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StartseiteBüchermarkt"Die wenigen Geräusche"29.06.2020

Philippe Jaccottet wird 95"Die wenigen Geräusche"

Philippe Jaccottet gehört zu den wenigen lebenden Dichtern weltliterarischen Ranges – am morgigen Dienstag feiert er seinen 95. Geburtstag. Mit dem Band "Die wenigen Geräusche" legen Elisabeth Edl und Wolfgang Matz die Übersetzung von Jaccottets "Später Prosa und Gedichten" vor.

Von Christian Metz

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Philippe Jaccottet: "Die wenigen Geräusche" Späte Prosa und Gedichte. Zu sehen ist der Dichter und das Buchcover. (Foto: Gérard Khoury / Cover: Carl Hanser Verlag)
Der Dichter Philippe Jaccottet (Foto: Gérard Khoury / Cover: Carl Hanser Verlag)
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Die schlechte Nachricht zuerst: Wenn Sie eines Tages, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft Philippe Jaccottets Buch "Die wenigen Geräusche" zuschlagen werden, dann haben Sie kurz zuvor die letzten Zeilen gelesen, die der französischsprachige Autor veröffentlicht hat. Jaccottets Existenz als Dichter klingt mit dem Hinweis auf den "zu Ende gehenden Sommer" im Jahre 2009 aus. Im Alter von damals 84 Jahren bestimmte der Künstler diesen Endpunkt seines öffentlichen Schaffens selbst. Dieser Abschied ist als künstlerischer Akt hoch einzuschätzen.

Anders als die altersgelösten Vielschreiber, die zuerst keinen Punkt und schließlich nicht einmal mehr ein Komma zu finden scheinen, fokussiert Jaccottet streng und konzentriert auf "Die wenigen Geräusche", die ihm poesiewürdig erscheinen. Nehmen wir die Entscheidung des heute 94jährigen Jaccottet, den Rest Schweigen sein zu lassen, also ernst und zugleich zum Anlass uns noch einmal auf den Rhythmus von Jaccottets Sprache, von seinen Blicken, Sichtweisen und poetischen Denkweisen einzulassen. Begleiten wir ihn noch einmal auf einen seiner berühmten Spaziergänge, denn tatsächlich ist Jaccottet bis zum letzten Band hin ein Flaneur, der aber nicht durch die Schaufensterzeilen und Passagen der Großstadt, sondern mit höchster Sensibilität durch Naturlandschaften streift:

"Spaziergang bei Paulhiet, in einem außergewöhnlich durchsichtigen Februarlicht. Hohe Kastanien, viele von ihnen abgestorben, strohfarbene Schluchten, die Umrisse der Lance im Schatten..."

Farbenspiel aus Rotkehlchen und Veilchen

In wenigen Strichen zeichnet Jaccottet seine Landschaften auf das Weiß des Papiers. Ebenso sparsam wie sorgsam, in zärtlicher Exaktheit orchestriert er die einzelnen Sinneseindrücke zu epiphanischen Augenblicken. Hier ist es das "außergewöhnlich durchsichtige Februarlicht", das den Betrachter für einen Moment in eine Lichtkathedrale versetzt, deren Säulen die Stämme der hohen Kastanien bilden. Wobei die Betonung des Abgestorbenen wie Strohgelben den Bildeindruck umgehend erdet. Jaccottet durchwirkt die Erhebung zum Pathos, ja zum Sakralen stets mit einer irdenen, irdischen Nüchternheit und Relflexionsfähigkeit.

Exakt diese gezügelte Wahrnehmungsemphase aber bildet die Minimaleinheit von Jaccottets Erfahrungskunst. Wieder und wieder beschwört er sie herauf: mal ist es ein Bund Veilchen, der überrascht. Mal ein Rotkehlchen, das alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, mal ein Farbenspiel, das zum Diaphanen neigend, für einen Nu des Augenblicks Wesentliches in sich zu bergen scheint. In diese Ästhetik des Flüchtigen und des sich Verflüchtigenden waren die Vergänglichkeit und der Ausklang stets eingeschrieben. Sie bekommen angesichts des letzten Bandes dieses Autors nur noch einmal eine dringlichere Konnotation.

Die Klarheit des Unbestimmten

Zwischen der plötzlichen Klarheit der Kontur und des steten Verschwindens eröffnet sich bei Jaccottet ein Zwischenreich, auf das sich seine sinnliche Wahrnehmung und mit ihr sein sprachliches Vermögen fokussieren. Die Aufgabe des Dichters und der Poesie besteht darin, diesen Schwellenraum scharf zu stellen. Der Poesie erscheint daher die Natur:

"Als ließe man einen letzten Ton erklingen, pianissimo, jedoch vollkommen klar, kristallin? Man müsste diese Farben also in der Schwebe sehen wie Töne, klar, obwohl an der Grenze zum Verklingen und, wenn auch eher dunkel, durchsichtig? Wie ein Vogel, der seine Flügel zeigte in der Sekunde, das er unserem Blick entflieht?"

Wach, sanft, zärtlich, seinen Zuhörern zugewandt, mit leiser Stimme, zerbrechlich, aber doch auch wissend, klug und kundig führen Jaccottets Texte die Blicke ihrer lesenden Begleiter*innen. Diese Art, sich seinen Lesern anzunehmen, prägt die Spaziergänge durch die literarische Landschaft. Sie bestimmt zugleich auch Jaccottets Streifzüge durch die Literatur.

Flieder in der Sonne

In dem Zyklus "Doch ein paar Seiten noch, gelesen" präsentiert er Lektüreeindrücke von Handke und Saigyô, von Senancour und Leopardi. Bevor er sich zuletzt – erneut spielt das Ausklingen des Literarischen die bestimmende Rolle – über Kafkas letzte Tagebuch-Einträge beugt. Auch dort macht Jaccottet mit sicherem Blick das unscheinbar Außergewöhnliche, das verletzlich Schöne aus, das den Betrachter erst seiner Selbst gewiss werden lässt. Kafka nämlich paar den Vorsatz, sich zuletzt den Pfingstrosen und dem Flieder annehmen zu wollen, mit der Sorge um die nackten Füße seiner Haushälterin:

"Besonders möchte ich mich der Pfingstrosen annehmen, weil sie so gebrechlich sind.
Und Flieder in der Sonne. [...]
Sehen Sie den Flieder, frischer als ein Morgen.
Dem Mädchen muß man von dem Glas sagen, sie kommt manchmal bloßfüßig."

Jaccottet lesen, heißt für einen Augenblick mit seinen Augen die Welt betrachten zu dürfen. Und so Erfahrungen der Zerbrechlichkeit – von Blüte, Glas und Mädchenfuß – als stille, große Momente des Lebens sichtbar werden zu lassen. Bis zum letzten publizierten Wort, das seinerseits ein erlesenes Wort ist, besteht darin seine poetische Kunst.

Es könnten Idyllen sein – fast

Ein Schlüsselwort in dieser Welt ist das unscheinbare "fast". Jaccottet setzt es in "Die letzten Geräusche" an den unterschiedlichsten, aber doch entscheidenden Stellen:

"Oktober. Goldene Blätter steigen empor in den klaren Himmel; fast hörte man das Klingeln dieser goldenen Blätter über den Gärten."

Fast könnte sich das Aufwehen der Herbstblätter zum akustischen Eindruck des Klingelns verdichten, aber im letzten Moment bleibt dieses Klingen doch unter der Wahrnehmungsschwelle. Und kann doch, während man die Zeilen liest, gehört werden. Dieses Hörbarmachen des Unhörbaren kann nur die Schrift, den Bildkünsten in diesem speziellen Fall weit überlegen. Zugleich schafft dieser winzige Schritt zurück hinter den direkt wahrnehmbaren Klang, eine minimale Distanz, einen Raum des Beinahe. Dies ist der Machtbereich des "Fast", der Jaccottet fasziniert. In einer Überlegung etwa, ob er einem bestimmten Satz von Thoreau bedingungslos zuzustimmen solle, bekommt dieses Jaccotettsche "Fast" seinen prominentesten Auftritt. Der Dichter resümiert:

"Das ist eine Weisheit, der ich fast ohne Vorbehalte zustimmen würde."

Um dann in einer eigenen Fußnote auszuführen:

"Warum dieses ,fast’, dieses vorsichtige Wort, das bei mir einen fast (schon wieder) automatischen Gebrauch bekommen hat? Mein Vorbehalt bestünde darin, dass die Bejahung zu ,schön’ sein könnte, die Verkündigung zu gewiss; und dies gerade im Verhältnis zur ,Wirklichkeit’ der gelebten Erfahrung. Wer weiß, ob wir diesem Gelübde gewachsen sein werden? Das Gelübde jedoch mache ich mir zu eigen."

Der Hund mit der schwarzen Schnauze

In diesem Plädoyer für den Vorbehalt, nicht wider, sondern für das zu Schöne, das eben nicht in der kopflosen Bejahung besteht, liegt Jaccottets Poetik in nuce geborgen: Auf den Pfaden des Fast, in denen Leben und Tod nur einen Twist of Fade voneinander getrennt liegen, zeigt Jaccottet die Fadenspiele auf, die Natur und Kultur verbinden.

Werfen wir von diesen Detailbeobachtungen aus zuletzt noch einen Blick auf die Gesamtkomposition. "Trotz alledem" lautet der Titel des ersten von insgesamt vier in diesem Band vorliegenden Zyklen. Wem oder was zum Trotz wird hier gedichtet? Der Eröffnungstext dieses Bandes nimmt diese Frage auf, indem er von einem Traum berichtet. In diesem Traum sei dem Autor der Titel "Vor diesem Gott mit dem schwarzen Hundemaul" eingegeben worden. Dankbar nimmt der Dichter diese nächtliche Gabe an. Er verwirft sie aber nach einer zweiten Nacht wieder, da in dieser Nacht statt einer gottnahen Atmosphäre nur irdische Schwärze geherrscht habe.

Halten wir – da wir Jaccottets Poesie der Verneinung nun kennen – dennoch einen Moment an dem Titel fest: denn tatsächlich gibt es einen altägyptischen Gott mit einem schwarzen Hundemaul: Anubis. Von diesem Anubis wird erzählt, er habe die Einzelstücke des Osiris, die über die Welt zerstreut lagen, zuerst zusammengesucht und dann auch wieder zusammengesetzt. Dieser Kult der Zerstückelung seinerseits ist seit Euripides "Backchen" und später Ovids "Metamorphosen" auf engste mit der Literatur verknüpft. Die so genannte "disiectio membrorum" bildet eine Leitidee moderner Lyrik. Sie hat von T.S. Eliot bis zu Thomas Kling enorme Wirkung gezeitigt.

Weithin verstreute Schönheit

Die Schönheit der Welt liegt demnach nur noch in Bruchstücken und Trümmern vor. Nah verwandt zum Religiösen ist nun die Aufgabe des Dichters, diese Einzelstücke im Zuge seiner poetischen Rede zusammenzusuchen und neu zu verbinden. Darin besteht auch die selbstgestellte Aufgabe des Dichters und Spaziergängers Phillippe Jaccottet. "Die Veilchen" erscheinen ihm als:

"Weithin verstreute Schönheit."

Die zarten Ackerwinden am Wegrand wiederum sind:

"nichts als leise Nachrichten vom Morgenrot, ausgestreut zu unseren Füßen.
Nichts als Kindermünder, die ,Morgenrot’ sagen, ganz dicht am Boden."

Und das leuchtende Orange-blau des im Vorbeigehen erspähten Eisvogels bildet:

"gleißende Bruchstücke der Welt, entzündet hier oder da"

Ein schriftgewordenes Zwischenreich

Anubisgleich ist die Aufgabe des Dichters angesichts der vereinzelten Schönheiten dieser Welt. Daher muss er sich mit aller Sinnenkraft in die Feinheiten kleinster Geräusche und Eindrücke, in die Welt des "Fast" begeben können, um sie sprachlich präzise zu fassen. Weil es hier nach Jaccottets emphatischemn Poesieverständnis um nichts weniger als um die Wahrheit der Welt geht, darf keinen Aufschub, keine Minigramm eigener Schwäche, kein noch so kleines Nachlassen der Wahrnehmungsfähigkeit die Klarheit dieser Botschaft trüben.

Aus diesem Grund bilden "Die wenigen Geräusche", auf die sich Jaccottet im Jahr 2009 noch einmal mit allen seinen Kräften besinnt, den Ausklang seines öffentlichen Schreibens. Was für eine bewundernswerte Stärke, diese Entscheidung zu fällen und uns seinen Lesern sein schriftgewordenes Zwischenreich zu überlassen.

Philippe Jaccottet: "Die wenigen Geräusche".
Carl Hanser Verlag, München. 162 Seiten, 23 Euro.

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