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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturUte Frevert beschreibt die Gefühlswelten der Deutschen07.12.2020

Politik und EmotionenUte Frevert beschreibt die Gefühlswelten der Deutschen

Die Befindlichkeiten Weniger prägen oft die öffentliche Wahrnehmung. Das laut geäußerte Gefühl überlagert das nüchterne Argument. "Mächtige Gefühle", davon handelt das Buch der Bildungsforscherin Ute Frevert. Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung erzählt sie über deutsche Gefühlswelten seit 1900.

Von Otto Langels

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Ein Mann verschwimmt zwischen einer gelben und roten Farbfläche. (Nicolas Ladino Silva/ Unsplash / S. Fischer Verlag)
Gefühle schwanken - und mit ihnen die politische Stimmung, wie Ute Frevert nachzeichnet (Nicolas Ladino Silva/ Unsplash / S. Fischer Verlag)
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Die Proteste im Herbst 2010 gegen den geplanten Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs: Für die Menschen, die damals auf die Straße gingen und gegen Stuttgart 21 demonstrierten, wurde der Begriff "Wutbürger" geprägt. Wut, wie sie damals gegen ein Verkehrsprojekt oder gegenwärtig bei den Corona-Protesten aufkommt, zählt zu den Emotionen, die die renommierte Berliner Bildungsforscherin Ute Frevert in ihrem Buch "Mächtige Gefühle" beschreibt.

"Das ist eine Wut, die gewissermaßen auch eingeladen wird und sich dann öffentlich Ausdruck verschafft. Und diese Art der öffentlichen Einladung, der offiziellen politischen Instrumentalisierung und Manipulation, das ist etwas, was wir in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht so oft hatten. Wir hatten es schon auch mal, aber nicht so häufig. Was natürlich auch ganz, ganz neu ist, ist die Art und Weise, wie sich diese Wut durch soziale Medien sehr, sehr schnell verbreitet."

20 Begriffe und Gefühlswelten

Wut ist einer von 20 Begriffen, mit denen Ute Frevert ein Panorama deutscher Empfindungen im 20. Jahrhundert entfaltet; eine reich illustrierte Darstellung, wobei sie auf eine Plakatausstellung zurückgreifen kann, die sie 2018 zusammen mit ihrer Tochter zu dem Thema konzipiert hat. "Mächtige Gefühle" ist zugleich ein sehr anschaulich und verständlich geschriebenes Buch. Nicht von ungefähr wurde die Autorin in diesem Jahr mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet.

Aufgebaut wie ein Lexikon, beschreibt Frevert, welche Rolle Gefühle wie Angst, Freude, Hass, Solidarität oder Zuneigung in der deutschen Geschichte seit 1900 spielen.

"Gefühle sind auf vielfache Weise in die Geschichte eingewoben. Sie gestalten menschliche Beziehungen, in der Familie ebenso wie in der Politik. Sie erlauben oder behindern Verständigung und Zusammenarbeit. Gefühle sind nicht singulär, subjektiv und individuell. Sie fügen sich zu sozialen Mustern, gehorchen impliziten und expliziten Regeln."

Willy Brandts Kniefall

Unwillkürlich denkt der Leser bei starken Gefühlen an Willy Brandts Kniefall am Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos im Dezember 1970, eine Geste, die Ute Frevert im Kapitel Demut erwähnt.

"Nachdem er die Kranzschleifen zurechtgezupft hatte, blieb Brandt nicht, wie in solchen Situationen üblich, unbewegt stehen, sondern sank auf die Knie. Fotografen und Kameraleute hielten diesen Moment für die Ewigkeit fest, das Bild ging um die Welt."

Fast die Hälfte der Westdeutschen fand den Kniefall damals allerdings unangemessen, die DDR-Presse erwähnte die Geste mit keinem Wort, polnische Medien zeigten Brandt nur stehend, nicht kniend.

Ob aber Willy Brandts Kniefall das Vertrauen – auch dies einer der 20 Einträge in dem Buch – ob er das Vertrauen oder die Zuneigung zwischen Deutschen und Polen langfristig zu stärken vermochte, kann Ute Frevert nicht beantworten.

Konkrete Wirkung der Emotionen schwer zu erfassen

Dies ist ein Dilemma der Darstellung: Gefühle mögen zwar mächtig sein, ob und welchen Einfluss sie aber im Einzelnen auf den Gang der Geschichte und politische Entwicklungen haben, ist schwer zu beurteilen. War der Bruderkuss zwischen Breschnew und Honecker Ausdruck von Zuneigung oder bloßes Ritual? Und wie steht es mit dem Gefühl der Solidarität? Wie war das noch mal mit der "Willkommenskultur" im Sommer 2015 und den Unterstützungsaktionen für erschöpfte Pflegekräfte in den ersten Wochen der Corona-Krise in diesem Frühjahr?

"Jeder hatte ein gutes Gefühl dabei, solidarisch zu sein. Und ich führe das auch darauf zurück, dass wir vorher in den letzten Jahren gerade politisch sehr, sehr starke und auch sehr schmerzhafte Spaltungen in unserer Gesellschaft gesehen haben. Man fühlte sich einfach gut dabei. Ob das heute noch so ist, wage ich zu bezweifeln."

Ohne Solidarität wäre der Prozess der europäischen Einigung kaum vorstellbar. Aber dies scheint, wenn man sich den gegenwärtigen Zustand der EU anschaut, kein nachhaltiges Gefühl zu sein. Emotionen sind nicht unbedingt dauerhaft, sie haben eine gewisse Halbwertzeit.

"Angst und Wut, aber auch Trauer und Empathie spielten für Protestbewegungen eine wichtige Rolle. Geborgenheit verband sich mit Heimatvorstellungen, die schon in den 1920er Jahren politisch umkämpft waren. Solidarität, die brüderlichen und später auch schwesterlichen Gefühle von Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegungen, stand Pate bei der Entwicklung des Sozialstaats."

Aufgaben für die Politik

Was Ute Frevert über Gefühle schreibt, ist einleuchtend und informativ. Es ist ihr Verdienst, auf die Bedeutung von Gefühlen in Geschichte und Politik hinzuweisen. Donald Trump ist da nur das jüngste Beispiel. Wie sie entstehen, warum sie sich ändern und worin genau ihre Macht besteht, bleibt jedoch vage. Über die Gründe und Ursachen von Hass, schreibt sie z.B., gingen die Meinungen weit auseinander.

Gleichwohl seien Emotionen in der Politik wichtig, vor allem in Demokratien, meint die Autorin.

"Demokratien beruhen ja darauf, dass das, was die Regierung tut, gut vermittelt wird an die Bürgerinnen und Bürger und dass das Tun der Regierung Zustimmung findet. Wenn eine Regierung etwas veranlasst, was bei uns allen auf Unverständnis stößt, wäre das schwierig."

Insofern ist Ute Freverts Buch auch ein Appell an die Politik, mehr zu tun, um das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zu gewinnen. Wie schwer das mitunter fällt, zeigen die Beispiele von Kommunalpolitikern in jüngster Zeit, die sich vermehrt wüster Beschimpfungen, böswilliger Verleumdungen und körperlicher Angriffe erwehren müssen.

Ute Frevert: "Mächtige Gefühle. Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung. Deutsche Geschichte seit 1900",
S. Fischer Verlag, 496 Seiten, 28 Euro.

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