Mittwoch, 23.10.2019
 
Seit 06:35 Uhr Morgenandacht
StartseiteHintergrundDie meisten Heime sind chronisch unterbesetzt23.07.2019

PflegekräfteDie meisten Heime sind chronisch unterbesetzt

Fehlende Fachkräfte und Kostenkampf der Heime – trotz vieler Versprechen der Politik in den letzten Jahren ist die Situation in der Pflege nach wie vor kritisch. Und bevor politische Maßnahmen greifen, müssen kurzfristig Pflegerinnen und Pfleger aus dem Ausland her.

Von Anja Nehls

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Rollator steht im Zimmer einer älteren Frau  (picture-alliance / dpa /  Monika Skolimowska)
Die Große Koalition hat grundlegende Verbesserungen in der Pflege versprochen (picture-alliance / dpa / Monika Skolimowska)
Mehr zum Thema

Gesetzentwurf Bessere Löhne in der Pflege

"Konzertierte Aktion Pflege" Keine Überraschungen

Unfrei im Heim Menschenrechtsverletzungen in der Altenpflege

Tatsächlich hinter der Kreuzung "Rentnerstraße" liegt das Altenpflegeheim des Arbeiter-Samariter-Bundes in Senftenberg im südöstlichen Brandenburg. Es existiert schon seit DDR-Zeiten, hieß damals Feierabendheim und war eines der größten in der Region.

Heute heißt es "Wohnpark Lausitzer Seenland", ist freundlich hell renoviert, das zumeist letzte Zuhause für 250 Senioren – und einer der attraktivsten Arbeitgeber dieser Branche in ganz Brandenburg: Dank eines seit Februar geltenden Tarifvertrages, sagt der Betriebsratsvorsitzende Torsten Winkler:

"Jetzt durch diesen Flächentarifvertrag haben wir erstmalig hier in dieser Region mehr als die im Klinikum, was schon erst mal gut ist. Das kommt noch dazu, da kommen Zuschläge, die wir vorher auch nicht hatten, Nachtschichtzulagen und sowas. Also Nachtzulagen hatten wir, aber die sind jetzt so prozentual an den Stundenlohn gekoppelt.

Jetzt durch diesen Tarifvertrag hatten wir dann eben Steigerungsstufen nach Berufserfahrungsjahren und so, und das war schon für viele ein großer Sprung, und man hatte auch mal die Hoffnung, dass das Geld mal mehr wird, was vorher nicht der Fall war. Also ich habe deutlich mehr, und das ist hier bei allen Kollegen so."

Riesenkonkurrenzkampf um Fachkräfte

Zu den höheren Gehältern kommen 65 Prozent Weihnachtgeld, 30 Tage Urlaub und eine Schichtzulage. Knapp 3.000 Euro brutto verdient der ausgebildete Altenpfleger Torsten Winkler jetzt nach über 25 Berufsjahren.

Keine Reichtümer, aber in der Region fernab von Berlin ein gutes Angebot, findet Winkler. Und ein Pfund, mit dem das Haus auf dem umkämpften Personalmarkt für Pflegkräfte wuchern kann. Bundesweit sind laut Bundesagentur für Arbeit über 40.000 Stellen in der Pflege unbesetzt:

"Also bei den Fachkräften ist ein Riesenkonkurrenzkampf, da wird geworben mit allem Möglichen, mit Kopfgeldprämien und was weiß ich was. Ja, der gesamte Arbeitsmarkt ist ja leergefegt, ist wirklich so. Man hat ja auch viele Einrichtungen hier in der Umgebung, weil es ja auch eine hochaltrige Region ist, hier sind viele alte Menschen. Also wir sind hier, muss ich schon sagen, der Leuchtturm, und da gucken die anderen schon hin."

Natürlich mache nicht nur mehr Geld den Job attraktiver, meint Winkler, aber es spiele eine wichtige Rolle. Im Brandenburger Durchschnitt verdienen Altenpfleger 500 Euro weniger als hier.

Mit knapp über 2.000 Euro brutto im Schnitt gibt es am wenigsten in Sachsen-Anhalt, mit über 3.000 am meisten in Baden Württemberg. Der Weg zu mehr Lohn und einem Tarifvertrag für das ASB Heim Senftenberg war jedoch beschwerlich, erinnert sich Torsten Winkler. Er hat lange dafür gekämpft, auf die Leute eingeredet. 200 Menschen arbeiten hier, überwiegend Frauen, 60 Prozent in Teilzeit.

Kaum jemand von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern war Mitglied einer Gewerkschaft, die Tarifverhandlungen für die Beschäftigten führen könnte, erzählt der Betriebsratschef:

"Die Menschen suchen nach einer einfachen Lösung: Also der Arbeitgeber muss einfach mehr geben, ich muss ja nichts tun, der muss das einfach, das ist so. Wenn der das nicht macht, muss der Betriebsrat ran, aber der kann es auch nicht richten. Ich glaube nicht mal, dass es die Ängste vor dem Arbeitgeber waren. Irgendwie so eine Unwissenheit, Lethargie, ja, kann man ja eh nichts ändern, so. Aber wenn man den Leuten richtig erklärt, wie man zu mehr Geld kommt, dann über die Gewerkschaft eben und Tarifverhandlungen, dann hat man die Möglichkeit einer jährlichen Steigerung und so, dann wachen die Leute auch mal auf."

Am Ende waren knapp 50 Prozent der Beschäftigen Gewerkschaftsmitglied – und damit ausreichend viele, um Verhandlungen zu starten.

Vorteil eines einheitlichen Tarifvertrags

Doch nicht nur die Arbeitnehmer, auch die Arbeitgeber müssen sich organisieren, damit bessere Löhne ausgehandelt werden können. Und dazu ist der Wille bei den Heimbetreibern durchaus unterschiedlich ausgeprägt. Zusammen mit drei anderen gemeinnützigen Trägern in Brandenburg hatte sich der ASB in Senftenberg in einem Arbeitgeberverband, der Paritätischen Tarifgemeinschaft zusammengeschlossen.

Ab März 2017 konnte die Gewerkschaft dann dank des Engagements der Betriebsräte mit diesem Verband über einen Flächentarifvertrag für die Sozialwirtschaft verhandeln – nicht nur die Altenpflege, sondern auch die Krankenpflege, ambulante Pflege, Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe und Behindertenwerkstätten. Ralf Franke von Verdi in Cottbus hat den Flächentarifvertrag ausgehandelt.

Eine ältere Frau mit Rollator, aufgenommen im Stadtzentrum von Niesky. (imago images / photothek / Florian Gaertner)Die Zahl Pflegebedürftiger steigt aufgrund der demografischen Entwicklung (imago images / photothek / Florian Gaertner)

"Der Flächentarifvertrag ist insoweit besser, weil Arbeitgeber, die einen Tarifvertrag anwenden wollen, müssen nur noch Mitglied des Arbeitgeberverbandes werden und haben den dann sofort. Sie müssen selbst keine schwierigen, langwierigen, zeitaufwendigen Haustarifvertragsverhandlungen führen. Und sie können gegenüber dem Kostenträger, der AOK, einen Tarifvertrag vorweisen, der auch bei anderen Anwendung findet.

Und gerade bei den Verhandlungen für die Pflegesätze und Kostensätze ist es dann natürlich von großem Vorteil, wenn es einen einheitlichen Tarifvertrag für das ganze Land Brandenburg gibt, der natürlich nur dort Anwendung findet, wo der Arbeitgeber Mitglied dieses Verbandes ist."

Und das seien bis jetzt eben nur vier Träger in ganz Brandenburg, bedauert der Gewerkschafter. Bundesweit sieht die Situation nicht viel anders aus. Kaum eine Altenpflegerin, kaum ein Altenpfleger ist Mitglied einer Gewerkschaft, nur 20 Prozent von ihnen arbeiten in Einrichtungen, in denen ein Tarifvertrag existiert.

Tarifregelung, um den Beruf attraktiver zu machen

Mit der "konzertierten Aktion Pflege" will die Bundesregierung das nun ändern. Um den Beruf attraktiver zu machen und Fachkräfte zu gewinnen, soll es eine Tarifregelung für alle Pflegekräfte in Deutschland geben, wünscht sich Bundesarbeitsminister Hubertus Heil von der SPD:

"Es gilt immer noch, bei allen Abweichungen, die es auch gibt, dass in der Regel da, wo ein Tarifvertrag ist, die Arbeits- und Lohnbedingungen besser sind als in anderen Bereichen. Und ich bin froh, dass sich einige aufgemacht haben, gar nicht wenige, jetzt einen entsprechenden Arbeitgeberverband zu gründen."

Mit diesem neu gegründeten Arbeitgeberverband soll dann ein Flächentarifvertrag geschlossen werden, der dann für ganz Deutschland als "allgemeinverbindlich" erklärt wird und somit automatisch für alle Arbeitgeber in der Pflege und die Pflegekräfte gelten würde.

Hohe Renditeerwartungen der Geldgeber

Um das zu schaffen, möchte Heil das Arbeitnehmerentsendegesetz entsprechend anpassen. Darin wird jetzt zum Beispiel bereits für die Baubranche oder das Reinigungsgewerbe geregelt, dass bestimmte Lohngrenzen von niemandem unterschritten werden dürfen. Erheblichen Widerstand leisten aktuell jedoch vor allem die privaten Träger der Altenpflege. Neben gemeinnützigen, kommunalen oder kirchlichen bestreiten die privaten einen großen Teil der Altenpflege.

Allgemeinverbindliche Tarife seien nicht notwendig, verstießen noch dazu massiv gegen die Tarifautonomie, meint Sven Halldorn vom privaten Arbeitgeberverband bpa und beklagt, dass "damit natürlich die Handlungsfreiheit - und ich würde mal sagen als privater Arbeitgeberverband die unternehmerische Handlungsfreiheit – massiv eingeschränkt wird, 70 Prozent der Gesamtkosten der Pflege sind Lohnkosten in etwa summasummarum, wenn jetzt auch noch Löhne reguliert werden."

Wenn die Lohnkosten steigen, gehen eben die eigenen Gewinne zurück, kontert Ralf Franke von Verdi. Bei vielen Heimen privater Betreiber seien die Renditeerwartungen der Geldgeber hoch:

"Und daher sind die privaten Betreiber nach wie vor daran interessiert, zwar Pflegesatzsteigerungen zu bekommen, aber nicht alles an die Beschäftigten weiterreichen zu müssen."

Erst seit zwei Jahren müssen die Pflegeheimbetreiber nachweisen, dass die jährlich steigenden Pflegesätze auch für Lohnerhöhungen verwendet werden. Wenn jetzt alle Betreiber Tariflohn zahlen müssten, würden die Kassen diese Kostensteigerungen zwar in den Pflegesätzen berücksichtigen. Doch nicht nur die Kosten für die Kassen steigen - auch die Kosten für die Pflegebedürftigen beziehungsweise deren Angehörige, deren Belastungsgrenze längst überschritten sei, argumentiert Sven Halldorn:

"Richtig ist, dass mit den steigenden Kosten für die Pflegebedürftigen natürlich auch der graue und schwarze Pflegemarkt, das ist ein bisschen despektierlich, aber es meint genau das, dass die vielen 24 Stunden Dienste im Haushalt, dass das zunimmt. Die Ausweichreaktionen dahin werden mit weitere Verteuerung der Pflege natürlich zunehmen."

Platz im Heim wird immer teurer

Mit durch die Pflegekommission gesetzlich festgelegten Lohnuntergrenzen, wie von Minister Hubertus Heil als zweitbeste Lösung nach einem Flächentarifvertrag vorgeschlagen, könnten sich die im bpa zusammengeschlossenen privaten Heimbetreiber schon eher anfreunden. Bereits jetzt werde aufgrund der starken Nachfrage nach Pflegekräften vielfach mehr gezahlt, als es Mindestlöhne vorsehen würden. Ein halbes Jahr suchen Arbeitgeber im Durchschnitt nach einem neuen Mitarbeiter:

"Das Selbstbewusstsein nimmt absolut zu bei den Pflegekräften. Es ist heute schon so, dass Pflegkräfte in Vorstellungsgespräche gehen und selbst das Gespräch führen, weil sie nämlich Bedingungen für den Antritt der Stelle haben, und dass es nicht mehr umgekehrt läuft."

Also wird ein Platz im Heim immer teurer. Die Heimpreise bestehen aus drei Komponenten: dem Pflegesatz, den Investitionskosten, und Unterkunft und Verpflegung. Davon werden Pauschalen je nach Pflegegrad abgezogen, die die Pflegekasse bezahlen. Den übrig bleibenden Betrag von durchschnittlich 1.800 Euro im Monat muss der Bewohner selber übernehmen, erklärt Andrea Glasmann. Sie ist Betreuerin, kümmert sich anstelle von Angehörigen also oft darum, wenn einer ihrer betreuten alten Menschen ins Heim kommt:

"Also er darf ein eigenes privates Vermögen von 5.000 Euro behalten. Was er sozusagen bei Heimeinzug darüber hinaus hat, muss er für Heimkosten einsetzen. Die Kinder, also die direktesten Angehörigen sozusagen, müssen ihr Einkommen erklären, da gibt es aber auch relativ hohe Freibeträge, die errechnet werden. Und ich kenne auch Angehörige, die sagen, das möchten sie nicht, und dann einfach von sich aus diesen fehlenden Betrag dazu zahlen."

Auf 100.000 Euro will Bundesminister Hubertus Heil die jährliche Einkommensgrenze nun erhöhen, bis zu der Kinder nicht an den Heimkosten für ihre Eltern beteiligt werden. Um die Betroffenen zu entlasten, fordert Verdi-Gewerkschafter Ralf Franke auch eine ganz grundsätzliche Änderung der Pflegeversicherung:

"Die Pflegeversicherung muss eine Vollversicherung werden, und es muss so sein, dass die Pflegeversicherung an den Kostensteigerungen, die natürlich entstehen, Sach- und Personalkostensteigerung in der Pflege, entsprechend beteiligt wird, und nicht alleine die Heimbewohner diejenigen sind, die die Kostensteigerungen nach jetziger Rechtslage tragen. Eine Pflegevollversicherung ist natürlich mit Beitragserhöhungen verbunden, gar keine Frage. Es ist auch die Frage, ob man einen Teil steuerfinanziert macht, dann zahlen es die Steuerzahler."

"Pflege müsste die Schicksalsfrage der Gesellschaft werden"

Die tun das häufig bereits jetzt. Bei Menschen, die den seit Jahren stetig steigenden Eigenanteil nicht selber aufbringen können, springt die Sozialversicherung längst ein.

Das wird sie in Zukunft noch häufiger tun müssen, denn allein für eine mögliche Tarifbezahlung aller Pflegekräfte wird mit Mehrkosten von bis zu fünf Milliarden Euro gerechnet.

Sozialpädagoge und Autor Claus Fussek, aufgenommen am 29.03.2015 in Köln. (dpa /picture alliance /Horst Galuschka)Der Autor und Pflegekritiker Claus Fussek (dpa /picture alliance /Horst Galuschka)

Die ganze Diskussion ums Geld betrachtet der Pflegeexperte Claus Fussek als unaufrichtige Scheindiskussion.

"Ich kenne keinen Menschen, wahrscheinlich in ganz Europa, der gegen eine bessere Bezahlung der Pflegekräfte ist, da gibt es einen gesamtgesellschaftlichen Konsens. Ja, und dann wird die Pflege halt auch teurer. Wir zahlen. Wir zahlen es ja sowieso, wir zahlen es über Steuern - oder wir zahlen es über Beiträge. Und wir müssen in dieser Gesellschaft klarmachen, Pflege müsste die Schicksalsfrage der Gesellschaft werden, dann kann es eigentlich nicht erlaubt sein, dass man an der, Klammer auf, noch schlechten Pflege, sehr viel Geld verdienen darf.

Wir haben ja in der Pflegeszene ein Riesenkontrastprogramm. Wir haben die, die offensichtlich nicht überleben können und wir haben die Heime an der Börse. Also Sie können ja in diesem System offensichtlich an der Börse Rendite machen."

Und zwar auf Kosten der Pflegekräfte, die das ausbeuterische Spiel andererseits auch viel zu oft kritiklos einfach mitspielten - und auf Kosten der Angehörigen, die sich ebenfalls viel zu oft von ihrer Verantwortung freikaufen wollten:

"Auch wenn ich meine Mutter, meinen Vater einer Einrichtung anvertraue, dann muss ich mich weiter kümmern. Also ich kenne Einrichtungen, da gehe ich um 17 Uhr ins Heim und ich betrete eine Aussegnungshalle, es sind alle im Bett, es ist niemand da. Einsamkeit, Trostlosigkeit zeichnet diese Heime aus."

Natürlich gebe es auch andere Beispiele: Heime, in denen sich Ehrenamtler engagieren, sich Angehörige kümmern und motivierte Pflegekräfte arbeiten, die für ein Klima sorgen, in denen sich die alten Menschen und die Angestellten wohlfühlen. Leicht zu finden ist solch ein Heim nicht.

Schweigen über die tatsächlichen Zustände

Durch den demographischen Wandel sind die Wartelisten überall lang, bis zu einem halben Jahr warten Betroffene auf einen Platz im Heim. Häufig wird dann zugegriffen, wenn sich die erste Möglichkeit bietet– und das bedeute oft schlechte Pflege für viel Geld, meint Claus Fussek:

"Das scheint in der Pflege Usus zu sein, weil, und jetzt kommen wir zur unbequemen Wahrheit, weil die Leute ausgeliefert sind, sie haben keine Alternative. Selbst wenn man ihnen sagt, dann nehmen Sie ihre Mutter eben aus dem Pflegeheim raus, dann sagen sie, ja wohin denn. Das ist das große Problem. Für viele Angehörige bedeutet die Realität, und ich bin selber ja auch pflegender Angehöriger: Je größer die Verzweiflung der Angehörigen, desto niedriger werden die Ansprüche."

Kaum ein Angehöriger will offen ein Pflegeheim oder das Personal kritisieren, weil befürchtet wird, dass die alten Eltern dann schlechter behandelt werden. Kaum eine Pflegekraft redet offen gegenüber Arbeitgeber oder Krankenkasse darüber, dass die penibel zu dokumentierende Arbeit oft gar nicht geschafft werden kann, aber trotzdem als erledigt dokumentiert wird.

Kaum ein Heimbetreiber möchte sich offen zu Personalsituation und Arbeitsklima äußern - selbst das ASB Heim in Senftenberg nicht, obwohl die Situation dort dank Betriebsrat und Tarifvertrag besser sein dürfte, als in vielen anderen Heimen. Um circa 120 Euro sind die monatlichen Heimkosten pro Bewohner nach Einführung des Tarifvertrags gestiegen, an Protest, ein "Jetzt reicht’s!" kann sich Betriebsrat Torsten Winkler nicht erinnern:

"Das haben hier eigentlich die wenigsten gesagt, zumindest von den Bewohnern nicht. Von den Angehörigen kam es vielleicht mal sporadisch. Aber ich hatte da mit mehr Widerstand gerechnet, wenn die Heimkosten erhöht werden. War aber nicht so. Ich denke, es hängt auch damit zusammen, dass die Leute wissen, dass wir eine harte Arbeit haben und man hat es ja auch so kommuniziert, dass das Geld für die Lohnerhöhung ist und dass wir das Geld einfach verdient haben, sage ich mal so, nicht nur kriegen, sondern auch verdienen."

Neue Pflegkräfte dringend gesucht

Dass mehr Geld den Job attraktiver macht - darüber gibt es kein Zweifel. Aber es führt noch lange nicht zu weniger Arbeit, mehr Zeit für die Bewohner und besserer Pflege. Denn die Zahl der Mitarbeiter richtet sich nach einem Schlüssel, dem Verhältnis von Personal zu Bewohnern und Patienten, - und der sei in jedem Bundesland unterschiedlich, sagt Winkler:

"Also man könnte mehr einstellen, das macht aber kaum jemand, weil es eben dann wieder nicht refinanziert wird. Und das ist das Problem. Generell so dieser Pflegeschlüssel, den wir haben, der ist zu gering in Deutschland. Ist so. Wenn man in skandinavische Länder guckt, dann ist das schon eine ganz andere Sache."

Wer hierzulande überhaupt das für die Anzahl der Bewohner vorgeschriebene Personal findet, kann sich bereits glücklich schätzen. In einem deutschen Altenpflegheim muss jeder zweite Mitarbeiter in der Pflege eine ausgebildete Fachkraft sein. Weil der Markt dafür quasi leergefegt ist, will Jens Spahn von der CDU diese Quote verringern. Fachkräfte und zukünftige Fachkräfte würden davon profitieren:

"Es macht einen Beruf nicht attraktiv, als Fachberuf, als qualifizierten Beruf, wenn man alle Tätigkeiten machen muss, auch diejenigen, die eigentlich auch Hilfskräfte, Betreuungskräfte machen könnten."

Egal welche Art von Kräften - es gibt sie aktuell nicht, und die meisten Heime sind chronisch unterbesetzt. Neue Pflegkräfte braucht das Land also dringend. Mit der konzertierten Aktion Pflege der Bundesregierung soll die Umschulung erleichtert und finanziell gefördert werden, die Ausbildung wird umgebaut und erweitert, verspricht die SPD-Bundesfamilienministerin Franziska Giffey:

"Wir werden ab dem kommenden Jahr eine neue Pflegeausbildung bekommen, die überall in Deutschland dafür sorgt, dass eben es kein Schulgeld mehr gibt, dass überall eine Ausbildungsvergütung gesichert wird, auch in einer Größenordnung wo Menschen sagen, ich kann mir das leisten, Pflegefachkraft zu werden."

Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales, Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, und Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister, treten gemeinsam im Laufschrit vor die Presse. (dpa / Britta Pedersen)Die zuständigen Mitglieder des Bundeskabinetts Hubertus Heil (SPD), Franziska Giffey (SPD) und Jens Spahn (CDU) (v. l. n. r.) (dpa / Britta Pedersen)

Neu ist dann allerdings auch, dass es keine extra Ausbildung mehr zum Alten- oder Kinderpfleger gibt, sondern nur noch eine generalisierte Pflegausbildung. Ein Problem, meint Christiane Panka vom Paritätischen Wohlfahrtsverband:

"Das heißt aber auch, dass die Schulen extra Zweige für Altenpflege und Kinderpflege einrichten müssen und es gibt da ja auch Tendenzen, dass einige meinen, ja gut, Altenpflege und Kinderpflege in dieser Form wird dann irgendwann aussterben."

"Erfolgserlebnis, wenn ein bettlägeriger Bewohner mobilisiert wird"

Weil die neu ausgebildeten Pfleger dann alle auch die Möglichkeit haben, im Krankenhaus zu arbeiten – und dort wird im Durchschnitt 500 Euro mehr bezahlt, als im Altenheim.

Doch bevor all die Maßnahmen greifen, müssen kurzfristig zusätzlich Pflegekräfte aus dem Ausland her, so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: "Das sind auch nicht Billigkräfte, ganz Europa ist momentan im Wettbewerb um Fachkräfte auch aus dem Ausland, und die kommen nur in die Länder, die tatsächlich auch gute Arbeitsbedingungen für sie bieten."

Im Wohnpark Lausitzer Seenland in Senftenberg kommen die Mitarbeiter immer noch fast ausschließlich aus der Umgebung, sagt Torsten Winkler. Das Heim sei in dieser Gegend ein attraktiver Arbeitgeber. Und er könne sich nicht vorstellen etwas anderes zu sein als Altenpfleger. Warum?

"Na weiß nicht, macht Spaß halt. Man hat immer wieder so kleine Erfolgserlebnisse, wenn ein bettlägeriger Bewohner mobilisiert wird, ist doch gut. Da ist Geld nicht nur das einzige, man muss für den Beruf auch geboren sein."

Jetzt muss er wieder arbeiten. Mit seinem kurzärmeligen roten Hemd und weißer Hose verschwindet er im Zimmer einer alten Dame. 15 Jahre hat er noch bis zur Rente. Für einen Platz im Pflegeheim hat er sich allerdings noch nicht angemeldet.

"Ich habe die Rentenbescheide mal mitgenommen, die letzten drei, die ich so bekommen habe und habe dann festgestellt, dass mit dem Gehalt, obwohl ich seit 28 Jahren in der Pflege bin, dass das gar nicht reichen würde, oder gerade so, um mir hier einen Heimplatz zu leisten, und da sind wir schon nicht das teuerste."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk