Montag, 27. Juni 2022

Archiv

Paul Gurk "Berlin"
Faszinierendes Porträt einer Metropole

Zu Lebzeiten blieb dem Autor Paul Gurk der große Durchbruch verwehrt - völlig zu Unrecht. Sein Roman "Berlin" erschien erstmals 1927 und gilt heute als wichtige literarische Großstadtdarstellung der Moderne. Jetzt ist "Berlin" in einer Neuausgabe erschienen.

Von Wolfgang Schneider | 15.01.2017

Reges Treiben auf dem Potsdamer Platz in der deutschen Hauptstadt Berlin im Jahre 1924.
Reges Treiben auf dem Potsdamer Platz in der deutschen Hauptstadt Berlin im Jahre 1924. (picture alliance / dpa / Foto: Ullstein)
"Es war, als ob die Stadt keine Grenzen hätte, als gingen die Straßen unaufhörlich, Haus neben Haus, Menschenschachtel neben Menschenschachtel, über die Erde im Kreise herum und fügten sich zu steinernen Ringen zusammen. Der Himmel wurde dunkler."
Gehasste, geliebte Stadt. Dies ist kein Roman, der bloß in Berlin spielt, sondern einer, der Berlin zum Gegenstand hat. Keine Reportage, sondern eine Vision der Stadt, als Landschaft aus Stein und Himmel, als Organismus, Geflecht und menschliche Zusammenballung.
Hauptfigur ist der alte Buchtrödler Eckenpenn, eine melancholische, in ihren Sehnsüchten schon 1925 gezielt unzeitgemäße Gestalt. Ihn begleitet das Gefühl, ein Teil seines Herzens sei "weggeschnitten" worden. Seit vielen Jahren steht er bei jedem Wetter auf den Straßen der Großstadt mit seinem ambulanten Buchangebot. Als Standort des Geistes in der Moderne ist Eckenpenns Bücherkarren eine ironisch-sarkastische Allegorie. "Literaturabfallhandlung" wird er auch genannt oder: "Berlins zarteste Literatursenkgrube". Der Verkauf von Lyrikbändchen und Restauflagen gestaltet sich trotz der Spottpreise schleppend.
"Der Doktor lachte leise und ein wenig spöttisch. 'Das Geschäft hat sich eingeregnet, nicht wahr?'
"Ich müsste mein Zelt erweitern und Kaffee und Kuchen oder Bier mit Würstchen und Salzstangen dazu verkaufen. Das würde gehen", sagte Eckenpenn.
"Famos!" rief Doktor Seidenschwanz. Er klopfte zweimal an die Nase, überlegte und sprach dann: "Warum tun Sie's nicht? Ein fliegender Buchladen in Verbindung mit fliegender Wurst, Geist und Körper in einer geschmackvollen Verbindung: das wär doch etwas Neues! Ein japanischer Miniaturwertheim."
Hartnäckiger Autodidakt
Paul Gurk wird 1880 als Sohn eines Postkutschers in Frankfurt an der Oder geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters wächst er bei einem Onkel in Berlin auf. Zwar ist er ein guter Schüler, aber die Pflegefamilie kann ihm keine höhere Bildung finanzieren. So wird er ein hartnäckiger Autodidakt, der unermüdlich liest, malt, komponiert – und natürlich schreibt, zunächst vor allem Dramen, Grotesken und Gedichte. Sein Alltag aber ist prosaisch. Er beginnt als Bürogehilfe beim Berliner Magistrat und schafft es in 24 Dienstjahren – Standesamt, Hochbauamt, Medizinalamt lauten einige Stationen – bis zum Staatsobersekretär.
Der Kommunalbeamte, hat er einmal definiert, sei die "Epidermis des Staates", die "Kampfgrenze zwischen Verwaltung und Leben, Ordnung und Unordnung".
Auch wenn Gurk sich früh pensionieren lässt, um nach einigen kurzfristigen Erfolgen, darunter immerhin die Verleihung des renommierten Kleist-Preises 1921, die prekäre, am Existenzminimum krebsende Existenz als freier Schriftsteller zu riskieren, so hat er seine langjährige Verwaltungstätigkeit doch gern als Gegengewicht gegen seine Neigung zur "übermäßigen Phantastik" begriffen. Und das "Pandämonium" der "Armenakten" hat ihm viele Einsichten ins soziale Getriebe der Stadt verschafft.
Sein Buchtrödler Eckenpenn lebt in einer Mietskaserne zur Untermiete, genauer: er wohnt als sogenannter Schlafbursche bei der Familie des ständig betrunkenen Tischlers Lehnert und darf lediglich nachts seine Kammer nutzen. Beschrieben wird das im Ton trocken kafkaesker oder eben "gurkscher" Komik:
"Am Vormittag ging der Buchtrödler spät aus seiner Kammer. Frau Lehnert hatte ihn erst durch einen Besenstiel, der gegen seine Tür polterte, wecken müssen. Denn da er nur eine Schlafstelle bezahlte und mithin der Schlaf zu einer angemessenen Morgenstunde beendet sein musste, entzog er seine Kammer durch zu lange Nutzung der freien täglichen Verfügung der Wirtin. Frau Lehnert pflegte in ihr Körbe abzusetzen und Wäsche aufzuhängen. Krankheit war nicht vorgesehen. Ein solcher Fall löste die Vereinbarung und war gleich Kündigung, und auch das Krankenhaus nebst Kapelle und Leichenhaus war ganz in der Nähe. ( ... ) Der Buchtrödler blickte scheu hinüber. Das Schicksal, hier auslöschen zu müssen, zu sterben unter Menschen, mit denen er nicht hätte leben wollen, sah ihm gelassen und fürchterlich ins Gesicht."
Tausende von Menschen stehen am 30.06.1931 vor dem Berliner Postscheckamt, um ihr Guthaben abzuheben. |
Paul Gurk erzählt in "Berlin" aus dem Leben kranker, schwacher und gescheiterter Existenzen, die oft in bitterer Armut leben. (picture-alliance / dpa / dpa - Fotoreport)
Dämonie einer Großstadt
Dieser Roman bietet eine Zeitreise in die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Gemeint sind damit aber nicht jene Jahre der Neuen Sachlichkeit, wie sie Erich Kästner in seiner Metropolenlyrik beschworen oder wie sie Hans Fallada in seinen sozialen Romanen mit ihrer so authentischen wie poetischen Dialogkunst beschrieben hat. Bei Paul Gurk hallt ein anderer, schrillerer Ton nach: der des Expressionismus mit seinen steilen Gebärden. Beim Lesen dieses Romans hat man die farbschreienden Bilder von Malern wie Ernst Ludwig Kirchner, Max Beckmann oder Erich Heckel vor Augen. Menschheitsdämmerung, namenlose Bedrohung.
Dämonie der Großstadt bei jedem Gang Eckenpenns über die Straße. Erstaunlich, was Gurk in diesem Roman allein an bedrohlichen Himmelsfarben und gespenstischen Wolkenbildungen über Berlin malt. Licht- und Wetterverhältnis sind für diesen Autor keine bloße Kulissenschieberei, sondern atmosphärische Essenz der Stadtlandschaft, Elementarereignisse, zu denen die menschlichen Gegebenheiten gewissermaßen die Komplementärphänomene sind.
Gurks Berlin ist konkret und phantasmagorisch zugleich. Anders als in Alfred Döblins "Berlin, Alexanderplatz" werden die Namen von Plätzen, Straßen oder Gebäuden nicht genannt, auch wenn sie für Berlin-Kenner oft gut zu identifizieren sind. Sehr lebensecht sind die Beschreibungen von Eckenpenns Fahrten mit der Straßenbahn:
"Der Wagen war natürlich überfüllt. Die Leute standen oder saßen eng zusammengedrückt, hustend, im Tabaksqualm, bösartig glotzend oder in die Zeitung stierend. Hass gegen den sogenannten Mitmenschen, der Raum beanspruchte, dampfte erstickend. ( ... )
An den Trittbrettern hingen Geschöpfe, die mit einem satanisch-amtlichen Witz Fahrgäste genannt werden und durch Entrichtung von Geld einen Beförderungsvertrag schließen.
Verzweifelnd aber, ein stygischer Fährmann, ein Seelenverkäufer mit Überfracht, zwängt sich der Schaffner durch die Schatten. Schwer hocken sie da oder hängen halb schlafend an den Haltestricken, taumelnd wie aufrechtstehende Ertrunkene in der Strömung am Grund des Meeres. ( ... ) Ein Kind schrie unausgesetzt. Die Mutter sah sich Beifall heischend um, stolz darauf, dass ihr Erzeugnis so brüllen konnte."
Zwischen Unreflektiertheit, Vergnügungssucht und Gier
Zwei Frauen tanzen im Berlin der 1920er-Jahre miteinander.
Tanzen war im Berlin der 20er-Jahre die neue Mode, egal ob mit Mann oder Frau. (dpa / picture alliance / Soeren Stache)
Das tosende Berlin der 20er-Jahre darf nun nicht verwechselt werden mit der verlangsamten, subventionsgestützten, von Industrie-Abwanderung und der Inflation des Lebenskünstlertums geprägten Metropole der Nachkriegs- und zunächst auch Nachwendeära.
Es war neben New York die modernste und mit vier Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt der Welt, zu weiten Teilen innerhalb weniger Jahrzehnte aus dem Brandenburger Sand gestemmt, eine kraftstrotzende, innovationsverrückte Stadt, der größte Industriestandort Europas, geprägt von Fabrikanlagen und Technik, Proletariat und Klassenkampf – eine Stadt, die als gefährlich, verrucht und abenteuerlich tolerant galt, ein Mekka der Gleichgeschlechtlichkeit und der sexuellen Spezialisten, aber auch ein Hochleistungszentrum der Kriminalität, kurz: eine ängstigende, faszinierende, die Schriftsteller herausfordernde Stadt mit ebenso viel Unterwelt wie Oberwelt.
Die jungen Menschen, sagt Eckenpenn einmal, lebten heute alle so, "als ob sie einen Krieg hinter sich und den Weltuntergang vor sich hätten" – und man wundert sich hier höchstens über das "als ob".
Das unreflektierte, gierige, vergnügungssüchtige Berliner Leben verkörpert sich in Hermine Lehnert, der Tochter von Eckenpenns Vermietern.
"Fredi, Hermines Tanzpartner, brauchte ganz dringend Gold. Es kam heraus, dass wohl eine Art Unterschlagung vorliege, die schleunigst wiedergutgemacht werden müsse. Das Mädchen war mit ihrem Geld zu Ende. Sie liebte es ja auch ohnehin nicht, mit ihrem Geld am Anfang zu sein. Eckenpenn sollte also helfen.
"Aber ich habe nichts!"
"Ein so solider Mann in gesetzten Jahren hat immer was", hatte Hermine entgegnet.
"Und wie komme ich dazu, diesem eleganten Jüngling mit dem Likörgesicht und den Tanzschuhen etwas zu geben?"
"Sie geben doch ihm nicht, Eckenpennchen, Sie geben's mir!" hatte das Mädchen gebettelt.
"Aber der Mensch ist doch ein Lump! Er hat unterschlagen!"
"Aber – er tanzt doch zu schön!"
"Und er nutzt Sie nur aus, Hermine! Er wird immer Geld brauchen! Er tut nichts. Er ist ein Tagedieb!"
"Aber tanzen ist auch Arbeit, ist Nachtarbeit!"
"Sie werden es bereuen, Hermine!"
"Ich – und bereuen? Ich werde doch etwas so Altmodisches nicht machen!""
Später erwirbt Hermine Glanz und Glimmer beim Film – ein Star nach Maßgabe der neuen Zeit. "Selig sind die Gesunden", grübelt Eckenpenn, "denn das Erdreich ist ihrer!" Einer dieser Gurkschen Kalauer, die die düstere Lektüre aufheitern.
Gurks Prosa hat den Zug ins Visionäre, Fantasmagorische, ist zugleich aber gesättigt mit grotesker Realität. Eine spannende Handlung hat das Buch ebenfalls nicht. Immerhin sind spezifische Themen und Motivballungen innerhalb der zwölf Kapitel, die als Überschrift lediglich den Namen eines Monats tragen, erkennbar – Börse, Politik, Presse, Justiz.
Wiederkehrende Motive statt fortlaufender Handlungen
Gründerzeithäuser im Bezirk Steglitz in Berlin.
Paul Gurks Protagonist, der alte Buchtrödler Eckenpenn, hasst Berlin, ist aber zugleich fasziniert vom Sog der schon damals vier Millionen Einwohner zählenden Metropole. (picture-alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
Nicht durch ein fortlaufendes Geschehen, sondern durch wiederkehrende Motive bekommt "Berlin" die Struktur. Dazu gehört ein blaues Heft mit Gedichten, die Eckenpenn in jüngeren Jahren verfasst hat. Ständig wird diese seine "blaue Blume" vom Bücherwagen entliehen oder entwendet, um im nächsten Kapitel wieder aufzutauchen, dem Trödler unversehens wieder zugesteckt zu werden. Wie ein dunkler Begleiter taucht alle paar Seiten eine schimärische Gestalt namens Fox Randolfini an Eckenpenns Seite auf – ein gelbgesichtiger, hinkender Artist, der Goethes Mephistopheles zitiert und dem verstörten Eckenpenn mit zynischem Bescheidwissen aufhilft. Es gibt einige solcher Figuren, die in dieser expressionistischen Großstadt-Revue ihre regelmäßigen Auftritte haben.
Der Ort der gekreuzigten Hoffnungen
Berlin ist in diesem Roman der Ort, an dem alle Hoffnungen gekreuzigt werden. Einige unheimliche Mordfälle geschehen nebenbei. In anderen Kapiteln droht die Revolution in den Straßen, Pflastersteine fliegen, Maschinengewehrkugeln spritzen den Putz von den Wänden, am Himmel drohen in kosmischer Korrespondenz graue Wolken wie Panzerplatten, und dann ereignet sich gar noch eine Sonnenfinsternis:
"Die Menschen im Flur standen bleich, schweigend, mit schwerem Atem. Der hagere Mann in der Schirmmütze schien mit einem versteckten, grimmigen, sachverständigen Lachen die Einschläge zu schätzen. Vielleicht war er einer aus dem großen Kriege, ein Zurückgekommener, und kannte das Spiel ...
Im Flur war es fast dunkel. Aber auch draußen auf der Straße hatte sich eine Dämmerung herabgeschlichen, in der alle gewohnten Laute der Erde zu ersticken schienen ... Dann ging ein ängstliches Flackern quer über die Scheibe des Haustors, einen Augenblick irrte der pfeifende Schrei von flüchtenden Vögeln zwischen den Häusern entlang, – und dann war wieder lastende Stille unter der schattenverdeckten Sonne. Erstorbene Mondluft schien über der vereisten Erde zu liegen und mit tausend weitsaugenden Mündern alle Farben einzuschlucken. "
Vor allem zu Beginn des Buches scheinen die erbitterten politischen Kämpfe auf, die die Weimarer Republik zerrissen haben. Die Revolution vom November 1918 und Ereignisse wie der Kapp-Putsch spielen hier atmosphärisch herein, auch wenn Gurks Darstellung auf die konkrete historische Situierung verzichtet. Dass der Autor die Politik als niedere Sphäre empfindet, als eine weitere Arena der Seelentötung, wird aber mehr als deutlich. Eckenpenn sei "von der Zwecklosigkeit jeder Wahl überzeugt", heißt es einmal. Solche Sentenzen verraten ein antidemokratisches Ressentiment, wie es in den 20er-Jahren weit verbreitet war.
"Ein Buch vom Sterben der Seele", lautet der Untertitel des Romans – ein kulturkritisches Schlagwort der Epoche, das heute angestaubt wirkt. Die Seele stirbt demnach durch Vermassung und Technisierung, durch Presse und Rekorde, durch Film und Sport. Solche ganz gegenwärtigen Vergnügungen brächten die Menschen um die Sehnsucht. Die Literatur habe das Nachsehen gegenüber der "bequemeren Fantasieform des Kinos" mit ihrer, wie es pointiert heißt, "maschinellen Abkurbelung von Geschehnissen". Während Autoren wie Döblin oder Kafka das Kino als Inspiration und Ansporn verstanden haben und filmische Schreibweisen zu entwickeln suchten, geht Gurk in die Konfrontation.
Mag die säuerliche Tendenz solcher antiurbanen Kulturkritik auch schon von Zeitgenossen wie Musil oder Brecht verspottet worden sein; der Reiz des Romans besteht darin, dass die Stätten der vermeintlichen "Entseelung" tatsächlich aufgesucht werden. Weil sein fliegender Kleinbuchhandel immer schlechter läuft, nimmt der alte Eckenpenn Jobs an, etwa als Kegeljunge, Hilfslogenschließer im Theater, Kartenabreißer beim Sechstagerennen oder Platzanweiser bei Boxkämpfen. Da geht es dann hoch her.
"In die riesige Kirche des Sports schoss die Masse der Gläubigen ... Wo zog noch eine Religion mit solcher Inbrunst Zehntausende an ihren Altar? Ließ sie in Zungen reden, eine neue, ungeformte ekstatische Sprache des Schreis, Wut und Verehrung zugleich ... Es gibt nur einen Gott: Muskel! Und Tempo ist sein Prophet ... Megaphon! "Nach Punkten gewonnen!" Hände donnern. Fäuste schwingen sich über einem Schaum von roten Köpfen. Im Glanz steht der junge Boxer da, die Brust zwei genietete Stahlplatten, die Arme hängende Kurbelstangen, die Ohren abstehend, um den Mund ein jauchzendes Grinsen, das linke Auge geschlossen, die Haare verklebt vom dunkelnden Blut, den Dampf des Kampfes um sich: der neue Heros der Stadt! – Der alte Mann Eckenpenn besorgt einigen prominenten Herrn die Garderobe."
"Dies ist die Stadt, die keinen werden lässt, der er ist", lautet eine zentrale Formel des Romans. "Ein ungeheuerlicher Hass gegen die Stadt wühlte in ihm", heißt es über Eckenpenn. Zugleich ist er Berlin aber doch unentrinnbar verfallen. Das zeigt sich spätestens in jenem kuriosen Kapitel, in dem er seiner Sehnsucht nach Land und Luft, schlesischer Gebirgswelt und rübezahlhafter Ursprünglichkeit endlich einmal nachgeht und dem Moloch kurzzeitig zu entkommen versucht, indem er mit der Bahn ins Berliner Umland fährt.
Aber draußen auf seiner Wanderung merkt er, dass die Idylle keine mehr ist. Der knatternde Verkehr auf der Landstraße zwingt ihn, in einen Graben voller Brennnesseln zu springen. Und auch das Dorf, das er mit Vorstellungen rustikaler Romantik aufsucht, ist bereits fest im Griff der modernen Spaßkultur. Ein Wanderkino macht Vorstellung, in der Garage stehen öltropfende Motorräder, und die jungen Leute haben wie in der Stadt nichts als Tanzen im Sinn:
"Die Dielen des Tanzsaales dröhnten unter den Hufschlägen der benagelten Stiefel ... Die modischen Anzüge aus dem Kaufhause würgten sich um die eckigen Glieder der Bauernburschen, der Knechte, der Ziegeleiarbeiter. ( ... ) Eckenpenn saß stumm vor seinen Bratkartoffeln. "Auch hier ist Berlin", grübelte er, "auch hier ist die große Stadt. Erwürgt sie auch schon das Dorf? Wie weit geht sie hinaus und frisst mit ihrem steinernen Maul und den eisernen Zähnen das Land auf, mit einem Biss Hektare ausreißend und Brache, Äcker und Wälder in den Schlund schickend? Das ist Berlin", dachte er grimmig."
Eckenpenn zieht weiter, und irgendwann findet er, was er sucht: Einöde, Verlassenheit, Natur, völlige Stille. Aber da überkommt den Stadtflüchtling plötzlich Panik, die stillstehende Landschaft erscheint ihm wie eine Drohgebärde, ihm ist, als würde er spüren, wie sich die Erde unter seinen Füßen dreht, er erträgt es nicht. Und eilt zurück nach Berlin. In diesen Szenen zeigt sich, dass die in der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts notorische Antithese von dekadenter Stadt und "gesundem" Land bei Gurk ironisch unterlaufen wird. Zu den unkomplizierten kulturkonservativen Herren vom "platten Land", die das Echte, Authentische, Unangekränkelte der Provinz feiern, gehört dieser Autor jedenfalls nicht.
Expressionismus als Lebensgefühl
Expressionismus ist bei Gurk keine literarische Mode, sondern ein Lebensgefühl. Schon 1927, als erstmals Auszüge des Romans erschienen, lief der Trend in eine ganz andere Richtung. 1934 war das Buch bereits unzeitgemäß; von der Literaturkritik der beginnenden nationalsozialistischen Ära wurde es als Bericht aus der pathologischen Weimarer Vorzeit einsortiert. Man lobte zwar die starke, visionäre Sprache, die die zuckenden Rhythmen der Stadt wiedergebe, fand aber "keine gesunden Menschen, nur schwache, verdrehte Gestalten". "So war Berlin", hieß es, Betonung auf "war", jetzt herrsche Ordnung statt Chaos.
Solche Urteile versteht man heute durchaus als Empfehlung. Dieser Roman ist verschroben und faszinierend zugleich. Es gibt Passagen, deren Pathos nur noch hohl tönt. Aber es gibt mindestens ebenso viele Seiten, deren Beschreibungskraft, Witz und sprachliche Wucht in den Bann ziehen.
Paul Gurk ist ein bedeutender Poet der Metropole, und "Berlin" ist ein wichtiges Kapitel in der deutschsprachigen Großstadtdarstellung der Moderne. Auch durch diese Neuausgabe, versehen mit einem ausführlichen Nachwort von Magnus Chrapkowski, wird Gurk sicher kein kanonischer Autor, aber er wird einige Leser hinzugewinnen, die den Reiz unzeitgemäßer, eigenwilliger Werke schätzen.
Die Literaturgeschichte wird "Berlin" nicht länger ignorieren können. Und man darf gespannt sein auf weitere Romane dieses Autors, Bücher mit Titeln wie "Büroassistent Tödtke" oder "Laubenkolonie Schwanensee". Vielleicht klappt es nun ja endlich mit ein bisschen Nachruhm.
Paul Gurk: "Berlin", Roman. Herausgegeben von Magnus Chrapkowski und Simon Schnorr. Arco Verlag, Wuppertal u. Wien 2016, 26 Euro