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StartseiteInterviewEine Generation lernt für den Wiederaufbau31.03.2017

Programm für syrische Studenten Eine Generation lernt für den Wiederaufbau

200 syrische Studenten werden für den Aufbau ihrer Heimat nach dem Krieg vorbereitet - an der Universität Konstanz. Gut ausgebildete junge Menschen seien eine notwendige Bedingung für einen künftigen Wiederaufbau, sagte Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel im DLF. Er will seinen Studenten in Konstanz vor allem Führungsverantwortung vermitteln.

Wolfgang Seibel im Gespräch mit Mario Dobovisek

Ein Junge läuft vor eine Baustelle entlang in der Provinz Idlib, Syrien. (imago )
Baustelle in der Provinz Idlib, Syrien. Die Uni Konstanz bildet Flüchtlinge für den Aufbau der kriegszerstörten Region in der Zukunft auf. (imago )
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Mario Dobovisek: Mehr als fünf Millionen Syrer sind bereits geflohen, seit dort der Bürgerkrieg ausbrach. So meldet es gerade das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Das sind fast 30 Prozent der ursprünglichen Gesamtbevölkerung des Landes. Viele von ihnen leben heute in den Nachbarländern, andere sind nach Europa gekommen, nach Deutschland zum Beispiel. Die meisten wollen irgendwann wieder zurück, zurück in ihre Heimat, zurück nach Hause. Doch für die meisten gibt es längst kein Zuhause mehr.

Wir kennen die Bilder zerstörter Städte, Straßen und Brücken, Tod und Leid inmitten von Ruinen, und je länger der Bürgerkrieg dauert, desto mehr wird zerstört und muss am Ende wieder aufgebaut werden. Denn auch wenn das weltpolitische Gewirr um den Krieg in Syrien alles andere als hoffnungsfroh ist, irgendwann muss es einfach Frieden geben.

Darauf bereiten das Auswärtige Amt und der Deutsche Akademische Austauschdienst gut 200 syrische Studenten in Deutschland vor, mit Stipendium und Seminaren, eine Vorbereitung auf den Tag X sozusagen, an dem die junge Generation es sein wird, die das zerstörte Land wieder aufbauen muss. Seit gestern treffen sich die syrischen Studenten aus ganz Deutschland in Konstanz zu einer Präsenzphase ihres Programms.

Die Seminare an der Uni Konstanz leitet der Politik- und Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel, der uns aus Konstanz zugeschaltet ist. Guten Morgen, Herr Seibel!

Wolfgang Seibel: Guten Morgen, Herr Dobovisek!

Grundlagen von Zivilgesellschaft und Good Goverance vermitteln

Dobovisek: Von Hoffnung ist viel die Rede bei den Studenten. Wie können Sie in dieser gegenwärtigen vertrackten politischen Lage für Syrien überhaupt Hoffnung geben?

Seibel: Das ist eine schwierige Frage, die Sie da ansprechen, vor allem dadurch, dass man sich Mühe gibt, realistisch und nüchtern zu sein. Es hat ja keinen Sinn, Hoffnungen mutwillig aufzubauen, die dann ganz zwangsläufig enttäuscht werden, sondern wir haben von Anfang an klargemacht, auch übrigens gegenüber dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, dass wir hier insofern einen realistischen Ansatz verfolgen müssen, als wir nur in die Grundlagen von einer guten Regierungsführung, von korruptionsfreier Verwaltung, von der Bedeutung von Zivilgesellschaft und dergleichen mehr einführen können. Das hat schon seine Wirkung und ich habe auch den Eindruck, dass die syrischen Studierenden das auch begreifen.

Dobovisek: Aber ist es ein Stück weit zynisch, im Moment überhaupt über Wiederaufbau zu reden?

Seibel: Ich meine, zynisch sind die Zustände als solche. Und die Vorstellung, dass es nun für Syrien niemals wieder so etwas wie eine produktive Zukunft in Frieden und Stabilität geben wird, das wäre wahrscheinlich dann letzten Endes zynisch. Es ist ja wichtig, sich klarzumachen, dass es ja kein Konzept sein kann, nun immer nur über Geflüchtete, über Integration zu reden, sondern man muss sich auch klar machen, dass diese Gesellschaften, wo dann zu hunderttausenden die Menschen abwandern, zum Teil unter Inkaufnahme von Risiken für Leib und Leben, dass die ja ausbluten, wenn ihnen die jungen Leute buchstäblich weglaufen.

Was ist eine willkürfreie Verwaltung?

Dobovisek: Braindrain wird das ja auch häufig genannt. – Sie betreuen jetzt hauptsächlich natur- und ingenieurwissenschaftliche Studenten. Was können Sie denen als Politik- und als Verwaltungswissenschaftler beibringen?

Seibel: Ironischerweise mehr als manchem Ingenieurwissenschaftler oder Mediziner im Studium hier in Deutschland beigebracht wird. Wie man verantwortungsvoll Führungsaufgaben wahrnimmt, wie man mit traumatisch belasteten Mitarbeitern zum Beispiel umgeht oder was es bedeutet, eine rechtsstaatliche willkürfreie Verwaltung zu haben. Das sind ja Dinge, die ein deutscher Biologe oder Mediziner oder Zahnarzt als selbstverständlich voraussetzt.

Dobovisek: Ein bisschen Nachhilfe in Demokratie?

Seibel: Das klingt vielleicht ein bisschen zu despektierlich. Das sind ja ganz elementare Grundlagen auch der Vertrauensbildung und des vernünftigen miteinander Umgehens, dass man sich darauf verlassen kann, dass eine Verwaltung die Entscheidung, die sie trifft, auch tatsächlich einhält und dergleichen. Das sind nicht abstrakte Konzepte oder wenn sie abstrakt sind, dann berühren sie eigentlich nahezu selbstverständliche Grundlagen eines vertrauensvoll miteinander Umgehens, und Vertrauen ist ja nun das, was in einer Bürgerkriegsgesellschaft am gründlichsten zerstört worden ist.

Studienbewerber werden streng ausgewählt

Dobovisek: Sie betreuen die syrischen Studenten bereits seit November. Da wurde der Startschuss für das Programm gegeben. Wie reagieren die Studenten auf diese Inhalte?

Seibel: Genau wissen wir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber aus den persönlichen Kontakten, die man dann hat, wenn die dann alle auch hier an die Universität Konstanz kommen und im Hörsaal sitzen und wenn man sich mit ihnen während der Kaffeepause unterhält, dann hat man schon den Eindruck, ohne das jetzt allzu schönfärberisch darzustellen, dass die wirklich dankbar sind und dass die begreifen, dass das eine Chance ist, die sie ja auch wirklich nun zu privilegierten jungen Menschen macht. Denn es ist ja eine sehr strenge Auswahl hier erfolgt für die Studienplätze, aber dann auch für das Begleitprogramm, und das wird schon von diesen sehr motivierten jungen Menschen mit Dankbarkeit aufgenommen.

Dobovisek: Sehen Sie Ihre Studenten ein Stück weit als die künftige Elite Syriens?

Seibel: Ja, ganz zwangsläufig. Ich meine, wenn das nicht so wäre, hätte ja das ganze Programm keinen Sinn. Elite im positiven Sinne heißt ja, dass das eine Auswahl ist von besonders qualifizierten und auch besonders motivierten jungen Menschen, und es wäre natürlich sehr zu begrüßen, wenn die dann tatsächlich in fünf, in zehn oder 15 Jahren von heute ab gerechnet an Schaltstellen in einem befriedeten Syrien sitzen würden. Wir alle wissen, dass man überhaupt gar nicht sagen kann, wie wahrscheinlich das ist, aber jetzt den Grundstein dafür zu legen, dass da eine Generation nachwächst, die dann tatsächlich ein solches Land wieder aufbauen kann und in diesem Sinne eine verantwortungsbewusste Elite darstellt, das ist sicherlich eine sehr vernünftige Sache.

"Für die Folgen geradestehen"

Dobovisek: Sehen sich die Studenten selber auch in dieser verantwortungsvollen Position?

Seibel: Das kann ich, offen gesagt, natürlich im Einzelnen nicht beurteilen. Ich habe versucht, in meiner eigenen Eröffnungsansprache, als wir hier im November das Programm vom Stapel gelassen haben, genau das zum Ausdruck zu bringen, dass jeder, der ein solches, sagen wir mal, großes Los gezogen hat, sich natürlich klar darüber sein muss, dass das vor allem eines bedeutet, nämlich die Verantwortung, auch etwas zurückzugeben, und zwar nicht hier in Deutschland, sondern da, wo es wirklich gebraucht wird, also in dem Heimatland Syrien, aus dem diese Menschen kommen.

Dobovisek: Sie haben schon viele Punkte erwähnt, aber welches ist dabei das wichtigste Handwerkszeug, das Sie Ihren Studenten mit auf den Weg geben wollen?

Seibel: Ich glaube, es ist wirklich Führungsverantwortung, das Bewusstsein, dass man, wenn man eine leitende Stellung innehat – ich meine, das hat man ja nahezu unausweichlich, wenn man Bauingenieur ist, irgendwo auf der Verwaltung, oder auch auf einem Großbauprojekt, wenn man Apotheker, Ärztin oder Physiker ist -, dass man dann die Folgen von dem bedenken muss, was man tut, dass man bereit ist, dafür geradezustehen, was man tut, und dass man das dann auch von seinen eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einfordern darf, dieses Verantwortungsbewusstsein. Ich glaube, das ist neben den fachlichen Dingen, die hier gelernt werden, dann letzten Endes vielleicht doch das wichtigste.

"Wir alle müssen das hoffen"

Dobovisek: Sie sind Politikwissenschaftler, erfahrener Politikwissenschaftler, beobachten natürlich auch die Entwicklung in Syrien, den Streit um die Rolle Russlands, um Assad, um den islamischen Staat, um alles, was da geschieht dieser Tage und dieser Monate, und die wenige Bewegung, die da drin ist. Glauben Sie, dass es Ihre Studenten sein werden, die das Land wieder einmal aufbauen, oder müssen wir eine weitere Studentengeneration lang warten?

Seibel: Nun sagen Sie mit einiger Berechtigung "glauben", und ich kann das nicht glauben, ich muss es aber hoffen und ich denke, wir alle müssen das hoffen. Jedenfalls denke ich, um das noch mal zu betonen, wir tun gut daran, mehr darüber nachzudenken und auch mehr zu investieren, wenn es um die Rückkehr gerade von gut ausgebildeten jungen Menschen in diese Krisenregion geht. Das jedenfalls ist eine notwendige Bedingung für einen künftigen Wiederaufbau. Ob es eine hinreichende Bedingung ist, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Das hängt von den Dingen ab, die Sie gerade angedeutet haben.

Dobovisek: Der Politik- und Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel von der Universität Konstanz. Er bildet gut 200 syrische Studenten aus, damit diese irgendwann ihr kriegszerstörtes Land wieder aufbauen können. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Seibel: Ja gerne, Herr Dobovisek.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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