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Präsidentenwahl in KroatienWer überzeugt die Protestwähler?

In Kroatien stimmen die Bürger am Sonntag in einer Stichwahl über ihr neues Staatsoberhaupt ab. Ob der sozialdemokratische "rote Präsident" Ivo Josipovic im Amt bleibt oder Ex-Außenministerin Kolinda Grabar-Kitarovic hängt vor allem von einer Wählergruppe ab, die am liebsten jemand ganz anderes im höchsten Staatsamt sähe.

Von Ralf Borchard | 09.01.2015

Amtsinhaber Ivo Josipovic umgeben von seinen Unterstützern bei der Ankunft in seinem Hauptquartier während der Präsidentschaftswahl am 28.12.2014.
Das amtierende Staatsoberhaupt Ivo Josipovic von den Sozialdemokraten verfehlte die erforderlich Mehrheit bei der Präsidentschaftswahl in Kroatien - jetzt muss Josipovic in die Stichwahl. (picture alliance / dpa - Antonio Bat)
Die Kontrahenten werfen noch einmal alles in die Waagschale im Wahlkampf-Endspurt, Amtsinhaber Ivo Josipovic versucht sein Image etwa mit diesem rockigen Wahlkampfsong aufzubessern, Pravi Put, der richtige Weg. Josipovic gilt als eher blass und langweilig, der Song soll ihn volksnäher erscheinen lassen. Überraschend viele, auch aus dem linken Lager, hatten im ersten Wahlgang für einen anderen gestimmt: für den erst 24-jährigen Ivan Sincic, ein bis Anfang Dezember völlig unbekannter Student, der aus dem wachsenden Potenzial der Protestwähler schöpft, die genug haben von Korruption, Arbeitslosigkeit und dem ewigen Zweikampf der traditionellen politischen Blöcke in Kroatien. Sincic erzielte aus dem Nichts mehr als 16 Prozent. Er steht zwar selbst am Sonntag nicht mehr zur Wahl. Doch auf das Verhalten seiner Anhänger wird es ankommen:
"Wir sind weder links noch rechts", so Sincic. "Ich will mich von allen vergangenen Ideologien abgrenzen, von Kommunismus und Faschismus. Niemand kann mehr links sein als wir, wenn wir Menschen vor dem Rauswurf aus ihren Wohnungen schützen, und niemand kann mehr rechts sein als wir, wenn wir das Recht jedes Einzelnen auf sein Eigenheim verteidigen. Wir sind für Gerechtigkeit in diesem Land, für ein normales Leben mit normalen Menschen, nur das wollen wir."
"Lebende Wand" nennt Sincic seine Bewegung, die vor allem die vielen Haus- und Wohnungseigentümer, die ihre Kredite nicht mehr bezahlen können, vor der Zwangsräumung schützen will. Weil rund ein Drittel der kroatischen Bevölkerung an der Armutsgrenze lebt, weil auch der EU-Beitritt keine sichtbare Besserung in der Wirtschaftskrise gebracht hat, wächst die Unzufriedenheit. Sincic hat keine Empfehlung für die Stichwahl abgegeben, vielmehr dazu aufgerufen, gar nicht zur Wahl zu gehen oder den Wahlzettel ungültig zu machen. Damit bleibt das Rennen offen, auch wenn Amtsinhaber Josipovic fast verzweifelt um die Sincic-Wähler wirbt:
"Was ich an Herrn Sincic positiv finde, ist, dass er einige ernsthafte, konkrete Probleme der Menschen erkannt hat. Und sein Programm ist meinem Programm viel näher als dem Programm von Frau Grabar Kitarovic, und ich denke, dass die Wähler das erkennen werden."
Grabar-Kitarovic bekommt prominente Unterstützung
Kolinda Grabar Kitarovic ist die Kandidatin der konservativen HDZ, arbeitet derzeit für die Nato und versucht, ihre außenpolitische Erfahrung als Stärke zu präsentieren:
"Wir werden unsere Nachbarländer, die das wünschen, auf ihrem Weg in die EU und die NATO unterstützen. Aber sie müssen die selben Bedingungen erfüllen, die auch Kroatien erfüllen musste. Wir dürfen nichts unter den Teppich kehren, wir werden alle offenen außenpolitischen Fragen angehen, von Slowenien bis Serbien."
Grabar Kitarovic wird auch von der deutschen CDU unterstützt, der Europaparlamentarier Elmar Brok trat mit ihr im Wahlkampfendspurt auf:
"Du hast in Deinen Tätigkeiten in Washington und Brüssel, aber insbesondere als Außenministerin, wo ich mit Dir zusammengearbeitet habe, mit Sachverstand und Sympathie die Interessen Deines Landes wahrgenommen. Und deswegen bin ich auch stolz darauf, Dir, liebe Kolinda, die Grüße des Vaters der deutschen Einheit, Helmut Kohl, und die Grüße der Vorsitzenden der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands, Angela Merkel zu überbringen."
Die Erinnerung an frühere Zeiten ist für viele aber eine Schwachstelle Grabar Kitarovics. Außenministerin war sie unter Ivo Sanader, der wegen Korruption im Gefängnis sitzt. Gewinnt die HDZ-Kandidatin die Stichwahl, gilt das als Vorzeichen für eine mögliche Rückkehr ihrer Partei an die Macht bei den für Ende des Jahres anstehenden Parlamentswahlen. Dann will auch der 24-jährige Ivan Sincic mit seiner Protestbewegung antreten. Die politische Landschaft in Kroatien könnte sich deutlich verändern in diesem Jahr, mit der Präsidentschafts-Stichwahl als Ausgangspunkt.