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StartseiteKultur heuteRasende und splitternde Moderne31.08.2018

Robert-Delaunay-Ausstellung in ZürichRasende und splitternde Moderne

Der 1885 geborene französische Künstler Robert Delaunay war zunächst noch von den Impressionisten beeinflusst, wurde dann aber zum Vorreiter einer immer abstrakter werdenden Kunst. Die Moderne ist hier Bedrohung und Verführung. Das Kunsthaus Zürich widmet ihm die Schau "Robert Delaunay und Paris".

Von Christian Gampert

Air, Fer, Eau, Etude Robert Delaunay, Air, fer, eau. Étude pour un mural, 1936–1937 Gouache auf Papier und Holz, 47 x 74,5 cm Albertina, Wien. Sammlung Batliner (© Albertina, Wien, Sammlung Batliner/Kunsthaus Zürich)
Robert Delaunay," Air, fer, eau" in einer Ausstellung im Kunsthaus Zürich (© Albertina, Wien, Sammlung Batliner/Kunsthaus Zürich)
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In einem kapellenähnlichen kleinen Kabinett, einer dunklen Gruft, zeigt uns die Züricher Ausstellung zunächst, wie Robert Delaunay die hohen gotischen Gewölbe der Pariser Kirche Saint-Séverin malerisch quasi zum Einstürzen bringt: Nach unten fliehende, weitwinkelartig verzerrte Formen – und düstere Licht-Schatten-Effekte von Grünblau bis Gelb.

"Er schaut zurück auf den Impressionismus, auf Monet, der sich ja auch mit Lichteffekten beschäftigt hat. Aber er schaut auch nah vorn, mit seinen verzerrten Formen und seiner neuen visuellen Sprache."

Sagt Kuratorin Simonetta Fraquelli. Das Pariser Kirchenschiff, das stellt sich bald heraus, war nur die Vorübung für die Darstellung der großen Stadt Paris, für die Bedrohungen und Verführungen einer technisch aufgerüsteten Moderne. Denn bei Robert Delaunay stürzt auch der Eiffelturm in sich zusammen, ein gezacktes stählernes Monster, das auf das bislang gutbürgerliche Paris herniederbricht – oder aus ihm emporwächst. Delaunays "divisionistische" Malweise, die Technik des Aufsplitterns, Auseinandernehmens eines Gegenstands in seine verschiedenen Teile und Formen, zeigt diesen vor Kraft berstenden Tour Eiffel als Fortschritts-Symbol und will etwas von der Rasanz und Ambivalenz der Industrialisierung sichtbar machen, von der der Maler offensichtlich – im Sinne eines Thrills, einer Angstlust - fasziniert war.

Pionierarbeit in Richtung Abstraktion

Es gibt also, in dieser Zersplitterung, eine ästhetische Nähe zum Kubismus, aber Delaunay entwickelt sich dann in ganz verschiedene Richtungen. Simonetta Fraquelli:

"Ich denke, sein wichtigster Beitrag zum frühen 20.Jahrhundert war seine Pionierarbeit in Richtung Abstraktion kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, also in einem wichtigen Moment. Und seine Haltung zu Modernität und Technologie, die sich von der der Futuristen erheblich unterschied. Und er feierte die Stadt Paris."

Gleichzeitig, simultan, bringt Delaunay sich gen Himmel werfende Rugby-Spieler, Werbeplakate, Doppeldecker-Flugzeuge, ein Kirmes-Riesenrad und den Tour Eiffel als Synonym der Moderne 1913 in einem Bild unter. Alles geht ineinander über, die Harmonien und Kontraste der durchaus grellen Farben bilden abstrakte Muster. Es entsteht der Eindruck einer schnellen Bewegung, auch einer gesellschaftlichen Neuordnung. Die Bewegungsmuster von Sportlern werden von Delaunay nicht zeitlupenartig zerlegt wie bei dem Experimental-Fotografen Eadweard Muybridge im 19.Jahrhundert, sondern als explosiver Simultaneindruck einer ganzen Phalanx von Läufern geschildert. Noch größer Delauneys Bewunderung für Flugpioniere wie den Piloten Louis Blériot, der 1909 erstmals den Ärmelkanal überquerte. In Delaunays "Hommage à Blériot" sieht man, geblendet vom prismatisch aufgefächerten Licht, kreisartige Farbtupfer, Rotorblätter, einen Flugapparat, ein paar Menschen und hinten den Tour Eiffel.

Minimalismus und Pop-Art scheinen auf

Das alles aber hat nichts von der fortschrittsgläubigen Gewalttätigkeit der Futuristen, sondern bleibt spielerisch und bunt, ganz der Erforschung des Sehens selbst gewidmet. Denn Delaunay, mit Dichtern wie Apollinaire befreundet, wollte poetisch nur mit Farbe und Licht arbeiten – und stieß dann doch zur Abstraktion vor. Die Lichtkränze elektrifizierter Straßenlaternen gerinnen bei ihm zu geometrischen Formen und Kreisen, am eindrücklichsten in seiner "Disque" von 1913, einer Ziel-Scheibe, in der man schon Minimalismus und Pop-Art aufscheinen sieht.

In seiner Spätphase in den 1930iger Jahren hat Robert Delaunay große, technizistisch inspirierte Wandgemälde für die Pariser Weltausstellung entworfen und in rhythmisierten, abstrakten Reihungen Farbkontraste untersucht. Nicht ganz so stark wie Delaunays Anfänge. Seine Zeichnungen zeigen, dass er nebenbei ein begnadeter Portraitist war, auch seiner Poetenfreunde Louis Aragon, Tristan Tzara und André Breton. Die schöne Züricher Ausstellung garniert das alles mit historischen Fotos (u.a. von Germaine Krull!) und auch mit Paris-Filmen aus Cabaret und Showgeschäft, die einen Eindruck der Zwanziger, Dreißiger Jahre vermitteln. Thematisches Zentrum der Schau aber ist immer wieder der Eiffelturm, das Technik-Symbol, der große Phallus: von oben, von unten, von der Seite. Er wird von Robert Delaunay ganz klassisch auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt – de-konstruiert.

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