Ewigkeitschemikalien
Warum PFAS das Trinkwasser belasten – und was dagegen hilft

PFAS, eine Gruppe von von mehr als 10.000 sogenannten Ewigkeitschemikalien, sind überall und können die Gesundheit gefährden. Seit Anfang 2026 gelten Grenzwerte für PFAS im Trinkwasser. Lösen sie das Problem?

Alexandra Duong |
    Eine Frau schöpft mit ihren Händen Trinkwasser aus einem Trinkwasserbrunnen.
    In Grund- und Trinkwasserproben lassen sich häufig Ewigkeitschemikalien nachweisen (picture alliance / Wolfgang Maria Weber)
    PFAS lassen sich weltweit im Boden, in der Luft und im Wasser nachweisen – auch im Trinkwasser. Seit dem 12. Januar 2026 gelten dafür EU-weit Grenzwerte. Das betrifft Kommunen und Wasserversorger direkt. Sie müssen Lösungen finden, wenn das Wasser vor Ort belastet ist. Grenzwerte für Trinkwasser verringern zwar die Gesundheitsgefahren. Aber Fachleute sagen: Das reicht nicht aus, um das Problem zu lösen.

    Inhalt

    Was sind PFAS und wie verbreitet sind sie?

    PFAS ist die Abkürzung für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen. Es handelt sich um eine Gruppe von schätzungsweise mehr als 10.000 Chemikalien. Sie werden industriell hergestellt. Chemisch betrachtet sind es organische Verbindungen. Das sind in der Regel verschieden lange Kohlenstoffketten mit Wasserstoffatomen. Aber bei PFAS ersetzen Fluoratome den Wasserstoff ganz oder teilweise. Die Bindung zwischen Fluor und Kohlenstoff ist extrem fest und führt dazu, dass PFAS etwa hitzebeständig, fett- und wasserabweisend sind.
    PFAS werden in der Industrie, aber auch in vielen Alltagsprodukten eingesetzt: in Regenkleidung, Imprägnierspray, Anti-Haft-Pfannen, Zahnseide, Kosmetik, Skiwachs, schmutzabweisenden Bezügen, Fast-Food-Verpackungen, Einwegbechern und vielem mehr. Aber was PFAS nützlich und langlebig macht, ist zugleich ein großes Problem. Denn PFAS werden Ewigkeitschemikalien genannt, weil sie so stabil sind: In der Umwelt bauen sie sich kaum ab, sondern reichern sich immer weiter an.

    Wie kommen PFAS ins Trinkwasser – und gefährden sie die Gesundheit?

    PFAS sind nicht nur im Wasser, sondern auch in der Luft und im Boden. Forschende haben sie sogar an entlegenen Orten wie dem Mount Everest oder in der Antarktis nachgewiesen. Während sie hergestellt, verwendet und entsorgt werden, gelangen sie auf verschiedenen Wegen in die Umwelt. Menschen nehmen PFAS vor allem über die Nahrung, aber auch über die Luft, die Haut und eben das Trinkwasser auf. Nicht alle PFAS sind gut untersucht. Aber einige der bekannten und besonders verbreiteten PFAS gefährden nachweislich die Gesundheit. Dazu gehören unter anderem die Einzelsubstanzen PFOA (Perfluoroctansäure) und PFOS (Perfluoroctansulfonsäure).
    PFAS können krebserregend sein, das Immunsystem, die Fruchtbarkeit und Organe – insbesondere die Leber – schädigen, die Entwicklung des Fötus im Mutterleib beeinträchtigen und Krankheiten wie Diabetes begünstigen.
    In Grund- und Trinkwasserproben lassen sich häufig PFAS nachweisen, aber nicht immer in bedenklichen Mengen. Allerdings gibt es Hotspots, wo die Belastung die Trinkwasserqualität gefährdet. Bekannt dafür sind in Deutschland etwa der Landkreis Altötting in Bayern, die Gegend um den Flughafen Düsseldorf, ein Landstrich in Mittelbaden bei Rastatt und der Hochsauerlandkreis nahe der Möhnetalsperre.
    Thorsten Reemtsma lehrt an der Universität Leipzig. Am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung untersucht er, wie sich organische Schadstoffe wie PFAS in der Umwelt verhalten. Er nennt drei Hauptquellen für hohe PFAS-Belastungen im Grundwasser: Einträge von Feuerlöschschaum, das Ausbringen belasteten Klärschlamms und Kontamination dort, wo PFAS in großen Mengen hergestellt und verwendet werden.
    In Altötting befindet sich der sogenannte Chemiepark Gendorf. Dort haben Firmen jahrzehntelang PFAS hergestellt und verarbeitet. Rund um Rastatt und die Möhnetalsperre wurden wahrscheinlich belastete Schlämme und Abfall auf Feldern ausgebracht. Auf dem Flughafen Düsseldorf hat die Feuerwehr bei Einsätzen und Übungen PFAS-haltigen Löschschaum verwendet, der in den Boden und ins Grundwasser gesickert ist. Auch rund um andere Flughäfen ist das Grundwasser häufig mit PFAS belastet.

    Wie Grenzwerte PFAS-Risiken verringern sollen

    Den Großteil des Leitungswassers gewinnen Wasserversorger in Deutschland aus Grundwasser. Dafür müssen sie es fördern und aufbereiten. In der Regel ist die Aufbereitung bisher nicht darauf ausgerichtet, PFAS gezielt zu entfernen. Wenn das Grundwasser mit PFAS belastet ist, kann also auch das Trinkwasser belastet sein.
    Seit dem 12. Januar 2026 gelten in allen EU-Ländern Grenzwerte für PFAS im Trinkwasser. In Deutschland ist das in der Trinkwasserverordnung festgelegt. Der neue Grenzwert betrifft nicht alle PFAS, sondern 20 einzelne Substanzen: In einem Liter Trinkwasser dürfen insgesamt nicht mehr als 100 Nanogramm davon sein. 100 Nanogramm sind 0,1 Mikrogramm. Dazu gehören auch die giftigen Substanzen PFOA und PFOS.
    Für Trinkwasser gibt es andere gesetzliche Grenzwerte für Schadstoffe wie Nitrat, Blei, Pestizide oder Keime wie Escherichia coli. Aber PFAS seien ein besonders großes Problem, sagt Ulrich Borchers. Er leitet am IWW Zentrum Wasser in Mülheim an der Ruhr den Geschäftsbereich Wasserqualität. PFAS können ein echtes Gesundheitsrisiko sein, das gelte besonders für die bereits erwähnten PFOA und PFOS, zudem PFNA und PFHxS. Für die Summe dieser vier Stoffe gilt ab 2028 ein noch strengerer Grenzwert von 20 Nanogramm pro Liter.
    „Die sind tatsächlich real gesehen von Besorgnis, dass man sagt, wenn eine Verbraucherin dieses Wasser sehr lange konsumiert, könnte gegebenenfalls wirklich ein echtes gesundheitliches Problem daraus resultieren“, sagt Borchers.

    Was müssen Wasserversorger tun, wenn sie zu viel PFAS im Trinkwasser messen?

    2023 wurde die Trinkwasserverordnung novelliert, die den neuen Grenzwert vorschreibt. Stadtwerke und andere Wasserversorgungsunternehmen konnten sich darauf vorbereiten und das Wasser vor Ort auf PFAS testen.
    Wasserversorger schicken ihre Proben zum Beispiel an das IWW Zentrum Wasser, wo Borchers den Laborbereich verantwortet. Er sagt, die 20 PFAS lassen sich mittlerweile mit einem europäisch genormten Verfahren nachweisen. Die Einhaltung der Grenzwerte überwacht das zuständige Gesundheitsamt. Sind die PFAS-Werte zu hoch, haben die Wasserversorger drei Optionen, sagt Borchers: Sie können das Wasser technisch aufbereiten, aus belasteten Brunnen weniger fördern oder sie abschalten, oder unbelastetes Wasser andernorts dazukaufen – wobei es dafür die entsprechenden Leitungen geben müsse.
    Meist entscheiden sich Wasserversorger für eine technische Aufbereitung, also dafür, PFAS aus dem Wasser zu filtern. Dafür gibt es verschiedene Methoden. Am gängigsten sei die Filterung mit Aktivkohle, sagt Borchers. Aktivkohle hat eine sehr poröse Oberfläche, die PFAS adsorbiert. Das heißt, die Moleküle bleiben daran haften. Das funktioniert, aber nicht für alle PFAS gleich gut.
    Die PFAS-Kohlenstoffketten sind unterschiedlich lang. Je länger die Moleküle sind, desto besser bleiben sie an der Aktivkohle haften. Je kleiner die Moleküle seien, desto öfter müsse man die Filter austauschen, sagt Borchers.
    Und: „Wir müssen uns auch dann darum kümmern, dass bei der Aktivkohle dann hinterher bei der Regenerierung oder Verbrennung die Stoffe wirklich rückstandsfrei so zu Ende verbrannt werden, dass sie wirklich weg sind aus der Umwelt.“ Denn einmal gefiltert sind PFAS nicht aus der Welt. Sie müssen noch zerstört werden, in der Regel durch sehr hohe Temperaturen.

    Was ist die Lösung, damit das Wasser trinkbar bleibt?

    Aktivkohlefilter sind teuer in der Anschaffung und im Betrieb, weil die Filter regelmäßig ausgetauscht werden müssen. Mit solchen Lösungen könnten die Wasserversorger aber Leitungswasser liefern, das die Verbraucher unbesorgt trinken können, sagt Borchers. Aber die meisten PFAS nehmen Menschen über die Nahrung auf. Über das Trinkwasser sind es schätzungsweise zehn Prozent oder weniger, sagt Jochen Kuckelkorn.
    Er leitet den Fachbereich „Toxikologie des Trink- und Badebeckenwassers“ beim Umweltbundesamt. Lebensmittel, besonders Fleisch- und Fischprodukte, seien deutlich höher mit PFAS belastet als Trinkwasser. Seit 2023 sind für Fisch, Fleisch, Eier und Meeresfrüchte in der EU Höchstgehalte an PFAS vorgeschrieben. Aber die betreffen nur die vier bereits erwähnten besonders bedenklichen Einzelsubstanzen. Sind PFAS in Gesichtscremes, Make-up oder Shampoo, können sie auch über die Haut in den Körper eindringen. Auch die Atemluft kann belastet sein, beispielsweise in Räumen, wo Teppiche die Chemikalien freisetzen.
    Die EU-Kommission veröffentlichte Ende Januar einen Bericht zu den Kosten der PFAS-Verschmutzung im Europäischen Wirtschaftsraum. Je nachdem, wie stark PFAS künftig reguliert werden, liegt die Schätzung zwischen 330 Milliarden und 1,7 Billionen Euro. Es geht etwa um die Kosten dafür, PFAS aus Böden und Wasser zu entfernen, und Kosten durch Erkrankungen.
    Grenzwerte können das Risiko für Verbraucher zwar verringern. Aber die Gesundheitsgefahren durch PFAS beseitigen sie nicht, davon sind Experten überzeugt. Da die Chemikalien nach wie vor in großen Mengen produziert, verwendet und entsorgt werden, gelangen sie weiter in die Umwelt und reichern sich dort an. Sie dann zu entfernen – aus dem Wasser beispielsweise – ist teuer und aufwendig. Im Trinkwasser kämen PFAS am Ende an, sagt Jochen Kuckelkorn vom Umweltbundesamt. Zielführender sei es, am Anfang anzusetzen, also die Herstellung und Nutzung von PFAS zu beschränken.
    In der EU sind einzelne PFAS bereits verboten, etwa PFOA und PFOS. Aber dafür hat die Industrie Ersatzstoffe gefunden, die auch problematisch für Umwelt und Gesundheit sind. „PFAS ist ein klassisches Beispiel, wo man versucht hat, schlechte Stoffe zu ersetzen und das mit möglichst wenig Aufwand getan hat. Deswegen hat man verwandte Stoffe genommen und das hält im Grunde immer noch an“, sagt der Umweltchemiker Thorsten Reemtsma. Deswegen müsste die Menge aller PFAS drastisch reduziert werden.
    Deutsche Behörden, darunter das Umweltbundesamt, haben mit dänischen, schwedischen, norwegischen und niederländischen Behörden einen Vorschlag erarbeitet, die ganze PFAS-Gruppe in der EU stark zu beschränken. Den Vorschlag bewertet derzeit die Europäische Chemikalien-Agentur in Helsinki, voraussichtlich bis Ende 2026. Die Ergebnisse werden der Europäischen Kommission vorgelegt. Auf der Basis wird die Kommission eine Beschränkung vorschlagen und den EU-Mitgliedstaaten zur Abstimmung vorlegen.