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StartseiteWissenschaft im BrennpunktWahn und Wirklichkeit16.06.2019

PsychosenWahn und Wirklichkeit

Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass Psychopharmaka allein gegen Wahnvorstellungen nicht helfen. Spezielle Verfahren der Psychotherapie versuchen deswegen, die wahnhaften Ideen der Betroffenen in Frage zu stellen.

Von Wibke Bergemann

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Bin ich wirklich allein? Psychotische Patienten leiden häufig unter Verfolgungswahn (chromorange/Joachim Niehus)
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"Das war die Wirklichkeit. Und was für eine Wirklichkeit! Viel wirklicher als alles andere. Und das Gefühl, ich geh in die Irre, das kam erst mit den nachfolgenden Malen."

"Wissen sie, dass Psychotiker so tun, als wenn die uns in die Augen schauen, aber das gar nicht machen? Die gucken auf den Mund. Und wir kriegen das noch nicht mal richtig mit. Das ist etwas ganz Merkwürdiges, dadurch kommen natürlich auch andere Interpretationen zustande. Ein Gesicht zu dekodieren aufgrund der Mundhaltung ist was anderes, als ein Gesicht zu dekodieren aufgrund der Augenpartie."

"Ich habe das so empfunden, als wäre ich das erste Mal in meinem Leben wirklich wach und das erste Mal würde ich wirklich verstehen. Was davor war, da war ich irgendwie blind, da habe ich das alles nicht richtig wahrgenommen, Tags an der Hauswand, die Farbe des Busses, die Gesichter der Passanten. Das wirklich sehen, alle Details, alle Kleinigkeiten."

Mit 24 erlebt Judith Behrend eine erste Psychose. Die Welt um sie herum ist plötzlich voller Zeichen und Botschaften, die sich direkt an sie richten. Alles scheint eine einzige große Inszenierung. Sie ist der Truman in dem Hollywood-Klassiker "Die Truman Show", der einzige echte Mensch, während alle anderen Schauspieler sind. Der einzige Unterschied: Im Gegensatz zu Truman "weiß" sie, dass die anderen Rollen spielen. Sie "weiß", dass die Menschen, die ihr auf der Straße begegnen, die Anweisung haben, ihr Zeichen zu geben:

"Ich habe das auch von meinem Freund vermutet. Ich habe gedacht, du gehst gar nicht arbeiten, du wirst bezahlt dafür, mich auszuspionieren."

Doch während Truman in der pastellfarbenen Welt einer 50er-Jahre-Vorstadt lebt, ist die Welt von Judith Behrend düster und bedrohlich. Für sie steht die Welt kurz vor dem Abgrund. Gewalt, Ungerechtigkeit, Hunger in der Welt – alles, was gesunde Menschen täglich irgendwie ausblenden, fühlt sie ganz unmittelbar. Die Filter funktionieren nicht mehr:

"Nachrichten sind eine Katastrophe, weil man die Katastrophen fühlt. So fühlt, dass die ganz unmittelbar mit dem eigenen Leben zu tun haben. Und wenn es ganz schlimm wird, werden Bezüge hergestellt zwischen dem, wie ich mich heute verhalten habe und wie sich die Welt am Abend in den Nachrichten darstellt."

"Sie sind schuld?"

"Ja, ich bin schuld."

"Ich bin auch Schleichwege gegangen, um große Menschenmengen zu umgehen. Gerne im Dunkeln, gerne, wenn es geregnet hat."

Anfangs keine Krankheitseinsicht

Wahn ist das häufigste Symptom einer psychotischen Störung. Ich kenne das. Mein guter, alter Freund Lars ist seit einigen Wochen wieder in der Psychiatrie. Er ist der Grund, warum ich überhaupt versuche, die Psychose zu verstehen, und warum ich mit Judith Behrend spreche. Lars hat gerade einen Liebeswahn. Wenn ich ihn besuche, erzählt er mir, dass er dringend zu einer Frau nach Frankfurt muss. Auf jedem Werbeplakat sieht er verschlüsselte Nachrichten von ihr, Liebesbotschaften. Er hat sie vor ein paar Jahren flüchtig kennengelernt und ist jetzt überzeugt, dass sie die Liebe seines Lebens ist. Bilder von Blumenstr­äußen, eine Sektflasche – für ihn sind das alles verschlüsselte Einladungen. Je mehr ich versuche, mit Vernunft dagegen zu argumentieren, desto mehr hält er daran fest. Er kommt auf immer verrücktere Ideen, um die Geschichte aufrecht zu erhalten. Dann tauchen die Botschaften plötzlich auch in der Zeitung auf – zur Bestätigung, dass sie echt sind:

"Das Normale ist ja, dass ein Psychotiker keine wirkliche Krankheitseinsicht hat, zumindest zum Anfang seiner Erkrankung nicht. Und dann kommen die ja nicht, Herr Voigt, ich bin verrückt, machen Sie mal was. Sondern die denken, das ist wahr. Das ist ja kein Glaube für die, das ist eine Gewissheit, verfolgt zu werden. Die glauben das nicht, die wissen das."

 Ich sitze im Therapieraum von Jürgen Voigt auf dem Sessel, auf dem sonst seine Patienten sitzen. Ein bequemer Lederschwinger mit hoher Lehne, auf dem man sich sicher fühlen kann. Der Berliner Psychotherapeut – graue Haare, ein nachforschendes freundliches Gesicht – sitzt mir mit etwas Abstand gegenüber. Ungefähr ein Drittel seiner Patienten leiden an Psychose. Ungewöhnlich viele für einen niedergelassenen Psychotherapeuten:

"Ich bin ja auch so sozialisiert. Also, das war früher völlig klar, man darf da gar nicht dran rühren, an diesem Wahnsystem. Wenn man da auch nur drüber redet, dann verfestigt man das nur. Das ist nicht behandelbar, das war völlig klar, Wahn ist nicht korrigierbar. Das Einzige, was man tun kann, ist Tabletten geben."

In der Kognitiven Verhaltenstherapie geht es heutzutage darum, die Wahninhalte nicht nur zu thematisieren, sondern auch in Frage zu stellen. – Ich frage mich, wie machen die das? Über den Wahn zu sprechen, ohne dass ihre Patienten dicht machen, so wie ich es bei Lars erlebe? Wie kann man auf den Verstand setzen, wenn sich der andere völlig verrückt verhält?

"Das Klassische ist ja immer, ich werde verfolgt. Wenn ich da sagen würde, seit wann glauben Sie, dass Sie verfolgt werden? Dann hätte ich schon etwas falsch gemacht. Die andere Frage wäre, wann haben Sie das erste Mal gemerkt, dass Sie verfolgt werden?"

Jürgen Voigt will die Wahninhalte weder bestätigen noch ablehnen. Er würde zu seinen Patienten niemals sagen: Das kann nicht sein, das ist doch Quatsch, wie ich manchmal zu Lars sage. Stattdessen geht er mit seinen Patienten die Vorstellungen systematisch durch und prüft sie auf Plausibilität. Beispielsweise: Wenn alle Menschen, denen sie auf der Straße begegnen, sie beobachten - wie viele sind das pro Tag? Pro Monat? Und wie teuer ist das im Jahr? Wer kann das bezahlen?

Angst in der Anfangsphase

Zum anderen versucht der Therapeut, nach den tieferliegenden Gründen für den Wahn zu suchen:

"Psychotische Patienten erzählen oft , dass sie in der Anfangsphase ein diffuses Gefühl der Angst hatten, was aber sehr stark war, aber keine wirkliche Erklärung hatte. Ein Überschwemmtwerden von einer negativen Emotion. Dann bastelt man eine Erklärung daraus und die Art diffuser Angst lässt nach und das erleben die als Entlastung. Weil es gibt eine Erklärung, das Kind hat einen Namen. Dann entstehen neue Ängste. Weil verfolgt zu werden, macht auch Angst. Aber das ist eine andere Angst, weil die nicht mehr so diffus ist. Man kann sie benennen, man kann sie erklären."

"Das war in der Zeit so ein Zusammenhang von Schmerzen, deren reale Ursache ich mir gar nicht angucken wollte. Ich habe in der Zeit ganz viel Tagebuch geschrieben. Und dann war es auch so ein Gefühl von Mystik. Jetzt bekomme ich die Offenbarung, jetzt bekomme ich die Antwort auf sämtliche Fragen. Und das ist ja alles ganz logisch, natürlich, warum habe ich das nie gesehen?"

Judith Behrend kann sich noch gut daran erinnern, wie es vor über 20 Jahren zu ihrem ersten Zusammenbruch kam. In der Wohnung eine Baustelle, die Beziehung mit ihrem Freund kaputt, sie selbst angespannt durch zwei Nebenjobs und überfordert von den eigenen Ansprüchen im Studium – irgendwann hat sie es nicht mehr ausgehalten:

"Immer das Gefühl, es reicht nicht. Auf meinem Grabstein könnte stehen, "sie hat sich bemüht". Weil, das hab ich wirklich. Ich weiß nicht, warum das immer so negativ bewertet wird, wenn man diesen Satz ausspricht. Und auch dieser Perfektionismus, wenn, dann muss das hundertprozentig sein. In Arbeitszusammenhängen und auch im Studium. Also, es hat ewig gedauert bis ich eine Hausarbeit schreiben wollte – oder konnte!"

"Das ist häufig ganz gut nachzuvollziehen, wenn man in die Anfänge der Wahnentwicklungen zurückgeht. Da gab es vielleicht Probleme auf der Arbeit und dann gab es Streit, und dann gab es komische Blicke von Kollegen und Kolleginnen, und dann dachte man, die haben gerade über mich geredet. Und dann hat man sich zurückgezogen, dann waren die wirklich nicht mehr so freundlich. Dann kam der nächste Gedanke, vielleicht wollen die mich rauskicken, das ist ja alles noch im nachvollziehbaren Bereich. Und dann wird es immer extremer. Aber auch dann kann man oft trotzdem nachvollziehen, wie eine Überzeugung und eine Verhaltensweise zur nächsten kommt."

Denkverzerrungen nachvollziehbar, Übergänge fließend

Die Psychologin Tania Lincoln leitet eine Ambulanz für Psychosentherapie an der Universität Hamburg. Wichtig sei es, den Patienten zu vermitteln, dass ihre Vorstellungen nicht verrückt sind, sondern logisch erklärbar: Sie haben bestimmte Ereignisse übertrieben interpretiert. Denn grundsätzlich sind viele Denkverzerrungen, die bei psychischen Störungen vorkommen, nur allzu menschlich: Wir haben alle gerne feste Vorstellungen von der Welt. Deswegen nehmen wir Informationen, die unsere Überzeugungen bestätigen, stärker wahr als solche, die ihnen widersprechen. Das Festhalten an Überzeugungen hilft uns, die Welt zu sortieren. Allerdings laufen wir dabei immer Gefahr, uns zu verrennen. Sogar Halluzinationen haben viele Menschen auch ohne eine psychische Störung schon einmal in der einen oder anderen Form erlebt:

"Es ist nicht so, dass es so eine klare Grenze zwischen gesund und krank gibt, sondern es sind fließende Übergänge. Und, ja, die meisten Menschen haben so etwas wie paranoide Gedanken manchmal, manche auch stärker."

Auf der Straße kommt mir eine Gruppe entgegen. Als ich an ihnen vorbeigehe, lachen sie. Haben sie über mich gelacht? Klar, das habe ich schon erlebt:

"Und es gibt auch nicht wenige Menschen, die Stimmen hören. Oder ähnliche Phänomene wie lautes Tagträumen, oder das Gefühl, dass andere die Gedanken lesen können. Das ist ja nicht auf die Gruppe beschränkt, die dann hinterher die Diagnose bekommen. Zum Beispiel, wenn man von einer Veranstaltung, von einer Party nach Hause kommt, wo viel gesprochen wurde. Dass man so einen Nachklang hat, noch die Stimmen im Kopf hört. Das ist sogar relativ häufig."

Psychosen können unter anderem bei bipolaren Störungen und bei schweren Depressionen auftreten, doch vor allem geht es um schizophrene Erkrankungen. Der Begriff Schizophrenie ist allerdings fachlich umstritten, weil er so viele verschiedene Krankheitsbilder zusammengefasst. Doch vor allem ist er für die Patienten stigmatisierend. Therapeuten sprechen daher lieber von Psychosen, auch wenn sie schizophrene Erkrankungen meinen. Wie genau sie entstehen, weiß man bis heute nicht. Es gibt das Vulnerabilitäts-Stress-Modell, wonach Menschen, die genetisch, epigenetisch oder psycho-sozial bedingt besonders verletzlich sind, durch ein schweres Ereignis in ihrem Leben oder durch eine ständige hohe Belastung erkrankt sind. Die Vorstellung: Die Informationsverarbeitung gerät an ihre Grenzen und "knallt durch". Die Reize von außen können nicht mehr gefiltert werden, eigentlich unbedeutende Ereignisse scheinen plötzlich sehr wichtig. Die Menschen erleben Halluzinationen und entwickeln Wahnvorstellungen.

Psychotische Patienten häufig mit negativem Selbstbild

Die kognitive Psychologie geht aber von weiteren Faktoren aus, die bei der Entstehung der Störung eine Rolle spielen: Demnach neigen psychotische Patienten dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen und die Schuld nur bei einer Sache oder einer Person zu sehen, obwohl ein Ereignis vielschichtige Gründe hat. Zudem haben sie häufig ein sehr negatives Bild von sich selbst. Entsprechend verzerrt und negativ interpretieren sie die Ereignisse in ihrem Leben:

"Warum hat der eine da eine wahnhafte Erklärung und warum sagt der andere, okay, ich bin offensichtlich gerade gestresst? Und da ist es interessant zu gucken, warum ist es denn bei dem einen wahnhaft. Und da hat man dann den Link zu den Annahmen, die die Person im Laufe der Jahre über sich selbst und die Welt gebildet hat. Und die beeinflussen die Art der Erklärung."

Kognitive Verhaltenstherapie und Medikamente

Das gängige Verfahren in Deutschland ist die kognitive Verhaltenstherapie, wie sie in der offiziellen Behandlungsleitlinie für Schizophrenie empfohlen wird. Mitte der 90er wurden vor allem in Großbritannien neue Methoden speziell für Psychosen entwickelt, die auch hierzulande von immer mehr Therapeuten genutzt werden. Es geht darum, Denkmuster zu durchbrechen. Jürgen Voigt beschreibt das ABC der Kognitiven Verhaltenstherapie: A wie activating event, also der auslösende Reiz, B wie belief, also die Interpretation, und C wie consequence, also die Konsequenz für das Verhalten:

"Ein Patient geht an einer Bushaltestelle vorbei. Das ist die Situation, A. Und C, als Konsequenz kommt da heraus, die haben mich alle angeguckt, und die denken alle, ich wäre verrückt, und die beobachten mich alle, um das weiter zu sagen beim Verfassungsschutz und so weiter. Und Angst ist dabei. Aber Fakt ist, dass da dazwischen noch was war, nämlich B, die Believes, Interpretationen von dieser Situation. Was die anderen denken, weiß der Patient gar nicht. Er denkt, dass die so denken. Und das muss man dem auch mal wieder deutlich machen, dass man sagt, das wissen wir jetzt nicht, das haben sie jetzt daraus gemacht."

Und tatsächlich scheint dieser Ansatz zu funktionieren. Allgemein ist es nicht leicht, die Wirksamkeit von solchen psychotherapeutischen Verfahren nachzuweisen. Einzelnen Studien stehen oft nur relativ wenige Teilnehmer zur Verfügung. Unterschiedliche Fragestellungen und Rahmenbedingungen erschweren den Vergleich der Ergebnisse. Doch im vergangenen Jahr erschien eine groß angelegte, internationale Übersichtsarbeit der Münchner Psychologin Irene Bighelli und Kollegen. 53 Einzelstudien sind eingeflossen. Demnach kann Kognitive Verhaltenstherapie in Ergänzung zur Standardbehandlung mit Medikamenten vor allem Symptome wie Wahn und Halluzinationen signifikant reduzieren und die Lebensqualität verbessern. Und auch Patienten, die eine medikamentöse Behandlung verweigern, scheint die Psychotherapie zu helfen. Eine Studie der Universität Manchester von 2014 begleitete Patienten über einen Zeitraum von 18 Monaten nach der Therapie. Immerhin 41 Prozent zeigten noch immer eine deutliche Verbesserung ihrer Symptome – gegenüber 18 Prozent in der Vergleichsgruppe, die weder Medikamente noch eine Therapie erhielt. Kognitive Verhaltenstherapie – das bedeutet, dass man sich bewusst mit den Wahnvorstellungen befasst. Wie plausibel sind sie? Aber auch: Welche Rolle spielen diese Ideen in meinen Leben?

"Aber eigentlich noch wichtiger ist, sich dann anzugucken, hätte es denn Vorteile, wenn die Annahme nicht stimmen würde? Wie ist nämlich die Motivation, an der Annahme festzuhalten oder nicht festzuhalten."

Auch das kommt vor – manchmal ist der Wahn eine Bereicherung, die jemand nicht aufgeben möchte. Weil er vielleicht überzeugt ist, durch seine Taten irgendwo auf der Welt etwas Gutes zu bewirken. Oder weil sein Größenwahn ihm gut tut – und er es schafft, seine Umgebung damit in Ruhe zu lassen.

Wahn als Bereicherung für Betroffene

Mein Freund Lars ist zwar auf einer Akut-Station, aber in Begleitung darf er auch rausgehen. Wir gehen im Park spazieren, er redet, ich höre zu. Oder ich tue jedenfalls so. Es ist einfach zu anstrengend, allen assoziativen Schleifen zu folgen, die seine Gedanken im Laufe eines Nachmittags machen. Wenn ich zwischendurch etwas erzählen will, hört er kaum zu, seine Aufmerksamkeit ist schnell wieder woanders. Ich erzähle Judith Behrend davon:

"Ich versuche immer geduldig zu sein. Das muss man ja auch."

"Nein, eigentlich ist es viel besser, normal zu sein. Mein jetziger Partner, der nimmt kein Blatt vor den Mund, auch wenn ich in der Psychose bin."

Man geht davon aus, dass 7 von 1000 Menschen an einer Psychose erkranken, in Deutschland sind rund 400.000 Menschen betroffen. Ihre Behandlung bedeutete schon immer eine besondere Herausforderung. Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, bezweifelte, ob es überhaupt möglich sei, Psychosen zu behandeln. In seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse von 1916 und 1917 bezeichnet er sie als Narzißtische Neurosen und schreibt:

"Narzißtische Neurosen zeigen keine Übertragung und darum sind sie auch für unsere Bemühung unzugänglich und durch uns nicht heilbar."

Neuroleptika gegen akute Psychosen

Mitte der 50er Jahre kam das erste Neuroleptikum auf den Markt, in Deutschland unter dem Namen "Megaphen". Plötzlich schien eine schnelle und effektive Hilfe bei akuten Psychosen möglich zu sein. Die Forschung verlagerte sich auf den Bereich der Pharmakologie. Inzwischen sind Neuroleptika zur Standardbehandlung geworden, doch sie haben auch viele Nachteile.

"Es ist so, dass ich seit 20 Jahren versuche, Neuroleptika loszuwerden, mal mehr, mal weniger ehrgeizig, und mir das einfach nicht gelingen will. Und das ist schon eine Einschränkung, wegen der Nebenwirkungen. Also ich bin bald das Dreifache von dem, was ich mal war. Und das ist eigentlich etwas, was nicht so zu mir passt, von der Seele her."

Vier oder fünfmal hat Judith Behrend versucht, die Neuroleptika abzusetzen – jedes Mal rutschte sie wieder in eine Psychose. Und wie ihr geht es vielen. Die Neuroleptika wirken auf den Stoffwechsel, viele Patienten nehmen erheblich an Gewicht zu. Außerdem drosseln die Medikamente nicht nur das psychotische Erleben, auch alle anderen Empfindungen werden runter gefahren. Betroffene klagen darüber, dass sie kaum noch etwas fühlen. Und je deutlicher die Grenzen der Behandlung mit Psychopharmaka werden, umso mehr steigt das Interesse an Psychotherapie – nicht nur bei den Verhaltenstherapeuten, sondern auch bei der Konkurrenz: den Psychoanalytikern und Tiefenpsychologen:

"Freud hat aber auch gesagt, und zwar zeitgleich und immer wieder, dass seine Methode, so wie er sie im Moment anwendet, dafür nicht ausreicht. Aber dass es vermutlich Werkzeuge geben wird, mit denen man Menschen mit Psychose behandeln kann."

Psychodynamischer Ansatz

In Deutschland schuf in den 80er Jahren der Frankfurter Psychiater und Psychoanalytiker Stavros Mentzos die Grundlagen für die heutige "modifizierte psychodynamische Psychosentherapie". Für Mentzos steht am Anfang einer Psychose ein unlösbares Dilemma: In der Beziehung zu anderen Menschen schwankt der Betroffene zwischen übersteigerter Nähe und extremer Distanz. Als Ausweg verlässt der Betroffene die Realität und "rettet" sich in den Wahn.

"Entweder ich bin bei mir und verliere den Rest der Welt und kann nicht überleben. Oder ich bin bei dem anderen und bin nicht mehr bei mir und verliere mich selbst. Also, wenn ich mich verliebe, gehe ich in dem anderen auf, symbiotisch. Wenn ich mich nicht verliebe, bleibe ich bei mir und kriege nie jemanden, mit dem ich zusammen sein kann. Also, sich zu verlieben ist ein ganz klassisches Moment, wo die psychotisch werden. Das schaffen die nicht, weil sie es nicht schaffen, in einer Beziehung bei sich zu bleiben."

Die Berliner Psychiaterin und Psychotherapeutin Dorothea von Haebler hat 2011 den Dachverband deutschsprachiger Psychosen-Psychotherapie mitgegründet und ein Handbuch für dieses Verfahren mitverfasst. Während die Verhaltenstherapie vor allem auf die Symptome schaut, geht es im psychodynamischen Ansatz darum, dass der Patient gemeinsam mit dem Therapeuten so genannte Modellerfahrungen macht. Beispielhafte Erfahrungen, in denen das Dilemma abgeschwächt wird:

"Das ist das Wertvollste, was wir haben. Das sind die kleinen Situationen, dass der Mensch in die Psychose geht, dass wir das auch in der Therapie erleben, zu viel Nähe, zu viel Distanz, das erleben wir auch in der Therapie. Das können wir ansprechen und daraus kann dann gelernt werden, weil es in so einem geschützten Rahmen relativ angstfrei erlebt werden kann. Das Gefühl, ok, wir können hier mit zwei Meinungen in einem Raum sitzen, da geht nichts kaputt."

Die Studien zur Wirksamkeit des psychodynamischen Ansatzes bei Psychosen, die bislang vorliegen, entsprechen nicht den heutigen Forschungsstandards. Dennoch wenden sich auch die Psychoanalytiker immer mehr der Behandlung von Psychosen zu:

"Das andere ist, dass es jetzt viele junge Psychotherapeuten gibt, die die Notwendigkeit sehen und motiviert sind. Und es gibt eben auch welche, die im Feld sind, und sagen, ich möchte eine Fundierung kriegen, um Menschen mit Psychosen zu behandeln. Ich habe das nicht gelernt, ich habe es vielleicht gemacht, aber ich möchte das nochmal lernen."

Psychosen-Behandlung durch niedergelassene Therapeuten

Seit 2014 ist eine Psychotherapie bei Psychosen offiziell anerkannt und wird von den Krankenkassen bezahlt. Dennoch bleibt sie weiterhin die Ausnahme. Wenn man von der Zahl der Erkrankungen ausgeht, müssten rein rechnerisch neun Prozent der Patienten bei den niedergelassenen Therapeuten Menschen mit einer Psychose sein. Tatsächlich ist aber nur ein Drittel davon in Behandlung", sagt Lincoln.

"Am Sonntag war ich in der Psychiatrie. Also diese Berührungsängste, die sind bei mir natürlich größer. Ist das für Profis eigentlich auch so etwas?"

 "Ja, Unsicherheit im Umgang mit den Patienten spielt auch bei manchen eine Rolle. Das hat auch unsere Befragung gezeigt. Also, die niedergelassenen Psychotherapeuten, die eine Behandlung von Psychosepatienten ablehnten, da waren schon Unsicherheiten teilweise ein Grund dafür."

Gewaltausbrüche, wie sie in psychiatrischen Akutstationen vorkommen, spielen bei niedergelassenen Therapeuten und in Ambulanzen kaum eine Rolle. Psychotherapeuten fürchten vor allem einen größeren Aufwand oder trauen sich einfach nicht zu, diese starken Störungen zu behandeln. Die älteren von ihnen wurden noch gar nicht dafür ausgebildet. Es gibt aber auch andere Gründe, warum Patienten mit Psychosen zu selten eine Psychotherapie bekommen. Viele leiden an Antriebsschwäche und scheitern bereits an der ersten Hürde, nämlich überhaupt bei einem Therapeuten anzurufen:

"Und trotzdem würde ich sagen, vieles ist eben Vorurteil. Also, das ist ein Vorurteil, dass diese Patienten so anders sind. Denn die Therapeuten, die mit diesen Patienten arbeiten, kommen zu dem Ergebnis, so anders sind die gar nicht. Man kann eben doch das meiste nachvollziehen, im Sinne der frühen Erfahrung, der Lerngeschichte und so weiter. Es ist nicht so, dass man da keine Beziehung aufbauen könnte. Im Gegenteil, eigentlich ist die Behandlung dieser Gruppe von Patienten sogar interessanter. Kein Wahn gleicht dem anderen und bei jedem ist es wirklich unterschiedlich gelagert."

 "Aber dann gibt es eben auch nicht den einfachen Schlüssel."

 "Ja, das ist richtig. Aber das ist ja eigentlich die Herausforderung, deswegen sind sie ja Therapeuten geworden."

Lars hat mich zu sich bestellt, "und zwar bitte mit Auto". Er bereitet langsam seine Entlassung aus dem Krankenhaus vor. Tütenweise haben wir Sachen aus der Klinik in seine Wohnung gebracht. Wie hat er nur in ein paar Monaten so viel Zeugs in seiner Hälfte des Zweibett-Zimmers ansammeln können? Und kann er wirklich schon alleine sein? Psychiatrien sind keine Verwahranstalten mehr. Die Patienten werden so schnell wie möglich wieder nach Hause gelassen. Aber Lars wirkt noch sehr verletzlich.

Grenzen der Medikamente

Sein Neuroleptikum wird er noch eine ganze Weile nehmen müssen. Er ist froh, dass es die Medikamente gibt, und gleichzeitig hasst er sie. Da geht es ihm wie vielen Betroffenen. Inzwischen ist klar geworden, dass Tabletten nicht die Lösung sind. Sie können in akuten Psychosen entlasten und heftige Symptome unterdrücken. Doch langfristig sind sie für die meisten Patienten nicht das richtige Mittel, gibt auch die Psychiaterin von Haebler zu bedenken:

"Die Medikamente reichen nicht aus. Das Jahrzehnt der Hirnforschung, das so viel versprochen hat, ist teilweise Neuro-Mythologie geworden. Teilweise haben sie auch wirklich Erfolge erzielt, die aber nicht direkt in Therapie umsetzbar sind. Wir sind mit Medikamenten, mit der genetischen Forschung an Grenzen gestoßen. Das Gen ist auch nicht gefunden worden, sondern nur ganz viele komplizierte Mechanismen, die aber noch keine Therapiemöglichkeit zulassen. Man kommt jetzt zurück auf die sprechende Therapie, die ja offensichtlich auch was bewirkt."

Judith Behrend hat inzwischen fünf Jahre Therapie hinter sich. Sie hat viel über sich gelernt, über ihre Selbstzweifel, ihre hohen Ansprüche an sich selbst und darüber, wie sie mit Situationen umgehen kann:

"Es gibt dieses Denken noch und es gibt dieses Erinnern. Und wenn ich durch die Straßen laufe, dann weiß ich sehr wohl, wie ich Manches wahrnehmen würde, wenn ich gefühlsmäßig auf einem anderen Level wäre. Aber ich kann das ganz gut wegstecken. Das ist natürlich ein Erfolg der Therapie, aber auch der anderen Bausteine, die ich so hatte, die Erfahrung damit, der Austausch mit sehr guten Freunden."

Sie fühlt sich wieder stabil genug, um zu arbeiten und hat angefangen, Bewerbungen zu schreiben. Ihre Neigung zum Katastrophendenken hat sie behalten. Aber inzwischen kann sie darüber lachen:

"Ich habe gestern im Garten meine Uhr gesucht, ich habe die nicht gefunden. Und ich habe wirklich gedacht, da ist jetzt der Nachbar gekommen, oder wer auch immer, und hat sich die geholt. Die ist nicht materiell wertvoll, sondern ideell. Aber das ist der erste Gedanke, ich finde etwas nicht und denke gleich etwas Negatives. Ich habe sie dann gefunden und gelacht."

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