Montag, 06. Februar 2023

RSV, Grippe und Corona
Warum die Zahl der Atemwegserkrankungen sprunghaft ansteigt

Über neun Millionen Menschen haben im Moment eine akute Atemwegserkrankung. Vor allem Kinder- und Jugendärzte berichten von überfüllten Praxen. Grund ist auch der rasante Anstieg von Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV).

08.12.2022

    Ein Mädchen sitzt auf dem Sofa und schnäuzt sich die Nase. Wegen zunehmender Fälle von Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) bei Kindern spitzt sich die Lage in vielen Kliniken zu
    Wegen zunehmender Fälle von Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) bei Kindern spitzt sich die Lage in vielen Kliniken zu (picture alliance / Photoshot)
    Das Ausmaß der Atemwegserkrankungen liegt laut dem aktuellen Lagebericht des Robert Koch-Instituts (Stand: 4.12.2022) über dem Schnitt von vor der Corona-Pandemie und über der letzten schweren Grippewelle aus 2017/18. Die Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) bei Kindern sorgen für volle Kinderarztpraxen. Warnrufe gibt es deshalb mittlerweile auch aus zahlreichen Kinderkliniken in Deutschland.

    Wie ist die aktuelle Lage?

    Bereits im Sommer hat der Corona-Expertenrat darauf hingewiesen, dass Deutschland vor einem Winter der Atemwegsinfektionen stehe. Die Zahl der Arztbesuche steigt seit der zweiten Novemberwoche an. Zurzeit grassieren viele Infektionswellen gleichzeitig, die Grippe-Saison hat früher begonnen als sonst.
    Vor allem Kinder und Jugendliche sind betroffen, die Praxen sind überfüllt, die Mitarbeiter überlastet. Die Jüngeren sind aktuell vor allem mit dem RS-Virus infiziert, das auch Husten mit Atemnot auslösen kann. Besonders für Kleinere ist das gefährlich. In diesem Bereich gibt es einen nahezu exponentiellen Anstieg. In den kommenden Wochen sei mit weiter steigenden Zahlen zu rechnen, so das RKI. Auch Grippeviren, Rhinoviren - also Schnupfen - Coronaviren und SARS-CoV-2-infizierte Menschen mit Symptomen einer akuten Atemwegserkrankung sorgen für volle Arztpraxen.
    Bereits im Spätsommer 2021 hatte es eine unüblich hohe RSV-Welle gegeben - die Lage aktuell sei aber schlimmer, sagte Florian Hoffmann, Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). "Momentan sind es chaotische Bedingungen in den Kliniken". Es gebe kaum freie Betten, es komme zu Überbelegungen und sehr weiten Transportwegen von erkrankten Kindern. Familien mit kranken Kindern müssten teilweise in der Notaufnahme auf einer Pritsche schlafen. Das sei für Deutschland ein Armutszeugnis. Viele betroffene Kinder seien schwer krank und müssten beatmet werden.
    Teilweise sei es schon so, dass Eltern keinen Arzttermin für ihre Kinder mehr bekämen, sagte der Sprecher der Kinder- und Jugendärzte in Bremen, Marco Heuerding. Kinderfacharzt Axel Gerschlauer macht auf die generell schlechte Situation in den Kinderarztpraxen aufmerksam: Einige hätten bereits Aufnahmestopps verhängen müssen und könnten keine weiteren Kinder mehr versorgen, sagte der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein.

    Welche Symptome zeigen sich bei RSV, wie verläuft die Erkrankung?

    Eine RSV-Infektion ist eine relativ harmlose Virusinfektion der oberen Atemwege, die alle Altersklassen betrifft. Sie beginnt in der Regel mit Symptomen wie Husten oder Schnupfen. RSV-Erkrankungen verlaufen meist harmlos, bei Kleinkindern aber kann das Virus für lebensbedrohliche Zustände sorgen - mit Symptomen wie Atemnot sowie Entzündungen der Bronchien und der Lunge. Sie können zu Bronchiolitis - eine Virusinfektion, die die unteren Atemwege von Säuglingen und kleinen Kindern unter 24 Monaten befällt - und Lungenentzündung führen und sind eine der Hauptursachen für Krankenhausaufenthalte bei allen Kleinkindern. Üblicherweise infizieren sich 60 bis 70 Prozent der Säuglinge und nahezu alle Kinder unter zwei Jahren mit RSV. Das Virus ist auch eine häufige Ursache für Lungenentzündungen bei Erwachsenen.
    Die Statistik zeigt den Anteil positiver Fälle von respiratorischen Synzytial-Viren (RSV)¹ an allen im Rahmen des Sentinels eingesandten Proben in Deutschland in den Saisons 2021 und 2022.
    Etwa ein Drittel der infizierten Kinder müsse aktuell im Verlauf der RSV-Infektion stationär aufgenommen werden, erklärte Intensivmediziner Florian Hoffmann in Deutschlandfunk Kultur. Das Problem: Im Gegensatz zu einer bakteriellen Lungenentzündung gibt es keine wirklich kurative Therapie. Man kann nur symptomatisch therapieren: mit Nasentropfen, der Gabe von Sauerstoff und notfalls mit einer Magensonde, wenn Kinder nicht mehr essen oder trinken können, weil sie Atemnot haben. Der normale Verlauf der Erkrankung dauere laut Hoffmann in der Regel drei bis fünf Tage.
    Die einzige derzeit verfügbare Möglichkeit zur Prävention sind monoklonale Antikörper, die teils mehrfach gespritzt werden müssen. Einen Impfstoff gibt es bisher nicht. Die US-Pharmafirma Pfizer hat aber einen Durchbruch bei der Entwicklung eines RSV-Impfstoffes vermeldet, der werdenden Müttern verabreicht wird und so für eine Immunisierung des Kindes im Mutterleib und über die Muttermilch sorgen soll. Eine Zulassung soll beantragt werden.

    Warum ist die Lage so angespannt, was könnte man dagegen tun?

    Das RSV ist sehr ansteckend, hinzu kommen die dünne Personaldecke und die extrem hohe Belastung in Kinderarztpraxen und -kliniken. Hoffmann fordert daher unter anderem, Pflegekräfte aus der Erwachsenenmedizin verstärkt auch in der Kinder- und Jugendmedizin einzusetzen.
    Dass Kinder aktuell "überraschend stark erkranken" führt er unter anderem auf die langen Isolationsmaßnahmen während der Hochzeit der Pandemie zurück. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen hätte das Immunsystem der Kinder keine Möglichkeit gehabt, mit Viren in Kontakt zu kommen. "Viele Kinder sind es nicht mehr gewohnt, Virusinfektionen zu haben. Und wenn sie eine haben, fällt sie stärker aus."
    Das gelte nicht nur für Kinder, sagte Immunologe Carsten Watzl im Dlf. Dass sich so viele Menschen aktuell infizieren, habe nichts damit zu tun, dass das Immunsystem in den letzten zwei Jahren durch die Maßnahmen geschwächt worden sei, "sondern dass man seine Immunität bei einigen der Viren regelmäßig auffrischen muss. Und da waren Leute vor einem oder zwei Jahren schon fällig, haben das Virus aber nicht abbekommen, weil wir diese Hygienemaßnahmen hatten. Und jetzt grassieren diese Viren relativ stark, weil sie einfach wieder viele Menschen finden können, die fällig sind und sich damit infizieren können."

    Was bedeutet die aktuelle Situation in Bezug auf das Coronavirus?

    Auch wenn die Zahl der Corona-Infektionen laut dem Pandemieradar des Robert Koch-Instituts langsam wieder ansteigt, sind die Inzidenzen deutlich niedriger als noch vor einem Jahr. Gründe dafür: die bessere Bevölkerungsimmunität durch Impfung und durchgemachte Infektion, aber auch das aktuelle generelle Infektionsgeschehen bei den Atemwegserregern. Denn wenn so viele Menschen mit einer anderen Virusinfektion beschäftigt sind, schütze sie ihr Immunsystem vor Corona, erklärt Immunologe Carsten Watzl.
    Eine gleichzeitige Infektion mit zwei unterschiedlichen Viren sei nämlich eher eine Ausnahme. "Wenn ich mit einem Virus infiziert bin, dann hat mein Immunsystem Abwehrmechanismen. Zellen gehen in eine Art Lockdown, sie machen sich unempfindlich für Virusinfektionen. Und das hat dann zur Folge, dass ich, wenn ich mit einem Virus schon infiziert bin, ich es eigentlich sehr schwer habe, mich noch mal mit einem zweiten Virus doppelt zu infizieren."
    Man kann sich also nicht gleichzeitig anstecken, allerdings weiterhin hintereinander. Ein langfristiger Schutz gegen eine Infektion mit dem Coronavirus bietet das also nicht. Hausärzte würden daher Patienten, die zur Risikogruppe gehören, eine regelmäßige Impfung gegen das Coronavirus empfehlen, so Watzl. "Es gibt ja aktuell schon die angepassten Impfstoffe gegen die aktuellen Omikron-Varianten. Und die Hausärzte verabreichen diese Impfung natürlich."
    Quellen: Kathrin Kühn, Science Media Center, dpa, og