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StartseiteInterviewRuanda zehn Jahre nach dem Völkermord06.04.2004

Ruanda zehn Jahre nach dem Völkermord

Interview mit Wolfgang Peschke, Leiter des Koordinationsbüros Rheinland-Pfalz für Ruanda

<strong>Doris Simon:</strong> Es herrscht eine ganze Woche lang offizielle Trauer in Ruanda. Das Land erinnert sich des Völkermordes, der in diesen Tagen vor zehn Jahren begann. Extremistische Hutus ermordeten damals wahllos Angehörige der Volksgruppe der Tutsis, aber auch Hutus, die moderat waren, die ihnen in die Quere kamen, wurden ermordet. 800.000 Menschen, manche sagen eine Million Menschen, fielen im Frühjahr und im Frühsommer 1994 dem Völkermord in dem kleinen ostafrikanischen Land zum Opfer. Die internationale Gemeinschaft hatte damals den Mördern nichts entgegengesetzt. Seinen Teil an Aufbauhilfe leistet in Ruanda auch das deutsche Bundesland Rheinland-Pfalz, das seit über 20 Jahren eine enge Partnerschaft mit Ruanda hat, und ebenso lange stellt das Koordinationsbüro in Kigali Kontakte her zwischen Unternehmen, Vereinen und sozialen Einrichtungen. Am Telefon ist jetzt der Leiter des Koordinationsbüros, Wolfgang Peschke. Herr Peschke, wie würden Sie die Stimmung zwischen den Volksgruppen in Ruanda zehn Jahre nach dem Völkermord beschreiben?

Moderation: Doris Simon

Bei dem Genozid in Ruanda kamen über 800.000 Menschen ums Leben. (AP)
Bei dem Genozid in Ruanda kamen über 800.000 Menschen ums Leben. (AP)
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Das Interview mit Wolfgang Peschke (RealAudio)

Wolfgang Peschke: Der Völkermord ist nicht aufgearbeitet. Die Volksgruppen leben nebeneinander her. Es gibt relativ wenig Kontakte. Man muss sich immer darüber im Klaren sein: Es gibt die Tutsi, die hier im Land geblieben sind, die den Völkermord überlebt haben. Es gibt sehr viele Flüchtlinge, die teilweise schon seit zwei, drei oder vier Generationen im Ausland gelebt haben und nach dem Völkermord, also nach 1994 zurückgekommen sind. Es gibt letztendlich keine guten Kontakte zwischen den Bevölkerungsgruppen, obwohl man sich große Mühe gibt, miteinander auszukommen. So ist beispielsweise vor zwei Jahren laut Staatsdekret die Passeintragung, die die Ethnien beschreibt, aufgegeben worden. Man spricht also nicht mehr von Hutus, Tutsis und dergleichen, sondern man spricht nur noch von Ruandern. Vielleicht ein erster Anfang!

Simon: Sie sagen es gibt keinerlei Vergangenheitsbewältigung. Ist das, was vor zehn Jahren in Ruanda passiert ist, ein Tabuthema im täglichen Leben?

Peschke: Im täglichen Leben ist das ein Tabuthema. Es gibt viele Organisationen, die ganz speziell in diesem Bereich versuchen, Vermittlungsarbeit und Friedensarbeit zu machen. Gerade auch die deutsche Entwicklungshilfe, allen voran die GTZ und der deutsche Entwicklungsdienst, haben hier Mitarbeiter, die speziell in diesem Bereich versuchen zu vermitteln. Wie ich von diesen Leuten weiß, ist das sehr schwer.

Simon: Fast jeder Ruander hat ja Verwandte und oder Freunde verloren in diesem Völkermord. Hierzulande würde man von einem traumatisierten Volk sprechen. Gibt es eigentlich für die Betroffenen Hilfe?

Peschke: Ja, man kann von einem traumatisierten Land sprechen, denn in jeder Familie gibt es Täter und Opfer. Es ist sehr schwer zu sagen, ob es wirklich eine Verbesserung gibt. Die Ruander von sich aus sind sehr introvertiert, und man muss schon, wie man bei uns so sagt, einen Sack Salz mit ihnen zusammen gegessen haben, bis sie aus sich raus gehen.

Simon: Und gibt es irgendwelche Hilfe, von staatlicher Seite wohl weniger, aber von Organisationen, den Menschen einfach damit zu helfen, mit dem klarzukommen, was passiert ist, wenn schon nicht öffentlich darüber diskutiert wird?

Peschke: Ich habe eben schon gesagt, dass es auch in der Entwicklungszusammenarbeit verschiedene Organisationen gibt, die dort versuchen behilflich zu sein. Ich glaube aber wir Außenstehenden, die wir zwar klug reden können, können diese Geschichte aber nicht wirklich für die Ruander bearbeiten. Das ist eine Sache, die braucht einfach Zeit, wenn man darüber nachdenkt, wie lange es bei uns gedauert hat, bis man über den Holocaust gesprochen hat.

Simon: Wie sieht man denn im Lande selber die gerichtliche Aufarbeitung dieses Völkermords? Es sitzen ja immer noch Tausende von Menschen in den Gefängnissen. Sehr viel mehr sind in den letzten zehn Jahren verurteilt worden.

Peschke: Es gibt dieses sogenannte Gatschatscha-Verfahren. Zunächst einmal sind noch über 100.000 Menschen in den Gefängnissen und warten seit zehn Jahren auf ihre Verhandlung. Da sind mit Sicherheit Mörder dabei; da sind aber mit Sicherheit auch Unschuldige dabei. Es ist von staatlicher Seite her eigentlich angedacht, dieses ganze mit einem sogenannten Gatschatscha-Verfahren - das ist die traditionelle Dorfgerichtsbarkeit - abzuhandeln, halt eben auch um diese Menschen aus den Gefängnissen rauszubekommen. Aber wie das eben in Afrika so ist: Das dauert wesentlich länger, als man ursprünglich gedacht hat. Denn es ist hier letztendlich so, dass man monatelang diskutiert. Das hat natürlich den Vorteil, dass man auf Dorfebene vielleicht die eine oder andere Sache aufklären kann, aber so viel ich weiß, gibt es bisher so gut wie keine Gerichtsurteile.

Simon: Ruandas Präsident Paul Kagame hat ja in dieser Woche gesagt, die Völkermörder hätten nicht nur eine Million Menschen ermordet, sondern auch die Infrastruktur, das Rechtssystem und die gesamte Wirtschaft Ruandas zerstört. Wie sieht denn die wirtschaftliche Lage des Landes heute aus? Wie leben die Menschen?

Peschke: Sie leben auf den Hügeln genau wie früher. Man lebt auch da wieder zusammen. Man lebt nebeneinander her. Ich glaube die einzige Chance, um miteinander umgehen zu können, ist im Moment, die damalige Geschichte zu verdrängen.

Simon: Und wie geht es den Leuten wirtschaftlich?

Peschke: Die wirtschaftliche Situation ist in den Städten, also ganz speziell in Kigali, eigentlich ausgezeichnet. Es werden überall große Häuser gebaut. Ruanda macht, wenn man nur Kigali sieht, den Eindruck eines prosperierenden Staates.

Simon: Und wenn man aufs Land geht sieht es anders aus?

Peschke: Dort sieht es vollkommen anders aus. Die Regierung investiert im Moment hauptsächlich in die Hauptstadt. Es ist natürlich richtig, was Paul Kagame gesagt hat, dass Ruanda nach 1994 total zerstört gewesen ist, die Wirtschaft kaputt war. Und man wundert sich, wie trotz der großen Armut im Land die Hauptstadt Kigali heute überhaupt so toll funktioniert.

Simon: Das war Wolfgang Peschke, der Leiter des Koordinationsbüros Rheinland-Pfalz für Ruanda.

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