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Run auf das G9-Abi

Mehr als ein Zehntel der Gymnasien im Ländle bietet ab dem nächsten Schuljahr zusätzlich zum "Turboabi" auch das Abitur in neun Jahren an. Dort haben sich zum Teil hundert Prozent mehr Schüler als in den Vorjahren angemeldet – und fast alle wählen G9. Jetzt fürchten Schulleiter, dass sie massenhaft Kinder abweisen müssen.

Von Anja Braun | 02.05.2013
    In den zehn Jahren seit seiner Einführung hat das Turboabitur in Baden-Württemberg wenig Liebhaber gewonnen. Franz Jungwirth ist Lehrer für Erdkunde, Geschichte und Sport am Gymnasium und hat nun seinen jüngsten Sohn für den G9-Zug angemeldet, denn

    "Kindheit besteht halt nicht nur aus Schule, da ist noch der Sportbereich, die Musik soll ihren Platz haben und Kind-Sein sollte unser Sohn ja auch noch dürfen. Wir versprechen uns eben, dass für die anderen Dinge eben mehr Zeit bleibt außerhalb der Schule."

    Die Lehrer haben nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie vom Turboabitur wenig halten. Die einen beschwören Qualitätsverluste und ein Absinken des Abiturniveaus. Andere verweisen darauf, dass ihre Schüler zu früh Stoffe und Inhalte kennenlernten, den sie noch gar nicht verstehen könnten. Der Vorsitzende des Philologenverbandes Baden-Württemberg, Bernd Saur:

    "Man kann davon ausgehen, dass für etwa ein Drittel der Gymnasiasten, die sehr wohl gymnasial sind von ihrer Motivation und ihrer Begabung her, einfach der Zeitfaktor eine Rolle spielt und dieser Zeitfaktor so belastend ist, dass man sich fragen muss, ob man hier nicht diese Parallelität gewähren könnte."

    Pausenende am Ludwig-Wilhelm-Gymnasium in Rastatt. Die Schüler drängen wieder ins Schulgebäude. Unter ihnen rund 90 Fünftklässler, die wieder den längeren Weg in neun Jahren zum Abitur gehen dürfen. Denn seit vergangenem Sommer ist das Ludwig-Wilhelm-Gymnasium eine von insgesamt 44 Modellschulen, die parallel 8 oder 9 jährige Züge bis zum Abitur anbieten.
    Die Wahl fällt eindeutig aus, versichert Schulleiter Dr. Christoph Kunz.

    "In diesem Jahr sind wir von den Anmeldungen für G9 überrollt worden. Wir haben aktuell 201 Anmeldungen, davon 189 für G9, zwölf für G8. Im Schnitt 94Prozent für G9, sechs Prozent für G8. Das ist ein Prozentsatz, der sich mit den anderen G9-Schulen deckt."

    Jede der 44 Modellschulen kann selbst festlegen, wo sie das zusätzliche Schuljahr für G9 am sinnvollsten einschieben will. In Rastatt hat sich das Lehrerkollegium entschieden:

    "Dass wir in den Klassen 5, 6, 7 alle Schüler nach demselben Bildungsplan unterrichten. Die Spreizung in G8 und G9 Klassen erfolgt bei uns erst in der Klasse 8. Das heißt , die Schüler die G8 machen und dann die zweijährige Kursstufe."

    Noch ist nicht sicher, wie viele Klassen das Ludwig-Wilhelm-Gymnasium für das kommende Schuljahr anbieten darf und auch nicht, ob die anderen Modellschulen dem Wunsch so vieler Eltern und Schüler nachgeben dürfen, das Abitur in neun Jahren anzugehen:

    "Es kann uns passieren, dass wir Schüler für zwei Klassen abweisen müssen und dann Schüler für weitere zwei Klassen von G9 in G8 umwidmen müssen. Die Entscheidungen werden im Kultusministerium und im Regierungspräsidium vorbereitet und sollen uns bis Anfang Mai mitgeteilt werden."

    Wegen der immens hohen Nachfrage muss der baden-württembergische Kultusminister Andreas Stoch, SPD, die Beschränkung des Schulversuchs auf nur 44 von über 400 Gymnasien landesweit, immer wieder verteidigen:

    "Die Zahl 44 G9-Gymnasien hat sich ja an der Zahl der Stadt und Landkreise in BW orientiert. Schon dadurch wollten wir gewährleisten, dass es zumindest eine flächenmäßige Verbreitung gibt."

    Acht Millionen Euro kostet es das Land pro Jahr, um G8 und G9 an den 44 Modellgymnasien parallel laufen zu lassen. Denn die G9 Schüler haben schließlich ein Jahr länger Schule und dafür müssen mehr Lehrer eingesetzt werden. Ob sich Baden-Württemberg durch das deutliche Eltern- und Schülervotum überzeugen lässt, doch mehr Kindern den neunjährigen Weg zum Abitur zu gewähren, ist noch offen.