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StartseiteBüchermarktJohn Dos Passos' bahnbrechende USA-Trilogie neu übersetzt27.09.2020

Romanzyklus aus den 1920ernJohn Dos Passos' bahnbrechende USA-Trilogie neu übersetzt

Ein Pionierwerk der Moderne und ein Romanzyklus, in dem sich ein Land auf dem Weg zur Großmacht selbst entdecken konnte: Die USA-Trilogie von John Dos Passos liegt nun endlich in einer neuen zeitgemäßen Übersetzung vor.

Von Eberhard Falcke

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Der amerikanische Schriftsteller (u.a. "Drei Soldaten", "Manhattan Transfer"), der bis 1934 aktiver Kommunist war und sich später zum Konservativen wandelte, in einer zeitgenössischen Aufnahme. John Dos Passos wurde am 14. Januar 1896 in Chicago geboren und ist am 28. September 1970 in Baltimore gestorben. | (picture-alliance / dpa /UPI)
Der amerikanische Schriftsteller (u.a. "Drei Soldaten", "Manhattan Transfer"), in einer zeitgenössischen Aufnahme. (picture-alliance / dpa /UPI)
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Vor hundert Jahren, in den Roaring Twenties, vollbrachte ein junger amerikanischer Schriftsteller etwas Erstaunliches. Dem Zeitgeschehen hart auf den Fersen verfasste er in schneller Folge eine Reihe ebenso aktueller wie formal bahnbrechender Romane. Während sich die europäischen Nationen gerade auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs zerfleischt hatten, während dort alte Welten und Regime zusammengebrochen waren, hatten die USA auf der anderen Seite des Atlantiks ihren Aufstieg zur Weltmacht angetreten. Ein Symbol dafür war New York. Auf der schmalen Felseninsel Manhattan schoss die künftige Metropole des zwanzigsten Jahrhunderts in die Höhe. Aber nicht nur dort. Auch auf den Manuskriptseiten des 29-jährigen John Dos Passos hatte die Stadt mit ihrem Rhythmus Gestalt angenommen. In "Manhattan Transfer" dem ersten und wichtigsten modernen Metropolenroman wurde die Großstadt zum Hauptakteur. Die Anerkennung ließ nicht auf sich warten. Als der Roman 1925 erschien, sprach der spätere Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis seine Bewunderung aus und machte gleichzeitig klar, dass mit Dos Passos auch die amerikanische Literatur in den Rang der kulturellen Großmächte aufrückte:

"Ich halte 'Manhattan Transfer' in jeder Hinsicht für bedeutender als sämtliche Werke von Gertrude Stein oder Marcel Proust oder sogar für bedeutender als den Großen Weißen Eber, Mr. Joyces 'Ulysses'."

Die literarische Selbstentdeckung der USA

Doch kaum hatte Dos Passos den Takt der modernen Großstadt in die Literatur gebracht, machte er sich daran, dieses Meisterwerk wie ein Vorspiel aussehen zu lassen. Er nahm sich noch Größeres vor, nämlich ein erzählerisches Bild des ganzen Landes: Die "USA-Trilogie". Sie besteht aus drei umfangreichen Romanen, mit denen der historische Zeitraum vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zu den Zwanziger Jahren abgedeckt wird. Es war ein Buch, in dem sich die USA jener Zeit selbst entdecken konnten.

Im Prolog, der kurz und bündig "USA" überschrieben ist, betritt ein junger Mann die Szene, gleichsam als anonymer Stellvertreter all jener, die in diesem Land ihr Glück machen wollen.

"Der junge Mann bewegt sich rasch und allein durch die Menge; die Füße sind müde vom stundenlangen Gehen; das Blut kribbelt von Wünschen; der Geist ist ein Bienenstock voll summender, stechender Hoffnungen; die Muskeln lechzen nach Arbeit. Der junge Mann geht allein in der Menge, suchend, mit gierigen Augen, die Ohren gespitzt. In der Ferne tutet ein Schlepper. Er geht durch die Nacht, den Kopf umnebelt von Wünschen, für sich, allein. Keine Arbeit, keine Frau, kein Haus, keine Stadt."

Wird es dieser Jedermann des amerikanischen Traums schaffen, sich eine Existenz aufzubauen? Zu welchen Bedingungen wird das geschehen? Wird er sich durchsetzen können oder zerrieben werden? Das sind die Fragen, die auch für alle anderen der dreizehn Protagonisten und zahllosen Nebenfiguren des Romans gelten, und die im Fortgang vieler, miteinander verbundener Erzähl­stränge beantwortet werden.

Schon bald nach Erscheinen der Originalausgaben der "USA-Trilogie" zwischen 1930 und 1936 wurde das Werk in Deutschland übersetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben die mehrfach überarbeiteten Übersetzungen von Paul Baudisch jahrzehntelang maßgeblich für den deutschen Buchmarkt. Nun gibt es endlich eine neue Übersetzung dieses Schlüsselwerks der amerikanischen Romankunst. Sie stammt von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl, beide erfahrene Kapazitäten, wenn es um angelsächsische Autoren der ersten Liga geht.

Dirk van Gunsteren: "Den ersten Teil 'Der 42. Breitengrad', das hab ich gemacht, '1919' hat Klaus Stingl gemacht und 'The Big Money', also 'Das große Geld' haben wir halbe/halbe geteilt. Wir können jetzt einen kleinen Wettbewerb machen, wer rauskriegt, wo die Nahtstelle ist."

Collage des Buchcovers mit Stock Hintergrund (Rowohlt Verlag)Das Cover zu John Dos Passos' Erfolgstrilogie "USA Trilogie" (Rowohlt Verlag)

Ein monumentales Werk neu übersetzt

Dirk van Gunsteren ist auch die hervorragende Neuübersetzung von "Manhattan Transfer" zu verdanken. Dort werden die Gleichzeitigkeiten des Großstadtgeschehens durch eine kunstvolle rhythmische Prosa vergegenwärtigt, in der die unterschiedlichsten Tonlagen zusammenspielen. In der "USA-Trilogie" dagegen sind, neben der Multiperspektivität, die Montage und der innere Monolog die dominierenden modernen Stilelemente. Es gibt vier verschiedene Textgenres, die durchweg nebeneinander herlaufen. Das eine sind mehrteilige fortgesetzte Erzählungen, in denen jeweils die Geschichten und Schicksale der Hauptfiguren in realistischer Manier verfolgt werden. Daneben gibt es knappe aber sehr pointierte Porträts von Figuren der Zeitgeschichte, die Dos Passos für bedeutsam ansah, denen er ein literarisches Denkmal setzen wollte oder die er, wie etwa Präsident Woodrow Wilson, einer oftmals ätzenden kritischen Betrachtung unterzog. Dazwischen sind regelmäßig als chronologische Zäsuren Absätze eingeschaltet, in denen das Montageprinzip auf den Gipfel getrieben wird. Sie werden als "Wochenschauen" bezeichnet und bestehen aus authentischen Zeitungsschlagzeilen, Ausrissen aus Presseartikeln, populären Songs und Texten der Alltagskultur. Mit diesen "Wochenschauen" wird der Widerhall des Mediengetöses in den Roman hereingeholt. Das vierte Textgenre schließlich trägt den Titel "Das Auge der Kamera". Davon gibt es, verteilt über die Trilogie, 51 Folgen, die in extrem subjektiver Perspektive Begebenheiten und Eindrücke aus dem Leben des Autors Dos Passos mit der Direktheit eines Bewusstseinsstroms wiedergeben.

van Gunsteren: "Wie er das montiert, das hat das Buch modern gemacht. An sich ist das alles vom Erzählduktus, von der Erzählweise sehr konventionell eigentlich. ... Er arbeitet die Figuren auch schön heraus, die haben Tiefe, das ist alles prima, aber es ist konventionell erzählt. ... Besonders schwierig fand ich das nicht."

Obwohl das sprachliche Ausdrucksspektrum vor allem durch die Lebenswelt der Figuren und ihre Redeweisen geprägt ist, galt es, für die Zeitatmosphäre und Konflikte jener Jahre die richtigen Tonlagen zu finden. In der alten Übersetzung gibt es Unstimmigkeiten und antiquierte Formulierungen. Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl dagegen ist es ebenso triftig wie elegant gelungen, bei der deutschen Version vergessen zu lassen, dass das Buch übersetzt wurde. Außerdem haben sie einen Anmerkungsapparat erstellt, der notwendige Informationen liefert, ohne durch überflüssige Ausführlichkeit zu belasten. Bei ihren Recherchen dazu konnten die beiden Übersetzter nachvollziehen, wie genau sich der Autor an das historische Faktenmaterial gehalten hat, das in die Lebensgeschichten seiner vorwiegend fiktiven Figuren eingearbeitet ist.

"Ich hatte das Gefühl, dass alles hinein sollte", sagte der Autor.

Die "USA-Trilogie" ist so ziemlich alles, was ein Roman sein kann: Gesellschafts- und Zeitroman, ein Pionierstück literarischer Innovationen, zugleich aber auch eine breit angelegte kritische Auseinandersetzung mit den Lebensverhältnissen, Versprechungen und Wirklichkeiten der machtvoll aufstrebenden Nation, auf die Generationen von Einwanderern ihre Hoffnungen setzten.

Was aus diesen Hoffnungen wurde, darüber lässt uns der erste Band der Trilogie nicht lange im Unklaren. Er trägt den Titel "Der 42. Breitengrad". Auf diesem Breitengrad bewegen sich meteorologische Phänomene wie Stürme von West nach Ost und verbinden so das gesamte Land. Metaphorisch wird damit auf die sozialen Stürme verwiesen, die das zentrale Thema dieses Bandes abgeben: Nämlich die Klassenkämpfe zwischen Arbeit und Kapital in den USA während er ersten Jahrzehnte des Zwanzigsten Jahrhunderts, als es dort noch Proletarier, Gewerkschafter und Marxisten gab, mit denen Dos Passos zu jener Zeit heftig sympathisierte. Unter den eingeschalteten Porträts historischer Persönlichkeiten finden sich gleich mehrere Gewerkschaftsführer und linke Politiker. Big Bill Haywood zum Beispiel, der wie zahllose andere jene Waffe zu spüren bekommt, mit der die Führer sozialer Bewegungen von den herrschenden Mächten bekämpft werden, nämlich durch manipulierte Gerichtsprozesse.

"In Chicago stand Bill Haywood mit hundert anderen Mitgliedern der Industrial Workers of the World vor Gericht, wo Richter Kenesaw Landis, der Base­ballzar, ihn mit einer Nonchalance, als ginge es um ein Verkehrsdelikt zu zwanzig Jahren Gefängnis und dreißigtausend Dollar Geldstrafe verurteilte."

Einer derjenigen, die als Werktätige auf die Unterstützung der sozialen Organisationen angewiesen sind, ist Fainy McCreary, kurz Mac genannt, der aus einem Einwandererviertel stammt und schon früh mit den harten Tatsachen des Arbeitsmarktes konfrontiert wird.

"‚Also, Fainy, alter Junge‘, sagte Uncle Tim, ‚hör zu und sag uns, was du von unserem Vorschlag hältst, in die große und immer größer werdende Stadt Chicago zu ziehen. Middletown ist ein grässliches Provinzkaff, wenn du mich fragst … aber Chicago … Herrgott, Mann, wenn du nach Chicago kommst, hast du das Gefühl, du hast dein ganzes bisheriges Leben in einem Sargverbracht.‘"

Amerikanische Klassenkämpfe

Andere aus dem vielköpfigen Figurenensemble haben steile soziale Karrieren vor sich, doch in diesem ersten Band lernen wir sie noch in ihren Anfängen kennen. So entsteht ein differenziertes Panorama von sozialen Milieus, angefangen bei Männern, die das Land auf der Suche nach Arbeit als schwarze Passagiere auf Güterzügen durchstreifen bis hin zum unteren Mittelstand, aus dem sich zum Beispiel strebsame junge Frauen in bessere Schichten emporarbeiten.

Für die meisten der Romanfiguren gilt: Der Mensch ist nur sehr bedingt Herr seiner selbst, er macht seine Geschichte nicht, sondern sie wird gemacht von den historischen und sozialen Verhältnissen unter denen er lebt. In der Literaturwissenschaft wurde die "USA-Trilogie" als "einer der ersten kollektiven Romane" bezeichnet. Trotzdem hat Dos Passos seine Figuren keineswegs auf eindimensionale Sozialtypen reduziert, sondern plastische, lebendige Charaktere gezeichnet. Wenn sich sein Roman unter anderem als Entstehungsge­schichte der modernen USA lesen lässt, dann kann sich jede Figur als ein soziologischer Präzedenzfall für diesen Prozess behaupten.

van Gunsteren: "Er hat wirklich sehr unterschiedliche Figuren, Männer wie Frauen, erschaffen, sich ausgedacht, und jeder ist ein Individuum. Also jeden erkennt man sofort wieder. Alle haben eine Entwicklung."

Auf dem Weg zur Weltmacht

Der zweite Band der Trilogie trägt den Titel "1919" und benennt damit als Fluchtpunkt der Handlung jenes Jahr, in dem die Pariser Friedenskonferenz nach dem ersten Weltkrieg stattfand. Dort hatten die Amerikaner, wie es Dos Passos bündig formuliert "im Spiegelsaal von Versailles Imperium gelernt". Das heißt, sie hatten einen weiteren entscheidenden Schritt zur Weltmacht vollzogen. Mit bewundernswertem historischem Scharfblick und dem Erfahrungsreichtum eines analytisch hochbegabten Zeitzeugen beleuchtet Dos Passos diesen entscheidenden Schritt in der Geschichte der USA, aber eben nicht aus der Vogelschau des Historikers, sondern aus der Sicht seiner Romanfiguren - gewiss eine einmalige Leistung in der Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts.

In jedem Band der Trilogie gibt es eine Vielfalt von Perspektiven auf das Geschehen der Epoche. Der PR- und Marketingstratege J. Ward Moorehouse dirigiert die amerikanische Öffentlichkeitsarbeit bei den Pariser Friedensverhandlungen. Die Pastorentochter Eveline Hutchins nimmt jede Gelegenheit wahr, das Gesellschaftsleben und seine Protagonisten kennen zu lernen, sei es in New York oder in Paris. Wie überhaupt die zahlreichen Frauenfiguren fesselnde und sehr genau beobachtete Einblicke in die oftmals emanzipierten weiblichen Lebensformen jener Zeit bieten. Der Harvardabsolvent Dick Savage wiederum erprobt sich zunächst in geistig-poetischen Sphären, um bald zu erkennen, dass in den Zentren der Macht weit bessere Aussichten bestehen. Der Seemann Joe Williams dagegen erlebt die rauen Seiten des Krieges. Als Besatzungsmitglied von amerikanischen Versorgungsschiffen wird er in französischen Häfen mal interniert, mal herzlich willkommen geheißen, während er auf dem Atlantik den deutschen U-Boot-Krieg kennen lernt.

"Eines Nachts machte Joe irgendwo südlich von Kap Race bei miesem Wetter und Nebelschwaden mittschiffs einen Rundgang an Deck, da riss es ihn plötzlich von den Beinen. Sie erfuhren nie, was sie getroffen hatte, eine Mine oder ein Torpedo. Nur weil die Boote in gutem Zustand waren und kaum Seegang herrschte, konnten sie sich überhaupt retten. Ihr Frachter entschwand im Nebel, und als sie ihn zum letzten Mal zu Gesicht bekamen, lag das Hauptdeck schon unter Wasser."

Die amerikanische Entscheidung, in den Krieg einzutreten und, wie es hieß, die Zivilisation gegen die Hunnen des Deutschen Kaiserreichs zu verteidigen, fiel erst spät im Jahr 1917. Sie war umstritten, erhöhte aber die Bedeutung des Präsidenten ungemein. Das betont Dos Passos in seinem mit Sarkasmen reich gewürzten Porträt von Woodrow Wilson. Und mit dem kapitalismuskritischen Impetus, der in dieser Trilogie allenthalben spürbar ist, deutet er zugleich an, dass diese Entscheidung nicht zuletzt mit Rücksicht auf die Kriegsanleihen des Großbankiers J. P. Morgan getroffen wurde.

"Fünf Monate nach seiner Wiederwahl unter dem Slogan Er hält uns aus dem Krieg heraus peitschte Wilson das Gesetz über die Bewaffnung von Frachtschiffen durch den Kongress und erklärte, zwischen den Vereinigten Staaten und den Mittelmächten herrsche Kriegszustand: Schrankenlose, grenzenlose Gewalt, Gewalt bis zum Äußersten."

Wirtschaftsboom und soziale Misere – ein bitteres Fazit

Der dritte Band der "USA-Trilogie" schließlich handelt vom Sieg jener gesellschaftlichen Kraft, die schon der Titel benennt. Er lautet: "Das große Geld". Hier stehen vor allem der ruhmreich heimgekehrte Kampfflieger Charley Anderson, die Show-Business-Aspirantin Margo Dowling und die Sozialaktivistin Mary French im Mittelpunkt. Den Zeithintergrund bildet der kurze Wirtschaftsboom der Zwanziger Jahre. Dos Passos beschreibt ihn als rasanten Aufbruch von Automobil- und Flugzeugindustrie, Kino und Showgeschäft, Marketing, Banken und Börse. Die Arbeiterschaft dagegen wird, wie die ergreifenden Kapitel über die tapfere Mary French darlegen, bei Streiks zusammengeschossen und der Fließbandarbeit unterworfen. Die Erfindung dieser Synchronisierung des Menschen mit dem Maschinentakt, die Charlie Chaplin zeitgleich in seinem Film "Modern Times" karikierte, wird im Porträt des Rationalisierungspioniers Frederick Taylor anschaulich beschrieben.

Die Schlussakkorde des Romanwerks haben einen bitteren Unterton. Denn Dos Passos erzählt hier von einem Aufstieg, der zugleich einen Niedergang bedeutet: Während sich die Großmacht USA herausbildet, werden die Rechte und Hoffnungen der Menschen, die in dieses Land gekommen sind, zerstört. Als Fanal dafür steht der Justizmord an den italienischen Anarchisten Sacco und Vanzetti, der 1927 weltweit Proteste auslöste. In einer jener Textpassagen, die sich als Bewusstseinsstrom des Autors verstehen lassen, formuliert Dos Passos zuletzt ein Fazit, wie es nicht schwärzer sein könnte.

"sie haben uns von der Straße geknüppelt · sie sind stärker · sie sind reich · sie bezahlen die Männer mit den Gewehren
es gibt nichts mehr zu tun · wir sind besiegt
sie haben keine Ahnung von dem woran wir glauben sie haben die Dollars die Gewehre die Armee die Kraftwerke
also gut wir sind zwei Nationen"

Das heißt, die gespaltene Nation USA, von der man heute viel spricht, hat bereits eine lange Geschichte. Dos Passos hat das früh gesehen und er verstand es, daraus große literarische Kunst zu machen. Er war der Generalist unter den amerikanischen Schriftstellern der Moderne, hochgebildet und vielseitig interessiert. Er konnte über alles schreiben als hätte er es selbst gesehen und erlebt – was in vielen Fällen tatsächlich zutraf. Mit seinem wachen Sensorium für historische und gesellschaftliche Entwicklungen war er unter den amerikanischen Schriftstellern der bedeutendste Kritiker seiner Zeit und der Machtstrukturen, die sich damals herausbildeten.

Die neue Übersetzung der "USA-Trilogie" bietet ausgezeichnete Voraussetzungen zur Auseinandersetzung mit diesem im Übrigen auch spannend-unterhaltsamen Roman, der zu den literarischen Gründungsdokumenten der amerikanischen Moderne gehört. Und wer wissen will, wie die USA zu dem wurden, was sie heute sind, liest dieses Werk ebenfalls mit größtem Gewinn.

John Dos Passos: "USA-Trilogie"
("Der 42. Breitengrad" / "1919" / "Das große Geld")
aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag, Hamburg. 1645 Seiten, 50 Euro.

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