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Belgier auf Erfolgskurs
Remco Evenepoel überstrahlt die Vuelta a Espana

Lange ist es her, dass ein Belgier eine große Rundfahrt gewinnen konnte. Der 22-jährige Remco Evenepoel ist auf dem besten Wege, bei der Spanienrundfahrt die 44 Jahre andauernde Durststrecke zu beenden.

Von Tom Mustroph | 03.09.2022
Der belgische Jung-Star Remco Evenepoel
Der belgische Jung-Star Remco Evenepoel (picture alliance / dpa / BELGA / David Pintens)
Eine blaue Plastikwanne wird nach schweren Etappen aus dem Teambus von Quick Step Alpha Vinyl geholt. Eiskaltes Wasser wird eingefüllt, auch ein paar Eisbrocken zerhackt. Und dann setzt sich Remco Evenepoel in voller Montur ins Kältebad, eine beliebte Regenerationsmethode im Hochleistungssport. Kaum hüfthoch ist die Wanne. So schmal, dass sich der schlanke, 1,71 m große Athlet gerade so dort niederlassen kann. Aber sie erfüllt ihren Zweck. Durch den Kälteschock wird die Durchblutung angeregt. Die im Anschluss an die Abkühlung erweiterten Blutgefäße ermöglichen einen besseren Abtransport von Abfallprodukten des Energiestoffwechsels, die durch hohe Belastungen zuvor hervorgerufen wurden. Evenepoel will diese Spanienrundfahrt unbedingt gewinnen. Das spürt man.

Evenepoel tritt extrem hohe Wattzahlen

Ich bin ein Siegertyp, und ich will immer besser werden – das sagte er schon 2019. Da war der frühere belgische Auswahlfußballer noch ganz frisch im Radsport, galt allerdings schon als Superstar. Schließlich hatte er fast jedes Rennen, zu dem er antrat, gewonnen. Der Vergleich war sehr schnell zur Hand, zu Eddy Merckx, seinem berühmten Landsmann. Seine Kraft erinnert tatsächlich etwas an Merckx, kaum jemand anderes im Peloton kann so hohe Wattzahlen treten wie Evenepoel. Schon mit 19 gewann er die Clasica San Sebastian, eines der wichtigsten Ein-Tages-Rennen des Jahres. Vor zwei Jahren aber die abrupte Karriere-Unterbrechung.

Comeback nach schwerem Unfall

Evenepoel stürzte bei der Lombardeirundfahrt von einer Brücke. Er zog sich einen Beckenbruch und eine Lungenprellung zu. Acht Monate konnte er keine Rennen fahren. Und auch das Comeback beim Giro d’Italia 2021 gestaltete sich schwierig. Erschöpft stieg der Belgier vorzeitig aus. Auf diese Vuelta aber hat er sich meisterhaft vorbereitet. Er nahm ab, um besser die Berge hinauf zu kommen und verlor dabei aber kaum an Explosivität. Seit Tagen fährt er im Roten Trikot des Führenden und auch einen Sturz auf der 12. Etappe nahm er gelassen hin.
„Ja, mein Bein hat was abbekommen, aber mein Rad sieht viel schlimmer aus. Es war eine rutschige Kurve, auch die Motorräder rutschten weg. Ich wollte die Kurve schneiden, aber das war ein bisschen zu heftig. Entschuldigung für diese Worte, aber Scheiße passiert eben.“
Überhaupt wirkt er tiefenentspannt, lässt nichts von dem gewaltigen Druck erkennen, der doch auf ihm lasten muss. Der letzte Grand-Tour-Sieg eines Belgiers ist mittlerweile 44 Jahre her. Doppelt so lange, wie Evenepoel alt ist. 1978 gewann Johan de Muynck den Giro d’Italia. Evenepoel soll nun in Spanien nachlegen. Deshalb ist die belgische Reporterschar für Vuelta-Verhältnisse auch riesig.
Und der Jungstar liefert ihnen immer wieder neue Geschichten. In den Bergen ist er der Stärkste. Im Zeitfahren deklassierte er förmlich seine Konkurrenz. 48 Sekunden lag der Zweitplatzierte, Primoz Roglic zurück. Der Slowene, immerhin dreifacher Vuelta-Sieger, wirkt nicht, als glaube er selbst noch daran, Evenepoel bezwingen zu können.
„Wir werden sehen, ja mir ging es etwas besser, und hoffentlich kann ich noch zulegen.“
Kampfansage geht anders. Evenepoel hingegen schöpft aus seiner Dominanz noch weitere Kraft. Auch mental scheint er der Konkurrenz überlegen.
„Der Druck ist weg, ich habe eine Etappe gewonnen. Jetzt ist das ganze Team super selbstbewusst. Jeder bringt so großartige Leistungen. Nun müssen wir kämpfen, um das Trikot zu verteidigen und es nach Hause nach Wevelgem zu bringen.“

Die große Gefahr: Corona

Zum Hauptsitz seines Rennstalls Quick Step Alpha Vinyl. Die größte Gefahr für Evenepoel scheint Corona zu sein. Schon 22 Profis stiegen wegen eines positiven Tests bereits aus. Mindestens einer, der an fünfter Stelle platzierte Spanier Juan Ayuso, darf als symptomfreier Infizierter weiterfahren. Auch Evenepoel verlor bereits einen Helfer wegen Corona. Und auf den unter Sturzverletzungen leidenden Weltmeister Julian Alaphilippe muss Evenepoel auch verzichten. Eine Woche vor dem Finale in Madrid liegt Evenepoel aber schon deutlich vorne, kann sich jetzt aufs Reagieren beschränken.
Ein paar Mal noch ins Eisbad, dann ist die belgische Sieglosserie bei großen Rundfahrten wohl beendet.