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StartseiteBüchermarktDie Grenzen der Geschichtsschreibung sprengen29.04.2019

Patrick Deville: "Taba-Taba"Die Grenzen der Geschichtsschreibung sprengen

Ob in Nicaragua, im Sudan oder in Kambodscha: Patrick Devilles Romane spielen meist in exotischer Ferne auf den Spuren Legenden umwobener Abenteurer. In "Taba-Taba" ist das anders. Diesmal folgt Deville seinen eigenen Vorfahren. Entstanden ist ein höchst zwiespältiges Frankreich-Bild.

Von Christoph Vormweg

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Buchcover: Patrick Deville: „Taba-Taba“ (Buchcover: Bilgerverlag, Foto: imago/Herb Hardt)
Patrick Deville hat für seinen neuen Roman seine Heimat Frankreich bereist (Buchcover: Bilgerverlag, Foto: imago/Herb Hardt)
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Warum wendet sich ein passionierter Weltenbummler wie Patrick Deville plötzlich der französischen Heimat zu, dem Stammbaum der eigenen Familie bis zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts? Aus Nostalgie? Oder gar Eitelkeit? Immerhin ist der fast 500 Seiten starke Roman "Taba-Taba" in Frankreich pünktlich zu Devilles 60. Geburtstag erschienen. 

Nur so viel vorweg: Ein Nabelschauer wird Patrick Deville nie werden. Auch in seinem Familienroman bleibt er stets ein diskreter, detailbesessener, elegant und präzise formulierender Schriftsteller und Spurensucher. Anlass für sein Buch "Taba-Taba" ist das Erbe seiner verstorbenen Tante Monne gewesen. Ihr Familien-Archiv barg Tagebücher, Briefe, Erinnerungsstücke und Kubikmeter alter Zeitungen. Für den Nachfahren Anlass genug, die Orte der Familiengeschichte noch einmal mit dem Auto anzusteuern.

Kreuz und quer durch die französische Provinz

Mehr als zwei Jahre lang ist Patrick Deville – mit Unterbrechungen – für seinen Roman unterwegs gewesen: vor allem in der französischen Provinz fernab der Touristenrouten. In seinem brillanten, bildstarken Einstieg rückt er einen seiner vielen magischen Orte ins Visier: eine riesige psychiatrische Anstalt am Atlantik unweit von Saint-Nazaire, genannt "das Lazarett". In dieser von einer Mauer umgebenen Kleinstadt hat Deville Ende der 1950er, Anfang der 60er Jahre seine Kindheit verbracht: inmitten von 1000 "geistig Schwerbehinderten":

"Unter ihnen fand ich meine besten Kameraden. Besonders einer von ihnen, ein umnachteter Einzelgänger, der bei allen nur Taba-Taba hieß, konnte, wenn das Wetter es erlaubte, stundenlang auf den Stufen des monumentalen Tors sitzen und warten; dabei wippte er mit dem Ober-körper vor dem graugrünen Wasser langsam vor und zurück und psalmo-dierte Taba-Taba-Taba/Taba-Taba-Taba, mit einer perfekten Zäsur in der Mitte des Alexandriners; zum Ende des ersten Halbverses erreichte sein Oberkörper die tiefste Position, und beim Aussprechen des zweiten hob er sich wieder, ohne dass ihm je die Kippe aus dem Mund gefallen wäre."

Zu dieser Zeit beginnt auch Patrick Devilles Faszination für die Literatur. Sie wird sein einziger Trost, als ihn die Ärzte wegen eines zu kurzen Beins mehr als ein Jahr lang in Gips legen. Ein einsamer Alltag zwischen Bett und Rollstuhl beginnt. Zur Retterin wird besagte Tante Monne, die Familien-Archivarin, die ihm früh das Lesen beibringt. Auch darf er zu den Vorstellungen im anstaltseigenen Theater, wo sein Vater als Sänger arbeitet.

Doch nicht nur mit Dramen, Komödien und Abenteuerromanen vertreibt sich der Junge die Langeweile, sondern auch mit dem großen Atlas. Anhand der Landkarten unternimmt er in der Phantasie erste Ausflüge in die Ferne. Hier liegt der Keim für die Reise-Wut des erwachsenen Schriftstellers. 

Zeitspringen durch die Jahrhunderte

Die vielen Ortswechsel sind aber nur ein Grund für die innere Dynamik und Spannung von Patrick Devilles Romanen. Hinzu kommen Zeitsprünge durch die Jahrhunderte, welthistorische Querverweise und Assoziationen sowie das Heranzoomen ungewöhnlicher Details, die man selten in Geschichtsbüchern findet. Globalisierung heißt für ihn, dass Ereignisse nicht mehr isoliert betrachtet werden können, sondern nur in ihren Kontexten. Diese Einsicht ist die Basis von Patrick Devilles literarischem Programm: 

"Wie ein Satellit, der auf den Planeten blickt, während er sich dreht, und dabei Millionen von alltäglichen Ereignissen festhält, oder wie jener Geschichtsschreiber, der laut Fénelon ,keiner Zeit, keinem Lande' angehört, versuchte ich, mit geschlossenen Augen reglos auf diesem Bett liegend, das simultane Geschehen [...] festzuhalten." 

"Das simultane Geschehen": Das heißt für die französische Geschichte seit Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem die Fixierung auf den vermeintlichen "Erzfeind" Deutschland. Im Roman "Taba-Taba" - und das macht ihn auch für deutsche Leser interessant - kann man erfahren, wie Patrick Devilles Vorfahren die drei großen Kriege erlebten. Denn ob 1870/71, im Ersten Weltkrieg oder während des Blitzkriegs der Wehrmacht: Sie wohnten immer in der Invasionszone nordöstlich von Paris.

Bewegende Briefe und Tagebucheintragungen des Großvaters zeugen von beiden Weltkriegen. Und auch der noch jugendliche Vater führt beim Exodus der Familie 1940 in Richtung Süden Tagebuch. Diese Texte bekommen dadurch eine eigenwillige Note, dass Patrick Deville die Orte des Geschehens heute noch einmal ansteuert. So stürzt der Leser immer wieder zurück aus dem Kriegsgeschehen in eine prekäre Gegenwart.

Vom Sterben der Dörfer und Kleinstädte

Denn große Teile der nordfranzösischen Provinz sind heute buchstäblich "ausgebrannt". Die Zahl der Arbeitslosen wächst. Das alte Frankreich existiert nur noch in Denkmälern, alten Hausfassaden und Friedhöfen. 

"Wie jedes Mal seit dem letzten Mai stieg ich nach einem Apnoe-Tauchgang in die Tiefen der französischen Vergangenheit wieder auf, setzte mich vor einem fernen Hotelzimmer an den Strand und versuchte, wieder Atem zu schöpfen und […] alles aus weiter Ferne zu sehen und die Kurzsichtigkeit des Gallozentrismus zu vermeiden."

Mit solchen Distanzwechseln öffnet Patrick Deville den Blick für weitere Einsichten. Denn selbst in der Ferne – ob im Sudan, in Peru, Japan oder Mali - sucht er nach Spuren der französischen Geschichte. Für die einstige Kolonialmacht ist das selten schmeichelhaft. Denn die "Europäisierung" des Planeten bedeutete den Export von Gewalt und Ausbeutung.

Dabei demonstriert Deville immer wieder seine enorme Belesenheit: mit brillanten Zitaten seiner "Reisebegleiter" Victor Hugo und François René de Chateaubriand oder wunderbar sarkastischen Kommentaren von Marcel Proust. Und er wechselt immer wieder ins Präsens, um sich in die Lebenslagen seiner Vorfahren hineinzuversetzen. Dann fühlt er sich, wie er nicht ohne Ironie anmerkt, als

Im Roman "Taba-Taba" - hervorragend übersetzt von Sabine Müller und Holger Fock – gab es für "Gott" Deville eine doppelte Herausforderung, erstens: ohne jedes Pathos über seine eigene Familie zu schreiben; und zweitens: ohne einen Abenteurer als Hauptfigur auszukommen und die Leser trotzdem zu fesseln. Beides ist ihm gelungen.

Recherche als Abenteuer

Denn Patrick Devilles eigentliche Abenteuer sind die Recherche und ihre literarische Strukturierung. Allem politischen Ernst zum Trotz gibt es dabei auch einiges zu schmunzeln. Etwa wenn er – als running gag - auf die vielen Zufälle verweist, die seine eigene Geburt ermöglicht haben: bis hin zu dem Autoreifen, der ausgerechnet in jenem Kaff platzte, in dem seine Mutter lebte.

Und Patrick Deville selbst? Privates spart er auch diesmal lange aus. Nur auf den letzten Seiten gibt es ein Geständnis, weil es zur Geschichte des Buchs gehört. Denn aus Liebe zu einer Frau hat er den Kindheitsfreund Taba-Taba nach fast 500 Seiten aus der eigenen Vorstellungswelt verbannt. Sonst hätte er an diesem Roman wahrscheinlich bis ans Ende seiner Tage weiter geschrieben, so wie der vielzitierte Sisyphus, der nicht davon lassen konnte, seinen Fels den Berg hinaufzurollen. Denn Frankreichs Geschichte geht ja weiter. Und wer kennt schon jede Nuance?

Mehr noch: Zu den Freiheiten, die sich Patrick Deville immer wieder herausnimmt, gehört auch die Sprengung der Grenzen, die der Geschichtsschreibung gesetzt sind: so, wenn er auf die verweist, die ebenfalls Opfer der Gier und des Wahnsinns der Machthabenden geworden sind, all jene nämlich,

"die nicht leben konnten, die nicht geboren werden konnten, weil diejenigen vorzeitig starben, die ihre Eltern hätten werden sollen, die Phantome der Kinder". 

Patrick Deville: "Taba-Taba"
aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Bilgerverlag, Zürich. 488 Seiten, 28 Euro.

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