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StartseiteSport am Wochenende"Menschenunwürdige Zustände" 13.07.2019

Recherchen über WM-Baustellen in Katar"Menschenunwürdige Zustände"

Miserable Unterkünfte, kein Lohn und abgenommene Reisepässe: In den Gastarbeiter-Camps auf den WM-Baustellen in Katar herrschen schlimme Zustände, sagte Benjamin Best, Autor von sport inside, im Dlf. Der Fußball-Weltverband FIFA räumte erstmals Missstände auf den WM-Baustellen ein.

Benjamin Best im Gespräch mit Matthias Friebe

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Bauarbeiter stehen auf riesiger Baustelle, das Gesicht mit Tüchern verpackt gegen die Hitze (Anna Osius)
In Katar wird für die Fußball-WM 2022 gebaut, dafür sind knapp zwei Millionen Gastarbeiter im Land. (Anna Osius)
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Matthias Friebe: Hoch umstritten ist die WM 2022 in Katar, wegen Korruptionsvorwürfen rund um die Vergabe, aber auch wegen Menschenrechtsverstößen und lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen, auf denen schon Hunderte Arbeiter gestorben sind. Immer wieder wurde beteuert, die Lage habe sich verbessert, doch das scheint nur ein Schaufensterbild zu sein. Hinter den Kulissen ist die Lage weiter schlimm, das hat Benjamin Best herausgefunden, der mit versteckter Kamera in Katar gedreht und sich ein anderes Bild gemacht hat. Wie sieht das Bild aus?

Benjamin Best: Ich habe mit Dutzenden Arbeitern aus Nepal, Indien oder Bangladesch sprechen können. Offen reden vor der Kamera, davor hatten fast alle Angst. Angst vor Repressalien ihrer Vorgesetzten, Angst vor ihren Arbeitgebern. Was mir die Arbeiter sagten, waren immer wieder dieselben Klagen: ausbleibender Lohn, miserable Unterkünfte und abgenommene Reisepässe. Teilweise sprachen sie sogar von weiteren massiven Vorwürfen. Sie sprachen davon, dass Gastarbeiter von ihren Vorgesetzten verprügelt wurden oder, dass zum Beispiel die Sicherheitsvorkehrungen auf WM-Baustellen nur mangelhaft gewesen sein sollen.

Friebe: Wie sieht denn die Lebenssituation der Arbeiter konkret aus?

Best: In den Camps, die ich besucht habe, sah ich wirklich menschenunwürdige, schlimme Zustände. Kleine enge Zimmer, dunkel, acht bis zehn, manchmal 12 Schlafplätze in Doppelstockbetten auf engstem Raum, teilweise auch ohne Klimaanlage. Ich habe 125 Gastarbeiter aus Nepal angetroffen, die teilweise seit November kein Gehalt bekommen hatten, deren Pässe eingezogen wurden. Offenbar aufgeschreckt durch unsere Presseanfragen, brachte dann ein Fahrer die eingezogenen Pässe ins Camp und so konnten die Arbeiter dann ausreisen. Auf die ausstehenden Gehälter warten sie bis heute. Einer dieser Arbeiter ist Adigoru.

"Ich werde nie wieder nach Katar gehen. Wir waren wortwörtlich Gefangene. Acht Monate ohne Gehalt, eingezogenen Pässe, das wird mich mein Leben lang verfolgen."

Autor Benjamin Best vor der FIFA-Zentrale in Zürich. (Benjamin Best Productions)Der Journalist Benjamin Best (Benjamin Best Productions)

Friebe: Soweit ein kurzer Auszug auch aus ihrem Film. Wie schwierig sind denn die Dreharbeiten und die Recherche vor Ort in Katar?

Best: Pressefreiheit gibt es in Katar nicht. Ich bin das Risiko eingegangen, festgenommen zu werden, da ich nicht offiziell als Journalist eingereist bin. Die WDR Sport inside-Redaktion und ich haben uns dafür entschieden, da Journalisten, die offiziell nach Katar reisen, nur die Vorzeige-Camps gezeigt bekommen. Man darf sich nicht frei bewegen und auch nur mit ausgewählten Arbeitern sprechen. Wenn man also nicht angemeldet kommt, dann ist die Recherche in Katar sehr, sehr schwierig.

FIFA und OK räumen Verstöße ein

Friebe: Wie reagieren Organisationskomitee und FIFA auf das, was sie da jetzt in ihren Recherchen erneut herausgefunden haben?

Best: Das WM-Organisationskomitee und die FIFA räumen inzwischen ein, dass zum Beispiel Adi und seinen Kollegen Unrecht widerfahren sei. Die FIFA musste aufgrund unserer Recherche erstmals zugeben, dass auch auf WM-Baustellen die internationalen Arbeitsstandards nicht eingehalten werden. Bisher hieß es immer, dass Verstöße zwar stattfinden, aber im nicht auf WM-Baustellen. Dort gebe es Kontrollen und Mechanismen.

Vom Organisationskomitee wurde uns mitgeteilt, dass eigene Untersuchungen nach unseren Anfragen getätigt wurden, dass sie den Vorwurf der Misshandlung zum Beispiel nicht bestätigen können, dass allerdings zwei Firmen von weiteren WM-Projekten ausgeschlossen sein und dass 23 Arbeitern ausstehende Gehälter nachgezahlt wurden. Die Arbeiter, mit denen wir gesprochen haben, erzählen uns allerdings, dass bei ihnen kein Geld nachbezahlt wurde. Viele Experten und Arbeiter erklärten, dass es zwei neue Gesetze gäbe, dass diese aber nicht vollständig und noch nicht von allen Firmen, die an WM-Baustellen beteiligt sind auch eingehalten und umgesetzt werden. FIFA-Präsident Gianni Infantino verwaist trotzdem seit Jahren immer wieder auf die erzielten Fortschritte.

Infantino: "Denken wir an die Diskussion über Menschenrechte, über das Wohl der Gastarbeiter. Ohne die WM wäre das nicht passiert. Auch die Verbesserung, die eingetreten sind, wären so nicht erfolgt."

Wenn ich meine Recherche noch mal zusammenfassen muss, dann muss ich wirklich sagen, dass alle Versprechungen, die von offizieller Seite getätigt wurden, ich eben nicht bestätigen kann - und wir haben noch drei Jahre bis die WM stattfindet. Die nepalesische Regierung hat uns mitgeteilt, dass in den letzten zehn Jahren 1.427 Gastarbeiter in Katar gestorben sind. Man kann sich ausmalen, was in den nächsten drei Jahren dann noch passieren wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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