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StartseiteTag für Tag"Die Sehnsucht nach dem göttlichen Funken bleibt" 24.12.2020

Religiosität der Zukunft "Die Sehnsucht nach dem göttlichen Funken bleibt"

Der Leipziger Theologe und Journalist Stefan Seidel denkt in seinem neuen Buch über Religion ohne Kirche nach. "Der Mensch ist ein Seelenwesen", sagt er im Dlf. Das Corona-Jahr zeige die Grenzen des Nüchtern-Rationalen. Aber dass Not dauerhaft beten lehrt, glaubt er nicht.

Stefan Seidel im Gespräch mit Christiane Florin

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Wanderin steht auf einem Felsbrocken und breitet die Arme aus (imago images / Westend61)
Der Mensch hat die Anlage nach dem Göttlichen zu fragen, sagt Buchautor Stefan Seidel (imago images / Westend61)
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Christiane Florin: Sie tasten nach Transzendenz. Warum gehen Sie davon aus, dass jeder Mensch oder dass die meisten Menschen einen göttlichen Funken in sich tragen?

Stefan Seidel: Das mag ein wenig wie eine kühne Annahme scheinen in den sehr säkularen Zeiten, in denen wir leben. Es ist sicherlich so, dass die Mehrheit der Menschen ziemlich gut und ganz wunderbar ohne Gott leben kann, ohne dass scheinbar etwas fehlt. Und doch nehme ich wahr, dass es auch eine starke Sehnsucht gibt, vielleicht auch gerade in diesen so säkularen, entzauberten Zeiten, eine Sehnsucht nach Gehaltensein, nach einem sich selbst Übersteigen und Bezogensein auf andere. Vielfach bricht sich das dann Bahn in den Bereichen, die zunehmend sind: esoterische Angebote oder die ganz festen Transzendenzgewissheiten des Fundamentalismus.

Diese beiden Pole können sich als Sackgassen entpuppen. Der Mensch hat eine Anlage dazu, sonst würde er nicht immer wieder nach dem Göttlichen fragen. Er hat eine Anlage dazu.

Ich glaube, heute müssen wir in Zeiten, wo wir ein bisschen religiöse Analphabeten geworden sind, neue Weg suchen. Ich denke, das kann man sich jenseits von Esoterik und Fundamentalismus erschließen.

"In Ostdeutschland haben die Kirchen Demut gelernt"

Florin: Sie leben in Leipzig. Dort gehört die Mehrheit der Menschen keiner Kirche an oder keiner Kirche mehr an. Wenn ich religionssoziologische Studien lese, dann sagen die meisten Menschen: "Mir fehlt nichts. Ich vermisse keine Transzendenz. Ich verspüre keine Leere." Ihr Buchtitel heißt: "Nach der Leere". Warum glauben Sie nicht, dass die Menschen, die sagen, sie vermissen nichts, wirklich nichts vermissen?

Seidel: Da muss man unterscheiden zwischen einer oberflächlichen Wahrnehmung, die durchaus sich in Studien und Umfragen so äußern kann: "Mir fehlt nichts". Ich bin weit davon entfernt, generell zu unterstellen, dass konfessionslose Menschen ein Defizit in sich tragen, das unbedingt behoben werden soll. Insbesondere in Ostdeutschland haben wir da Demut gelernt von religiöser oder kirchlicher Seite. Das funktioniert nicht und wird auch nicht der Wirklichkeit gerecht. Und doch, denke ich, auf einer etwas tieferen Ebene kann sich schon äußern, dass etwas fehlt. Das Corona-Jahr hat uns alle in so vielfältigen Bereichen herausgefordert, hat auch eine Seite offen gelegt, dass wir einen Mangel daran haben, uns existenziell festzumachen in in etwas, das hält, wenn sehr ungewisse und unsichere Zeiten anbrechen. Wenn etwas der Kontrolle entgleitet und man ganz direkt auch mit Krankheit, Leid, Tod konfrontiert ist. Da kommen wir allein mit dem nüchternen, rational wissenschaftlichen Blick nicht durch. Das reicht nicht. Der Mensch ist auch ein Seelenwesen.

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Florin: Dann wäre Religion zuständig für den Rest des Unerklärlichen, des nicht Wissenschaftlichen, des nicht naturwissenschaftlich Fassbaren. Ist das das Religiöse, das Sie retten wollen?

Seidel: Da wird es manchmal sichtbar, greifbar, das da eine Leerstelle, eine Lücke entsteht, die erstmals so kraft des Gewohnten, rational Technischen nicht bewältigt werden kann. Aber mir wäre das viel zu wenig, zu sagen: Das ist eine Lückenbüßer-Religiosität, die für diejenigen ist, die nicht stark genug sind. Ich glaube einfach, das läuft auf einer anderen Ebene und spricht eine andere Ebene des Menschseins an. Wir kommen in ein ein ganzheitlicheres, umfassenderes Bild vom Menschen, wenn diese transzendente Dimension auch gepflegt werden kann. 

"Volkskirche - das war wirklich vorgestern"

Florin: Sie sind leitender Redakteur einer evangelischen Kirchenzeitung, und Sie schreiben so, als habe das postkirchliche Zeitalter schon begonnen. Wie halten Sie diesen Widerspruch aus?

Seidel: Das mag ein Widerspruch sein und das hat es auch etwas damit zu tun, was wir vorhin schon angesprochen haben, dass ich in Ostdeutschland lebe, einer der am meisten säkularisierten Flecken der Welt zusammen mit Tschechien. Wenn man die Studien anschaut, die Zahlen anschaut, dann ist das keine Frage mehr, wann oder wie oder ob ein nachkirchliches Zeitalter anbricht. Das ist einfach schon ein ganzes Stück Realität. Sicherlich als Kirchenzeitungs-Redakteur und auch selber als Kirchenmitglied halte ich mich zu dieser randständigen Gruppe, weil ich denke, dass wir sehr teure Schätze und Traditionen haben, die auch unbedingt erhalten werden sollten. Schaut man sich das Umfeld an - Volkskirche, das war wirklich vorgestern.

Wir sollten uns, das ist hier die dringende Realitätsaufgabe, nach neuen Formen der Verständigung ausstrecken mit Nichtgläubigen, die nix mehr anfangen können mit Begrifflichkeiten, Ritualen, Tradition. Da müssen wir ein Stück aus der Komfortzone heraus gehen, Bequemlichkeiten aufgeben wie "Es ist doch schon alles gesagt, wenn man vom trinitarischen Gott oder was weiß ich spricht." Das müssen wir übersetzen. Und das tut, glaube ich, dem Christentum und auch der Kirche sehr gut, um in eine neue, verständlichere Form zu kommen, bei der man ablesen kann, was gemeint ist und nicht ganz hohe Voraussetzungen aufbaut.

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Florin: Wenn das kirchliche Zeitalter vorbei ist, warum wird dann jetzt gerade die Debatte um die Gottesdienste an Weihnachten so heftig geführt? Oder ist das eine West-Debatte?

Seidel: Nein. Auch bei uns sind zu Heiligabend gewöhnlich die Kirchen voll. Zu Weihnachten wird für die meisten, auch für diejenigen, die sich da schon distanziert haben vom Kirchlichen, etwas einsichtig: dieses Geheimnis, was gefeiert wird mit dem Licht, das in der Dunkelheit leuchtet, und mit dem gemeinsamen Einstimmen auf den tieferen Klang des Lebens. Dass man das braucht, das ist der letzte Zipfel der Verbundenheit mit den größeren Tradition, aus denen wir kommen. Das ist auf einer ganz emotionalen inneren Ebene. Das brauchen wir, das wollen wir, das sind wir ein Stück wie die Kinder vor der Weihnachtsstube. Ohne das können wir uns nur sehr schwer vorstellen, diese Zeit zu begehen. Ich denke, das ist ein ganz großes Zeichen und eine ganz große Sehnsucht, die da zum Ausdruck kommt.

"Humanistische Selbstgenügsamkeit?"

Florin: Wie es Ihre persönliche Meinung zu den Gottesdiensten an Weihnachten. Sollten, die gefeiert werden, mit Blick auf Corona und die Aerosole?

Seidel: Wir haben jetzt eine gewisse Übung im Umgang mit dem Virus und der Vorbeugung von Ansteckungen. Das hat dieses Weihnachten eine ganz hohe Priorität und sollte bei den Abwägungen sowohl der Veranstalter als auch der Besucherinnen und Besucher ganz oben stehen. Weihnachten ist eigentlich das große Fest der Innerlichkeit. Der Einzelne verbindet sich mit diesem Kind in der Krippe, vielleicht kann man versuchen, dies mit alten Melodien, mit dem Lesen der Weihnachtsgeschichte zu Hause oder dem Anzünden von Kerzen ein Stück davon für sich nach Hause zu holen.

Florin: Anfang der Woche habe ich mit der Humanistin Anika Herbst gesprochen. Sie hat das humanistische Weihnachten erklärt, das Licht, Hoffnung, Trost, Wärme bedeutet, aber ohne Gottesbezug. Sie schreiben in Ihrem Buch über "humanistische Selbstgenügsamkeit". Warum ist Ihnen das Humanistische zu wenig?

Seidel: Ich möchte niemanden bevormunden, der sagt, ich kann mit dem Licht etwas anfangen, aber nicht mit dem Gottesbezug. Das sage ich als religiöser Mensch: Für mich klingt das dann ein bisschen wie zu kurz gegriffen, ein bisschen in die Tasche gelogen. Wir wollen etwas Tröstung, etwas seelische Erhebung, aber nur, soweit wir es wirklich auch verstehen und nachvollziehen können. Und ich denke, der entscheidende Sprung, der tiefere Trost wäre, sich auf ein undenkbares Anderes zu beziehen. Ich nenne es das Göttliche. Aber der Name ist nicht wichtig. Entscheidend ist, sich auf eine Wirklichkeit zu beziehen, die wirklich das enge Irdische und auch das enge Ichbezogene übersteigt.

Das Versprechen der Esoterik

Florin: Sie haben vorhin das Stichwort Esoterik genannt als ja, als Ersatzreligion oder als auch als Trend, ein anderer Trend wäre der Fundamentalismus. Ich will mal bei der Esoterik bleiben. Am 9. November war in Leipzig eine Demonstration gegen die Corona-Schutzmaßnahmen. Da konnte man auch einiges an Esoterik besichtigen. Bei diesen ganzen Demos war auch die Heilerszene ganz aktiv. Warum ist das gerade jetzt attraktiv?

Seidel: Das ist schon länger attraktiv ...

Florin: Auf der Straße meinte ich jetzt auch, dass man es wirklich öffentlich zeigt.

Seidel: Weil es den fassbarsten Ausweg aus der Not, in der wir stecken, bietet. Heilerszene - Sie sprechen es an: Dieses Ausgreifen nach Heilung, nach etwas, das heil macht. Das ist der wesentliche Zug auch in der Esoterik. Ein ausgeweitetes, therapeutisches Angebot im weitesten Sinne. Da ist die Sehnsucht groß. Wir fühlen uns verwundet, verletzt, beschädigt, beschränkt und brauchen etwas, was uns in dieses Heile hineinführt. Nur sollte man bei den Angeboten, auch bei den Gruppen schauen: Was führt wirklich in einer Heilung oder in ein geheimes weiteres Leben? Was führt in neue Fallen? Oft sind es sehr marktförmige Angebote, da wird sehr auf Profit geschaut, es muss immer das nächste Angebot gebucht werden. Man hängt sich vielleicht auch an einen Guru. Das wiederum führt in Enge und Angst und wieder in Abhängigkeit und Selbstverkrümmung. Das ist gerade nicht dieses Heilwerden, was auf dem Angebotszettel steht.

"Das Säkulare ist stark eingerastet"

Florin: Und es gibt es auch eine gewisse Nähe zu Verschwörungsmythen. Sie haben vorhin einen Unterschied ausgemacht zwischen Trost, tiefen Trost und Vertröstung. Meinen Sie, dass die Corona-Krise die Sehnsucht, von der Sie eben gesprochen haben, dass die zu einer neuen Religiosität führt? Im Moment weisen die Zahlen nicht daraufhin.

Seidel: Das ist ganz schwer zu sagen. Ich erinnere mich, dass wir diesen Optimismus auch schon mal bei der Friedlichen Revolution im Wendeherbst '89/'90 hatten. Als die Kirchen mal für einige Monate eine ganz wichtige Rolle spielten...

Florin: Da setzen wir jetzt Religiosität und Kirchlichkeit wieder gleich. Mir geht es um dieses Tastende, was sie in Ihrem Buch sehr schön durchhalten.

Seidel: Auf jeden Fall zerstoben die Hoffnungen auf eine starke Kirchlichkeit. Jetzt könnte man sagen: Es wird ein Angewiesensein auf eine größere mentale Versorgung deutlich, die Religiosität in einem weiten Sinne bieten kann. Wenn wieder alles in gewohnten Bahnen, das heißt in einer gewissen Sicherheit, Planbarkeit, Normalität läuft, vergisst der Mensch sehr schnell, was in Notzeiten die zentralen Herausforderungen waren. Das Säkulare ist schon so stark eingerastet und eine so starke Wirkmacht seit vielen Generationen, dass da vielleicht die eine oder andere gewachsene Sensibilität oder Bedürftigkeit nach Transzendenz auch wieder zurückgehen wird. Aber wer weiß? Ich denke, dass ist sowieso eine große Einzelbewegung, diese neue Religiosität, die sich im ganz Weiten verortet, die sich mit Kunst, Literatur und Naturbezügen, Sinnfragen, philosophischen Gedanken neu auf den Weg macht, dem Göttlichen entgegenzugehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Stefan Seidel: "Nach der Leere. Versuch über die Religiosität der Zukunft."
München, Claudius-Verlag 2020, 18 Euro.

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