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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturNoam Chomsky fordert globalen Ungehorsam25.01.2021

Rebellion gegen UntergangNoam Chomsky fordert globalen Ungehorsam

Der 92-jährige Noam Chomsky ist Linguist und zudem weltweit bekannter linker Intellektueller. Seit den 1960er-Jahren kritisiert er die US-amerikanische Politik und den Kapitalismus. In seinem neuen Buch "Rebellion oder Untergang" ruft er zu globalem Ungehorsam auf, um die Zivilisation zu retten.

Von Otto Langels

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Hintergrund: Der Linguist und Philosoph Noam Chomsky sprach während seiner Teilnahme am Internationalen Forum für Empowerment und Gleichstellung in Buenos Aires, Argentinien, am 12. März 2015. Vordergrund: Buchcover (MINISTERIO DE CULTURA EFE & Westend Verlag)
Noam Chomsky plädiert für Aktionen zivilen Ungehorsams, lehnt Gewalt jedoch ab (MINISTERIO DE CULTURA EFE & Westend Verlag)
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Noam Chomsky: "Rebellion oder Untergang" Wie wir die Apokalypse noch verhindern können

Noam Chomsky Das politische Vermächtnis eines linken Idols

Noam Chomsky ist durch und durch ein homo politicus. Bereits im Alter von zehn Jahren, so erinnert er sich gerne, schrieb er seinen ersten Artikel über die Einnahme Barcelonas durch Francos Truppen im spanischen Bürgerkrieg und den Aufstieg des Faschismus in Europa. Und auch heute, als 92-Jähriger, wird er nicht müde, Vorträge zu halten, Interviews zu geben und Bücher zu schreiben. Sein jüngstes Werk trägt den programmatischen Titel: Rebellion oder Untergang!

"Seit 1945 haben wir das Nuklear-Zeitalter bis heute irgendwie überlebt, was an ein Wunder grenzt. Aber wir können nicht ewig auf dieses Wunder vertrauen. Und 1945 wussten wir noch nicht, dass die Menschheit in eine neue Epoche eintreten würde, die Geologen das Anthropozän nennen - eine neue geologische Epoche, in der menschliches Handeln die Umwelt zerstört."

Das Buchcover "Requiem für einen amerikanischen Traum" von Noam Chomsky (Buchcover: Kunstmann Verlag, Hintergrundbild: imago/Klaus Steinkamp)Das Buchcover "Requiem für einen amerikanischen Traum" von Noam Chomsky (Buchcover: Kunstmann Verlag, Hintergrundbild: imago/Klaus Steinkamp)Der amerikanische Traum - Noam Chomsky über das Ende der Chanceng
Der US-amerikanische Linguist und linke Intellektuelle Noam Chomsky warnt in seinem Buch "Requiem für den Amerikanischen Traum" vor der sozialen Ungleichheit in den USA.

Bedrohung durch Nukleartechnik, Klimawandel und Antidemokraten

An zahlreichen Beispielen belegt Noam Chomsky in klarer, verständlicher Sprache die drohende Gefahr des Untergangs nahezu aller Lebensformen auf diesem Planeten, die Menschen eingeschlossen. Es sei allein schlichten Zufällen oder dem Zögern einzelner Militärs zu verdanken, dass die Welt vor einem vernichtenden Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion bewahrt wurde.

Eine vergleichbare Bedrohung sieht Chomsky in der wachsenden Umweltzerstörung und dem Klimawandel.

"Praktisch jeden Monat kommt es zu neuen Temperaturrekorden; gewaltige Dürren bedrohen das Leben von Hunderten Millionen Menschen. Außerdem tragen diese Entwicklungen zu einigen der schrecklichsten Konflikte der Welt wie in Darfur und Syrien bei. Jedes Jahr sind durchschnittlich 31,5 Millionen Menschen vor Desastern wie Überflutungen oder Stürmen auf der Flucht, und dabei handelt es sich um eine längst vorhergesagte Auswirkung der Erderwärmung."

Nun sind dies keine neuen Erkenntnisse. Aber Chomsky wendet sich zu allererst an das amerikanische Publikum, denn dort verharre ein Großteil der Bevölkerung, wie der Autor schreibt, kulturell in einer alten, vielfach traditionellen und vormodernen Haltung.

Schreiben gegen die Ignoranz

Für 40 Prozent der US-Bürger sei das Überleben der Menschheit nur von nebensächlicher Bedeutung. Zwar glaubten zwei Drittel an die Realität des Klimawandels, aber der Anteil derer, die ihn als menschengemacht betrachteten und wissenschaftlicher Expertise vertrauten, sei weit geringer. Dessen ungeachtet verweist Chomsky auf zahlreiche wissenschaftliche Studien und bezeichnet die Republikaner als Hauptakteur der Umweltzerstörung in den USA. Diese leugneten systematisch den Klimawandel und betrieben eine dezidiert destruktive Umweltpolitik.

Was ist zu tun angesichts dieses Szenarios?

"Es wäre illusorisch zu erwarten, dass staatliche oder private Systeme organisierter Macht angemessene Schritte zur Bekämpfung dieser Krisen unternehmen – zumindest, solange sie nicht durch eine permanente und engagierte Mobilisierung und Aktivität der Bevölkerung dazu gezwungen werden. Es geht um die Schärfung des Bewusstseins und der Aufmerksamkeit der Bevölkerung für das Wesen und das enorme Ausmaß der Probleme, vor denen wir stehen."

Wie dies allerdings möglich sein soll angesichts der "ungebildeten Massen", von denen Chomsky spricht, bleibt ein Rätsel. Der Autor beschränkt sich auf Schlagworte wie "Aufklärung", "Mobilisierung" oder "Engagement", lässt aber jede konkrete Umsetzung oder Handlungsanweisung vermissen.  

Auflehnen ohne Gewalt

Noam Chomsky plädiert vage für Aktionen zivilen Ungehorsams, lehnt jedoch Akte sinnloser Gewalt ab.

"Ich habe mich selbst sehr häufig an solchen Aktionen beteiligt, war etliche Male im Gefängnis und musste zeitweise mit einer langen Haftstrafe rechnen. Ich bin der Meinung, dass ziviler Ungehorsam eine legitime Taktik ist, aber die Art und Weise, wie er durchgeführt wird, ist meiner Ansicht nach oft nicht legitim. Er wird oft als eine Art von Zurschaustellung der eigenen Rechtschaffenheit praktiziert. Ich finde diese Art des Vorgehens nicht richtig."

Eine dritte tödliche Bedrohung – neben der Erderwärmung und der Gefahr eines Atomkriegs – sieht Noam Chomsky in jüngster Zeit in der Aushöhlung und Schwächung der Demokratie. Biete doch eine funktionierende Demokratie die einzige Hoffnung, die beiden anderen Gefahren abzuwenden. Diese neue Herausforderung hat einen Namen: Donald Trump. Zwar lehnt Chomsky eine simple Gleichsetzung Trumps mit den Diktatoren der 1930er Jahre ab, aber manche seiner Hasstiraden erinnern ihn an Reden Hitlers oder Mussolinis.

"Daran muss ich unwillkürlich denken, wenn ich eine von Trumps Wahlkampfreden höre. Es gibt da gewisse Ähnlichkeiten, zum Beispiel seine sehr effektiven Manipulationstechniken, die ständige Flut von Lügen und Widersprüchen usw. Er versteht es, seinen Lehrherren darin zu folgen, wie er die ihn bewundernden Massen kontrollieren kann."

Internationale Bündnisse gegen zerstörerische Kräfte

Den Gefahren für Demokratie und Umwelt setzt Noam Chomsky seinen unverwüstlichen Optimismus und Idealismus entgegen, den Glauben an die Macht des Protests und die Überzeugungskraft der Argumente.

"Das Kapital ist koordiniert und globalisiert. Gegen diese Front müssen die weltweiten Kämpfe gegen Unrecht und Unterdrückung ihre eigenen Formen von Interaktion und gegenseitiger Unterstützung entwickeln. Wir sollten an den Träumen von einer echten Internationale unbedingt festhalten."

Bisweilen kann man Noam Chomsky eine gewisse Naivität unterstellen, wie er seine Träume und Utopien bewahrt; etwa, wenn er behauptet, die Atomkrise im Nahen und Mittleren Osten ließe sich einfach durch die Schaffung einer atomwaffenfreien Zone in der Region lösen.

Doch sind es nicht alte Männer wie Bernie Sanders und Noam Chomsky, die der Jugend in dunklen Zeiten zumindest eine Stimme der Hoffnung geben?

Noam Chomsky: "Rebellion oder Untergang! Ein Aufruf zu globalem Ungehorsam zur Rettung unserer Zivilisation",
Aus dem Englischen von Michael Schiffmann, Westend Verlag, 128 Seiten, 15 Euro.

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