Freitag, 19. August 2022

Flugverkehr
Wie Privatjets dem Klima überdurchschnittlich schaden

Privatjets wirken in der Regel unauffällig, belasten das Klima im Verhältnis zu ihrer Transportkapazität aber überdurchschnittlich stark. Wissenschaftler bemängeln, dass die Klimapolitik den privaten Flugverkehr so gut wie nicht berücksichtigt.

Von Jan-Martin Altgeld | 21.07.2022

    Ein Privatjet im Landeanflug auf den Flughafen Frankfurt am Main.
    Privatjets sind vom Emissionshandel der EU (EU-ETS) ausgenommen und Kerosin soll bei ihnen vorerst auch zukünftig nicht besteuert werden. (picture alliance / Wolfgang Minich)
    Auch kleine Privatjets, die – außer den Piloten – vielleicht nur zwei oder drei weitere Personen transportieren, werden in der Regel selbstverständlich vom Flugsicherungsradar erfasst. Unter dem sprichwörtlichen Radar der Öffentlichkeit huschen sie aber häufig hindurch. Das Problem mit den kleinen Luftflitzern: Aufgrund ihrer geringen Transportkapazität sind sie wenig effizient und der Ausstoß von Emissionen ist überdurchschnittlich hoch.

    Wie ist die CO2-Bilanz von Privatjets?

    Kurz: eher schlecht. Der verhältnismäßig hohe CO2-Pro-Kopf-Ausstoß durch Passagiere in Privatjets ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die kleinen Flugzeuge deutlich weniger Menschen transportieren können als zum Beispiel ein Jumbojet – selbst bei voller Auslastung. Hinzu kommt, dass sich die CO2-Bilanz von Flugzeugen in der Regel verbessert, je weiter sie fliegen beziehungsweise je seltener sie starten und landen. Denn Starts und Landungen sind die Emissionen besonders hoch.
    Ein Vergleich: Wie der britische Dienstleister für Datenaufbereitung „Real World Visuals“ ermittelt hat, entlässt ein Flug mit einem üblichen Jumbojet (ähnlich Boeing 747) von London nach New York circa 200 Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre. Verteilt auf 349 Passagiere (bei angenommener Auslastung von 84 Prozent) ergibt das 572 Kilogramm CO2 pro Person.
    Allerdings: Nicht alle Gäste dieses fiktiven Fluges verbrauchen gleich viel. Passagiere der Business Class und der First Class beanspruchen schließlich mehr Platz als die der günstigsten Economy Class.
    Die genaue Berechnung ergibt:
    Economy Class = 313 Kilogramm CO2 pro Person
    Business Class  = 947 Kilogramm CO2 pro Person
    First Class = 2.835 Kilogramm CO2 pro Person
    Fliegt eine Person dieselbe Strecke mit dem Privatjet, emittiert sie 25.056 Kilogramm CO2.
    Auf ein Jahr hochgerechnet, können einzelne Nutzer von Privatflugzeugen zu Emissionen von bis zu 7.500 Tonnen beitragen, wie die Tourismus-Forscher Stefan Gössling und Andreas Humpe in einer Studie ermittelt haben.
    Nach Recherchen des österreichischen Momentum-Instituts, ein wirtschaftpolitischer Thinktank, beträgt die durchschnittliche Flugdistanz bei Privatjets, die in Österreich starten oder landen, rund 950 Kilometer. Zudem heißt es: „Jeder zehnte Privatflug findet außerdem innerhalb von Österreich statt. Im Schnitt beträgt dort die Flugdistanz lediglich 250 Kilometer - Distanzen, die sich in kurzer Zeit mit dem Auto oder dem Zug bewältigen lassen.“
    Die Maßeinheit des CO2-Äquivalents sorgt für eine Vereinheitlichung, also Vergleichbarkeit der Auswirkungen unterschiedlicher Treibhausgase auf das Klima.
    Auch mit Blick auf diesen Parameter schneiden Privatjets nicht gut ab. Nach Angaben von Momentum stößt beispielsweise der Flugzeugtyp Cessna Citation Mustang pro Kilometer und Person rund 1,09 Kilogramm CO2-Äquivalente aus. Der Jet Dassault Falcon 200 kommt auf mehr als 1,4 Kilogramm. Zum Vergleich: Pro Person verursachen gängige Linienflugzeuge wie der Airbus A320 unter 0,2 Kilogramm – „immer noch viel zu viel, aber weniger als ein Zehntel des Verbrauchs des Cessna-Modells“, wie „Momentum“ beurteilt.  

    Wie werden Privatjets in der Gesetzgebung eingeordnet?

    Der Wissenschaftler Stefan Gössling kritisiert, dass ein großer Teil des privaten Flugverkehrs mit kleineren Flugzeugen von der nationalen und internationalen Klimapolitik nicht berücksichtigt wird. Denn Privatjets sind vom Emissionshandel der EU (EU-ETS) ausgenommen und Kerosin soll bei ihnen auch zukünftig - zumindest weitgehend - nicht besteuert werden.
    Hingegen gilt für übliche Linienflüge mit Großflugzeugen Folgendes: Bislang wird klimaschädliches fossiles Flugbenzin (Kerosin) in Europa generell nicht besteuert. Das soll sich mit dem Klimapaket „Fit for 55“ der EU-Kommission jedoch ändern. Die EU will schrittweise eine Kerosinsteuer für innereuropäische Flüge einführen. Die bestehende Ausnahme der Flugindustrie von der Kraftstoffsteuer soll über zehn Jahre hinweg schrittweise abgebaut werden. Flugtickets dürften dadurch teurer werden.
    Ebenfalls hat die Kommission in diesem Klimapaket einen verschärften Emissionshandel im Flugverkehr vorgeschlagen und plant zudem, die Kerosinhersteller darauf zu verpflichten, ihrem Flugzeugbenzin bis 2030 mindestens zwei Prozent klimafreundliche Kraftstoffe (SAF) beizumischen. Bis 2050 soll der Anteil auf 65 Prozent steigen. 
    Was die Kerosinsteuer angeht, sollen Privatjets dann von ihr befreit werden, wenn sie im Allgemeinen als „nicht für die öffentliche Vermietung bestimmt“ gelten. Auch Fluggesellschaften, die kleine Jets nur als Hilfsmittel nutzen, um ihre reguläre Geschäftstätigkeit auszuüben, müssten dafür keine zusätzliche Kraftstoffabgabe leisten.
    Eine weitere Ausnahmeregelung soll für „Vergnügungsflüge“ gelten, bei denen ein Flugzeug für persönliche oder Freizeitzwecke genutzt wird, die nicht mit einer geschäftlichen oder beruflichen Nutzung verbunden sind.
    Quellen: Stefan Gössling & Andreas Humpe (Studie), Real World Visuals, earthbound report, Tansport&Environment, dpa, Jan-Martin Altgeld