Sozialpsychologe Zick zu Beleidigungen gegen U21-Nationalspieler
"Rassismus muss ins Hellfeld"

Nach dem Rassismus-Eklat im Netz gegen zwei deutsche Spieler bei der U21-EM fordert Sozialpsychologe Andreas Zick im Dlf ein anderes Vorgehen: Unabhängige Fangruppen, die dagegen halten, müssten gestärkt und die Justiz mehr sensibilisiert werden.

Andreas Zick im Gespräch mit Jessica Sturmberg, Beitrag von Christian von Stülpnagel | 24.06.2023
U-21-Nationalspieler Youssoufa Moukoko beim Spiel um die Europameisterschaft gegen Israel.
"Wenn wir gewinnen, sind wir alle Deutsche. Wenn wir verlieren, kommen diese Affen-Kommentare", sagte Fußballnationalspieler Youssoufa Moukoko nach einem EM-Spiel. (IMAGO | Beautiful Sports | Meusel)
„Wenn wir gewinnen, sind wir alle Deutsche. Und wenn wir verlieren, kommen diese Affenkommentare.“
Das war die Reaktion von Yousouffa Moukoko, dem 18-jährigen Dortmunder Stürmer auf die vielen Hasskommentare, nachdem er im Spiel gegen Israel einen Elfmeter verschossen hatte. Und auch dieser Ausdruck tiefer Enttäuschung rief wiederum viele Reaktionen im Netz hervor, neue Anfeindungen, aber auch sehr viel Unterstützung, etwa von prominenter Seite wie Bundesinnenministerin Nancy Faeser: Die Beleidigungen seien „menschenverachtend und widerwärtig“, die Nationalspieler zeigten die beste Seite von Deutschland, die rassistischen Kommentare die hässlichste, schrieb sie auf Twitter.

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Der Sozialpsycholgen Andreas Zick von der Universität Bielefeld beschäftigt sich mit Konfliktforschung. Für ihn gibt es ein klares Rezept gegen rassistische Anfeindungen im Fußball: "Das eigentlich wirksame ist, dass Fußballfans, die gegen Rassismus dagegenhalten, dass die gestärkt werden. Das war in der Vergangenheit schon so. Sobald in den Stadien Fußballfanprojekte gestärkt werden, die gegen den Rassismus im Stadion vorgehen, ganz klar an diese Norm erinnern, dann haben wir ein gutes, wirksames Instrument."

Sozialpsychologe Zick: "Politisierung des Fußballs"

Fanprojekte seien nicht ausreichend gestärkt worden, findet Zick: "Wir haben in den Stadien jetzt viele Probleme. Wir haben nicht nur den Rassismus, wir haben eine Politisierung des Fußballs. Das heißt, wir haben den Rechtsextremismus wieder zurück. Wir haben mehr Wut und Gewalt in der Gesellschaft, und das wirkt sich auch aus." Die Gesellschaft beeinträchtige den Sport und andersherum.
Konfliktforscher Andreas Zick im Porträt
"Das Hochglanzprodukt Fußball soll nicht beschädigt werden", sagt Konfliktforscher Andreas Zick. (imago/photothek/Thomas Imo)
Zick sieht auch einen Mangel in der Erforschung rassistischer Tendenzen. Die Fußballverbände betonten immer wieder, wie wichtig eine Analyse sei, aber sie mögen dann eher Forschungsergebnisse, die so sind, dass das Hochglanzprodukt Fußball nicht beschädigt werde. „Deswegen will man am liebsten den Rassismus nicht haben, da soll Polizei rein, Gerichte rein und dann will man es weg haben, weil es eben ein Hochglanzprodukt ist. Das macht es dann schwierig, sich systematisch damit auseinanderzusetzen, denn dann man müsste man eingestehen, dass der Fußball ziemliche Kratzer hat.“

Moukoko: "Solche Nachrichten sind ekelhaft"

Ebenso wie Moukoko wurde auch Jessic Ngankam von Hertha BSC nach seinem ebenfalls verschossenen Elfmeter auf das Übelste rassistisch beleidigt, etwa mit Affen-Emojis:
„Solche Dinge gehören einfach nicht zum Fußball. Ich denke, wir verschießen nicht extra, sondern wir versuchen der Mannschaft zu helfen. Und wenn du dann solche Nachrichten bekommst, ist das ekelhaft“, sagte Moukoko.

DFB will strafrechtliche Verfolgung

Ähnliche Worte hat auch der U21-Nationaltrainer Antonio Di Salvo gefunden, er sagte, er sei „schockiert und enttäuscht.“
Auch der DFB hat auf die Beleidigungen reagiert. Der Sportliche Leiter Nationalmannschaften Joti Chatzialexiou hat etwa eine strafrechtliche Verfolgung der Verfasser der Posts angekündigt:
„Wohl wissend, dass es schwierig sein wird, weil eine große Anonymität im Netz einfach herrscht. Aber nichtsdestotrotz sind wir jetzt an einen Punkt gekommen, wo wir sagen: Es reicht. Es reicht einfach, dass wir so, so viele Kommentare zu diesem Thema bekommen. Und wir wollen einfach ein Statement setzen, uns zur Wehr setzen.“
"Wir haben viele Formen von Rassismus, die dann bei Gerichten gar nicht mehr weiterverhandelt werden können, weil die noch gar nicht hinreichend anerkannt worden sind", sagt Sozialpsychologe Zick.

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Es sei jetzt wichtig, dass die Politik etwas dagegen unternehme und die Anonymität im Netz aufbreche, so Chatzialexiou weiter.

Sozialwissenschaftler Laing: "Mehr Kompetenz im Umgang mit Rassismus schaffen"

Für Lorenz Narku Laing, Professor für Sozialwissenschaften und Rassismusforschung an der Evangelischen Hochschule Bochum, ist eine strafrechtliche Verfolgung der einzelnen Täter aber wenig erfolgsversprechend:
„Es ist sehr häufig schwer festzustellen, wer das überhaupt gemacht hat. Es ist sehr schwer, die Leute dann zu belangen. Und immer wieder haben wir in der Vergangenheit erlebt, dass aufgrund von vermeintlicher Geringfügigkeit solche Fälle wieder fallengelassen wurden.“
Stattdessen fordert Laing, dass der DFB das Thema gesamtheitlich angeht und strukturell mehr gegen Rassismus unternimmt:
„Ich würde mir wünschen, dass wir die Offiziellen im Sport besser fortbilden, dass alle Trainer*innen und Schiedsrichter*innen Fortbildungen haben. Dass es ganz klare Mindeststrafen bei rassistischen Vorfällen seitens der Sportschiedsgerichte gibt. Und dass über die Erhöhung des Anteils an Menschen, die selbst zu von Rassismus betroffenen Communities gehören, langfristig eine bessere Kompetenz im Umgang mit Rassismus in den Sportverbänden, besonders auch beim DFB gegeben ist.“

Schon 2006 rassistische Kommentare bei der Nationalmannnschaft

Denn Rassismus im Fußball ist auch in Deutschland kein neues Phänomen. Schon nach der WM 2006 hatte Gerald Asamoah aus der Nationalmannschaft über rassistische Beleidigungen geklagt. Kampagnen gegen Rassismus scheinen aber bislang wenig gewirkt zu haben. Erst vor kurzem hat der DFB das Thema auf die Tagesordnung gehoben und Pilotprojekte gegen Diskriminierung und Rassismus gestartet.
Auch international gibt es immer wieder rassistische Vorfälle. Zuletzt hatte der Fall Vinícius Júnior für Schlagzeilen gesorgt. Der Spieler von Real Madrid war von Fans immer wieder rassistisch beleidigt worden. „Rassismus ist der spanischen LaLiga normal“, hat er damals auf Twitter geschrieben.
Fifa-Chef Gianni Infantino hat daraufhin angekündigt, eine Taskforce zu gründen. Die soll Vorschläge unterbreiten, wie Rassismus im Fußball in Zukunft unterbunden werden kann. Denn: „Wenn es Rassismus gibt, gibt es keinen Fußball, so einfach ist das.“

U21 will sich auf Sport konzentrieren

Bei der WM in Katar hatte die Fifa mittels KI versucht, beleidigende Kommentare im Netz zu identifizieren – und laut einem Bericht am Ende beinahe 20.000 Posts bei den Plattformen gemeldet. 300 Verfasser solcher Posts habe man ausfindig machen und den Strafverfolgungsbehörden melden können.
Die U21-Nationalmannschaft hat angekündigt, sich nach den Beleidigungen gegen Moukoko und Ngankam auf den Sport konzentrieren zu wollen. Schließlich war das Unentschieden gegen Israel auch in dieser Hinsicht kein Erfolgserlebnis für den amtierenden Europameister.

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Jessic Ngankam hat sich nach den Beleidigungen auf Instagram geäußert. „Ihr könnt mir gar nichts“, schreibt er an die Hetzer gerichtet. Und kämpferisch: „Im Gegenteil. Wir als Team stehen noch enger zusammen.“