Können wir den Liberalismus lieben lernen?
Politik der Bescheidenheit

Wer behauptet nicht von sich, liberal zu sein? Trotzdem vegetiert die Partei, die den Liberalismus für sich reklamiert, vor den Toren der Parlamente dahin. Die Freien Demokraten erleben nicht nur Desinteresse, sondern brüske Ablehnung.

Von Leander Steinkopf |
Scrabble-Buchstaben auf pinkem Untergrund bilden das Wort Liberalismus - zwischen dem I und dem B scheint sich ein E dazwischendrängeln zu wollen, das Wort Liebe wird angedeutet.
Ist der Liberalismus liebens-würdig? (Anna Panknin)
Es lohnt sich, das Paradoxon genauer zu betrachten: die Liebe zum Liberalismus bei gleichzeitiger Ablehnung der Liberalen. Die verbreitete Aversion gegenüber der FDP liegt vermutlich in der Art begründet, wie Liberalismus in Deutschland erklärt und verkörpert wird. Beim Stichwort Liberalismus denkt man an röhrende Sportwagen, blinkende Luxusuhren, Steuerentlastungen für niedergelassene Zahnärzte und die Lichthupe auf der linken Spur.
Dabei ließe sich Liberalismus so interpretieren, dass er deutsche Empfindlichkeiten nicht reizt – als Politik der Bescheidenheit, die Demut vor jedem einzelnen Menschen zeigt, die Grenzen des eigenen Wissens anerkennt und die Erfolgreichen zur Dankbarkeit ermahnt.Bescheidenheit wäre freilich nicht nur eine Tugend für Liberale, sondern für alle Parteien und Politiker, die in einer zunehmend komplexen Welt kluge Politik gestalten wollen.
Leander Steinkopf schreibt Essays, Erzählungen und politische Reden. Er ist promovierter Psychologe sowie Autor und Herausgeber mehrerer Bücher. Kürzere Texte erscheinen in „Merkur“, „Sinn und Form“ und in den Feuilletons großer Tageszeitungen. Nach Stationen in Mannheim, Berlin, Sarajevo und Plovdiv lebt er mit seiner Familie in München. Zuletzt erschien sein Sachbuch „Der Reiz des Verbotenen: Über die Freiheit jenseits des Erlaubten“ im zu Klampen Verlag.

Als ich im Jahr 2015 nach München zog, in die heruntergekommenste Hinterhofwohnung des teuersten Stadtteils, erwarteten mich auf jedem Spaziergang sehr gelbe Plakate mit Farbakzenten in Türkis und Magenta. Die FDP warb für ihren offenen Stammtisch. In der neuen Stadt noch ohne Bekanntschaften schaute ich genauer hin.
Dem Klischee nach hätte man einen FDP-Stammtisch in einem Schickeria-Schuppen verortet, vielleicht im Schumann’s, im Tambosi oder in der Reitschule. Stattdessen hatten die Münchner Liberalen sich aber für den Hirschgarten entschieden, einen der egalitärsten Orte Münchens, namentlich der größte Biergarten der Welt, wo man nach altem Brauchtum den Platz frei wählen und sein Essen selbst mitbringen kann. Nur das Bier muss man vor Ort kaufen und steht dabei mit allen gesellschaftlichen Schichten in derselben Warteschlange, denn der Hirschgarten ist ein Sehnsuchtsort für die Villenbesitzer Bogenhausens genauso wie für die Blockbewohner von Neuperlach. Mir gefiel dieser Bruch mit der Erwartung und so entschied ich mich hinzugehen.
Es war ein sonniger Tag und ich durchkämmte die gut besetzten Biertischreihen mit ihren 8.000 Plätzen nach dem Tischlein Freie Demokraten, das auf den Plakaten angekündigt war. Irgendwo musste doch ein FDP-Fähnchen zu sehen sein, das die Liberalen zu erkennen gegeben hätte, vielleicht auch ein Westerwelle-Wimpel oder zumindest eine Genscher-Büste, aber es war nichts zu finden. Dann sah ich auf einem Tisch etwas Gelbes – aber das war eine Sonnenblume. Hatte ich mich im Datum geirrt?
Bevor ich aufgab, warf ich noch einen Blick in den sogenannten Bedienbereich. An den Biergarten angrenzend ist man dort nicht Teil des Biergartens, sondern Gast eines Restaurants. All die egalitären Regeln des Biergartens, das mitgebrachte Essen, die Selbstbedienung, das gemeinsame Warten vor den Schankbuden, all das galt hier nicht. Und hier entdeckte ich die FDP. Die Damen trugen Perlenohrring und Seidenhalstuch, die jungen Männer hatten sich den Kaschmirpullover über die Schultern gehängt, die reiferen Herren drapierten ihren schweren Autoschlüssel vor sich auf dem Tisch. Ich drehte gleich wieder um.
Das Problem waren nicht die anwesenden Freien Demokraten, sondern mein eigener Minderwertigkeitskomplex. Mit Sicherheit wäre ich herzlich aufgenommen worden, hätte ich mich mit meiner einfachen Kleidung und meiner komplizierten Lebenslage nur unter diese erfolgreichen, ordentlichen, souveränen Menschen getraut. Ich war es, der sich gedrückt hat.
Weshalb ich dieses Erlebnis hier trotzdem berichte, ist, weil es eine zentrale Ambivalenz ausdrückt, die dem Liberalismus hierzulande innewohnt. Eigentlich ist doch der Biergarten der Ort, der sich nach Liberalität anfühlt. Hier trinken alle das Bier, was ihnen schmeckt, hier bringt jeder mit, was ihm gefällt, hier kann sich jeder den Besuch leisten, hier stehen alle in derselben Schlange, niemand steht über dem anderen. Man darf sich dazusetzen, wenn an einem Tisch noch Plätze frei sind. Und schließlich darf an diesen Tischen über alles geredet werden, anstehende Scheidungen, geplante Übernahmeprojekte, künstlerische Vorhaben. Politischer Dissens kann hier genauso ausgetragen werden wie schwelender Familienzwist. Sogar sich mit Rat oder Fragen in das Gespräch der Tischnachbarn mischen, nirgends ist es akzeptierter. Und so wie das Brummen des Biergartens an einem Sommerabend Selbstentfaltung in der Massengesellschaft verheißt, so könnte doch auch Liberalismus nach Lebensfreude klingen, nach verbrüdernder Gleichheit der Möglichkeiten für alle, nach freier Rede und aufregendem Gespräch, nach der Herzlichkeit, die darin liegt, andere Menschen in ihrer Individualität willkommen zu heißen.
Und wem dieses Biergartenbild zu bajuwarisch ist, dem sei gesagt, dass ich ja auch nur „Zugroaster“ bin. Es ist nicht anders als bei den Menschen, die sich in Mannheim oder Mainz mit einer Flasche Weißwein ein Plätzchen am Rhein suchen. Genauso könnte es sich zutragen an den Stehtischen vor einer Alt-Kneipe in Düsseldorf oder auf dem Gehsteig sitzend vor einem Berliner Späti. Ebenso tauglich ist die ländliche Grillhütte, die man für das Klassenfest mietet, bei dem Eltern mit unterschiedlichsten Salaten, Kuchen und Meinungen zusammenkommen. Hier findet man den selbstbestimmten Genuss, die Entfaltung der Persönlichkeit, die Gleichheit der Möglichkeiten und die Freiheit des Ausdrucks und des Austauschs, die das Lebensgefühl der Liberalität ausmacht.
Aber die FDP? Hat eine Tischreservierung im Bedienbereich.
Der Liberalismus in Deutschland scheint eine Politik zu sein für jene, die es geschafft haben. Ihm haftet ein Überlegenheitsgefühl an. Er wirkt elitär, nicht demütig. Mitunter kommt diese Ambivalenz so grell und übereindeutig zum Vorschein, dass man es kaum glauben kann, etwa in der Figur des ehemaligen Parteivorsitzenden Christian Lindner, der in seinen Reden stets die Chancengleichheit betont, die individuelle Selbstentfaltung und die offenen Aufstiegsmöglichkeiten für jene, die aus einfachen Verhältnissen kommen, gleichzeitig trägt er Rolex, fährt Porsche, heiratet auf Sylt und gefällt sich in der Rolle als Feindbild der Linken.
Gegen diesen Lebensstil – und gegen den sozialen Aufstieg, den Lindner sich erarbeitet hat – wird kein freiheitlicher Mensch Einspruch erheben. Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden. Aber man muss feststellen, dass diese äußeren Merkmale der elitären Distinktion die eigentlich egalitären Botschaften überstrahlen. Wer mit der Rolex am Handgelenk den Weg aus der Armut weist, wird in Deutschland mit Augenrollen betrachtet. Eine Überzeugung wie der Liberalismus, die wie keine andere das Individuum achtet, wird dann als anmaßend wahrgenommen. Für viele Deutsche klingt Liberalismus nicht nach Freiheit für alle, sondern nach dem Vorrecht des Stärkeren. Diesen Ruf hat die FDP auf ihren Plätzen im Bedienbereich erworben.
Der höchste Wert des Liberalismus ist die individuelle Freiheit, aber trotzdem scheint der Mensch in den Narrativen der Freien Demokraten kaum eine Rolle zu spielen. Da geht es um Steuersenkungen, Bürokratieabbau oder Technologieoffenheit, nie um die Einzelnen, die frei entscheiden, Ideen verwirklichen und Träume verfolgen wollen. Der Durchschnittsbürger auf der Straße, nach dem Liberalismus gefragt, würde doch antworten: „Das ist irgendwas mit Wirtschaft, oder?“
Eine freiheitliche Partei hat es natürlich schwer in einem Land, in dem man dem Staat tief vertraut, in dem das Individuum nicht auffallen will und wo im Sonntagskrimi der Unternehmer meist der Mörder ist. Aber könnte es sich der Liberalismus nicht selbst einfacher machen, wenn er, statt munter auf alle Triggerpunkte der deutschen Seele zu drücken, einen kommunikativen Weg einschlägt, der sich mehr an den emotionalen Bedürfnissen der hiesigen Kultur orientiert?
Ich hätte niemals gedacht, dass ich einer Partei beitreten würde, aber am Tag nach der Wahl war es so weit. Damals, im Jahr 2013, lebte ich als Forschungsstipendiat für ein knappes Jahr in Sarajevo. Die Wahlberichterstattung schaute ich mir in der deutschen Botschaft an. Es war ein spannender Abend. Angela Merkel kratzte mit der Union an der absoluten Mehrheit. Die AfD verfehlte knapp den Einzug ins Parlament. Die FDP flog raus. Eben noch Teil der schwarz-gelben Regierung, verloren die Liberalen fast zehn Prozentpunkte und gingen in die außerparlamentarische Opposition. Am nächsten Tag stellte ich den Mitgliedsantrag. Für die Monate, die folgten, war ich wohl das einzige FDP-Mitglied in Bosnien und Herzegowina.
Warum bin ich damals der FDP beigetreten? Die Geschichte, die ich mir selbst und anderen erzählte, ging so: Ich bin ein Liberaler, zwar tauge ich nicht fürs Parteileben, aber ich wähle natürlich die liberale Partei. Als diese aus dem Parlament flog, wollte ich etwas tun. Und das mindeste, was ich tun konnte, war beizutreten. So wurde ich Mitglied der FDP. Der Beitritt sollte mein kleiner Beitrag sein, zum Fortbestand des Liberalismus in Deutschland.
Aber ich glaube, es gibt noch eine zweite Geschichte hinter meinem Parteibeitritt. Bei Fußballweltmeisterschaften ist es so, dass desto mehr Trikots verkauft werden, je näher eine Mannschaft dem Finale rückt. Erfolg macht attraktiv. Mein Gefühl der FDP gegenüber war umgekehrt: Als sie mit Rekordwahlergebnis im Bundestag vertreten war, hatte ich kein Bedürfnis beizutreten. Erst als sie geschlagen, schwach und am Boden war, füllte ich den Antrag aus. Je breitbeiniger sich die FDP hinsetzte, desto weiter rückte ich weg. Unter der Fünf-Prozent-Hürde angekommen, wurde sie nahbar. Als die Liberalen Loser wurden, da gewann ich sie lieb.
Und ich glaube, dass dort unten, in der Demut angelangt, die Wahrheit des Liberalismus liegt. Natürlich nicht die endgültige Wahrheit, denn diese gefunden zu haben, würde meinem Argument widersprechen. Die Essenz des Liberalismus liegt gerade darin anzuerkennen, dass man weniger weiß. Wo Anhänger anderer politischer Richtungen lautstark glauben, den Durchblick zu haben, ist die wahrhaft Liberale auffallend still. Grüne mögen auf die Straße gehen, weil sie glauben, die Energieversorgung der Zukunft schon heute zu kennen. Linke und Sozialdemokraten mögen demonstrieren, weil sie glauben zu wissen, was die sozial Schwachen weiterbringt. Und Konservative mögen dafür protestieren, dass wir keine Veränderung brauchen, eventuell zu besseren Zeiten zurückkehren sollten. Und was steht beim Demonstrationszug der Liberalen auf den Transparenten? Eigentlich müsste dort stehen: „Ich weiß es nicht!“ Und wenn sich dann die Demonstrationszüge kreuzen, Liberale auf Grüne treffen, Liberale auf Sozialdemokraten und Linke, Liberale auf Konservative und Reaktionäre, dann müssten die Liberalen skandieren: „Wir haben Fragen! Wir haben Fragen!“
Die Nobelpreisrede des großen Liberalen Friedrich von Hayek trug den Titel „Die Anmaßung von Wissen“. Das war als Vorwurf an die Politik gemeint. Liberalismus will das Gegenteil davon sein. Und was ist das Gegenteil von Anmaßung? Bescheidenheit. Was ist das Gegenteil der Anmaßung von Wissen? Intellektuelle Demut. Jeder Aspekt des Liberalismus hat etwas damit zu tun.
Vielen klingt „Markt“ nach dem Gehege, in dem das Raubtier Kapitalismus von der Kette gelassen wird. Dabei ist der Markt gerade der Ort, wo freie Menschen in Erscheinung treten. Überall, wo Menschen die freie Wahl haben, entsteht irgendeine Art von Markt: ein Wohnungsmarkt, ein Partnermarkt, ein Arbeitsmarkt. Natürlich geht diese freie Wahl in beide Richtungen: Der Vermieter möchte lieber luxuriös sanieren statt günstig zu vermieten, das Date antwortet am nächsten Tag nicht mehr und der Traumarbeitgeber zieht in ein Niedriglohnland. Was den Wohnungs- und Arbeitsmarkt angeht, verlangt die aktuelle Lage natürlich kluge staatliche Regulierung. Trotzdem:  Ohne Partnermarkt wären unsere Beziehungen vorbestimmt, ohne Wohnungsmarkt keine Freizügigkeit, ohne Arbeitsmarkt keine freie Berufswahl. Jeder soll selbst entscheiden, wen er liebt, wo er lebt und was er arbeitet. Oder auf welches Brot er beim Bäcker deutet. Die liberale Bescheidenheit liegt darin, auf Menschen zu vertrauen, die es selbst am besten wissen. Und so entsteht aus den Einzelhandlungen freier Individuen zusammengenommen – ein Markt.
Aber der Markt ist nicht nur Summe und Ergebnis freier Handlungen, er ist auch das Werkzeug, um das Wissen der Menschen zu mobilisieren. Man könnte gesetzlich festlegen, womöglich sogar per demokratischer Mehrheitsentscheidung, welche Firma die Einwohner Deutschlands mit welcher Ware versorgt. Die bescheidene Alternative: Man überlässt die Waren dem Markt, also den Menschen. Jeder, der glaubt, etwas Gutes zu machen, kann versuchen, ob er Abnehmer findet. Und das gängige Angebot betrachtend, kann jede ihr Urteil fällen, ob sie eine gewisse Art Ware billiger oder besser anbieten kann, oder ob es womöglich Lücken im Angebot gibt, die sie füllen könnte. „Der Markt regelt das“ will eigentlich sagen: Die Menschen regeln das. Energie, Fortbewegungsmittel, Rechenleistung oder Pflegedienste – warum sollten einige wenige Politiker in der Hauptstadt sich in diesen Bereichen besser auskennen als die Millionen Menschen mit ihren jeweiligen Ausbildungen und Erfahrungen? Aufgabe einer guten Politik ist nicht alles zu wissen, vielmehr das in der Bevölkerung verteilte Wissen nutzbar zu machen und dann demütig zuzuschauen, wie sich die beste Lösung ergibt.
Wenn Liberale mal wieder niedrigere Steuern und Abgaben fordern, geht ein Stöhnen durch die Runde: Schnösel ohne soziales Gewissen. Aber auch dahinter steckt die Frage von Anmaßung und Bescheidenheit. Wer weiß besser zu entscheiden, wofür Geld ausgeben werden sollte, der Staat oder das Individuum? Oder anders gewendet – schließlich steckt hinter dem verdienten Geld geleistete Arbeit: Wer weiß besser zu entscheiden, wofür Lebenszeit und Schaffenskraft aufgewendet werden sollten, der Staat oder der Mensch? Selbstverständlich gibt es verschiedene Angelegenheiten, die der Staat dringend regeln sollte: Innere und äußere Sicherheit genauso wie soziale Absicherung. Zu oft schaut die Politik aber nicht danach, was nötig, sondern was irgend möglich ist. Wer als Politiker bereitwillig Staatsausgaben steigert, Schulden macht und Steuern erhöht, dem fällt all dies leichter, wenn er dabei so etwas denkt wie: Es ist ja nur Geld. Oder gar: Ich will den Menschen etwas Gutes tun. Aber tatsächlich stammt dieses Geld von den Bürgerinnen und Bürgern, die einen großen Teil ihrer Lebenszeit in Arbeit verbringen, nur um den Staat zu finanzieren. Selbstverwirklichung und freie Entfaltung werden gerne als Argument für das bedingungslose Grundeinkommen angeführt. Insofern sollten die Anhänger desselben eigentlich für die Senkung von Steuern und Abgaben zu begeistern sein, geht es doch darum, den Menschen Lebenszeit zurückzugeben, die sie sonst mittelbar dem Staat zur Verfügung stellen. Die Liberalen fragen: Wer sind wir Politiker, dass wir besser wissen wollen, was die Menschen mit ihrer Kraft und Zeit anfangen sollen als sie selbst?
Liberale kennen keine endgültigen Lösungen, sie kennen nur Versuch und Irrtum, den kleinen Schritt und eventuell den nächsten. Der Philosoph Karl Popper nennt es „Stückwerk-Sozialtechnik“. Ja, die Liberalen haben es nicht so mit griffigen, mitreißenden Begriffen. Nach Popper sollten wir im Gesellschaftlichen nicht die großen Reformen oder gar Revolutionen anstreben, weil die Folgen davon für uns nicht absehbar sind. Besser ist es, kleine Dinge zu verändern und zu schauen, was dabei herauskommt. Den Weg weiterzugehen, wenn man Erfolg hat, oder den Schritt umzukehren, wenn das Ergebnis von Nachteil ist. Liberale erkennen an, dass sie die Folgen politischer Entscheidungen nicht vorausahnen können. Aus dieser Bescheidenheit folgt Vorsicht im Handeln. Kleine Schritte. Blicken wir auf die letzten Jahre zurück, fällt auf, dass die großen Herausforderungen, mit denen wir heute zu kämpfen haben, auf quasi-revolutionäre Hauruckentscheidungen zurückzuführen sind, deren tiefgreifende Folgen im Moment der Entscheidung nur wenige ahnten.
Wenn man auf den vorsichtigen Versuch setzt und offen ist für Irrtümer, statt sie zu ignorieren, dann liegt besonderer Wert in der Vielfalt der Ideen. Wer anerkennt, sich selbst jederzeit irren zu können, misst den Ansichten der Anderen höheren Wert bei. In der Vielfalt der Perspektiven liegt die Alternative für den Weg, auf dem man gescheitert ist. Ein Konservativer mag eine gute Idee ablehnen, weil sie von der Linken kommt. Aber eine Liberale sollte allen im Parlament gleichermaßen zuhören und offen sein für deren Ideen. Und wichtiger als die Ansichten einiger weniger Berufspolitiker sind natürlich die vielfältigen Sichtweisen der Bevölkerung. Abgeordnete sollten nicht in die Wahlkreise reisen, um ihre Politik zu erklären, sie sollten vor die Basis treten um dazuzulernen. Das funktioniert und es sind große Momente der Demokratie.
Schließlich ist da noch die Demut in Stil und Auftreten. Wer es weit nach oben geschafft hat, erzählt oft eine Lebensgeschichte von Widrigkeiten und Zielorientierung. Dank Können und Entschlossenheit hat man es trotz aller Widerstände an sein Ziel gebracht. Deshalb glaubt man, seinen Erfolg ganz allein für sich beanspruchen zu können. Aber das stimmt nicht. Man hat seinen außerordentlichen Erfolg schließlich in einem funktionierenden System errungen, das alles erst ermöglicht – wenn auch nicht für jeden. Deswegen ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man für den Erhalt des Systems angemessen Steuern zahlt.
Außerdem gehört zu jeder Erfolgsgeschichte eine Portion Glück, die anderen vielleicht fehlt. Man muss nur die Arbeitsweise von Private-Equity-Fonds betrachten, die ihr Geld in viele verschiedene Start-Ups investieren. Die meisten Start-Ups scheitern, einige wenige werden ganz groß. Die Fondsmanager verlieren viel Geld in vielen Konkursen, aber die wenigen Treffer wiegen das mehr als auf. Selbst die größten Experten können also im Vorhinein nicht erkennen, wer Erfolg haben wird. Das zeigt: Glück ist entscheidend. Man kann die großen Erfolge nicht haben ohne die vielen gescheiterten Versuche. Deshalb braucht der Gewinner Achtung vor dem Verlierer und gerade dem Verlierer muss Ehre und Unterstützung zuteilwerden, weil es die Gewinner nicht gäbe und die ganze Gesellschaft nicht weiterkäme, wenn niemand mehr Versuche unternehmen würde.
Und dann ist da noch eine letzte kleine Bescheidenheit. Die Bescheidenheit als Mensch. Ein guter Liberalismus muss das Wesen des Menschen kennen, etwa das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Zugehörigkeit und kultureller Kontinuität und die Rahmenbedingungen des Marktes so formen, dass Menschen darin menschlich sein dürfen. Dazu gehört bei aller Wichtigkeit der Eigenverantwortung ein Konzept für die Grenzen der Freiheitsfähigkeit.
„Ich weiß nicht, was in den Köpfen und Herzen vorgeht. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Ich weiß nicht, welche unbeabsichtigten Folgen eine politische Maßnahme haben wird. Ich weiß nicht, ob meine Idee die beste ist. Ich will nicht mal behaupten, dass ich allein meines Glückes Schmied bin.“ Das sind einige Facetten der liberalen Bescheidenheit. Aber selbstverständlich stünde diese Demut allen Politikerinnen und Politikern gut zu Gesicht. Wie würden die Wählerinnen und Wähler, die Konsumentinnen und Konsumenten der politischen Kommunikation aufatmen, wenn einer der politischen Köpfe mal einen Fehler zugibt, Unwissen eingesteht und Grenzen des Möglichen anerkennt. Ein Traum.
In meinem letzten Jahr als Referent im Bundestag, als Redenschreiber eines wichtigen FDP-Abgeordneten, kam mir immer wieder eine Idee in den Sinn. Umgesetzt habe ich sie nie. Es war das letzte Jahr der Ampelkoalition, aber das wusste noch niemand, auch wenn das Koalitionsende über Monate in der Luft lag. Mal mehr, mal weniger offensichtlich deutete die FDP ihren baldigen Ausstieg an, aber die letztendliche Courage fehlte. Ich dachte mir, vielleicht ließe sich mit einem Gerücht eine selbsterfüllende Prophezeiung in Gang setzen. Meine Idee: Die Spitzen von Partei und Fraktion kommen in einem Büro des Bundestags zusammen. Vom Gespräch dringt nichts nach außen, aber der Abschluss des Treffens wird durch Türen und Wände gut hörbar. Auf einem Soundsystem liegt ein Song von Ton, Steine, Scherben bereit. Irgendein Teilnehmer, wahrscheinlich der alte Hase Wolfgang Kubicki, Generation Claudia Roth, wird wohl auf Start drücken. Und beim Refrain grölen dann alle laut mit:
„Wir müssen hier raus!
Das ist die Hölle!
Wir leben im Zuchthaus!
Wir sind geboren, um frei zu sein…“
Leider habe ich die Idee nie in die Tat umgesetzt. Sie war wohl eher ein Wunschtraum von mir. Eine liberale Partei, bei der Freiheit nicht klingt wie ein Fachbegriff aus der Betriebswirtschaftslehre, sondern wie ein Lebensgefühl. Die Werte des Liberalismus – Eigenverantwortung und Selbstbestimmung – sind ja nicht nur relevant für Steuerpolitik und Krankenkassenkonzepte. Wer sich aus einer langjährigen Beziehung löst, die alle nur unglücklich macht, wer entgegen dem Rat der Eltern einen ganz eigenen beruflichen Weg einschlägt, wer sich aus Überzeugung Zeit für die Kinder nimmt, statt durch die Karriere zu hetzen, lebt liberale Werte. Dass liberale Werte überhaupt etwas mit dem konkreten Leben zu tun haben und nicht bloß mit dem Abstraktum Wirtschaft, wäre für viele in Deutschland eine Überraschung gewesen. Nur ein beherzter Aufbruch – ob nun mit Ton, Steine, Scherben als Soundtrack oder ohne – und die FDP hätte die Chance gehabt, ein Gefühl zu wecken und eine emotionale Verbindung herzustellen.
Es kam freilich anders. Es gab Geheimtreffen in einer Potsdamer Villa, PowerPoint‑Präsentationen mit Schlachtplänen. Wenn die FDP schon nicht ihren Werten treu bleibt, dann zumindest den Klischees. Die FDP hätte die Chance gehabt, mit einer couragierten Aktion die Herzen der Durchschnittsbürger im Land der Angestellten zu erreichen. Träumt nicht jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin manchmal davon, wie man beim Chef auf den Schreibtisch haut und ruft: „Ich kündige fristlos!“ Dieses Gefühl hätte die FDP verkörpern können, indem sie einfach ruft: Schluss! Aber sie entschieden sich anders: So lange rumnölen, bis man gefeuert wird, und danach die beleidigte Leberwurst spielen. Eigenverantwortung und Selbstbestimmung? Nein, danke!
Ausbruch, Befreiung oder Freiheit an sich – all dies sind doch großartige Emotionen und Zustände. Die Freiheit, wenn man zuhause auszieht, die Freiheit, wenn man mit der Geliebten durch die Nacht zieht, die Freiheit, wenn man das erste gute Geld verdient, die Freiheit, wenn man mit der Familie in den Urlaub fährt, die Freiheit, wenn man die Rente antritt und alle Zeit für sich hat. So viele starke Gefühle. Und die Partei der Freiheit lässt sie beim Kampf für ihre Sache einfach brachliegen.
Wahrscheinlich herrscht der Glaube vor, dass Emotionen etwas sind für die Parteien der extremen Ränder, die im Parlament „Verräter!“ rufen oder „Ungerecht!“. Die demokratische Mitte reklamiert Rationalität und Nüchternheit für sich. Und am stärksten ist diese Überzeugung womöglich bei den Liberalen. Aber Bindung und Begeisterung gehen nun einmal nur emotional. Trotz aller Vernunft und Bescheidenheit braucht es also den unbändigen Freiheitsdrang, den leidenschaftlichen Individualismus und die Sehnsucht auszubrechen. Das ist sicherlich schwierig unter einen Hut zu bringen, aber allemal erfolgversprechender als mit einem vernunftheischenden Wortungetüm wie „Abschaffung der kalten Progression“ in den Wahlkampf zu ziehen.
Jedes Jahr besuche ich das Weihnachtsfest einer in Berlin ansässigen intellektuellen Zeitschrift. Letztes Mal unterhielt ich mich dort sehr gut mit einer feministischen Philosophin, doch irgendwann fragte sie mich nach meiner beruflichen Tätigkeit. Ich führte sie unter Verweis auf verschiedene Schreibprojekte um meinen Brotberuf herum, aber sie bestand doch darauf zu wissen, ob da noch etwas war. Und ich wiederum glaubte, dass wir uns mittlerweile so gut verstanden, dass ich meine Verbindung zur FDP aussprechen könnte.
Ihr fiel das Lächeln aus dem Gesicht. Mit geweiteten Augen machte sie zwei Schritte zurück. Sie hob die Bierflasche schützend vor sich. Ich konnte mir denken, was bei dem Kürzel „FDP“ in ihrem Kopf vorging: Sie hörte den Porsche röhren, sah die Rolex blinken, dachte an Steuerentlastungen für niedergelassene Zahnärzte und an Lichthupe auf der linken Spur. Sie schaute mich an, als hätte ich gerade einem Bettler in den Münzbecher gespuckt. Sie versuchte etwas zu sagen, fing mehrere Sätze an und ließ die Satzanfänge dann doch liegen, zu verwirrt war sie darüber, wie dieser bis eben freundliche Mensch so einen klaffenden Abgrund aufreißen konnte.
Im nächsten Moment standen wir an einem Cocktailtisch, sie mir gegenüber mit einer Freundin zu jeder Seite. Wäre der Cocktailtisch mit einer Schreibtischlampe ausgestattet gewesen, sie hätten sie auf mich gerichtet. Ich kam mir vor wie im Verhör, dabei hatte ich mein Vergehen bereits gestanden.
Im Literaturbetrieb, unter Medienschaffenden, zwischen Künstlerinnen und Künstlern, im Kreis von Akademikerinnen und Akademikern oder bloß im sogenannten urbanen Milieu, überall, wo ich mich bewege, ist die FDP und das liberale Denken mindestens unbeliebt, meistens verhasst. Und dies sind genau die Milieus, die in der gesellschaftlichen Debatte den Ton angeben.
In meiner späten Studentenzeit war der Liberalismus ein probates Mittel, um mir langweilige Partys interessant zu machen: Eine liberale These in den linken Raum werfen und sich dann den Rest des Abends darüber streiten. Und tatsächlich zieht der Liberalismus in Deutschland und insbesondere, die Partei, die ihn verkörpert, genau solche Leute an, die Spaß daran haben anzuecken. Um diesen spezifischen Spaß kurz zu erklären: Diese Situation, in der man alle gegen sich hat, bietet intensive Gefühle von Individualität und Selbstbestimmung, und man geht stolz nach Hause, wenn man das letzte Argument setzt, auf das niemand mehr eine Antwort hat.
Anders auf der benannten Weihnachtsfeier unter Berliner Intellektuellen. Ich war nicht auf Streit aus, sondern auf Verständigung. Ich fragte nach, statt zu argumentieren. „Findest du nicht, dass es besser ist, sein eigenes Geld zu verdienen als vom Staat abhängig zu sein? Ja, auf dem Wohnungsmarkt geht einiges schief, aber wohnst du lieber im sozialistischen Hochhaus oder im Altbau aus der liberalen Gründerzeit? Bestimmt hast du recht, dass der Individualismus Gemeinschaften zerstört, aber fühlt es sich nicht gut an, wie wir hier gemeinsam verschieden sind?“
Ich habe an diesem Abend sicher keine Wähler für die FDP gewonnen, aber die Wut wich Verwunderung – immerhin! – und darauf bin ich stolz. Dieser Ansatz mag vielen in der FDP nicht gefallen. Sie rufen: „Viel Feind, viel Ehr‘.“ Und fordern, man soll nicht zu einfühlsam sein mit Grünen und Linken. Statt offen für die Ideen anderer zu sein und neugierig Fragen zu stellen, verkriechen sie sich dann in die Höhle der liberalen Patentrezepte. Statt sich selbst zu hinterfragen, wissen sie alles besser und haben alles schon vorher gewusst. Mitunter fühlen sie sich in dieser Haltung auch noch heldenhaft, mitunter gewinnen sie unter den ebenfalls Trotzigen ihre Anhänger. Aber ein großer Teil des liberalen Charmes geht verloren. Manche in der FDP haben Freude daran, Feindbild zu sein. Das bleibt ihnen unbenommen. Ich halte es aber für unnötig. Eine Partei, die nichts weiter will als die größtmögliche Freiheit für alle, hat es doch nicht nötig, Hassobjekt zu sein.