltung in andere Länder abwandert. Wir importieren zu einem Großteil Ferkel aus anderen europäischen Ländern, wo die Sauen nach den alten Verfahren weiter gehalten werden. Deswegen müssen wir alles tun, um die Sauenhalter in Deutschland zu halten, sie bei der Umstellung finanziell zu unterstützen, ihnen wieder eine Perspektive zu geben, damit wir Ferkel nicht importieren, sondern auch sicher sein können, dass Ferkel, die wir hier mästen, in Deutschland unter artgerechten Haltungsbedingungen geboren werden und hier auch aufgezogen werden. Ich halte das für ganz wichtig, denn uns kann ja nicht egal sein, wie Ferkel gehalten werden, die wir importieren, sondern da sollten wir lieber in Deutschland selber Sauenhalter unterstützen und Ferkel produzieren.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.