Verteidigung
Wird Rheinmetall zum Rüstungsriesen der Bundeswehr?

Die Bundeswehr investiert Milliarden in neue Waffen und Ausrüstung. Davon profitiert besonders Rheinmetall: Der Konzern könnte sich zum zentralen Ausrüster der Truppe entwickeln. Das verspricht Effizienz – birgt aber auch Risiken.

    Zu sehen ist ein Panzer in Tarnfarben, der in einer Produktionshalle steht. Im Hintergrund: Das Wort „RHEINMETALL“ (geschrieben in blauben Großbuchstaben)
    Das Artilleriewerk von Rheinmetall im niedersächsischen Unterlüß (picture alliance / Noah Wedel / Noah Wedel)
    Die Verteidigungsgaben in Deutschland sind seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine stark gestiegen. Für die hiesige Rüstungsindustrie bedeutet das volle Auftragsbücher.
    Rheinmetall, das größte deutsche Rüstungsunternehmen, steigerte seinen Umsatz im vergangenen Jahr auf knapp zehn Milliarden Euro. Von den 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Bundeswehr hat das Unternehmen im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben mehr als 40 Prozent für Aufträge erhalten.
    Ist es strategisch sinnvoll, wenn sich die Bundeswehr auf einen Anbieter verlässt - oder braucht es in Deutschland mehr Wettbewerb etwa mit Start-ups wie in der Ukraine?

    Inhalt

    So funktioniert die Beschaffung der Bundeswehr

    Deutschland hat ein komplexes Vergabesystem für Rüstungsaufträge. Besteht Bedarf an einem bestimmten Produkt, stellt die Truppe eine Anforderung mit einer technischen Leistungsbeschreibung. Das Beschaffungsamt der Bundeswehr bewertet dann, ob es das Produkt bereits gibt oder ob es erst entwickelt werden muss.
    Danach erfolgt ein klassisches Vergabeverfahren. Rüstungsunternehmen – vom Start-up bis zum Großkonzern – bewerben sich um den Auftrag. Das günstigste oder beste Angebot bekommt am Ende den Zuschlag. Ausnahmen werden gemacht, wenn nur ein Hersteller das gewünschte Produkt anbietet, Aufträge besonders dringlich sind oder im Fall von Nachbestellungen. Diese „Direktvergaben“ hat die Bundesregierung Anfang 2026 weiter vereinfacht.

    Die Rolle von Rheinmetall

    Rheinmetall will zum Komplettanbieter für die Bundeswehr werden. Schon jetzt liefert der Konzern praktisch die gesamte Artilleriemunition für die deutschen Streitkräfte. Hinzu kommen Panzerhaubitzen, Radfahrzeuge, Elektronik und viele weitere Rüstungsgüter. Am Standort in Neuss, wo das Unternehmen früher Autoteile fertigte, werden nun auch Kamikaze-Drohnen produziert.
    Gemeinsam mit der Rüstungsfirma Destinus will Rheinmetall noch in diesem Jahr im niedersächsischen Unterlüß Marschflugkörper (Cruise Missiles) herstellen, deren Zielerkennung mit künstlicher Intelligenz arbeitet. Lange war das Unternehmen ein wichtiger Zulieferer für die Autoindustrie, inzwischen steht die zivile Konzernsparte zum Verkauf. Rheinmetall konzentriert sich immer mehr auf die Bundeswehr.
    Zwar werden auch an andere Unternehmen Aufträge vergeben: So baut ThyssenKrupp Marine Systems für die Bundeswehr Fregatten, Airbus liefert Hubschrauber und Transportflugzeuge, Heckler & Koch Sturmgewehre und andere Handfeuerwaffen, Start-ups wie Helsing und Stark Defense liefern Kamikaze-Drohnen. Doch die Großaufträge gehen häufig an Rheinmetall.

    Was für einen Systemanbieter spricht

    Zurzeit ist Deutschland in Rüstungsfragen noch stark von den USA abhängig. Beispielsweise ist die Bundeswehr bei F-35-Kampfjets des US-Herstellers Lockheed Martin auf permanente Software-Updates aus den USA angewiesen. Gleichzeitig fehlt eine Alternative aus Europa: Das deutsch-französisch-spanische Kampfjetprojekt EFCAS steht vor dem Aus.
    Wenn große Konzerne wie Rheinmetall alles anbieten, was die Bundeswehr braucht, hätte das Vorteile: Das Know-how bliebe in Deutschland und es würden alle militärischen Bereiche abgedeckt. Ein weiteres Plus sieht André Loesekrug-Pietri, Präsident der Europäischen Innovations-Initiative (JEDI). Für kleinere, neuere Firmen sei es schwierig, sehr schnell große Mengen zu liefern. „Und heute sieht man ja in der Ukraine, aber auch im Mittleren Osten: Mass beats sophistication.“

    Was gegen einen Systemanbieter spricht

    Die Bundeswehr müsse schneller werden, sagt Brigadegeneral Volker Pötzsch, zuletzt Leiter einer Steuergruppe im Verteidigungsministerium. Technologie entwickle sich nicht wie früher im Kriegsgeschehen in Monaten oder Jahren, „sondern eigentlich täglich“. Das zeige der Ukraine-Krieg.
    Nach Ansicht von Pötzsch brauche es daher neben großen etablierten Unternehmen mit vielen Subunternehmen auch kleine Firmen. Laut Experten sind Start-ups oft besser darin, innovative Lösungen zu finden, als Großkonzerne. Denn sie sind darauf ausgerichtet, neuartige Lösungen zu finden. Zudem können sie schneller umsteuern, wenn eine Strategie nicht aufgeht. Die meisten der vielen Millionen ukrainischen Drohnen kommen nicht von den Fließbändern großer Rüstungskonzerne, sondern von kleinen Unternehmen, die in Industrieparks oder umfunktionierten Garagen produzieren.
    Andreas Mattfeldt ist Mitglied im Haushaltsausschuss des Bundestages und entscheidet über große Beschaffungsaufträge mit. Der CDU-Politiker spricht sich ebenfalls für mehrere Rüstungsanbieter aus. Es brauche den Wettbewerb mit Mittelständlern oder Start-ups innerhalb Deutschlands, unter anderem um überhöhte Preise zu vermeiden. Das Problem vieler kleinerer Unternehmen: Es braucht viel Kapital, um im Rüstungsmarkt Fuß zu fassen. Start-ups fordern deshalb, dass die Bundesregierung die Finanzierungsmöglichkeiten für die teuren Entwicklungsprojekte verbessert.
    Tatsächlich können Rüstungsunternehmen derzeit hohe Preise verlangen. Denn es gibt genug Geld und der Zeitdruck ist hoch. Der haushaltspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, Sebastian Schäfer, ist der Ansicht, dass Unternehmen diese Umstände ausnutzen. Schäfer kritisiert auch, dass ein großer Teil der Bundeswehraufträge an Rheinmetall geht. Die Bundesregierung wolle damit in wirtschaftlich schwierigen Zeiten einen vergleichsweise erfolgreichen Industriezweig fördern. Einige Ökonomen bezweifeln, dass Investitionen in die Rüstungsindustrie für einen wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland sorgen können.
    Radio-Autorin: Columba Krieg, Weitere Quellen: Agenturen, Onlinetext: Philipp Jedicke, Tina Hammesfahr