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StartseiteTag für TagVon der Kanzel ins Kapitol08.01.2021

Reverend Raphael WarnockVon der Kanzel ins Kapitol

Reverend Raphael Warnock ist einer der beiden frisch gewählten demokratischen Senatoren des US-Bundesstaates Georgia. Er ist Pastor der Ebenezer Baptist Church in Atlanta, der Heimatkirche von Martin Luther King. 2018 sprach er mit dem Dlf über dessen Erbe und eigene politische Ziele.

Von Katja Ridderbusch

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Reverend Raphael Warnock im Dlf-Interview mit Katja Ridderbusch im Jahr 2018 (Katja Ridderbusch / Deutschlandradio)
Reverend Raphael Warnock im Dlf-Interview mit Katja Ridderbusch im Jahr 2018 (Katja Ridderbusch / Deutschlandradio)
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Nach einer spektakulären Stichwahl schickt der US-Bundesstaat Georgia zwei demokratische Senatoren nach Washington – und sichert den Demokraten damit die Kontrolle im Kongress. Einer der beiden Sieger ist Reverend Raphael Warnock, leitender Pastor der Ebenezer Baptist Church in Atlanta. Das ist jene Baptistenkirche, an der einst Martin Luther King predigte. Zum 50. Todestag des Bürgerrechtsführers im Jahr 2018 sprach unsere Autorin Katja Ridderbusch mit dem Kirchenführer und künftigen Senator – auch darüber, wie Kings Erbe Warnocks eigene politische und soziale Agenda prägt.

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Aus aktuellem Anlass wiederholen wir den Beitrag in leicht gekürzter Form.


"King war das Vorbild für meinen eigenen Weg"

Die Gemeinde von Ebenezer hat heute rund 6.000 Mitglieder. Reverend Raphael Warnock ist hier seit 13 Jahren leitender Pastor. Jene Position, die einst Martin Luther King innehatte. Als Warnock geboren wurde, war King bereits tot.

Warnock: "Ich bin ein Kind der Post-Bürgerrechts-Ära. Dennoch hat mich Martin Luther King tief geprägt. Meine Eltern waren Prediger. Kings Selbstverständnis als Seelsorger, sein Kampf für soziale Gerechtigkeit - das war das Vorbild für meinen eigenen Weg."

Zwar sei Ebenezer untrennbar mit Kings Leben und Wirken verbunden, sagt Warnock. Tatsächlich allerdings steht die Baptisten-Kirche - gegründet 1886 von einem ehemaligen Sklaven - für eine noch längere Tradition des Freiheitskampfes.

An einer Hauswand hängt eine blaue Leuchtreklame der Ebenezer Baptist Church (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)Ebenezer Baptist Church in Atlanta (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)

Warnock: "Kings Großvater mütterlicherseits war der zweite Pastor dieser Kirche. Er setzte sich für die Gründung der ersten öffentlichen Schule für schwarze Kinder in Atlanta ein. Solche Schulen gab es in Amerika nicht - bis in die 1920er-Jahre."

Kings Vater, ebenfalls Pastor von Ebenezer und von seinen Gemeindemitgliedern "Daddy King" genannt, organisierte 1935 einen Protestmarsch für das Wahlrecht von Afroamerikanern in Atlanta  - 30 Jahre bevor der US-Kongress das Wahlrechtsgesetz auf Bundesebene verabschiedete.

Motor der Bürgerrechtsbewegung

Es war Martin Luther King, der Ebenezer auf die nationale und internationale politische Bühne hob. Die Kirche wurde zum Motor der Bürgerrechtsbewegung in den 50er- und 60er-Jahren. Von hier aus organisierten King und seine Mitstreiter - viele von ihnen schwarze Prediger - ihre Protestzüge durch den Süden und in die Hauptstadt Washington.

Auch in den Jahrzehnten nach Kings Tod blieb Ebenezer ein kraftvolles Symbol - und ein effizientes Vehikel für die Mobilisierung von Wählern. Ebenezer ist seiner Tradition und seinem Mythos treu geblieben. Sozialer und politscher Aktivismus gehören nach wie vor zum Selbstverständnis der Kirche. Heute konzentriert sich Ebenezer vor allem auf den Kampf gegen Armut, gegen Polizeigewalt und gegen Diskriminierung von Wählern.

Eine Hinweistafel würdigt die Ebenezer Baptist Church in Atlanta als wichtige nationale Gedenkstätte der USA (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)Hinweistafel an der Ebenezer Baptist Church in Atlanta (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)

Ein Thema, das Pastor Warnock besonders am Herzen liegt, ist das, was er als 'Masseninhaftierung' bezeichnet. 25 Prozent aller Häftlinge weltweit sitzen in US-Gefängnissen ein, die meisten davon sind schwarz, und viele sind wegen minderschwerer Drogendelikte hinter Gittern.

Warnock: "Es ist eine tragische Ironie, dass all die Barrieren, die Martin Luther King und seine Mitstreiter mit ihrem Kampf eingerissen haben, heute im Kontext unseres Strafverfolgungssystems langsam wiederaufgebaut werden."

"Eine extrem kritische Zeit für Amerika"

Vor allem die Präsidentschaft von Donald Trump sorgt dafür, dass Ebenezer, die sich selbst als "Freiheitskirche" bezeichnet, ihre Protestmuskeln geschmeidig hält.

Warnock: "Dies ist eine extrem kritische Zeit in Amerika, und wir müssen fast täglich auf irgendetwas reagieren, das in Washington passiert. Martin Luther King hat immer gesagt: Schweigen ist Verrat."

In diesen Tagen wünscht sich der Pastor von Ebenezer manchmal, er könne seinem Vorgänger ein paar Fragen stellen.

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Warnock: "Dr. King was really concerned about the spiritual health of America 1968. 50 years later ..."

King sei sehr besorgt um das spirituelle Wohl Amerikas gewesen, sagt Warnock. 50 Jahre später legten die wüsten politischen Debatten nahe: Die Furcht vor einer tiefen spirituellen und moralischen Krise des Landes ist aktueller denn je.

 "... a deep spiritual crisis, a moral failure on a national level."


Wahlplakate der demokratischen Bewerber um die beiden Senatssitze, Jon Ossoff und Raphael Warnock, in Marietta, Georgia (dpa / Robin Rayne / ZUMA Wire)Wahlplakate der demokratischen Bewerber um die beiden Senatssitze, Jon Ossoff und Raphael Warnock, in Marietta, Georgia (dpa / Robin Rayne / ZUMA Wire)

Jetzt zieht Pastor Warnock selbst in die Politik ein – und kann dazu beitragen, die tiefe Krise des Landes zu überwinden. Er hat übrigens bereits angekündigt, dass er weiterhin und regelmäßig in der Ebenezer-Kirche in Atlanta predigen will.

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