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StartseiteWirtschaft am Mittag"Es geht um einfache Dinge wie geregelten Urlaub"12.09.2018

Pilotengewerkschaft zum Streik bei Ryanair"Es geht um einfache Dinge wie geregelten Urlaub"

Piloten und Flugbegleiter der Billig-Fluglinie Ryanair streiken erstmals gemeinsam. Dabei gehe es nicht nur um Fragen der Vergütung, sagte Markus Wahl von der Vereinigung Cockpit im Dlf, sondern um selbstverständliche Dinge wie geregelten Urlaub und den Schutz vor Kündigung oder Strafversetzung.

Markus Wahl im Gespräch mit Silke Hahne

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Mitarbeiter der Fluglinie Ryanair stehen während eines 24 Stunden dauernden Warnstreiks mit Masken des Vorstandsvorsitzender von Ryanair, Michael O'Leary, im Flughafen. Die Gewerkschaften Cockpit und Verdi hatten zu dem Warnstreik aufgerufen. (dpa/Silas Stein)
Mitarbeiter streiken mit Masken des Ryanair-Chefs Michael O'Leary. (dpa/Silas Stein)
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Saures für Michael O'Leary: Mitarbeiter der Billig-Airline Ryanair haben heute bei einer Protest-Aktion am Frankfurter Flughafen Zitronen verteilt. Als kleiner Wink an ihren Chef - er solle aufhören, sie auszupressen, forderten sie auf Plakaten. Zum ersten Mal haben sich jetzt Piloten und Flugbegleiter zusammen bei diesem Streik zusammen getan. Über die Forderungen der Piloten nun ein Gespräch mit Markus Wahl, Vizepräsident der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit.

Silke Hahne: Ryanair hat Angebote für Entgelt und lokale Verträge gemacht - warum reicht das nicht?

Markus Wahl: Bei den Entgeltangeboten muss man sagen, das ist ja was gewesen, was Anfang des Jahres aufgrund einer freiwilligen Leistung geschehen ist. Das hat mit unseren Verhandlungen überhaupt nichts zu tun. Und auch diese zum Beispiel deutschen Verträge, dass sie die angeboten haben, das ist zwar schön, das ist auch begrüßenswert, aber das zeigt, wie Ryanair funktioniert. Die sagen, wir haben tolle Sachen angeboten. Nur ist das überhaupt nicht das, worum gestreikt wird. Gestreikt wird um ganz andere Dinge.

"Selbstverständliche Dinge - nicht bei Ryanair"

Hahne: Nämlich?

Wahl: Zum einen geht es natürlich um die Vergütungsstruktur. Es geht nicht um die Höhe der Vergütung, sondern um die Struktur, um den Unterschied zwischen variablen Gehaltsanteilen und festen Anteilen. Aber viel wichtiger: Es geht um Rahmenbedingungen, um Arbeitsbedingungen. Da geht es um so einfache Dinge wie geregelten Urlaub oder einen Kündigungsschutz oder den Schutz davor, dass Ryanair die Piloten von heute auf morgen quer durch Europa versetzen kann und dann sagen kann, ab morgen arbeitest du für den Rest deiner Arbeitszeit jahrelang dort. Und das sind Dinge, die sind eigentlich selbstverständlich, bei Ryanair allerdings nicht.

Hahne: Jetzt kommt ja erst Bewegung in die Sache, seit Sie sich mit anderen europäischen Gewerkschaften zusammentun und jetzt erstmals auch mit Verdi. Kommt man alleine da nicht weit? Muss man sich mit anderen zusammentun, um gegen dieses doch recht streikresistente Unternehmen anzukommen?

Wahl: Anders herum wird, glaube ich, ein Schuh daraus. Ich glaube, wenn man sieht, dass es nicht nur die deutschen Piloten sind, sondern dass es auch bei europäischen Piloten zum Streik gekommen ist, dass es jetzt bei europäischen Flugbegleitern und jetzt auch bei den Flugbegleitern in Deutschland zum Streik kommt, sieht man sehr deutlich, dass ganz offensichtlich die schlechten Bedingungen bei Ryanair zum System Ryanair dazugehören, und das kann ja irgendwo nicht sein.

"Es wird über kurz oder lang Tarifverträge geben"

Hahne: Muss Ryanair verhandeln, um nicht einerseits alle seine Fachkräfte zu verlieren, will aber nicht wirklich eine Veränderung andererseits? Ist das aus Ihrer Sicht so zutreffend formuliert?

Wahl: Am Tarif-Tisch haben wir relativ schnell gesehen, dass am liebsten Ryanair die aktuellen Bedingungen nehmen würde, da Tarifvertrag drüberschreibt, und dann wäre die Sache mit diesen lästigen Gewerkschaften endlich geregelt. Dass das natürlich mit der Wirklichkeit nicht ganz zu vereinbaren ist, scheint mir irgendwie selbstverständlich. Aber auf der anderen Seite glaube ich auch, dass aufgrund der wahnsinnig schlechten Bedingungen und dem Zusammenschluss der Angestellten hier ein Stein ins Rollen geraten ist, den Ryanair nicht mehr aufhalten kann. Es wird über kurz oder lang Tarifverträge bei Ryanair geben.

Hahne: Ist Ryanair dann  noch wirtschaftlich?

Wahl: Oh ja. Natürlich ist Ryanair dann noch wirtschaftlich. Es heißt ja nicht, nur weil man Tarifverträge hat und weil man seine Angestellten vernünftig behandelt, dass man deswegen kein Geld mehr verdienen kann, und die Streiks richten sich auch ausdrücklich nicht gegen das Geschäftsmodell von Ryanair, sondern nur gegen die Anstellungsbedingungen bei Ryanair. Dass das im Low-Cost-, im Billig-Airline-Bereich funktioniert, zeigt übrigens Easyjet, ein toller Arbeitgeber. Es gibt Tarifverträge, die Bezahlung ist hervorragend, und trotzdem verdient das Unternehmen Geld.

700 Piloten haben Ryanair verlassen

Hahne: Ryanair behauptet aber, dass sie bei Eurowings zum Beispiel auch schlechtere Bezahlung schon hingenommen hätten. Was sagen Sie denn darauf?

Wahl: Es wird immer Airlines geben, die schon allein, wenn man das Monetäre betrachtet, schlechter sind als andere. Da gibt es bestimmt auch bei Ryanair Konkurrenten, wo die reine Bezahlung schlechter ist. Aber ein Arbeitsverhältnis besteht ja nicht nur aus der Bezahlung; da kommen noch ganz viele andere Dinge dazu wie ein einfacher Kündigungsschutz, Rentenansprüche. All so was ist bei allen anderen Airlines besser, nur bei Ryanair nicht. Das sieht man übrigens daran, dass 700 Piloten im vergangenen Jahr das Unternehmen verlassen haben. Wenn das denn so toll wäre bei Ryanair, wie das dargestellt wird, wäre das wohl nicht der Fall.

Hahne: Davor, dass die Maschinen nach Polen verlegt werden und Arbeitsplätze letztlich in Deutschland vernichtet werden, vor dieser Drohung von Ryanair haben Sie keine Angst?

Wahl: Dass die Drohung an sich ausgesprochen worden ist, finde ich, zeigt ziemlich deutlich, wie man bei Ryanair denn gedenkt, mit seinen Mitarbeitern umzugehen. Man erzeugt Druck, man erzeugt Angst, man sagt: Wenn du nicht spurst, dann nehme ich dir deinen Arbeitsplatz weg - und so geht man mit den Mitarbeitern um.

Dauerhaft von Frankfurt-Hahn nach Polen versetzt

Hahne: Gibt es da belegbare Fälle, wo Piloten konkret unter Druck gesetzt wurden?

Wahl: Wenn man sich mit Ryanair-Piloten unterhält, dann fallen jedem mindestens drei bis vier Kollegen ein, die es mal gewagt haben, beim Management vorzusprechen und daraufhin einmal von zum Beispiel Frankfurt-Hahn nach Polen versetzt worden sind - und zwar nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft. Die hatten dann eine Woche Zeit zum Umziehen. Wie sie das machen, war deren Problem. Von nun an fand der Arbeitsplatz in Polen statt, oder alternativ kam die Kündigung ins Haus. Und es ging auch so weit, dass ein Mitglied der europäischen und der deutschen Tarifkommission nach, sage ich mal, einem wahnsinnig aufgeblasenen Fall gleich entlassen worden ist, nur weil er Mitglied der Tarifkommission war. Zumindest legen das Vermutungen nahe. Und da muss man sagen, das sind einfach Dinge, die gehören sich im Angestellten-Arbeitgeber-Verhältnis nicht.

Hahne: Was glauben Sie denn, wie geht es jetzt weiter? Was ist Ihre Hoffnung? Meinen Sie, da kommt es noch zu einer Einigung, oder geht das mit den Streiks jetzt bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag so weiter zwischen Ihnen und Ryanair?

Wahl: Es sind ja keine Streiks. Es ist immer das Ziel, den anderen an den Verhandlungstisch zurückzuholen. Und ich glaube, das ist auch die Zukunft. Es gibt im Prinzip zwei Möglichkeiten. Zum einen: Es gibt endlich mal ein verhandlungsfähiges Angebot, das sich auch mit den Problemen auseinandersetzt, die die Ryanair-Piloten wirklich haben. Oder auf der anderen Seite - das haben wir ja schon angeboten - finden wir den Weg zu einer gemeinsamen Schlichtung mit einem Schlichter, der uns beiden genehm ist, mit Themen und Spielregeln, auf die sich beide Seiten einigen, und das muss das Ziel sein. Sollte sich Ryanair natürlich dem weiterhin verweigern und nur von rechts nach links springen, statt mal einen Schritt vorwärts zu tun, dann kann es durchaus zu weiteren Streiks kommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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