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StartseiteKultur heute"Wo ist die Verantwortung des Staates für die Kultur?"13.01.2021

Reihe "Innovationsmotor Kultur""Wo ist die Verantwortung des Staates für die Kultur?"

Früher habe der Adel die Kultur gestärkt und vorangetrieben, sagte die Geigerin Anne-Sophie Mutter im Dlf. Heute seien Künstler auf einzelne Donatoren oder aber den Staat angewiesen. Gerade in der Coronakrise fehle es jedoch an Unterstützung durch die Politik, das sei "eine der ganz großen Enttäuschungen".

Anne-Sophie Mutter im Gespräch mit Maja Ellmenreich

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Die Geigerin Anne-Sophie Mutter trägt ihr blondes, schulterlanges Haar bei einer Pressekonferenz halb offen und spricht mit ihrem Gegenüber, das hiner der Kamera steht. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
Geigerin Anne-Sophie Mutter fördert mit ihrer Stiftung seit über 20 Jahren den musikalischen Nachwuchs (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
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Die Stiftung der Geigerin Anne-Sophie Mutter Virtuos, hochbegabt: Stipendiat

Als unglaublichen Glückspilz bezeichnete sich die Geigerin Anne-Sophie Mutter kurz vor Weihnachten in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" und sie bekannte sich zur Dankbarkeit, einen Beruf ausüben zu dürfen, der ihr große Freude bereite. Glück und Talent, Berufung und gute Förderung, Charisma und das richtige Instrument - bei Anne-Sophie Mutter kam einiges zusammen für eine Weltkarriere, die seit Jahrzehnten andauert; mit zahlreichen Uraufführungen, vielbeachteten Einspielungen und Konzerttourneen und mit großen Preisen. Für ihr soziales Engagement wurde sie mit dem "Erich-Fromm-Preis" ausgezeichnet.

Anne-Sophie Mutter hat zudem eine eigene Stiftung gegründet und fördert damit hochbegabte junge Musikerinnen und Musiker, sie gibt Benefizkonzerte, ob für Kinder im Jemen, für Obdachlose in London oder für Musikerkolleginnen, die wegen der Corona-bedingten Absagen um ihre Existenz fürchten müssen.

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"Der Wunsch, mit anderen etwas zu teilen"

Maja Ellmenreich: Dieses Engagement für Andere mit den Mitteln der Musik, ist der Motor dafür besagte Dankbarkeit, dass nämlich Ihre Karriere, bei aller Anstrengung und Arbeit, so erfolgreich war und ist?

Anne-Sophie Mutter: Sicher auch, ich glaube aber, dass der Motor, Künstler zu werden, letzten Endes nicht nur der Wunsch nach der Vervollkommnung, so unmöglich das auch zu sein scheint, des eigenen Talents, aber der Wunsch, mit anderen etwas zu teilen, mit Kollegen und dem Zuschauer, dem Zuhörer. Es ist also bei aller Introspektion auch immer der Blick nach außen auf das Gegenüber und das Abholen des Gegenübers, und damit verbunden, glaube ich, sollte eigentlich auch Empathie sein und das Erkennen von Ungerechtigkeit überall im Alltag. Und da heißt es Handeln, wenn auch natürlich in einem winzigen Aktionsradius, aber ein bisschen Hilfe ist besser als Wegschauen.

"Rostropowitsch war natürlich eine Lichtfigur"

Ellmenreich: Wenn ich Sie richtig verstehe, dann gehört zu Ihrem Berufsverständnis, sich als Künstlerin nicht ausschließlich um die Musik zu kümmern, also l'art pour l'art zu betreiben.

Mutter: Absolut. Ich glaube, ganz entscheidend in meinem Leben war die Figur Yehudi Menuhin, der große Humanist, aber auch meine Begegnung mit Mstislaw Rostropowitsch, dem legendären Cellisten, der aber eben über seine Kunst am Instrument hinaus zum Menschenrechtler wurde. Als ich in den 80er-Jahren zum ersten Mal nach Moskau, damals noch Sowjetunion, reiste, hatte ich dank Mstislaw Rostropowitsch angefangen, Solschenizyn zu lesen und Sacharow und hab dann da auch immer in jedem Rundfunkinterview darüber gesprochen.

Mir fiel dann erst später auf, dass bei der Übersetzung ins Russische diese Namen irgendwie, dass ich die gar nicht mehr gehört habe. To make a long story short: Er wurde ja dann zusammen mit seiner Frau, der großartigen Sopranistin Galina Wischnewskaja, des Landes verwiesen, Landesverräter, weil er diesen beiden großartigen Schriftstellern Unterschlupf gewährte. Ja, also dieses Bewusstsein für Ungerechtigkeit und auch diese Zivilcourage habe ich natürlich nicht nur wahnsinnig bewundert - ich würde jetzt nicht sagen, dass ich je das gleiche getan habe –, aber auf jeden Fall hat es den Blick für die Realität geschärft und mir gezeigt, dass auch ein Musiker gesellschaftspolitisch Veränderungen herbeiführen kann.

Nun war Rostropowitsch natürlich eine Lichtfigur, war politisch auch wahnsinnig gut vernetzt und hat durch diese Aktion dieses Thema publik gemacht, und man hat einfach wahnsinnig viel dann darüber gelesen, nachgelesen, diskutiert. Vielleicht wären diese Arbeitslager im Westen allein durch die Bücher von Solschenizyn nicht so schnell so populär - jetzt im falschen Sinne -, hätte man nicht so viel darüber gelesen und diskutiert.

Kunst bedeutet Mühe und Verzicht

Ellmenreich: Sie haben eine eigene Stiftung gegründet, die Anne-Sophie Mutter Stiftung, und darin widmen Sie sich ja seit vielen Jahren sehr intensiv der Förderung hochbegabter Musikerinnen und Musiker, und diese Förderung beschränkt sich nicht nur auf das bloße Musizieren. Raten Sie Ihren jungen Kolleginnen und Kollegen auch genau die Lektüre, die Sie zu so einer politischen Person gebracht hat?

Mutter: Ja, wir haben auch sehr viele Benefizprojekte gemeinsam gestaltet, international. Die Stiftung vergibt auch Kompositionsaufträge – es ist mir ganz wichtig, dass nicht nur das Verständnis für zeitgenössische Musik, die ja auch immer ein Abbild ist und, wie man dann in Retrospektive sieht, sehr oft, also nicht nur bei den Sowjetkünstlern, aber auch schon bei Mozart und Beethoven, durchaus auch gesellschaftskritisch beleuchtet. Zum anderen ist natürlich das Finden des musikalischen Lebenspartners – im Falle eines Streichers ist das das Instrument – sehr, sehr wichtig. Also diese Förderung geht einerseits in Richtung Humanismus und wirklich erlebte Realität und Engagement, aber selbstverständlich in der Hauptsache um den musikalischen Dialog und um die Vertiefung des Verständnisses für Musik überhaupt.

Unter diesen jungen Musikern sind wahnsinnig interessante Personen, die den Beruf wohlwissend ergriffen haben, dass nicht nur in Zeiten der Pandemie es als Künstler wahnsinnig schwer ist, aber das ist immer das Los gewesen. Eigentlich erst seit Liszt gibt es – oder Beethoven war auch ein Künstler, einer der ersten, die von seiner Kunst leben konnten –, aber im Großen und Ganzen ist die Kunst doch immer mit sehr, sehr viel Mühe und Verzicht verbunden.

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"Erfolglos bemüht, Musik in Kindergärten zu implementieren"

Ellmenreich: Wieso haben Sie sich ausdrücklich für die Förderung Hochbegabter entschieden, die eben diesen Verzicht gelegentlich in ihrer Karriere ja auch erleiden beziehungsweise erleben müssen? Benötigen nicht vielleicht Kinder, die nicht übermäßig begabt sind, viel mehr die Unterstützung, mit Musik in Kontakt zu kommen?

Mutter: Ich bin absolut Ihrer Meinung, Frau Ellmenreich, ich musste mich dann nur irgendwann auf ein Spektrum von vielen konzentrieren, und da erschien mir mein Lebensweg und mein Wissen besser angebracht. Ich habe mich leider erfolglos hier in Bayern bemüht, Musik in den Kindergärten zu implementieren, hab an einem Programm gearbeitet, dann irgendwann, muss ich gestehen, frustriert aufgegeben, weil es so bürokratisch und – ja, man muss es sagen, wie es ist – unprofessionell geführt war, die Diskussion, dass ich schlichtweg aufgegeben habe.

Ich sehe mit großer Dankbarkeit und Freude, dass der Kindergarten von Daniel Barenboim und Edward Said in Berlin exemplarisch ist. Natürlich wünsche ich mir als Mutter und Musiker mehr davon, aber Sie haben absolut recht, es genügt natürlich selbstverständlich nicht, die Hochbegabten zu fördern. Wir müssten an der Basis fördern, aber der Versuch… Wissen Sie, wir Musiker, wir lehren ja auch, und das Schöne an diesen über 20 Jahren Förderarbeit für den sogenannten Spitzennachwuchs ist ja, dass wir auch in die Lehre gehen und dass wir da jetzt vielleicht nicht Fünfjährige, aber dass wir auch jüngere und normaler begabte Kinder inspirieren können und teilweise ja auch unterrichten. Das ist natürlich nicht genug, da gebe ich Ihnen absolut recht.

Zu helfen ist wichtig

Ellmenreich: Sie unterstützen etwa die SOS-Kinderdörfer, die Hilfsorganisation "Save the Children" und viele weitere Einrichtungen und Organisationen. Die Hilfe für jemanden bedeutet ja auch immer, das Geld, die Zeit, die Energie nicht jemand anderem zukommen zu lassen. Wie treffen Sie Ihre Entscheidungen?

Mutter: Natürlich, mit jeder Entscheidung exkludiere ich andere schreckliche Ungerechtigkeiten, denen man auch nacheilend zu Hilfe eilen sollte. Es ist sehr oft zugegebenermaßen eine Bauchentscheidung im Sinne von, Kindern gehört die Zukunft, und da kann man vielleicht noch Weichen für ein Erwachsenenalter stellen, die vielleicht doch durch Hilfe, durch einfach da sein, ein Signal senden: Ihr seid uns nicht egal, und auch wenn wir Tausende von Kilometern entfernt sind, dann gibt es Menschen, die sich um euch sorgen.

Da gibt es ja beispielsweise mein Waisenhaus in Rumänien, und das war und ist mir ein großes Anliegen, dass ich dieses jetzt gemischte Waisenhaus – anfänglich nur für Mädchen –, dass ich diese Organisation seit Jahrzehnten auch privat unterstütze, weil da auch eine Art "extended family" entstanden ist. Ja, vielleicht bin ich einfach zu sehr Mutter, als dass ich dieses Gebiet Kind alleine lassen kann.

Ellmenreich: Würden Sie sich, Frau Mutter, als selbstlos bezeichnen? Solch ein Engagement strahlt ja auch zurück auf Ihre Persönlichkeit und auf Ihr Image?

Mutter: Boah, also selbstlos, ich weiß nicht, das klingt so nach Selbstbeweihräucherung. Ich glaube, ich habe ein großes Empathievermögen, und es bereitet mir große Freude, andere Menschen glücklich zu sehen. Ich bin eigentlich ein sehr positives Naturell, und andere Menschen glücklich zu sehen, verstärkt natürlich auch mein eigenes Glück. Vielleicht ist es sogar Eigennutz, dass ich gerne helfe, ich weiß es nicht. Aber ist ja egal, was die Motivation ist, am Ende des Tages ist, glaube ich, die Aktion wichtig.

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Novemberhilfen - "Bisher ist nichts geflossen"

Ellmenreich: Zum Schluss unseres Gespräches möchte ich noch mal das Motto aufgreifen: Innovationsmotor Kultur. Jetzt ist ja gerade das Beethoven-Jahr zu Ende gegangen – können Komponisten mit ihrer Musik, zum Beispiel Beethoven selbst, so etwas sein wie ein Innovationsmotor, können Sie mit dem Begriff was anfangen?

Mutter: Na ja, also Beethoven war das auf jeden Fall. Er ist ja die Schaltstelle eigentlich zwischen Barock und Romantik und Moderne. Wenn man sich seine späten Quartette anschaut, dann ist das heute noch wegweisend in der musikalischen Sprache, aber auch natürlich diese Schaltstelle, Beethoven in der Musikgeschichte, verbindet ja das Mäzenatentum des Adels dann plötzlich aber mit der Hinwendung der Kunst zum breiten Publikum, und das ist ein ganz entscheidender Schritt. Zum einen ist das Mäzenatentum dann auf den Staat übergegangen – da sind wir gerade bei dem sehr leidigen Thema, das Thema der Novemberhilfe. Wir wissen ja, dass über 30 Milliarden angekündigt wurden, davon sollte ja auch ein kleiner Teil den Soloselbstständigen zukommen, und bisher ist nichts geflossen. Also wo ist da die Verantwortung des Staates für die Kultur? Da sehe ich überhaupt nichts.

Apropos Innovation: Da sind wir eigentlich wieder im 17. Jahrhundert, nur leider gibt es den Adel nicht mehr, der die Kunst stärkt. Also sind wir tatsächlich auf entweder Mäzenatentum von einzelnen Donatoren oder auf den Staat angewiesen, und da kommt nichts. Das ist eine der ganz großen Enttäuschungen – ich glaube, für jeden, der davon betroffen ist.

Aber zurück zur Innovationskraft Beethoven: Ohne Frage, die Französische Revolution, das war ja eigentlich Beethovens Lebensideal, und dieses "Égalité, Fraternité, Liberté", das ja letzten Endes in Schillers "Ode an die Freude" und der "Neunten" seine Perfektion findet und seine heute aktuellere als je, das ist zeitlos, das ist Innovation bis heute.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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