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StartseiteInterviewPädagoge Brumlik: Legitime Kritik wird durch antisemitischen Tonfall delegitimiert16.05.2021

Pro-palästinensische DemonstrationenPädagoge Brumlik: Legitime Kritik wird durch antisemitischen Tonfall delegitimiert

Die Eskalation im Nahen Osten führt auch in Deutschland seit Tagen zu Protesten und Ausschreitungen. Der Publizist und Pädagoge Micha Brumlik kritisierte im Dlf, dass zahlreiche Teilnehmende nur ein Ventil suchten, "um schieren Judenhass an den Tag zu legen".

Micha Brumlik im Gespräch mit Manfred Götzke

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Die Polizei hält eine Teilnehmerin der Demonstration verschiedener palästinensischer Gruppen in Neukölln fest. Zum jährlichen Gedenktag Nakba am 15. Mai erinnern Palästinenser an die Flucht und Vertreibung von Hunderttausenden Palästinensern aus dem Gebiet des späteren Israels. (dpa/picture alliance/Fabian Sommer)
Bei pro-palästinensischen Demonstrationen in Deutschland ist es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen. (dpa/picture alliance/Fabian Sommer)
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Tausende pro-palästinensische Demonstranten haben in mehreren deutschen Städten gegen Israels Vorgehen im Nahostkonflikt protestiert. Teilweise kam es zu Ausschreitungen. 

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, Seniorprofessor am Selma Stern Zentrum für jüdische Studien Berlin-Brandenburg, meint, dass es vielen Teilnehmenden nicht darum geht, Solidarität mit bombardierten Palästinensern in Gaza zu zeigen, sondern, "dass sie ein Ventil suchen, um schieren Judenhass an den Tag zu legen." 

  (Ahmad GharabliAFP) (Ahmad GharabliAFP)Lage im Westjordanland spitzt sich weiter zu
Der seit Tagen eskalierende Konflikt zwischen Israel und Palästinensern hat sich auf das Westjordanland ausgeweitet, sagt Bettina Marx, Leiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Vor allem junge Palästinenser fühlten sich auch von der eigenen Führung unterdrückt.

Brumlik: Judentum und Politik des Staats Israel werden gleichgesetzt

Einen Grund für den Judenhass erklärt Brumlik auch mit der Zuwanderung aus Syrien. Dort sei es offenbar über Jahrzehnte so gewesen, "dass Judentum und der Staat Israel miteinander – beziehungsweise, Judentum, der Staat Israel und die jeweiligen Politiken des Staates Israel pauschal gleichgesetzt worden sind."

Legitim sei hingegen die Kritik der Demonstrierenden an der Siedlungspolitik radikaler israelischer Fundamentalisten im Westjordanland. Das werde jedoch durch den grundlegenden antisemitischen Tonfall der meisten Demonstrationen delegitimiert, meint Brumlik.

Die Publizist und Preisträger der Buber-Rosenzweig-Medaille Micha Brumlik folgt am 06.03.2016 in Hannover (Niedersachsen) dem Festakt zur Eröffnung der diesjährigen christlich-jüdischen Woche der Brüderlichkeit. (dpa /  Hauke-Christian Dittrich)Der jüdische Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik ist Seniorprofessor am Selma Stern Zentrum für jüdische Studien Berlin-Brandenburg. (dpa / Hauke-Christian Dittrich)

Verbände sollten sich stärker distanzieren

Er ist jedoch skeptisch, ob man die "Wertehaltung" der Menschen noch beeinflussen kann. Dass auch Jüdinnen und Juden in Deutschland für die israelische Politik verantwortlich gemacht würden, sei "schierer Antisemitismus. Das kann man nur verbieten, bestrafen und man kann natürlich versuchen, das in Bildungsinstitutionen aufzugreifen."

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Jerusalem ist derzeit Schauplatz der seit Jahren schwersten Zusammenstöße zwischen Palästinensern und Israel. Akute Auslöser sind angedrohte Zwangsräumungen palästinensischer Familien oder auch jüdische Feierlichkeiten am Tempelberg.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte jüngst ein striktes Durchgreifen bei Angriffen auf jüdische Einrichtungen in Deutschland angekündigt. Wer antisemitischen Hass verbreite, werde die Härte des Rechtsstaates zu spüren bekommen, sagte Seehofer.

Es bleibe zu hoffen, dass auch die Appelle des Zentralrats der Muslime in Deutschland Wirkung zeigten, so Brumlik. Die Vergangenheit habe jedoch gezeigt, dass der Zentralrat mit Blick auf die gesamte muslimische Bevölkerung Deutschlands vergleichsweise wenig Einfluss habe. Auch andere Verbände müssten sich davon distanzieren. Mittlerweile hat auch der Islamverband Ditib Muslime dazu aufgerufen, sich von "hasserfüllten Menschenansammlungen fernzuhalten".

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