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Startseite@mediasres"Das gefährlichste Feld für Journalisten überhaupt"12.04.2021

Recherchen zu Korruption"Das gefährlichste Feld für Journalisten überhaupt"

Die Maltesin Daphne Caruana Galizia, der Slowake Jan Kuciak – und nun der Grieche Giorgios Karaivaz. Wieder wurde mitten in Europa ein investigativ arbeitender Journalist ermordet. Die Fälle hätten einige Gemeinsamkeiten, sagte Juliane Matthey von Reporter ohne Grenzen im Deutschlandfunk.

Juliane Matthey im Gespräch mit Bettina Köster

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Absperrung der Umgebung des Tatorts durch die Polizei Mord an Giorgos Karaivaz (IMAGO / ANE Edition)
Giorgos Karaivaz: Ein Investigativ-Journalist, der über das organisierte Verbrechen schrieb, wurde in Athen auf offener Straße niedergeschossen (IMAGO / ANE Edition)
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Mit Giorgios Karaivaz erlebe Europa innerhalb von vier Jahren bereits den dritten Fall eines ermordeten Journalisten, der zuvor zu Themen wie Korruption und organisierter Kriminalität recherchiert habe, betonte Juliane Matthey, die für die Organisation Reporter ohne Grenzen die EU-Mitgliedsstaaten im Blick hat. "Wenn Journalisten zu solchen Themen recherchieren und gerade auch zu Verbindungen der organisierten Kriminalität in die Politik, in die Verwaltung, ist das ein sehr, sehr gefährliches Feld, und eigentlich das gefährlichste Feld für Journalistinnen und Journalisten überhaupt."

Gerade Länder, in denen Korruption stark verbreitet und der Einfluss der organisierten Kriminalität auf die Politik sehr stark sei, würden auch die Schutzmechanismen für Journalistinnen und Journalisten nicht mehr greifen.

Die maltesische Journalistin und Bloggerin Daphne Caruana Galizia war am 16. Oktober 2017 in ihrem Auto auf einer Straße im Norden Maltas in die Luft gesprengt worden. Sie hatte regelmäßig über Korruption und Geldwäsche berichtet. Der Slowake Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnírová waren am 21. Februar 2018 in ihrem Haus erschossen worden. Der Investigativ-Reporter vom Nachrichtenportal "aktuality.sk" hatte zu Korruption und Mafia-Verbindungen in Regierungskreisen recherchiert.

  (IMAGO / ANE Edition) (IMAGO / ANE Edition)Der Mord an Giorgos Karaivaz
Die Ermordung von Giorgos Karaivaz soll rasch aufgeklärt werden. Doch das könnte schwierig werden: Der Journalist recherchierte zuletzt zum Einfluss krimineller Banden in Griechenland – auch auf die Behörden.

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Bettina Köster: Ist die Arbeit für Journalistinnen und Journalisten gefährlicher geworden, gerade wenn man zur Aufdeckung von Korruption recherchiert?

Juliane Matthey: Die Aufdeckung von Korruption war für Journalistinnen und Journalisten eigentlich schon immer ein gefährliches Feld, sowohl in Europa als auch im Rest der Welt, wie gerade in Lateinamerika, wo sehr, sehr viele Journalisten, die zu solchen Hintergründen recherchieren, umgebracht werden. In Europa haben wir halt gesehen, dass sich in den vergangenen vier Jahren die Fälle auf tragische Weise geballt haben. Das ist jetzt der vierte Mord an einem Journalisten innerhalb von vier Jahren, und zumindest drei von diesen Journalisten, nämlich Daphne Caruana Galizia aus Malta, Jan Kuciak in der Slowakei und jetzt Giorgos Karaivaz in Griechenland, haben zu Korruption, zu organisierter Kriminalität, etc. recherchiert. Das ist schon eine Ballung, die wir vorher in Europa nicht so gesehen haben.

Köster: Wir haben gehört, dass der Grieche Giorgos Karaivaz erfahrener Polizeireporter war und die Polizei auch kritisch im Visier hatte dabei, auch über möglichen Einfluss krimineller Banden auf Staatsorgane recherchiert hat. Was wissen Sie über seine Arbeit?

Matthey: Er war wirklich ein sehr erfahrener Polizeireporter, hat diese Arbeit schon sehr lange gemacht. Hat jetzt zuletzt für eine Fernsehsendung gearbeitet, wo er investigativ gearbeitet hat, diese Fälle aber auch vor der Kamera vorgestellt hat. Und wie Sie schon haben anklingen lassen, wir können noch nichts Genaues zu den Hintergründen der Tat sagen. Aber durch die Themen, mit denen er sich journalistisch befasst hat, liegt es schon nahe, dass dieser Mord mit seiner journalistischen Tätigkeit zu tun hatte.

  (AFP / Angelos Tzortzinis) (AFP / Angelos Tzortzinis)Pressefreiheit in Griechenland
Während der griechischen Wirtschaftskrise hat sich die Lage für Journalisten im Land verschlechtert. 2019 sorgte der Chef der Wochenzeitung "Documento" mit einem internationalen Appell für Aufsehen.

Köster: Wie sind denn die Arbeitsbedingungen für Journalisten in Griechenland jetzt allgemein? Haben die sich jetzt auch verschlechtert? Es sind ja nicht alle investigativ unterwegs, aber wie ist das für die übrigen Journalistinnen und Journalisten?

Matthey: Die Arbeitssituation für Journalistinnen und Journalisten in Griechenland war in den vergangenen Jahren wirklich relativ schwierig. Auf unserer Rangliste der Pressefreiheit liegt Griechenland aktuell auf Platz 65 von 180 Staaten. Das ist für ein europäisches Land relativ schlecht. Wir stufen das ein als Land mit erkennbaren Problemen. Und Probleme, die wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, sind die Behinderung von Berichterstattung, zum Beispiel zur Flüchtlingsthematik auf den griechischen Inseln. Es gibt immer wieder Übergriffe auf Journalistinnen und Journalisten, zum Beispiel auf Demonstrationen von der Polizei einerseits, aber auch vor allem aus dem rechtsextremen Spektrum. Aber auch aus dem linksextremen bzw. anarchistischen Spektrum gibt es immer wieder Übergriffe. Das sind allerdings eher Angriffe auf Redaktionsgebäude, zum Beispiel Brandschläge, etc., wo dann aber in der Regel eher nur Sachschaden entsteht.

"Malta - kleines Land mit großen Problemen"

Köster: Jetzt haben Sie eben schon im Zusammenhang mit Giorgos Karaivaz die anderen Morde genannt, unter anderem von Daphne Caruana Galizia auf Malta. Sehen Sie da eigentlich Zusammenhänge zwischen den Fällen? Oder muss man die isoliert sehen, haben die gar nichts miteinander zu tun?

Matthey: Zusammenhänge ist vielleicht schwierig zu sagen, aber auf jeden Fall sieht man Parallelen, sowohl zwischen diesen drei Fällen als auch zu anderen Fällen, wo Journalisten weltweit zu Themen wie Korruption, organisierter Kriminalität, etc. recherchiert haben. Also es ist immer so, wenn Journalisten zu solchen Themen recherchieren und gerade auch zu Verbindungen der organisierten Kriminalität in die Politik, in die Verwaltung, ist das ein sehr, sehr gefährliches Feld, und eigentlich das gefährlichste Feld für Journalistinnen und Journalisten überhaupt. Und gerade, wenn es in einem Land passiert, in dem Korruption sehr stark ist, in dem der Einfluss der organisierten Kriminalität auf die Politik sehr stark ist, greifen halt auch die Schutzmechanismen für Journalistinnen und Journalisten nicht, die es vielleicht anderswo gibt.

Köster: Welche Länder sind besonders betroffen von den vielleicht unzureichenden Schutzbedingungen in Europa?

Matthey: Wenn wir nach Europa gucken, ist es allen voran Malta. Ein sehr, sehr kleines Land, aber wirklich mit sehr, sehr großen Problemen. Das hat der Mord an Daphne Caruana Galizia vor gut drei Jahren uns ganz erschreckend vor Augen geführt. Aber davor gab es da schon sehr, sehr große Probleme mit Korruption, mit Vetternwirtschaft, mit wirklich völlig unzureichendem Schutz von Journalistinnen und Journalisten. Daphne Caruana Galizia wurde vorher selber schon zehn, 15 Jahre lang unter Druck gesetzt, auch angegriffen. 

  (picture alliance/AP Photo/Rene Rossignaud) (picture alliance/AP Photo/Rene Rossignaud)Mordfall Daphne Caruana Galizia
2017 wurde auf Malta die Journalistin Daphne Caruana Galizia getötet. Ein internationales Team nahm ihre Recherchen wieder auf und entdeckte, dass Galizia offenbar Betrügereien hochrangiger maltesischer Politiker auf der Spur gewesen war.

Italien ist natürlich ein Land, in dem Journalistinnen und Journalisten, gerade die, die zu Mafia-Themen recherchieren, sehr gefährlich leben. Da gab es in früheren Jahren und Jahrzehnten einige Morde an Journalistinnen und Journalisten, jetzt zum Glück schon lange nicht mehr. Man muss aber auch sagen, dass in Italien ungefähr 20 Journalistinnen und Journalisten rund um die Uhr unter Polizeischutz stehen. Das ist dann eine Maßnahme, die staatlicherseits ergriffen werden muss, die, zumindest was Tötungen angeht, in Italien funktioniert zu haben scheint.

"Mehr Sicherheit durch Netzwerke"

Köster: Fordern Sie das auch für die anderen, ich sage mal, osteuropäischen Länder, die ja dazugekommen sind, also Griechenland, Slowakei?

Matthey: Ja, das ist natürlich immer das letzte Mittel, dass Journalistinnen und Journalisten unter Polizeischutz gestellt werden. Besser wäre es natürlich, wenn das gar nicht erst nötig wäre, wenn der Rechtsstaat vorher schon greifen würde. Aber natürlich ist es sehr, sehr wichtig, wenn es Schutzprogramme für Journalistinnen und Journalisten gibt, dass die auch wirklich funktionieren.

Köster: Haben Sie da konkrete Forderungen?

Matthey: Ja, zum Beispiel die Ausstattung mit ausreichenden finanziellen Mitteln. Und natürlich auch eine Unabhängigkeit der Behörden, die für solche Schutzmaßnahmen zuständig sind. In einem Land, in dem der Rechtsstaat nicht funktioniert, in einem Land, das von Korruption zerfressen ist, funktionieren im Zweifel auch solche Schutzprogramme nicht. Und da müssen in einigen Ländern wirklich, vor allem außerhalb Europas, aber auch innerhalb Europas, ich kann jetzt wieder auf das Beispiel Malta verweisen, da müssen grundlegende Änderungen her.

Köster: Aber wie gehen Sie da von Ihrer Seite aus vor? Weil es gibt ja diese Länder, in denen einfach sehr viel Korruption herrscht und die staatlichen Stellen nicht so aufgestellt sind wie vielleicht in vielen anderen. Wie gehen Sie da auch als Journalistenorganisation vor, um da vielleicht auch für die dortigen Journalisten mehr Sicherheit zu schaffen?

Matthey: Eine Möglichkeit, mehr Sicherheit für Journalistinnen und Journalisten vor Ort zu schaffen, sind auf jeden Fall journalistische Netzwerke, die Selbstorganisation von Journalistinnen und Journalisten. Da gab es ja in den vergangenen Jahren ganz großartige Initiativen von Recherchenetzwerken, zum Beispiel das internationale Recherchenetzwerk, dem in Deutschland zum Beispiel NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" angehören. So etwas zeigt nicht nur Solidarität mit den Journalistinnen und Journalisten vor Ort, sondern gibt denen wirklich auch zusätzliche Sicherheit, einerseits zusätzliche Möglichkeiten, zu recherchieren, aber auch zusätzliche Sicherheit, wenn sie nicht die Einzigen sind, die einen Missstand in einem Land aufdecken, sondern auch ein großes Netzwerk von großen Medien im Rücken haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
 
 

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