Freitag, 20.07.2018
 
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Roger Schawinski "Verschwörung!"

Der Schweizer Journalist und Medienunternehmer Roger Schawinski befasst sich mit Verschwörungstheoretikern und ihren immer zahlreicher werdenden Anhängern. Eine gelungene Wortmeldung zum Zeitgeschehen, wie unser Rezensent meint.

Von Ralph Gerstenberg

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Buchcover Verschwörung auf Hintergrund  (Buchcover NZZ-Libro Verlag/ Hintergrund imago)
Roger Schawinski beschreibt, warum Verschwörungstheorien Konjunktur haben (Buchcover NZZ-Libro Verlag/ Hintergrund imago)
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Man trifft sie auf Partys oder im Bekanntenkreis, liest ihre Kommentare im Internet, sieht sie in Fernsehdokumentationen - Menschen, die nach vielen einsamen Stunden in den Weiten des Netzes voller Überzeugung erstaunliche Ansichten von sich geben: Der Holocaust habe nicht stattgefunden, die Mondlandung sei eine Hollywoodinszenierung, das World-Trade-Center hätten die Amerikaner höchstselbst in die Luft gesprengt. Hinter den vermeintlichen Komplotten steckten dann wahlweise die CIA, die Nato, der Mossad oder gleich der ganze "militärisch-industrielle Komplex".

Ein Friedensforscher mit Kriegsvisionen

Roger Schawinski widmet sich in seinem neuen Buch "Verschwörung!" diesem Phänomen, auf das er in einer Talkshow des Schweizer Fernsehens stieß. Neben ihm war dort auch der Historiker und selbsternannte "Friedensforscher" Daniele Ganser eingeladen. Der eloquente und durch zahllose Vorträge auftrittserfahrene Gast, der sich vor allem als Kritiker der offiziellen Darstellung der Attentate von 9/11 einen Namen gemacht hatte, dominierte von Beginn an die gesamte Sendung, indem er seine irritierenden Thesen, beispielsweise zum Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo, äußerst wirksam platzierte.

"Als der Moderator Daniele Ganser fragte, welche Geheimarmee denn hinter der Aktion bei 'Charlie Hebdo' stehe, antwortete dieser lakonisch: 'Das kann ich nicht sagen. Aber: Wir haben Terroranschläge, anschließend haben wir Krieg.' Mit einer einzigen saloppen Bemerkung wischte er also das für ihn besonders heikle Thema vom Tisch, das in der Folge im Gewühl der hitzigen Sendung völlig unterging. So blieb unerwähnt, dass weder nach Charlie Hebdo noch nach dem späteren, noch blutigeren Anschlag im Pariser Nachtclub Bataclan ein Krieg ausgelöst wurde."

Verschwörungstheorien gebe es natürlich bereits von alters her, erklärt Roger Schawinski in seinem Buch und verweist auf die Protokolle der Weisen von Zion, die Verschwörungen der Freimaurer und der Illuminaten, das Internet wirke jedoch wie eine Art Brandbeschleuniger für Komplottideologien aller Couleur. Leute wie Daniele Ganser hätten sich dort ein eigenes Universum geschaffen, das sich in Abgrenzung zu traditionellen Medien immer weiter ausbreite. Mit Halbwahrheiten und angeblichen Fakten werden Theoriegebäude erschaffen, die wie Potemkinsche Dörfer dem flüchtigen Betrachter als Realitätsbeweis genügen.

Argumente und Logik der Verschwörungstheorie

Cui Bono? Wem nützt das? Allein die Frage gilt als Beweis für die Richtigkeit jeder noch so abenteuerlichen Theorie.

"Das heißt, sie säumen das Pferd vom Schwanz auf, legen zuerst fest, wer Nutzen aus einer Aktion zieht, um dann die dafür notwendigen Beweise zu suchen. Das ist sehr oft viel zu kurz gegriffen. Zusätzlich bedienen sich Verschwörungstheoretiker des Analogieschlusses. Das heißt, wer früher Böses verursacht hat, der gilt bei einem neuen Ereignis automatisch als Hauptverdächtiger. Die amerikanischen Regierungen mit den nachgewiesenen Verschwörungen bei Watergate, den vielen düsteren Machenschaften der CIA, den vorgeschobenen Gründen für den Vietnamkrieg und vielem mehr stehen deshalb für die meisten Verschwörungstheoretiker automatisch in dringendem Verdacht, auch den 11. September inszeniert zu haben."

Im Umkehrschluss genießt Wladimir Putin, der - nach Verschwörer-Logik - von Bösewichtern zu Unrecht als Bösewicht dargestellt wird, einen tadellosen Ruf. So einfach funktioniert Verschwörungstheorie.

Warnung vor den "alternativen Fakten"

Neben Daniele Ganser, den Roger Schawinski immer wieder als Beispiel heranzieht, um verschwörungstheoretische Mechanismen und Vorgehensweisen zu analysieren, werden auch andere populäre Köpfe der Szene porträtiert: Ken Jebsen zum Beispiel oder Jürgen Elsässer, die ihren immensen Erfolg als Triumph über die sogenannten Lügenmedien darstellen, in denen sie ihre journalistischen Fähigkeiten erworben haben. Schawinski zeigt, wie sich zunehmend rechtspopulistische Bewegungen Verschwörungstheorien zunutze machen, um den öffentlichen Diskurs zu beeinflussen. Einen Verbündeten finden sie dabei in Wladimir Putin, der sie mit Fake News und Trollen nach Kräften unterstützt.

Das Buch "Verschwörung" von Roger Schawinski wird gewiss kein Standardwerk zum Thema werden. Da gibt es andere, die tiefer in die Materie einsteigen, aus denen Schawinski auch zitiert. Es funktioniert eher als Wortmeldung zum Zeitgeschehen. Wenn Donald Trump als "Verschwörungstheoretiker-in-Chief" - wie Schawinski schreibt - "alternative Fakten" verbreite, könne das nicht nur unabsehbare gesellschaftspolitische Folgen haben, sondern auch als Beispiel Schule machen. Zu Recht warnt Roger Schawinski vor Angriffen auf die Demokratie und ihre Instanzen durch eine unterschätzte Szene, deren Methoden nun durch den amerikanischen Präsidenten quasi legitimiert werden. Sein Buch gibt eine informative Übersicht über ein Phänomen, das in Zeiten der gesellschaftlichen Verunsicherung eher zu- als abnehmen wird.

Roger Schawinski: "Verschwörung! Die fanatische Jagd nach dem Bösen in der Welt",
NZZ Libro, 192 Seiten, 29,- Euro.

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