Mittwoch, 06. Juli 2022

Philipp Böhm: "Supermilch"
Fettberg trifft Sexbot

Vom Kanalreiniger zum Internet-Star: Philipp Böhm schickt seinen Helden Achill in die Untiefen der modernen Arbeitswelt, getreu dem Motto: Das moderne Leben ist Müll.

Von Jan Drees | 15.06.2022

Philipp Böhm: "Supermilch"
Philipp Böhm: "Supermilch" (Portraitfoto: Nane Diehl / Buchcover: Verbrecher Verlag)
In die stinkend-morastige Kanalisation ist der moderne Achill hinabgestiegen, um einen Berg aus Zivilisationsdreck zu begutachten.
„Es war das Öl, das literweise in die Abflüsse gegossen wurde, altes Öl, ehemaliges Frittierfett, ranzige Ströme, die nicht versiegen wollten. Irgendwo in den Schächten unter der Stadt trafen diese Ströme auf feuchtes Toilettenpapier und hinabgespülte Damenbinden, Material, das nicht zerfiiel, und fanden dort die Oberfläche, an der sie gerinnen konnten. Berge wuchsen langsam. Irgendwo blieb das Fett hängen und zog weitere Elemente an sich, immer mehr kleine Partikel verfiingen sich an der Oberfläche und wurden ins Innere der Masse gezogen, die sich erweiterte und heranwuchs. Achill hätte dieses Wachstum sehr gerne beobachtet, doch was er sah, war nur das Verschwinden.
Philipp Böhms Geschichte “Die Berge unter der Stadt“ stellt mit Achill einen Kanalreiniger vor, der zum Internetstar wird. Es kursiert ein Screenshot, herausgenommen aus einer Film-Dokumentation, die ihn, den Kanalreiniger vor längerer Zeit portraitierte. Bevor er in besagter Dokumentation den Hochdruckreiniger anwirft, dreht sich Achill noch einmal um, weist den Kameramann an zurückzutreten …– mit den Worten: „Weg vom Gebirge!“

Achill der Abfallwirtschaft

“Vielleicht waren es seine weit aufgerissenen Augen gewesen, seine glänzende Stirn oder der massive Fettberg im Hintergrund. Achills Bild hatte eine Reise begonnen, die 107 Kilobyte wurden vervielfältigt und verbreitet und er selbst wuchs zu einer Berühmtheit heran, warnte vor Sexbots und Clickbait-Seiten, vor ermüdenden Blockchain-Diskussionen und nachbearbeiteten Porträts, ohne dass er davon etwas erfuhr. Achill wurde zu einer namenlosen Berühmtheit, hatte einen eigenen Eintrag bei knowyour-meme.com und fuhr doch jeden Tag in den Vorort hinaus, wo keine Bäume an den Straßen wuchsen.”
Die Botschaft dieser sich immer weiter in den Kanälen der Realität und des Internets verästelnden Geschichte ist offensichtlich – hier wird mal wieder jemand zur Internetberühmtheit mit dem Müll, den er herzeigt. Fortan ist Achill, der Held mit dem Namen des größten Helden aller Zeiten, Zentralgestalt der ‚Ilias‘ nicht nur zuständig für die Reinigung des Abwasserkanals, sondern auch für die Bespielung – man könnte sagen – Verunreinigung – der vielen anderen Kanäle des World Wide Web. Sein Chef befiehlt ihm, die Anfragen der Podcaster und YouTuber*innen zu beantworten, er soll sich begeistert über seinen Job auslassen.

Krank durch Arbeit

„Modern life is rubbish“, das moderne Leben ist Müll, sang die Brit-Pop-Band Blur bereits 1993. Für die Figuren in Philipp Böhms Erzählungsband „Supermilch“ gilt dieser Satz auf beklagenswerte Weise. Gerahmt ist das Ensemble von zwei Geschichten, die augenscheinlich miteinander korrespondieren. In der ersten Erzählung „German Content Superstar“ verliert ein Werbetexter den Verstand. In der letzten Erzählung „Bei Pac-Man gewinnen“ sitzt ein verzweifelter Mensch – den man unweigerlich als eben jenen Werbetexter identifiziert, in einer Psychiatrie. Er erkrankt an den gegenwärtigen Verhältnissen, vor allem an seinem Arbeitsverhältnis. Im Lesezeit-Gespräch sagt Philipp Böhm:
“Ich finde spannend, dass zu einem Zeitpunkt – jetzt, wo die wenigstens Menschen die ich kenne zum Beispiel, auf wirklich sichere Zukunften blicken können, was ihr Arbeitsverhältnis angeht – dass genau in dieser Phase der gesellschaftlichen Entwicklung von denselben Menschen sowas wie eine absolute Identifikation gefordert wird. Also: Es reicht nicht, einfach nur seinen Job zu machen, sondern: man muss seine Leidenschaft einbringen, seine Kreativität – was dann so ein Wort ist, was so abgenutzt ist durch diesen Arbeitsweltjargon, dass ich es selbst eigentlich gar nicht mehr benutzen möchte. Es geht sozusagen darum, eins zu werden mit dem Job, die ganze Grenze zwischen Arbeit und Freizeit einzureißen. Ich habe da selbst so meine Erfahrungen gemacht, ich kenn so diverse Betriebe von innen und ich habe immer gesehen, dass dieses Bild, diese Bilder, die sind unglaublich wirkmächtig, diese Bilder müssen immer wieder aufs Neue beschworen werden, sie müssen immer wieder aufs Neue hergestellt werden, produziert werden, gelebt werden – von Menschen, die kreuzunglücklich werden in ihren Arbeitsverhältnissen und von denen trotzdem immer wieder verlangt wird zu behaupten, es sei ihr Traum, ihre Leidenschaft.“

Auch der Tod kann schön sein

Wie der vermeintliche Traum zum Alptraum werden kann, zeigen die “Supermilch”-Geschichten des Wahlberliners Philipp Böhm, der Menschen vorstellt, die sich kaum mehr spüren, die aufgefordert werden, sogar den Tod als etwas Schönes anzusehen die aufeinandergehetzt werden in einer Art und Weise, wie sie die Horrofilmreihe „The Purge“ oder die Netflix-Serie „Squid Game“ bereits zeigten. Am Ende wird Achill, der Kanalreiniger, inmitten des Morastes finden, was nicht nur er, sondern nahezu alle Menschen begehren – körperliche Nähe, Geborgenheit, Liebe – während der leise Pipeton seines Multiwarngeräts das Sinken des Sauerstoffgehalts im Schacht anzeigt. Kein Achill ohne Achillesferse: Die Sehnsucht nach Nähe hat den einsamen Fettjäger in den Rhizomen der Netzgesellschaft verwundbar gemacht.
Philipp Böhm: „Supermilch“
Verbrecher Verlag, Berlin. 180 Seiten, 22 Euro.