Reformprozess der katholischen KircheWohin führt der Synodale Weg?

Macht und Missbrauch, Sexualmoral und die Stellung von Frauen: Auf der zweiten Synodalvollversammlung Anfang Oktober diskutierten Bischöfe und Laien gemeinsam über den Reformprozess der katholischen Kirche. Doch können grundsätzliche Änderungen überhaupt beschlossen werden?

07.10.2021

Eine Frau geht zur Veranstaltung "Synodaler Weg" im Haus am Dom.
An Reformen führt kein Weg vorbei – so sehen es auch die deutschen katholischen Bischöfe (picture alliance / Andreas Arnold)
Anfang Oktober sind Geistliche und Laien ein weiteres Stück des Synodalen Weges gemeinsam gegangen. In Frankfurt am Main diskutierten sie auf ihrer zweiten Vollversammlung über katholische Grundsätze wie Sexualmoral, Zölibat, Machtverteilung und die Rolle der Frauen in der Kirche. Doch schüren diese Diskussionen nicht Erwartungen, die die Kirche letztendlich nicht erfüllen kann? Was kann der Synodale Weg überhaupt bewegen? Ein Überblick.

Was ist der Synodale Weg?
Der Begriff Synodaler Weg bezeichnet das Reformprojekt der katholischen Kirche, der durch die deutschen Bischöfe im Frühjahr 2019 selbst angestoßen wurde. Anlass dafür war die so genannte MHG-Studie ("Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz") aus dem Jahr 2018.
Thomas Söding, katholischer Theologe und Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum.
Synodaler Weg: "Wir werden die Reformen hinbekommen"
Reformprozess in der katholischen Kirche seien nicht vergeblich – da bleibe er optimistisch, sagt der Theologe Thomas Söding. Die Kirche brauche Reformen und werde sie auch umsetzen.
Unter dem Eindruck der Studie erklärten die deutschen Bischöfe auf ihrer Frühjahrsvollversammlung, dass kein Weg an Reformen vorbeiführen könne. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, erklärte am 14. März 2019: "Wir werden Formate für offene Debatten schaffen und uns an Verfahren binden, die eine verantwortliche Teilhabe von Frauen und Männern aus unseren Bistümern ermöglichen. Wir wollen eine hörende Kirche sein. Wir brauchen den Rat von Menschen außerhalb der Kirche".
Die Initiative, die offiziell am 1. Dezember 2019 startete, war ursprünglich auf zwei Jahre angelegt. Wegen der Corona-Pandemie und der Fülle an zu besprechenden Texten wird der Synodale Weg allerdings voraussichtlich bis Anfang 2023 verlängert werden.
Wer sind die Teilnehmenden?
Die Synodalversammlung ist das oberste Organ des Synodalen Wegs und kann Beschlüsse fassen. Sie zählt 230 Mitglieder, die für eine möglichst große Bandbreite kirchlichen Lebens stehen sollen. Ihr gehören die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz, 69 Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) sowie weitere Vertreterinnen und Vertreter geistlicher Dienste und kirchlicher Ämter, junge Menschen und Einzelpersönlichkeiten an.
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Kardinal Woelki bleibt im Amt: Kritik von ZDK-Präsident Sternberg
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Welche Themen werden dort besprochen?
Insgesamt gibt es vier große Themenblöcke, die in so genannte Synodalforen aufgeteilt sind. Die Mitglieder dieser Synodalforen erarbeiten die Vorlagen für die Synodalversammlung.
  • Synodalforum 1: "Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag"
  • Synodalforum 2: "Priesterliche Existenz heute"
  • Synodalforum 3: "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche"
  • Synodalforum 4: "Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft"
Was passierte bei der Synodalvollversammlung in Frankfurt?
Vom 30. September bis 2. Oktober 2021 fand die zweite Vollversammlung des Synodalen Weges der katholischen Kirche in Deutschland in Frankfurt am Main statt. Auf dem offiziellen Programm standen 16 Papiere in Erster Lesung zur Diskussion. Allerdings konnten nur 13 Texte mit Reformvorschlägen verabschiedet werden, weil die Versammlung vorzeitig beendet werden musste. Offenbar waren viele Mitglieder am Samstag (2.10.) nach dem Mittagessen abgereist und das Gremium war dadurch nicht mehr beschlussfähig. Einige Reformideen:
  • Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare und wiederverheiratete Geschiedene
  • Neue Predigtordnung, damit auch Frauen in Eucharistiefeiern offiziell predigen dürfen
  • Mitspracherecht der Gläubigen bei Bischofswahlen
  • Schaffung eines "Synodalen Rats", in dem Laien und Bischöfe gemeinsam entscheiden, auch über Finanzfragen
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Jede Abstimmung stand unter dem Vorbehalt, dass es sich nur um eine Art Meinungsbild handelte. Die für gut befundenen Vorlagen müssen nun überarbeitet und in den kommenden drei Synodalversammlungen in zweiter und dritter Lesung verabschiedet werden.
Für Aufregung sorgte eine Äußerung des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer im Vorfeld der Versammlung. Der Geistliche hatte gesagt, die Reformer in der Kirche würden den Missbrauchsskandal für eine "Umgestaltung der katholischen Kirche nach dem Vorbild evangelischer Kirchenordnungen" instrumentalisieren.
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Dies wies der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, scharf zurück. Bätzing sagte zu Beginn der dreitägigen Synodalversammlung: "Von Instrumentalisierung des Missbrauchs zu sprechen, wenn wir uns hier an die Aufgabe heranmachen, die Situation der Kirche in unserem Land so zu verändern, dass Menschen in unserem Land uns wieder vertrauen, das, finde ich, ist eine sehr unerlaubte, sehr anmaßende Stellungnahme, und sie wird insbesondere den Betroffenen nicht gerecht, denn der Missbrauch und seine systemischen Faktoren in der katholischen Kirche sind der Anlass, diesen Weg zu gehen."
Können die Mitglieder Reformen beschließen?
Nein. Wie eine normale Synode hat auch der Synodale Weg beratenden Charakter. Das letzte Wort bei einer möglichen Umsetzung der Beschlüsse in ihrem Bistum haben die Ortsbischöfe. Das soll auch die Einheit mit der Weltkirche gewährleisten und einen nationalen Sonderweg verhindern. Über die Umsetzung von Beschlüssen, die eine weltkirchliche Relevanz entfalten, entscheidet der Apostolische Stuhl.
Kirchenrechtler Bernhard Anuth sagte dazu im Deutschlandfunk, "der Synodale Weg ist als solcher kein Entscheidungsgremium. Kirchenrechtlich gibt es die Rechtsfigur Synodaler Weg nicht." Zwar würden in dem Gesprächsformat Beschlüsse erarbeitet, aber "die Beschlüsse sind an eine doppelte Zweidrittel-Mehrheit gebunden; einmal der Synodalversammlung und dann müssen noch einmal zwei Drittel aller Bischöfe zustimmen."
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Daher warnte Anuth im Deutschlanfunk-Interview auch vor zu großen Erwartungen: "Die zentralen Themen, auf die gerade viele ihre Hoffnung setzen, sind ohnehin solche, die partikularkirchlich, also in Deutschland, gar nicht entschieden werden können, sondern das geht nur über den Papst, über Rom."
Kritiker des Synodalen Wegs
Es gibt eine Reihe von konservativen Kritikern, die sich um den Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer versammelt haben. Zu ihnen zählen auch der Kölner Erzbischof Woelki und Kurienkardinal Kasper. Gemeinsam hatten die Geistlichen im Vorfeld der Vollversammlung in Frankfurt am Main eine eigene Homepage mit alternativen Texten freigeschaltet.
Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer spricht am 12.10.2016 in Regensburg (Bayern) während einer Pressekonferenz zu den Journalisten. 
Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer zählt zu den Kritikern des Synodalen Weges (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Zum Kreis der Kritiker gehört auch der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken. Er sprach im Vorfeld der Vollversammlung in Frankfurt von Mängeln bei der Diskussionskultur. "Es verfestigt sich zunehmend der Eindruck, dass die Reformziele des Synodalen Weg bereits festgeschrieben sind und man eine Konkurrenz der Meinungen schon im Ansatz unterbinden will." Die "unübersichtliche Fülle der Texte" mache eine inhaltliche Debatte unmöglich, beklagte Picken laut Katholischer Nachrichtenagentur (KNA).
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Bischof Voderholzer beklagte bei einer Predigt im Regensburger Dom, der Verweis auf sexuellen Missbrauch werde "von interessierter Seite" als Ausgangspunkt für eine "Umgestaltung der katholischen Kirche nach dem Vorbild evangelischer Kirchenordnungen" genutzt. Dort bedeute "Synode" etwas anderes als in der katholischen Kirche, "nämlich eine Art Kirchenparlament", so Voderholzer im Regensburger Dom. Der Geistliche wendet sich also gegen eine Demokratisierung der katholischen Kirche.
Dazu Kirchenrechtler Bernhard Anuth im Deutschlandfunk: "Die katholische Kirche versteht sich aufgrund göttlicher Stiftung als hierarchisch verfasste Kirche. Und die Unterscheidung zwischen den beiden Ständen der Kleriker, also der Geweihten und der Laien, gilt in der Kirche als gottgewollt, insofern also unveränderbar. Eine Demokratisierung der Kirche mit gleichem Stimmrecht aller, mit einer parlamentarischen Repräsentation, ist nach dem lehramtlichen Selbstverständnis der Kirche unvorstellbar. Dann wäre die katholische Kirche ihrem Selbstverständnis nach nicht mehr die, die Christus gewollt und gestiftet hat."
Gibt es Spielraum für Reformen in der katholischen Kirche?
Viele Gläubige und auch Teilnehmende des Synodalen Weges haben Hoffnung, dass sich Reformen innerhalb der Katholischen Kirche durch den Gesprächsprozess anstoßen lassen. Kirchenrechtler Bernhard Anuth sieht dafür keinen Anlass. Er sehe kaum Möglichkeiten für Reformen. "Die Priesterweihe von Frauen gilt seit 1994 in der katholischen Kirche als unmöglich. Papst Johannes Paul II. hat erklärt, die Kirche habe keine Vollmacht, Frauen die Priesterweihe zu spenden. Hier ist die Tür zu und der Schlüssel nicht mehr verfügbar." Da sich die katholische Kirche immer wieder auf den Willen Gottes berufe, binde sich das kirchliche Lehramt in einer Weise, dass eine Reform zumindest nicht ohne Selbstwiderspruch möglich sei.
Ein Transparent zeigt Maria, die Mutter Gottes, mit einem Pflaster auf dem Mund anlässlich eines Gottesdienstes unter freiem Himmel. Katholische Frauen und verschiedene Frauen-Initiativen aus mehreren deutschen Bistümern beteiligen sich am Kirchenstreik "Maria 2.0".
Kritik an Maria 2.0: „Ich glaube nicht, dass Gleichberechtigung in Ämtern kommt“
Maria werde instrumentalisiert, wenn ihr Name mit Forderungen nach der Priesterinnenweihe verbunden werde, sagt Ursula Harter von der Initiative Pontifex.
Claudia Danzer, Gründerin der Initiative "Mein Gott diskriminiert nicht", kritisierte im Dlf darüber hinaus die Diskrimierung von queeren Menschen in der katholischen Kirche. Das zeige auch das Segnungsverbot. Ob gemeinsame Positionen in Zukunft möglich sind, sei fraglich. Ein erster Schritt wäre eine Anerkennung von Pluralität in der Theologie, meint Danzer.
Norbert Lüdecke, Professor für Kirchenrecht in Bonn, sagte im Deutschlandfunk , der Synodale Weg könne an dieser ständischen Institution nichts Grundlegendes verändern. "Ich halte das geschlossene System der römisch-katholischen Kirche für nicht reformierbar", sagt der Theologe und Professor für Kanonistik. Auf dem Synodalen Weg, an dem sich viele seiner Kolleginnen und Kollegen beteiligen, herrsche das Prinzip Hoffnung.
Quellen: KNA, dpa, Deutsche Bischofskonferenz, synodalerweg.de, Deutschlandfunk, vsc