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StartseiteWissenschaft im BrennpunktÜber die rassistischen Wurzeln von Wissenschaft25.12.2018

Rassendenken Teil 1Über die rassistischen Wurzeln von Wissenschaft

„Menschenrassen“ sind eine Erfindung. Doch diese Erkenntnis reicht offensichtlich nicht, um den Rassismus aus der Welt zu schaffen. Eine Mitverantwortung trägt ausgerechnet die Wissenschaft, auf deren Befunde sich Rassisten bis heute berufen. Welcher historische Hintergrund führte auf diesen Irrweg?

Von Lydia Heller und Azadê Peşmen

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Gedenkfeier im Französischen Dom am 29. August 2018: Schädel von Herero und Nama  (picture alliance / AA)
Menschliche Gebeine in deutschen Archiven und Museen zeugen noch heute von der Rassenbiologie der Kolonialzeit (picture alliance / AA)
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Berlin, August 2018, französische Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt. Gedenk-Gottesdienst der Evangelischen Kirche Deutschlands und des Rats der Kirchen in Namibia.

"Today, dear sisters and brothers", heißt es bei der Zeremonie, "we commemorate the handing over of human remains of victims of the genocide and colonial rule to their rightful owners: the people of Namibia."

Menschliche Gebeine werden zurückgegeben, Schädel und Knochen von Herero und Nama.

"Die Gebeine, die heute hier übergeben werden, sind Teil der Gebeine, die aus den Konzentrationslagern, die die Deutschen in Namibia errichtet hatten, nach Deutschland kamen für rassistische Forschungsarbeit hier in Deutschland", erklärt Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland.

Vor der Kirche: eine Mahnwache von Vertretern der Herero und Nama. Sie warten auf eine offizielle Entschuldigung.

"Während dieser Zeit wurden die Körper enthauptet, die Schädel genommen, in große Töpfe geworfen, gekocht und dann den Nama- und Herero-Frauen gegeben, damit sie die Haut und das Fleisch abziehen", klagt Esther Muinjangue, Vorsitzende des Ovaherero Genocide Committee. "Dann wurden sie nach Deutschland verschifft, für die sogenannte wissenschaftliche Forschung. Später wurde es zu einem Geschäft. Einem Handel. Leichen wurden exhumiert, aus den Gräbern genommen. Es gab eine große Nachfrage nach den Schädeln. Wenn diese Leute heute leben würden, ich würde sie fragen, wirklich: Was haben sie sich dabei gedacht? Ich möchte wirklich wissen: Was haben sie herausgefunden?"

Ende 19. Jahrhundert: Die Staaten Europas, die USA und das Osmanische Reich befinden sich im sogenannten "Wettlauf um Afrika". Das Deutsche Reich beansprucht eine Rolle als Kolonialmacht - die Anhänger des kolonialen Projekts sind auch im Deutschen Reich zahlreich und aktiv: Die "Deutsche Kolonialgesellschaft" - in der sich Handelsunternehmern, Industrielle und Banken für eine Ausweitung der Kolonien stark machen - hat um die 30.000 Mitglieder. Kolonial- und Afrikavereine entstehen, die "Deutsche Kolonialzeitung" berichtet wöchentlich.

Der Ruf des deutschen Kolonialwesens jedoch ist schlecht: Zeitungen berichten über Willkür, Gewalt und Mord durch Beamte in den Kolonien. In Deutsch-Ostafrika war es 1888 bereits zum Aufstand gekommen - in Deutsch-Südwestafrika gibt es immer wieder Konflikte. Sie münden 1904 in den Herero-Aufstand, dessen brutale Niederschlagung die Herero nahezu auslöscht. Später auch die Nama. Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Soll die koloniale Sache dennoch erfolgreich sein, müssen deren Gegner beschwichtigt werden. Muss eine Rechtfertigung für das eigene Vorgehen geliefert werden. Am besten eine, die zugleich das - so heißt es damals - "koloniale Wollen" der Bevölkerung stärkt. Indem sie ein Bild von Überlegenheit erzeugt.

Museum Berlin Treptow-Köpenick. Drei Räume hier widmen sich der Ersten Deutschen Kolonialausstellung von 1896. Die Organisatoren - vor allem Exportfirmen - engagieren dafür Menschen aus den Kolonien. Um sie bei Tätigkeiten zu zeigen, die die Ausstellungs-Macher als typisch für die sogenannten "Eingeborenen" ansehen.

"Die Ausstellungsverantwortlichen haben gesagt: Ihr macht die Speere, ihr führt irgendwelche Tänze auf, ihr setzt euch den ganzen Tag hin und kocht, ihr flechtet Körbe", lernt man heute bei einer Museumsführung. "Aber das waren gut ausgebildete Leute, einflussreiche Leute auch, also die haben in ihrem Leben noch nie einen Korb geflochten!"

Mehr als zwei Millionen Besucher werden die "Eingeborenen-Dörfer" am Ende beschaut haben. Sie sind als "Ethnologischer Ausstellungsteil" angelegt - neben der Halle, die den Stand der Erforschung von Flora und Fauna, Geologie und Geographie der Kolonien zeigt. Und neben den Hallen, in denen Siemens und Halske ihren Riesen-Dynamo präsentieren und Conrad Röntgen die medizinische Anwendung seiner X-Strahlen - und die AEG abends mit den erst vor wenigen Jahren patentierten, elektrischen Glühlampen erleuchtet.

Die Existenz von Rassen nachweisen

Die Berliner Kolonialausstellung versteht sich als wissenschaftlich. Im Vorstand Mitglieder der Gesellschaft für Erdkunde, des Botanischen Gartens und des Naturkundemuseums. Vertreter des Königlichen Museums für Völkerkunde ist der Anthropologe Felix von Luschan.

"Ich war vom ersten Tage bestrebt gewesen, das reiche Material, das in Treptow angesammelt war, nach mannigfachen Richtungen hin zu studieren und festzuhalten" schreibt Felix von Luschan in "Deutschland und seine Kolonien im Jahre 1896. Amtlicher Bericht über die Erste Deutsche Kolonial-Ausstellung", "und so hatte ich am Schlusse der Ausstellung eine große Mappe mit Photographien und Zeichnungen in Händen, von denen viele auch für ein größeres Publikum interessant schienen, wenn sie auch ursprünglich nur für ganz spezielle, streng wissenschaftliche Zwecke hergestellt worden waren."

"Mit dem reichen Material meint er die 106 Menschen", wird während der Führung erklärt. "Und nicht nur die Fotos existieren in diesem Buch, sondern auch die Vermessungsergebnisse zu den 106 Personen. Die Personen wurden in 120 Kategorien vermessen. Das kann man sich dann so vorstellen, dass man vor einem, ja, Wissenschaftler in Anführungszeichen steht, unbekleidet in einer Gruppe von fünf bis zehn Leuten, und dann wurde man an sämtlichen Körperstellen, die man sich vorstellen kann, wurden dann Vermessungen durchgeführt."

"Die Wissenschaft wollte mit allen Mitteln die Existenz von Rassen nachweisen", erklärt Susanne Illmer, Mitorganisatorin der Ausstellung "Die Erfindung von Menschenrassen" am Deutschen Hygienemuseum Dresden. "Und das war eben mit einer großen Obsession von Sammlung, Klassifizierung, Ordnung, von Anthropometrie in jeder Hinsicht verbunden. Gleichwohl muss man sagen, womit wir uns gern trösten und was nicht der Wahrheit entspricht: Man bezeichnet alle Wissenschaften, die mit der Validierung von Rasse beschäftigt waren, gern als Pseudowissenschaft. Das waren sie nie. Sie waren ‚state of the art‘ und absolut auf der Höhe der Zeit.

Lebewesen und Menschen werden klassifiziert

Europa im 19. Jahrhundert: Spanien und Portugal haben den Süden Amerikas unterworfen, das britische Imperium erstreckt sich bis Kanada und Indien, Frankreich hält Kolonien in der Südsee und im Nordwesten Afrikas. Die Kolonialreiche kämpfen um Vorherrschaft - auch mit Hilfe der Wissenschaft. Expeditionen nach Übersee sind oft zugleich Forschungsmissionen. Begleitet von Botanikern, Geographen und Ärzten, die Land und Leute erschließen wollen.

Etwa 200 Jahre zuvor hatte Isaac Newton mit seinen Erkenntnissen über Gravitation und Mechanik das Ende der Naturphilosophie eingeläutet. Theologische und metaphysische Versuche, die Welt zu erklären, sind aus den Universitäten verschwunden - rationale Vorstellungen von Erkenntnis sind an ihre Stelle getreten. Human- und Naturwissenschaften trennen sich auf, letztere zerfallen in immer speziellere Disziplinen. Natur ist nicht mehr Schöpfung, sondern Forschungsgegenstand. Und wer "Wissenschaft" sagt, meint nun zumeist: "Naturwissenschaft".

"Eben auch das Wissen über den Menschen. Das heißt, dass der Versuch unternommen wird, dass die Menschen nach definierten Kriterien systematisiert werden und klassifiziert werden. Das ist ein Projekt des 18. Jahrhunderts, das im 19. Jahrhundert fortgeführt wurde."

"Es ist die Zeit der Verwissenschaftlichung als Ausdruck der sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft gegen einen aristokratischen Ständestaat" erklärt Pascal Grosse, Historiker und Humanmediziner an der Charité Berlin. "Die Naturwissenschaften sind ein ganz maßgebliches Element in der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. Eben eine wissenschaftliche Kultur zu pflegen. Wir haben die Expansion der Universitäten im 19. Jahrhundert. Wir haben - nach der Französischen Revolution - die Entwicklung der technischen Hochschulen."

In Europa entstehen ethnologische Sammlungen und Museen für Völkerkunde. Zoos und Botanische Gärten expandieren. Fotografie, Film- und Tontechnik entwickeln sich, Atlanten und Enzyklopädien halten Einzug in die bürgerlichen Wohnzimmer. Grosse: "Das gehört alles in diesen Bildungskontext zusammen, eines sich bildungsbürgerlich verstehenden Bürgertums. Das gehört zur Selbstvergewisserung dazu."

Je mehr man sehen kann, so der Gedanke, desto umfangreicher - desto universaler - ist das Wissen. Jetzt gilt es, daraus allgemeingültige Grundsätze abzuleiten, die die bürgerliche Ordnung erklären und legitimieren. Ebenso gültig, wie es bisher vor allem die Theologie für die feudale Ordnung getan hatte. In einer Zeit, in der sich Nationalstaaten bilden und die Frage im Raum steht, wer zu deren Einwohnern gehören soll.

Zurück zu den Berliner Anthropologen. Felix von Luschan ist Ende des 19. Jahrhunderts ein international anerkannter Wissenschaftler, ebenso seine Kollegen Rudolf Virchow, Chef der Pathologie der Berliner Charité und Gründer der Berliner Anthropologischen Gesellschaft - und Wilhelm Waldeyer, Direktor der Anatomie der Charité. Sie sammeln nicht nur Unmengen Daten aus Vermessungen lebendiger Menschen - sie sind auch an Gebeinen interessiert.

"Unabhängig von der Bitte um Beschaffung ethnographischer Gegenstände möchte ich mir die Anfrage erlauben, ob es Ihnen möglich sein sollte, größere Serien von Schädeln und auch einzelne Skelette von erwachsenen Eingeborenen zu beschaffen", schreibt Felix von Luschan in einem Brief an Hermann Glauning, einer der sogenannten "Sammlungsreisenden".

Die Schädelform gilt unter Anthropologen zu der Zeit als wesentliches "Rassemerkmal". Nicht zuletzt, weil sie - im Vergleich etwa zur Hautfarbe - gut messbar ist.

Schädelsammeln für die Wissenschaft

Verabredung mit Andreas Winkelmann an der Medizinischen Hochschule Brandenburg in Neuruppin. Der Anatom und Medizinethnologe erforscht seit zehn Jahren die Geschichte der Schädelsammlungen Virchows und von Luschans.

"Auf jeden Fall war es so, dass Herr Waldeyer oder auch ein Herr von Luschan Anweisung gegeben haben, dass man Ärzten, Beamten, allen möglichen Leuten in den Kolonien Anweisungen gibt, wie man an Daten herankommt", berichtet er. "Man sollte menschliche sterbliche Überreste wie Schädel, Knochen nach Berlin senden. Um an, was man eben Material nannte, zu kommen. Und das ist ja auch nicht selbstverständlich, dass jemand dann losgeht und Schädel ausbuddelt zum Beispiel. Aber das haben relativ viele dann gemacht."

"Was ein Herr Virchow oder Luschan in Berlin sicher nicht gemacht hätte, wäre jetzt auf den Friedhof gehen und Gräber schänden, das hätte man nicht gemacht. Das war aber etwas, wo man der Meinung war: Wenn man jetzt in Afrika unterwegs war, war die Wissenschaft das wert. Man hatte dann weniger Respekt vor der lokalen Bevölkerung, das war schon so. Die Wissenschaft ist eben so etwas Hehres, für die man dann bestimmte Dinge übergehen kann. Es gibt einen Stabsarzt, der beschreibt, wie er nach einer Hinrichtung Schädel nach Berlin schickt und stolz berichtet, dass Waldeyer ihn dankend in einer Publikation erwähnt.

Prinzipiell war es so, dass irgendwelche Forschungsreisenden in Kisten Schädel oder Skelette nach Berlin gesandt haben. Die kamen dann bei einem Herrn von Luschan an, der hat die ausgepackt und in seine Sammlung integriert. Interessanterweise relativ wenig dann erst mal selbst geforscht, hat einfach erst mal gesammelt. Und bei Waldeyer war es so, er hatte Mitarbeiter, die quasi eine sogenannte "Rassen"-Anatomie der Weichteile da betreiben wollten. Und die haben wirklich Kolonialärzte in Deutsch-Südwestafrika gebeten, ihnen doch bitte ganze Köpfe zu schicken, in Formalin fixiert, dann in einem Blechkanister, irgendwie verlötet und losgeschickt. Und die werden hier in der Anatomie angekommen sein in Berlin und Waldeyer hat die dann an Mitarbeiter weitergegeben, die das beforscht haben."

Herero-Aktivistin Muinjangue: "Es hätte jeder sein können, den man kannte: Ehemänner, Verwandte. Und die Frauen mussten deren Köpfe präparieren. Was haben sich diese Menschen nur dabei gedacht?"

Etwa 8.000 Schädel aus aller Welt lagern noch immer allein in Berlin in den Depots der Museen. Ähnliche Sammlungen gibt es in Leipzig, Marburg, Göttingen. In Schweden, Österreich, Italien. Wieso gab es so wenig Skrupel? Wieso fiel es von Luschan, Waldeyer und Virchow - immerhin auch ein liberaler und sozial engagierter Politiker - so leicht, die Bewohner der Kolonien als "Material" zu betrachten?

Europa als Maßstab für Zivilisation

Lange Zeit, schreibt der Historiker Christian Geulen in seiner "Geschichte des Rassismus", war "Rasse" eine Art "Leerformel" - beliebig gefüllt mit kulturellen, geschichtlichen und geographischen Merkmalen, mit denen man Gruppen von Menschen beschreibt. Im 17. Jahrhundert unterscheidet der französische Mediziner François Bernier Menschen erstmals nach körperlichen Merkmalen. Unter anderem anhand der Haut- und Haarfarbe bestimmt er vier "Rassen" - die Bewohner Europas, Nordafrikas, Indiens, Vorder- und zum Teil Südostasiens gehören danach zur selben "Spezies". Hundert Jahre später ordnet der schwedische Naturforscher Carl von Linné Menschen nach den Hautfarbentypen weiß, gelb, rot und schwarz jeweils Kontinenten zu.

Zu der Zeit dauert die gewaltsame Eroberung Amerikas durch Spanier und Portugiesen schon 250 Jahre an - Europäer sind maßgeblich am Sklavenhandel zwischen Afrika und Amerika beteiligt. Zugleich erklären die Philosophen der Aufklärung die Menschheit zu einer Gattung mit einem einzigen Ursprung. Und postulieren Menschenrechte, Gleichheit und Freiheit. Ein Widerspruch. Immanuel Kant löst ihn, indem er eine Hierarchie unter Völkern postuliert: Entsprechend ihrer kulturellen Fortgeschrittenheit - gemessen an seiner eigenen, der europäischen Kultur. In den "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" schreibt er:

"... dass unter den hunderttausenden von Schwarzen, (..) nicht ein einziger jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder in Wissenschaft (..) etwas Großes vorgestellt habe, obgleich unter den Weißen sich beständig welche aus dem niedrigsten Pöbel emporschwingen und durch vorzügliche Gaben in der Welt ein Ansehen erwerben."

"Was neu war", meint Nadin Heé, Historikerin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, "war, dass man eine neue Vorstellung von europäischer Zivilisation hatte, die durch wissenschaftliche Entdeckungen begründet worden ist. Dass man sagt: weil man neues Wissen hatte, auch technisches Wissen, gab es die Industrialisierung - und diese Rationalität, gerade in Europa, hat dazu geführt, dass Europa dann auch irgendwann den Rest der Welt überholt hat. Und über diese ökonomische Schiene argumentiert dann Hegel beispielsweise und sagt: Es gibt zivilisierte Völker und weniger zivilisierte Völker. Die sind evolutionär weniger weit, aber eben auch auf diesem kulturellen Level."

"Bei den N---- (...) ist das Charakteristische grade, dass ihr Bewußtseyn noch nicht zur Anschauung irgendeiner festen Objektivität gekommen ist, Er stellt (…) den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar: (...) es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden."

- Georg Wilhelm Friedrich Hegel in "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte"

Der Stand europäischer Wissenschaft und Technik wird zum Maßstab für Zivilisation, die Voraussetzung ist, um Mensch zu sein. Und die Fähigkeit, Wissenschaft und Technik zu entwickeln wird zurückgeführt auf rationales Denken. Was mit diesem Maßstab nicht gemessen werden kann - kann demzufolge keine Zivilisation sein. Kann nicht aus rationalem Denken hervorgegangen sein. Es ist wild und subjektiv. Es ist "Natur". Eine Ressource.

Mitte des 19. Jahrhunderts fügen die Naturwissenschaften dem Nachdenken über "Rassen" noch eine Dimension hinzu: Darwins Evolutionstheorie. Nach der die Natur nichts Statisches ist, sondern es Verbindungen zwischen verschiedenen Arten gibt. Natürliche Auslese sorgt dafür, dass die Populationen in einer bestimmten Umwelt überleben, die an diese am besten angepasst sind. Eine zielgerichtete stete Höherentwicklung sieht Darwin dabei nicht.

Ein Postulat, dem sich viele Zeitgenossen nicht anschließen wollen - und das dazu motiviert, es zu überprüfen. Mit dem Selbstverständnis des aufgeklärten, rationalen Wissenschaftlers.

Rassenforschung als Selbstzweck

Der Medizinethnologe Andreas Winkelmann: "Also Zeidler, ein Doktorand, der die mimischen Muskeln untersucht hat, stellt sich ja von vornherein ganz klar die Aufgabe zu gucken: gibt es Unterschiede zwischen dem was er N---- nennt und den Europäern. Und der auch explizit sagt: Es besteht der Wunsch, das in die aufsteigende Tierreihe einzuordnen, also zu gucken wo ist dann der Sprung zum Affen? Und er findet ja tatsächlich verschiedene Merkmale auch, die nennt er dann regressiv oder progressiv im Sinne der Evolution betrachtet und mischt das aber so zusammen, dass am Ende herauskommt, die mimische Muskulatur dessen, was er N---- nennt, sei primitiver. Und damit stehe der Afrikaner unter dem Europäer. Wenn man das jetzt so liest, dann bekommt man schon den Eindruck, dass da das Ergebnis mehr oder weniger vorher feststand und man sich nun sehr bemühte, da etwas zu beschreiben, was dazu passt."

Die koloniale Expansionspolitik des 19. Jahrhunderts brauchte eine Begründung für die Ausbeutung der Kolonisierten und die Wissenschaft lieferte sie: Die Menschen dort seien unterentwickelt. Das aber wird zugleich zum Argument, das die Herrschaft der Europäer in den Kolonien jetzt als Zivilisierungsmission darstellt - als: Entwicklungshilfe in Richtung einer Gesellschaft, die als fortgeschrittener angesehen wird.

Das Bild des "unterentwickelten Schwarzen" bekommt damit erst reale Kontur: Anthropologie und Ethnologie, Bergbau, Medizin, Agrar- und Ingenieurswissenschaften entwickeln sich als Disziplinen nicht zuletzt, indem sie die Kolonien erforschen, für sich nutzbar machen, ausbeuten. Sie entwickeln sich auf Kosten der unterworfenen Länder, ihrer Bewohner - und des Wissens dieser Menschen.

"Ich würde nicht sagen, dass die Wissenschaft zuerst war und wirklich der Motor der gesamten europäischen Expansion war", stellt Heé fest. "Aber ich denke, dass die Kolonien Anreize schufen für Wissenschaftler, da überhaupt erst zu forschen. Das war für viele eine Möglichkeit zu Geld zu kommen - am Anfang waren es mehr Abenteurer und irgendwann war es stärker institutionalisiert und gab es dann auch Kolonialinstitute, die ihre Leute da hinschickten."

Die Wissenschaft liefert dem kolonialen Projekt Wissen über Länder und Menschen - die Politik verschafft den Forschern Geltung. Und Geld.

"Das ist am Schluss ja auch immer eine ökonomische Frage: was für eine Wissens-Ökonomie schafft ein Staat", erklärt Heé. "Und da denke ich, ist es schon sehr wichtig zu sehen, dass es auch über die Institutionalisierung von Wissenschaft dazu gekommen ist, dass der Motor sich sozusagen in Bewegung gesetzt hat und dann auch am Laufen erhalten werden konnte. Und wenn kein Geld da gewesen wäre, dann hätte das sicherlich auch nicht diese Autorität bekommen auf der diskursiven Ebene. Das war ein ständig reziproker Prozess."

Ein Prozess, in dessen Verlauf die Suche nach Belegen für unterlegene und überlegene "Rassen" zum Selbstzweck wird. Und die Vorannahmen, auf denen sie beruht, immer weiter in den Hintergrund geraten.

Besuch bei Thomas Etzemüller - Historiker an der Universität Oldenburg. Er hat die Methoden untersucht, mit denen Anthropologen im 19. Jahrhundert unterschiedlich entwickelte "Rassen" nachweisen wollten. Sie wurden unter anderem von Otto Ammon geprägt. Er unterschied nordische, ostische, dinarische, afrikanische und asiatische "Rassen", ging selbst von der Überlegenheit der nordischen Menschen aus - und machte sich vor diesem Hintergrund daran, die Anthropologie der Badener zu untersuchen.

"Und hat versucht dann über genealogische Daten, über soziale Daten gewissermaßen auf die genetische Ausstattung zu schließen", berichtet Etzemüller.

Auch Otto Ammon misst Schädel und die Proportionen der Gliedmaßen, notiert Haut-, Haar- und Augenfarben der Bewohner verschiedener Gegenden, ihre Stimme und Ernährung, die Tätigkeiten der Eltern. Nahezu alles, was an einem Menschen selbst und in dessen Umfeld erfassbar ist. Er findet allerdings: nichts.

Das Postulat wird zum Prinzip

"Ein englischer Anthropologe möchte von Otto Ammon Bilder eines typischen Badeners bekommen", erzählt Etzemüller. "Und Otto Ammon antwortet dann: so etwas gibt es eigentlich gar nicht. Denn entweder haben wir den Badener, der die ganzen rassischen Elemente vereint, aber dann ist er nicht typisch. Oder wir haben einen normalen Badener, aber dann kann man die rassischen Elemente daran nicht absehen. Also auch das haben die durchaus reflektiert."

Trotzdem rückt Otto Ammon von seiner Annahme nicht ab, dass es Rassen gibt - und dass die nordische die überlegene sei. So wie viele seiner Kollegen das nicht taten, obwohl auch sie keine Belege dafür finden konnten. Und zwar: weil sie überzeugt waren, dass sie wissenschaftlich gearbeitet hatten.

"Weil sie eben Daten erhoben haben, Fehleranalysen gemacht haben, sind die Daten als wissenschaftlich anerkannt worden", erklärt Etzemüller. "Dadurch ist auch Evidenz erzeugt worden. Dazu kommt noch, dass sie Methoden entwickelt haben, ihre eigenen Daten nochmal sauber zu rechnen. Also eine Szientifizierung der eigenen Arbeit, das so bewusst wissenschaftlich zu machen. Auch Kritiker haben nicht die Wissenschaftlichkeit der Rassenanthropologie in Frage gestellt. Sie haben gesagt: Na gut, wir müssen einfach noch mehr forschen, noch mehr Daten erheben."

Sie gestehen Fehler ein, verfeinern die Methoden, ihre Daten auszuwerten. Das macht sie glaubwürdig.

Etzemüller: "Das kann man sehr schön bei Ammon sehen, der in seinen ersten Berichten nach den Vermessungen noch die ganzen Schwierigkeiten aufgelistet hat, die er in seiner gedruckten Fassung retuschiert hat, ohne sie zu verschweigen - und spätere Anthropologen haben dann eben gesagt: Ammon hat gezeigt in seiner Studie, dass das und das der Fall ist. Damit ist der Konjunktiv in den Indikativ verwandelt und die Probleme sind in wissenschaftliche Wahrheiten transformiert worden. Und so funktioniert das eben heute über verschiedene Rezeptionsstufen oder verschiedene Medien hinweg immer noch."

Was gesehen und gemessen werden kann, kann auch nachgesehen und nachgemessen werden. Kann nachvollzogen werden. Ergebnisse, die so zustande kommen, scheinen neutral zu sein, unbeeinflusst von Weltanschauungen und persönlichen Meinungen. Aber das sind sie nicht automatisch. So klar die Anthropologen über die Unzulänglichkeit ihrer Daten und Methoden reflektierten - so wenig taten sie das in Bezug auf die Prämissen, die sie ihren Forschungen voranstellten und den Kontext, in dem sie sie betrieben. Sie waren objektiv - aber nicht neutral.

"Das liegt natürlich daran, dass die eben anders als Geisteswissenschaften mit einem Fortschrittsmodell operieren und auch operieren müssen", erläutert Etzemüller. "Und einem Falsifizierungs- Verifizierungs-Modell. Also: Wir haben Daten, wir haben Theorien und dann gucken wir, ob das funktioniert. Und wenn es funktioniert, ist es verifiziert, wenn es nicht funktioniert, ist es falsifiziert und das ist Fortschritt."

Was bei Kant noch ein Postulat ist, ein Kriterium, mit dem er eine Hierarchie zwischen Gruppen von Menschen begründet, wird in der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts zum Prinzip. Und im wissenschaftlichen Arbeiten selbst bestätigte sich die Annahme der eigenen Fortschrittlichkeit immer wieder aufs Neue. Unabhängig von den Ergebnissen und oft blind gegenüber den Voraussetzungen, auf denen der Fortschritt basiert.

Nichts was die Existenz von "Menschenrassen" bestätigt hätte, erst recht nicht eine Ungleichwertigkeit unter Menschen. Allerdings: Während die Anthropologen Körper vermessen, werden Realitäten geschaffen. Auf der Basis der "Fakten", die man gar nicht belegt hatte, wird die Vorstellung von unterschiedlich weit entwickelten und damit wertigen "Rassen" im Alltag der Menschen verankert. Etwas, was man in der Biologie nicht finden konnte, wird durch Handeln zu einer sichtbaren Realität. Wird buchstäblich zementiert.

"Eine höchst rassistische Utopie"

Wie - das hat Manuela Bauche am Beispiel der Stadt Duala, heute Kamerun, beschrieben. Seit dem 17. Jahrhundert, erzählt die Wissenschaftshistorikerin, waren in Duala enge Beziehungen zwischen der lokalen Bevölkerung und europäischen Händlern entstanden.

"Als dann Duala zu der deutschen Kolonie Kamerun gehörte, war das der Kolonialverwaltung zunehmend ein Dorn im Auge", berichtet Bauche. "Und was die Kolonialverwaltung da vorhatte, war dann diese Stadt zwei zu teilen."

Im Stadtkern sollten ausschließlich Europäer leben, die afrikanische Bevölkerung an der Peripherie. Als Grenze zwischen beiden Vierteln wollte man einen sogenannten "sanitären Gürtel" einrichten, der nicht bebaut werden sollte - und der angeblich notwendig war, um die europäische Bevölkerung vor Malaria zu schützen. Eine Krankheit, von der man meinte, sie ginge von den Afrikanern und Afrikanerinnen aus.

"Die Idee war, dass die Breite von einem Kilometer die Flugweite der Malaria übertragenden Anophelesmücke überstieg", erläutert Bauche, "sodass die Mücken nicht in der Lage sein würden, von der Afrikanerstadt in die Europäerstadt zu fliegen. Eine höchst rassistische Utopie. Weil sie davon ausging, dass der eine Stadtteil krankheitsbehaftet war und der andere Stadtteil der reine Stadtteil war, der nicht gefährdet werden durfte."

Auch Lagos war einige Jahre zuvor mit dem Argument der Malariabekämpfung segregiert worden, wenig später Dakar. Mit der Begründung, so ließe sich die Pest besser kontrollieren.

"Die Idee war auch, dass diese beiden Stadtviertel sich unterscheiden würden", erklärt Bauche. "In der europäischen Stadt würden nur Häuser stehen, die nach einem europäischen Baustil gebaut sein würden und in der afrikanischen Stadt sollten ausschließlich Mattenhäuser, das ist ein Zitat, stehen. Das Problem war aber: Es gab viele Duala, die sich große Häuser gebaut hatten, die dem klassischen Stil des kolonialen Bungalows entsprachen. Und man hat da die Lösung gefunden, dass man dann gesagt hat: Okay, in der afrikanischen Stadt, da dürften keine festen Häuser stehen, sondern nur Mattenhäuser und für die besser gestellten Duala sollte dann von den Kolonial-Behörden extra ein sogenannter Eingeborenen-Stil erfunden werden, der zwischen Mattenhäusern und europäischen Bungalows sich gestalten sollte."

In den medizinischen Gutachten, mit denen die Baupläne schließlich begründet werden sollen, geht es dann schließlich nur noch am Rande um Malaria.

Bauche: "Das kommt darin auch vor. Aber es ist auch die Rede davon - also es wird so eine Vision aufgemacht davon, dass die europäische Stadt leise sein wird, dass da bestimmte Gerüche nicht mehr vorkämen und so weiter. Ich glaube, da wird deutlich, dass diese medizinische Denke über Krankheitsübertragung ganz eng verknüpft ist mit anderen Utopien, wie eine bürgerliche Stadt aussieht und wie nicht. ..Man muss sehen, dass Medizin und auch andere Wissenschaften, die zur Kolonialzeit eine Rolle spielten, ganz eng verzahnt waren mit anderen Interessen des kolonialen Projekts. Die sind davon nicht zu trennen.
Ich finde das ganz wichtig, sich das immer anzuschauen, weil das klarmacht, dass Rassismus nicht nur etwas zu tun hat mit dem Aussehen oder mit dem Phänotyp, sondern dass in das Denken in "Rasse" an sich die Idee von Kultur sozusagen eingeschrieben ist."
Wer sich gegen Rassismus stellt, erliege häufig der Illusion, dass Rassismus fehlendes Denken im Sinne schlichter Dummheit sei, schreibt der französische Philosoph Étienne Balibar Ende der 1980er Jahre in "Rasse, Klasse, Nation". Dass es ausreichen würde, die Menschen zum Nachdenken zu bringen, um den Rassismus zurückzudrängen. Dabei gehe es darum, die Denkweise zu verändern. Und das sei das Schwierigste von der Welt.

Teil 2 am 26.12.2018: Weiße Flecken auf wissenschaftlicher Landkarte

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