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Palliativmediziner Matthias GockelTod darf nicht tabuisiert werden

Der Palliativmediziner Matthias Gockel hält den Tod immer noch für ein Tabu. Im Dlf sagte er, die Menschen mieden das Gespräch über dieses Thema. Deshalb käme der Tod "irgendwann extrem kurzfristig, überraschend und ungeplant". Palliativmedizinische Beratungen müssten deshalb früher stattfinden.

Matthias Gockel im Gespräch mit Birgid Becker | 03.11.2019

Die Hände eines sterben Menschen werden von einem Angehörigen gestreichelt.
Die Hände eines sterbenden Menschen werden von einem Angehörigen gestreichelt (dpa / picture alliance / Hans Wiedl)
Zwar habe sich in der Palliativmedizin sowohl qualitativ als auch quantitativ viel verbessert. Dennoch kämen viele Menschen "erst ganz zum Schluss, wenn man sich dem Thema Palliativmedizin nicht mehr verschließen könne" in Kontakt mit dieser Profession. Derzeit vollziehe sich aber die Änderung, dass die Palliativmedizin früher zurate gezogen werde. Es sei sinnvoll, Menschen schon bei Diagnosestellung, "möglicherweise Jahre bevor sie sterben", Beratung zukommen zu lassen, sagte Gockel. Bislang hätte dies aus versicherungsrechtlichen Gründen erst dann gesehen dürfen, wenn etwa im Falle einer Krebserkrankung der Onkologe den Patienten als austherapiert eingestuft habe.
"Autobiografisch ausgeprägte Angst vor dem Thema Sterben"
Der Palliativmediziner sagte, die Vermeidung des Themas Tod gelte nicht nur für Patienten, auch viele Ärzte sprächen zu wenig darüber. Grund sei, so vermutet Gockel, eine autobiografisch ausgeprägte Angst vor dem Thema Sterben. Sie habe viele Mediziner und Medizinerinnen zwar ihren Beruf ergreifen lassen, hemme sie später jedoch in der Kommunikation mit den Kranken. Daher brauche es mehr Palliativ-Fachkräfte auf den Stationen.
"Aktuelle Gesetzeslage ist eine Verschlechterung"
Zum Verbot der gewerblichen Sterbehilfe in Deutschland sagt Gockel: "Die aktuelle Gesetzeslage ist eine Verschlechterung und hat auch aufseiten der Ärzte viele Unsicherheiten ausgelöst." So sei nicht eindeutig formuliert, was unter einer geschäftsmäßigen Sterbehilfe zu verstehen sei.
Den Wunsch nach einem assistierten Suizid sehe er jedoch nur bei einer Minderheit der Patienten. Viel häufiger sei es so, dass Menschen, die nicht mehr leben wollen, am Leben gehalten werden. Dieses Problem müsse dringend angegangen werden.