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StartseiteBüchermarktPionierin der queeren Literatur06.11.2020

Rachilde: "Monsieur Vénus"Pionierin der queeren Literatur

Eine Frau verliebt sich in ein Mädchen, das ein Junge ist. Eine solche Geschichte dürfte selbst heute noch Verwirrung stiften. Die französische Autorin Rachilde erzählte sie schon 1884. Ihr erstaunlich moderner Fin-de-Siècle-Roman über fluide Geschlechter wurde endlich ins Deutsche übersetzt.

Von Antje Rávik Strubel

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Rachilde: „Monsieur Vénus“ (Buchcover Reclam Verlag / Hintergrund imago stock&people)
Marguerite Eymery gehört zu den eigenwilligsten Stimmen des Fin de Siècle. Unter dem Pseudonym Rachilde veröffentlichte sie ihrem Roman "Moniseur Vénus" 1884 zuerst in Brüssel, aus Angst vor der französischen Zensur. (Buchcover Reclam Verlag / Hintergrund imago stock&people)
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Der körperlichen Schönheit widmete die französische Schriftstellerin Rachilde ihren zweiten Roman mit dem elektrisierenden Titel "Monsieur Vénus". Das lässt nicht unbedingt einen Skandal vermuten. Zu einem Skandal wurde ihr Roman, mit dem sie, vierundzwanzigjährig, 1884 einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde, weil die Schönheit darin unkonventionell gemeint ist; sie betrifft Körper jenseits von Geschlecht. Und so endet das Buch mit einer Erotikpuppe recht unklarer geschlechtlicher Zuschreibung. Noch heute, da der Begriff des Fluiden existiert, also eines im Fluss befindlichen Geschlechts, ist es eine Herausforderung, sich einen Körper ohne zugehöriges Geschlecht vorzustellen.

Zur Zeit des Fin de Siècle brachte ein Roman über ein die Grenzen gesellschaftlicher Billigung sprengendes Begehren einer Adligen zu einem Kunstblumenhersteller seiner Autorin den Ruf einer dämonischen "Königin der Décadence" ein. Der Reclam Verlag nennt sie heute zu recht eine Pionierin der queeren Literatur. Denn es geht um die queere Lust der in adligen Verhältnissen aufgewachsenen Raoule de Vénérande. Nach dem Tod der Eltern wird Raoule von einer frommen Tante aufgezogen und langweilt sich. Als sie Jacques Silvert begegnet, flammt sofort Begehren auf, das Begehren eines Mannes zu einem Mädchen. Und Jacques Silvert, in ärmsten Verhältnissen lebend, antwortet auf Raoules männliches Begehren, indem er immer mehr zu einem Mädchen wird.

"Er hatte um einen hübschen, blau gefütterten Morgenmantel aus blauem Samt gebeten […], und so stolperte er mit Absätzen, die sich in dem langen Kleidungsstück verfingen, Raoule auf der Schwelle entgegen. Diese kam einmal gegen Mitternacht, im Herrenanzug, eine Gardenie im Knopfloch, das in Locken gelegte Haar unter einem Zylinder, ihrem Reithut, verborgen, den sie tief in die Stirn gezogen hatte."

Schrankenloses Liebesnest

Die armselige Kammer, in der Jacques zusammen mit seiner Schwester, einer Prostituierten, haust, ersetzt Raoule durch ein üppiges Atelier am Montparnasse, seinen männlichen Körper durch üppige Weiblichkeit. Das Atelier ist ausgestattet mit allem, was das Fin de Siècle zu bieten hat, von morbider Schwülstigkeit bis zu erotischer Exstase, ein Liebesnest, in dem Raoule nicht nur soziale Schranken überschreitet und mit sexuellen Moralvorstellungen bricht, sondern mit ihrer Lust auch die Körper ins Wanken bringt.

"Jacques schlief, er hatte viel gelesen, während er auf sie wartete, dann war ihm schließlich das Buch aus der Hand geglitten. Geheimnisvoll erleuchtete die Nachtlampe das Bett mit dem seidenen, mit venezianischer Spitze verzierten Brokatell. Sein zerzauster Kopf ruhte in charmanter Schlaffheit auf dem feinen Batist des Lakens. Sein hochgeschlossenes Hemd ließ keinerlei Männlichkeit erahnen, und sein runder, völlig unbehaarter Arm ragte wie schöner Marmor längs des Satinbettvorhangs heraus."

Verhalten verändert den Körper

Nicht nur die Kleidungsstücke, auch die Rollen werden getauscht. Jacques trägt das Kleid, Raoule den Gehrock. Sie behandelt ihn den Gepflogenheit der Zeit entsprechend mit Dominanz und männlichem Machtgebahren, macht ihn sich unterwürfig, will ihn besitzen, in dem sie ihn schließlich zur Frau nimmt, während er als Ausdruck seiner Weiblichkeit passiv, anschmiegsam, wollüstig, beschämt und süchtig nach ihrer Bestätigung wird; ein beinahe klischeehaftes Rollenverhalten, das im Lichte des Gewohnten normal erscheinen würde, in seiner Umkehrung aber die ganze ihm innewohnende Brutalität preisgibt. 

"Jacques liebte Raoule aus wahrem Frauenherzen. Er liebte sie aus Dankbarkeit, aus Unterwürfigkeit, aus einem unterschwelligen Bedürfnis nach unbekannten Lüsten. […] Ihm wurden die entwürdigenden Gepflogenheiten, die sie ihm auferlegte, zu einer natürlichen Notwendigkeit."

Erstaunlich an "Monsieur Vénus" ist aber nicht unbedingt die Kritik an den Geschlechterrollen. Im Laufe des Romans verändern sich auch die Gestik, das Erscheinungsbild, die Körper der beiden Liebenden. Die Wirkung, die ihr spezifisches Begehren jeweils aufeinander hat, verändert ihre Physis so stark, dass auch die Umwelt in Jacques die junge Frau erkennt. Als Jacques auf einem Fest im Haus der Vénérandes erscheint, vernebelt es den anwesenden Herren die Sinne.

"Jacques hatte den Kopf in den Nacken geworfen, und noch sein verliebtes Mädchenlächeln, seine geschürzten Lippen ließen Perlmuttzähne sehen, seine Augen, die durch einen bläulichen Schimmer noch größer schienen, glänzten feucht, und unter seinem dichten Haar waren die kleinen Ohren erglüht wie purpurne Blüten, was in ihnen allen dasselbe unerklärliche Beben auslöste. Jacques ging vorüber, er hatte sie nicht bemerkt; seine Hüfte, die sich unter dem schwarzen Anzug wölbte, streifte sie für einen kurzen Moment … und in einer einzigen Bewegung verkrampften sich ihre schweißig gewordenen Hände."

Skandalöse "Homme de Lettres"

Überraschend modern schildert Rachilde nicht nur das soziale, sondern auch das biologische Geschlecht nicht als etwas Stabiles, sondern als pausenlos im Übergang, als etwas, das sich im Begehren immer neu formt. Tritt Jacques Männlichkeit zutage, erscheint das Begehren als homosexuelles. Seine Weiblichkeit lässt es umschlagen ins Heterosexuelle, unter veränderten geschlechtlichen Vorzeichen. Morbide, grenzwertige, todessüchtige Erotik war dem Fin de Siècle so vertraut wie die berühmte Femme Fatale. Rachilde geht über das bloß Erotische hinaus und rüttelt, ihrer Zeit darin weit überlegen, an der dichotomen Geschlechterordnung. Aus Mangel an Vergleichbarem greift sie auf die Antike zurück, spielt auf die griechische ars erotica und auf Sapphos Lyrik an. Und sie schafft sich einen Komplizen in der Figur des Baron de Raittolbe. Nachdem Raoule den Heiratsantrag des Barons abgelehnt hat, verfällt dieser dem weiblichen Jacques; ein geschickter Kunstgriff der Autorin, um die Weiblichkeit ihrer männlichen Figur Wirklichkeit werden zu lassen. Denn erst, wenn zwei das Gleiche sehen, spricht man gemeinhin von Wirklichkeit.

Zwei aufschlussreiche zeitgenössische Nachworte sind dem Roman beigefügt, eines horrender als das andere in seiner partiarchalen Herablassung gegenüber einer Autorin, die sich selbst als "Homme de Lettres" bezeichnete, und Männerkleidung trug, vor allem, um ungestört aus dem Haus zu können. Männerkleidung war ein seltenes Privileg, das damals noch vom Polizeipräsidium gestattet werden musste. Trotz aller Skandalisierung und Schmähung ihres Romans als hysterische Jungfrauenphantasie machte er Rachilde bekannt, inspirierte Oscar Wilde und ist heute eine aufregende Entdeckung, elegant übersetzt von Alexandra Beilharz und Anne Maya Schneider. Fast scheint Rachilde gewusst zu haben, dass sie einen langen Atem hat. Davon zeugt jedenfalls das augenzwinkernde, knappe Vorwort: "Unseren Lesern zur Warnung: Während sie dieses Buch öffnen, geht die Heldin unserer Geschichte vielleicht gerade an Ihrer Tür vorbei."

Rachilde: "Monsieur Vénus"
Aus dem Französischen von Alexandra Beilharz und Anne Maya Schneider,
mit einem Nachwort von Martine Reid
Reclam Verlag, Stuttgart, 218 Seiten, 18 Euro

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