Militär
Wo die deutsche Verteidigungsfähigkeit ins Stocken gerät

Seitdem die Schuldenbremse teilweise ausgesetzt ist, darf in Deutschland nahezu unbegrenzt investiert werden, um die Landesverteidigung zu stärken. Die Aufrüstung geht trotzdem viel zu langsam, kritisieren Fachleute. Wo hakt es genau?

    Militärische Lastwagen in Camouflage-Tarnfarben stehen in einer Fertigungshalle hintereinander.
    Milliarden da, Wirkung fehlt. Trotz finanzieller Mittel dauert einigen Experten die Beschaffung von Rüstungsgütern viel zu lange. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
    Spätestens seit der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Februar 2022 die „Zeitenwende“ ausgerufen hat, diskutiert Deutschland darüber, wie man verteidigungsfähig wird. Mehr als vier Jahre später kritisieren Fachleute, dass die Aufrüstung noch immer schleppend vorankommt. Andere vermissen ein konkretes Gesamtkonzept. Die größten Hürden auf dem Weg zu einer verbesserten Verteidigung sind vielfältig. Vorweg: Geld dürfte nicht das Problem sein.

    Inhalt

    Massenhaft Geld – trotzdem stockt die Aufrüstung

    Februar 2022: Als Olaf Scholz kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr ankündigt, wird das in der breiten Öffentlichkeit als starkes Zeichen wahrgenommen. In militärischen und sicherheitspolitischen Kreisen überwiegt jedoch die Einschätzung: Das wird nicht reichen.
    Die Höhe des Sondervermögens habe keine Planungssicherheit für Bundeswehr und Rüstungsindustrie geboten, sagt André Wüstner, Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbands. „Die damalige Planzahl war 287 Milliarden Euro, und Scholz ist mit einer politisch gegriffenen Zahl – 100 Milliarden – in die Öffentlichkeit gegangen.“
    März 2025: Gute drei Jahre später folgt der nächste weitreichende Schritt. Der Bundestag beschließt, die Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben auszusetzen. Geld für die Verteidigungsfähigkeit kann nun im Grunde unbegrenzt ausgegeben werden – und Investitionen lassen nicht lange auf sich warten.
    Der Haushaltsausschuss des Bundestags billigte in den vergangenen Jahren Hunderte der sogenannten 25-Millionen-Euro-Vorlagen. Die Zahl stieg zuletzt massiv an. 2025 waren es 103 dieser Vorlagen. Gesamtvolumen: ungefähr 83 Milliarden Euro.
    Was sind 25-Millionen-Vorlagen?

    Für jedes Beschaffungsprojekt der Bundeswehr mit einem Investitionsvolumen von 25 Millionen Euro oder mehr ist die Zustimmung des Haushaltsauschusses erforderlich. 
    Allein im Dezember 2025 genehmigte der Ausschuss Investitionen von gut 50 Milliarden Euro. Ein Rekord. Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik wurden Rüstungsbeschaffungen in dieser Höhe beschlossen.
    Ein Jahr nach Aussetzen der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben ist klar: Geld ist auf dem Weg. Aber verteidigungsfähig wird ein Land nicht über Nacht.

    Beschaffung von Verteidigungsgütern dauert lange

    Zwar ist der verteidigungspolitische Sprecher der Linken, Ulrich Thoden, der Meinung: Immer mehr Rüstung ist keine Lösung.  Was die Verteidigung angehe, sei Deutschland, sei die NATO bereits ausreichend gut aufgestellt.
    Viele Verteidigungsexperten fordern aber die Anschaffung von Rüstungsgütern - und zwar möglichst schnell. „Wir müssen wirklich in Sorge sein“, sagt Militärhistoriker Sönke Neitzel. „Die Russen können jeden Tag über 10.000 Drohnen in die Luft bringen. Da sind wir erst einmal ziemlich nackt dagegen.“
    Leider sei man ein geringes Anschaffungstempo seit mehr als zehn Jahren gewöhnt, sagt Wüstner. Massive Sparauflagen hätten die Jahre seit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 geprägt. „Eine Zeit, in der wir die Bundeswehr mehr oder weniger entkernt haben“, sagt er. „Wir haben die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung massiv zurückgestellt, und haben uns nur noch auf die Durchführung von Auslandseinsätzen konzentriert.“
    Aber warum dauert es mitunter Jahre, bis neue Rüstungsgüter wirklich auf dem Kasernenhof stehen? „Leopard-Panzer, Puma, Schützenpanzer, Panzerhaubitzen 2000 – das sind ziemlich komplizierte Großwaffensysteme, die man nicht mal so einfach über Nacht zusammenklöppelt“, sagt Politikwissenschaftler Frank Sauer.
    Anderseits muss auch betont werden: Politik und Industrie kennen die Problematik und reagieren. Während in den vergangenen Jahrzehnten viel Zeit in die Entwicklung neuer Waffensysteme gesteckt wurde, setzt man nun vermehrt auf Waffensysteme, die schon auf dem Markt sind und einfach gekauft werden können. Zu solchen marktverfügbaren Lösungen zählt beispielsweise sogenannte „Loitering Munition“, sagt Frank Sauer – Wegwerf-Drohnen-Munition, die in großen Stückzahlen schnell produziert werden kann „und die eben auch einen gewissen abschreckenden Effekt entfalten".
    Doch Sauer wirft den Verteidigungsverantwortlichen des Landes keinesfalls Untätigkeit vor. „Mein Eindruck ist, der bestehende Apparat, so wie er existiert, arbeitet am Anschlag.“

    Personaldilemma bei der Bundeswehr

    Auch die modernsten Panzer werden nutzlos, wenn es zu wenige Menschen gibt, die sie bedienen können.
    Die NATO-Ziele sehen vor, dass die deutsche Bundeswehr bis 2035 auf 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten anwachsen soll. Aktuell liegt sie bei gut 184.000. Außerdem sollen 200.000 Reservistinnen und Reservisten zur Verfügung stehen. Ein ambitioniertes Ziel. Auch wenn André Wüstner sagt, dass die angestrebte Truppenstärke vermutlich dennoch nicht ausreichen würde. „Die Wahrheit ist: Die reale Zahl müsste viel größer sein, und wenn die reale Zahl viel größer sein müsste, komme ich automatisch zur Frage: Wie gewinne ich das Personal?“
    Eine Stellschraube ist das neue Wehrdienstgesetz, das seit 2026 gilt. Alle Männer, die nach dem 1. Januar 2008 geboren wurden, müssen an der Musterung teilnehmen. Die Hoffnung dahinter dürfte sein, dass sich viele junge Menschen – erst einmal gemustert – für den Wehrdienst entscheiden und vielleicht anschließend bei der Bundeswehr bleiben. Sollten sich nicht genügend Freiwillige für den Wehrdienst melden, steht eine Reaktivierung der Wehrpflicht im Raum.
    Allerdings regt sich zunehmend Widerstand gegen eine Wiederkehr der Wehrpflicht. Im Rahmen der Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ gingen im März 2026 bundesweit rund 50.000 Menschen auf die Straße.
    Die Grafik zeigt Anzahl der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr von 1959 (248.800) bis 2025 (184.200). Die meisten Soldaten gab es 1983 (495.875)
    Die Anzahl der Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr sind seit Jahren auf einem Tiefststand. (Deutschlandradio / Andrea Kampmann / picture alliance / Shotshop / stadtratte)
    Immerhin: 2025 stellte die Bundeswehr gut 25.000 neue Soldatinnen und Soldaten ein. Die Zahl der freiwillig Wehrdienstleistenden lag bei etwa 12.200 Männern und Frauen. Gut 2000 mehr als noch ein Jahr zuvor – und gleichzeitig deutlich unter der gesetzten Zielmarke von 15.000. Für das Jahr 2026 gibt es ein neues Ziel: 20.000 freiwillig Wehrdienstleistende. Ob das klappt, bleibt unsicher.
    Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Jedes Jahr verliert die Bundeswehr auch Personal. Jährlich scheiden gut 20.000 Kräfte aus Altersgründen aus. 

    Im Rüstungs(kauf)rausch? Vorwurf der fehlenden Strategie

    Gibt die Bundesregierung viele Milliarden für Rüstung aus – ohne Plan und Strategie? Zumindest fragen sich einige Expertinnen und Experten, wie zielgerichtet die Aufrüstung wirklich läuft. Militärhistoriker Sönke Neitzel verweist beispielsweise darauf, dass viele Rüstungsfirmen ihren Kunden gerne alles Mögliche ankündigen, aber Qualitätsversprechen längst nicht immer einhalten würden.

    Die Politik trage Verantwortung, dass man Material nicht einfach nur einkaufe, sondern eine Strategie hinter den Beschaffungen stecke. „Und ich sehe - ehrlich gesagt - in Deutschland niemanden, der das wirklich durchdenkt“, sagt Neitzel.
    André Wüstner teilt diese Bedenken. „Ich war Mitglied der Enquetekommission Afghanistan und ich war schockiert, wie strategielos man in diesen Einsatz ging. Ich hatte meine Befürchtungen und wir hatten viele Erkenntnisse, dass vieles von der Hand in den Mund geschah. Aber dass es derart strategielos war, hat mich doch schockiert, und damit will ich ausdrücken, wir hatten damit ein Problem, haben es vielleicht immer noch.“
    Zugleich räumt Wüstner ein, dass er bei der jetzigen Bundesregierung positive Veränderungen feststelle. Der Wille, eine Strategie zu entwickeln, sei im Wirtschafts- und auch im Verteidigungsministerium erkennbar.
    Wie viel oder wenig Strategie tatsächlich hinter den Beschaffungen steckt, ist nicht so einfach zu beurteilen. Zum einen sind strategische Erwägungen mitunter streng geheim. Unberechenbarkeit ist ein zentraler Kern der Verteidigungsfähigkeit. Und zum anderen: Die geopolitische Lage ändert sich rasant. Konsistente Strategien zu verfolgen, wird nicht einfacher in einer Zeit, in der beispielsweise die USA immer wieder die Zukunft der NATO infrage stellen – mal mehr, mal weniger direkt.

    Online-Text: Jan-Martin Altgeld