
Seit sieben Uhr sind die Wahllokale geöffnet. Wahlberechtigt sind mehr als 6,5 Millionen Menschen. Die Neuwahl ist ein weiterer Versuch, der politischen Sackgasse zu entkommen, nachdem Koalitionen binnen kurzer Zeit platzten oder wie zuletzt im Dezember wegen Massenprotesten zurücktraten. Seit der langjährige Regierungschef Borissow 2021 durch Anti-Korruptions-Proteste zu Fall gebracht worden war, hat keine Regierung länger als ein Jahr gehalten. Zur Zeit gibt es in Sofia eine Interimsregierung.
Früherer Präsident Radew Favorit der Wahl
Favorit der Wahl ist allen Prognosen zufolge ein neues Bündnis namens Progressives Bulgarien um den früheren Präsidenten Radew. Umfragen sehen das Bündnis mit bis zu 34 Prozent der Stimmen klar vorn. Radew war im Januar vom Amt des Staatsoberhauptes zurückgetreten, um an der Neuwahl teilzunehmen. Er gilt als russlandfreundlich und verspricht, gegen die Korruption zu kämpfen. Militärhilfen für die Ukraine will er nicht im Weg stehen, wie er in einem Interview sagte. Eine finanzielle Beteiligung Bulgariens schloss er aber aus.
Ehemaliger Regierungschef Borrisow auf zweitem Platz
Größter Konkurrent ist das konservative Mitte-Rechts-Bündnis GERB-SDS des ehemaligen Regierungschefs Borissow. In den Umfragen kam es auf 20 Prozent. Das Bündnis unterstützt die EU und die Ukraine. Borrisow steht Waffenlieferungen an die Ukraine aber skeptisch gegenüber. Er will Bulgarien nach eigenen Angaben "von seinem oligarchischen Regierungsmodell befreien". Gleichzeitig fordert er eine Wiederaufnahme des Dialogs mit Russland und sieht sein Land dabei als sehr wichtiges Bindeglied. Borrisow war bereits drei mal Ministerpräsident Bulgariens.
Korruption in Bulgarien
Bulgarien gilt als das korrupteste Land der EU, zusammen mit Ungarn. Auslöser für die Massenproteste im Dezember war der Entwurf für den Staatshaushalt 2026: Wäre er durchgekommen, hätte er höhere Sozialabgaben und Steuern bedeutet und gleichzeitig mehr Geld für staatliche Stellen vorgesehen. Die Regierung trat zurück und die Korruption war Thema Nummer 1 im Wahlkampf.
Verdacht des Stimmenkaufs
Auch der Wahlkampf selbst war von Korruptionsvorwürfen überschattet. Es gab, ebenso wie bei früheren Abstimmungen, den Verdacht des Stimmenkaufs. Hunderte verdächtige Personen wurden deswegen festgenommen. Beschlagnahmt wurden amtlichen Angaben zufolge Geldsummen im Gesamtwert von einer Million Euro, die für den Kauf von Wählerstimmen bestimmt gewesen seien, hieß es. Eine Stimme sollte demnach zwischen 50 und 100 Euro kosten.
Wegen Verdachts der Wahlbeeinflussung aktivierte die Interimsregierung des Landes das EU-System zur Bekämpfung von Desinformation und Einflussnahme aus dem Ausland. Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind vor Ort.
Durchschnittsverdienst 1.300 Euro netto
Bulgarien ist das ärmste Land in der EU - die Menschen verdienen im Schnitt 1.300 Euro netto im Monat. Das Land hatte zu Jahresbeginn den Euro eingeführt. Bulgarien ist auch Mitglied der NATO.
Diese Nachricht wurde am 19.04.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
