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Preußisch-Königliche Blindenanstalt
Die erste Schule für Sehbehinderte in Deutschland

Sie ist nicht mehr genau am selben Ort, aber immer noch in Berlin: die erste Blindenschule Deutschlands. Es gibt nicht nur alle Schularten, sondern auch verschiedene Berufsfachschulen und Werkstätten. König Friedrich Wilhelm III. verfügte heute vor 210 Jahren per Kabinettsorder die Gründung der Preußisch-Königlichen Blindenanstalt in Berlin.

Von Andrea Westhoff | 11.08.2016
    Johann-August-Zeune-Schule für Blinde mit Blindenmuseum in der Rothenburgstraße in Berlin-Steglitz. Davor ein Denkmal mit einem Mädchen und einem Blindenhund.
    Die Johann-August-Zeune-Schule für Blinde mit Blindenmuseum in Berlin-Steglitz war die erste Blindenschule in Deutschland. (imago )
    Blind zu sein, das bedeutet bis weit ins 18. Jahrhundert zumeist ein trostloses Dasein als Bettler. An Schule und Ausbildung ist gar nicht zu denken. Denn allgemein herrscht die Überzeugung: Menschen, die nicht sehen können, "können" auch sonst nichts. So wird der Auftritt der Wiener Künstlerin Maria Theresia von Paradis 1784 in Paris zu einer kleinen Sensation: Trotz ihrer Blindheit ist sie nicht nur eine wunderbare Konzertpianistin, sondern hat auch viele ihrer Stücke selbst komponiert.
    Einer ihrer begeisterten Zuhörer ist der Diplomat Valentin Haüy, der noch im gleichen Jahr die erste Blindenschule Europas gründet. Und er gibt auch den Anstoß für die erste deutsche Einrichtung, als er im Sommer 1806 auf eine Art "Werbetour" mit einem seiner blinden Schüler geht.
    "Valentin Haüy war auf dem Weg nach Petersburg und hat in Berlin Station gemacht, es kam zu einem Gespräch bei König Wilhelm III. Der war von der Idee, dass in Berlin auch eine Blindenschule eingerichtet werden sollte, begeistert", erzählt Jürgen Lubnau, der Leiter des Deutschen Blindenmuseums in Berlin. Kurzentschlossen verfügt der König am 11. August 1806 per Kabinettsorder die Einrichtung der "Preußisch-Königlichen Blindenanstalt" und beauftragt den Pädagogen und Privatgelehrten Johann August Zeune, diesen Plan umzusetzen. Wie man blinde Menschen unterrichten kann, hat Zeune unter anderem in Paris bei Haüy gelernt. "Am 13. Oktober hat Johann August Zeune die Blindenschule tatsächlich gegründet, der erste Unterricht hat in der Privatwohnung von Zeune stattgefunden, mit einem Schüler."
    Braille-Schrift wird erst 1825 entwickelt
    Aber es werden bald mehr, und die Blindenanstalt zieht um in ein richtiges Schulgebäude. Johann August Zeune versucht, seinen Schülern eine möglichst breite Bildung zu vermitteln: Mathematik, Sprachen, eigentlich alle Schulfächer. Doch das ist gar nicht so leicht, weil es kaum Unterrichtsmaterialien für Blinde gibt. Die heute weltbekannte Punkt-Tast-Schrift etwa wird der Franzose Louis Braille erst 1825 entwickeln. Erst sehr viel später kann sie sich auch in Deutschland durchsetzen. "Also er hat sehr viel selber geschaffen, sehr viele Ideen gehabt, wie man mit Blinden den Unterricht gestalten kann, einen großen Fundus an Dingen, die zum Anfassen geeignet sind, für Biologie, für Erdkunde, und, und, und."
    Als Geograf baut Zeune zum Beispiel einen Reliefglobus – ein vergleichbares Modell ist heute im Deutschen Blindenmuseum ausgestellt, das zur Schule gehört. "Man findet die Erdteile, zum Teil Länder, die sehr groß sind, die kann man dann auch noch erfühlen, die Ozeane erfühlt man natürlich, also es ist wirklich nur eine Übersicht im Großen und Ganzen, kein Detail."
    Erste Werkstätten für Korbmacher, Stuhlflechter oder Besenbinder
    Vielleicht in Erinnerung an die "Initialzündung" der Blindenbildung durch die Pianistin Maria Theresia von Paradis spielt der Musikunterricht eine besonders große Rolle in der ersten deutschen Blindenschule. Zeune veranstaltet mit den Schülern regelmäßig öffentliche Aufführungen klassischer Werke. "Er hat darüber hinaus auch versucht, die Blinden aus der Isolation heraus zu führen, er hat sie zu Leibesübungen animiert in Anlehnung an Turnvater Jahn und hat sie auch in das Theater geführt, also mitten in die Gesellschaft, was man als sehr fortschrittlich eigentlich sehen muss."
    Einige Zeitgenossen haben Johann August Zeune jedoch vorgeworfen, er produziere mit seiner Blindenschule "Bettler mit hohem wissenschaftlichem Niveau". Denn einen Arbeitsplatz finden die allermeisten trotz guter Bildung nicht. Das ändert sich erst langsam und lange nach Zeunes Tod. Aber die erste deutsche Blindenschule, die bis heute seinen Namen trägt, hat auch dafür den Grundstein gelegt: 1877 zieht sie auf ein neues großes Gelände in Berlin-Steglitz, wo sie sich noch immer befindet. Es entstehen Werkstätten für die klassischen Blindenberufe wie Korbmacher, Stuhlflechter oder Besenbinder und schließlich eine Berufsfachschule. Heute werden hier blinde Menschen zum Beispiel für das Metall- und Holzgewerbe, aber auch für physiotherapeutische Berufe oder den Medien- und Kommunikationsbereich ausgebildet.