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StartseiteEuropa heuteDer Traum vom eigenen Laden22.07.2019

Portugiesen in LuxemburgDer Traum vom eigenen Laden

Stockfisch, Wein und Törtchen aus Lissabon - in seinem kleinen Supermarkt Primavera bietet Manuel Rui Fernandes Köstlichkeiten seiner Kindheit an. Die Luxemburger kaufen gern bei "Senhor Fernandes", der vor 43 Jahren als Gastarbeiter nach Luxemburg kam.

Von Tonia Koch

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Getrocknete Fische in der Fischhalle der Markthalle Mercado dos Lavradores , Madeira, Funchal  (imago / Blickwinkel / E. Teister)
Vom Trockenfisch bis zum Käse: Der Supermarkt versorgt Portugiesen in Luxemburg mit Spezialitäten aus der Heimat (imago / Blickwinkel / E. Teister)
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Stockfisch, süße Backwaren, Wein – was das Herz begehrt. Selbst die Hühnchen, sie werden landestypisch angeboten mit Kopf und Füßen, kämen zwei Mal die Woche frisch aus der alten Heimat. Die seien überhaupt nicht trocken, sondern von der gleichen Qualität wie die französischen, nur eben sehr viel preiswerter.

Die Theken sind prall gefüllt mit Wurstwaren und Käsesorten, die in Portugal hergestellt werden. Der ganze Stolz Manuel Rui Fernandes‘ aber ist die Fischabteilung. Sie ist ein eigener kleiner Laden, abgetrennt vom übrigen Geschäftsraum.

Zweimal die Woche gibt es frischen Fisch

Die blitzsauberen Glastüren öffnen sich auf Knopfdruck. Die Wände sind gekachelt, es ist kühl. Kein Fischgeruch, Sie riechen nichts, sagt er. Mittwochs und donnerstags, wenn der frische Fisch kommt, solle sich der Kunde fühlen, als stünde er in einem Fischladen in Figueira da Foz, dem portugiesischen Hafenstädtchen, aus dem Manuel Rui Fernandes ursprünglich stammt.

"Schön hell, sonnig, nichts ist dunkel, alles ist so wie in warmen Ländern üblich."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Moseltal statt Atlantikküste – Portugiesen in Luxemburg".

Der rührige Geschäftsmann ist Anfang 60 und immer in Bewegung. Seinem wachen Auge, entgeht nichts in seinem Supermarkt. Mit 17 sei er als Gastarbeiter nach Luxemburg gekommen. Sein Geld habe er zunächst im Bausektor verdient, erzählt er. Er sei gut gewesen in Mathe, sagt er, die Konstruktionspläne habe er mühelos lesen können. Sein deutscher Chef habe ihn wie einen Sohn behandelt und auch vieles gelehrt.

"Die Deutschen sind gute Leute, aber sehr kühl. Sie haben Prinzipien. Und er hat mir beigebracht: Ein guter Arbeitnehmer fehlt montags nie und wer auch den Freitag frei haben möchte, um am Wochenende ausgedehnt zu feiern, der nimmt die Arbeit nicht ernst. Er hatte recht. Diese deutsche Disziplin habe ich verinnerlicht."

Sechs Filialen in Luxemburg Stadt und anderen Orten

Diese Disziplin habe ihm später dabei geholfen, sein eigenes Unternehmen Primavera aufzubauen. Die kleine Supermarktkette besteht inzwischen aus insgesamt sechs verschieden großen Filialen, verteilt auf Luxemburg Stadt und andere Orte mit portugiesisch sprachiger Bevölkerung. Das kleine Lebensmittelgeschäft seiner Frau war der Ursprung gewesen, gemeinsam hätten sie es ausgebaut.

"Wir haben viel gearbeitet, zehn Stunden am Tag, damals war Luxemburg mehr oder minder ein Dorf, nicht zu vergleichen mit heute."

Irène Martins, die Frau von Herrn Fernandes, steht auch heute noch jeden Tag an der Kasse. Sie ist die Chefin, scherzt er. Jaja, ich bin die Chefin, wiederholt Frau Martins. Wie sie müssen auch die über 30 Mitarbeiter portugiesisch beherrschen, darauf legt Primavera Wert.

Im Alter zurück in die Heimat

Nelia ist in der Gemüseabteilung, sie verliest eine Steige mit frischem Salat. Sie arbeite bereits zehn Jahre hier, sagt Herr Fernandes. "Ja, hier!" Mischt sich Nelia ein. Aber alles in allem sei es doch viel länger, seit 1990.

"Und ich komme auch aus Figuera da Foz, wie Senhor Fernandes. Die Stadt der Sardinen, der Strände und der Auswanderer. Das ist typisch für die portugiesische Emigration, Beschäftigungsverhältnisse ergeben sich häufig über familiäre Beziehungen oder über Bekannte aus der alten Heimat. Nelia ist als Kind nach Luxemburg gekommen und auch nach 24 Jahren steht für sie fest:

"Für den Moment spielt sich mein Leben hier ab. Aber im Alter geh‘ ich zurück ins Land der Sonne."

Auch der Chef und die Chefin haben die Frage "Wo verbringe ich meinen Lebensabend" längst für sich entschieden. Die Familie Martins/Fernandes will Luxemburg nach fast 50 Jahren wieder verlassen.

Pasteis de Nata (imago)Die Pastéis de Nata sind hausgemacht - und beliebt beim luxemburgischen Premierminister. (imago)

Sie habe keine Lust, noch mit 70 hier zu stehen, sagt Frau Martins. Und von den drei erwachsenen Kindern wolle keines das Geschäft übernehmen, sie haben andere Pläne, sagt sie. Die älteste Tochter, sei Juristin, die lebe ohnehin bereits wieder in Portugal, der Entschluss stehe daher fest.

"Ich verkaufe, ich verkaufe! Und ich finde sicher einen Interessenten", gibt sich Manuel Rui Fernandes zuversichtlich. Der Laden sei ihr Leben gewesen, und sie hätten sich in Luxemburg auch sehr wohl gefühlt. Aber jetzt sei die Zeit reif für einen Schlussstrich.

"Ich habe lange genug in Luxemburg gelebt, ich brauche die Sonne und muss die Füße ins Wasser halten. Ich bin hier integriert, auch ohne Luxemburger zu sein, ich hab mich nie als Ausländer gefühlt und hatte hier alles, was ich brauchte, aber mein Herz hängt an Portugal."

Zum Abschluss des Rundgangs durch den Supermarkt bleibt Manuel Fernandes noch einmal an der hauseigenen Bäckerei stehen. In der Auslage warten die berühmten portugiesischen Pastéis de Nata, unwiderstehliche Sahne-Puddingtörtchen, auf Kundschaft. Und nicht ohne Stolz berichtet der Primavera-Inhaber, dass der luxemburgische Premierminister Xavier Bettel zu den Liebhabern seiner Pastéis de Nata zählt.

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