Mittwoch, 22. Mai 2024

Anschläge gegen Russland-Kritiker
Vergiftet in Europa, „vielleicht im Nachtzug nach München“

Als Reporterin hatte Elena Kostyuchenko über den Krieg ihrer Heimat gegen die Ukraine berichtet. Aus Furcht um ihr Leben zog die Russin dann nach Berlin. Doch auch dort, mitten in Europa, wurde sie Opfer eines Anschlags - und ist kein Einzelfall.

Von Sabine Adler | 05.09.2023
Das Äußere eines zuges bei Nacht
Wo genau sie vergiftet wurde, weiß Elena Kostyuchenko nicht: "Vielleicht im Nachtzug nach München." (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Wenn die russische Reporterin Elena Kostyuchenko über den Angriffskrieg gegen die Ukraine spricht, tut sie das auf sehr andere Weise als die meisten ihrer Landsleute. Ihr geht das Leid der Ukrainer und Ukrainerinnen so nahe, dass sie im TV-Interview kaum die Tränen zurückhalten kann. Die 35-jährige Reporterin kennt den Krieg aus eigener Anschauung, sie berichtete aus Odessa, Mykolaiv und Cherson, dort über die russischen Foltergefängnisse.
Als sie im März 2022 in das heftig umkämpfte Mariupol wollte, ereilte sie eine Warnung von einer ihrer Kolleginnen der Nowaja Gaseta, für die sie 17 Jahre lang schrieb. „Sie sagte mir, als ich schon in der Ukraine war, dass mich die Leute des tschetschenischen Präsidenten Kadyrow, die in Mariupol kämpften, umbringen wollen. Der ukrainische Geheimdienst bestätigte mir gegenüber diese Information. Man hatte mein Telefon abgehört. Meine ukrainischen Quellen spielten mir einen Auszug aus einem Telefonat von mir vor. Wahrscheinlich hatten es Leute von Kadyrow oder aus der Nationalgarde auf mich abgesehen. Jedenfalls jemand aus den staatlichen russischen Strukturen, vom FSB und GRU-Geheimdienst.“
Ihr Chefredakteur bei der Nowaja Gaseta, Dmitri Muratow, Friedensnobelpreisträger 2021, bat sie nach dem Verbot der Zeitung, keinesfalls nach Russland zurückzukommen, sie solle im Ausland bleiben. Elena Kostyuchenko zog nach Berlin, ins angeblich sichere Europa. Ein Fehler, wie sich im Herbst herausstellte, als sie vermutlich am 18. Oktober auf einer Reise nach München vergiftet worden ist.

Litwinenko, Skripal – die Anschlagsliste ist lang

Die ersten Symptome waren starkes Schwitzen, wobei von ihrem Körper ein strenger Geruch nach verfaultem Obst ausging. Sie klagte über Kopfschmerzen und Schwierigkeiten, sich im Raum zu orientieren.
„Ich erfuhr, dass hier in Europa politische Morde stattfinden, russische Geheimdienste aktiv sind und dass wir hier gerade nicht in Sicherheit sind. Deswegen muss ich meine Geschichte erzählen. Wenn ich damals, im Oktober, gewusst hätte, dass in Europa sogar eine ganze Reihe von Vergiftungsversuchen passieren, wäre ich gleich zur Polizei gegangen und hätte viel früher Bluttests und andere Untersuchungen durchführen lassen.“
Alexander Litwinenko, Sergej Skripal, dazu etliche Morde an tschetschenischen Oppositionspolitikern fielen ihr erst ein, als sie unter akuten Schmerzen im Unterleib, Schlaflosigkeit, Übelkeit und extremen Angstzuständen litt.
Ihr Gesicht schwoll an, dass sie sich kaum im Spiegel erkannte. Danach die Finger und Zehen. Außerdem verfärbten sich ihre Handflächen rot. Nach zehn Tagen fand ihr Arzt heraus, dass zwei Leberenzymwerte fünfmal höher als normal waren und ihr Urin Blut enthielt.

Symptome, aber keine endgültige Klarheit

Die Rechercheportale "The Insider" und "Bellingcat" baten Ärzte und Chemiker, darunter einen Experten der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen, um eine Bewertung ihrer Symptome. Die erklärten, dass die toxikologischen Befunde auf eine akute Schädigung der Leber und Nieren hinwiesen, wie sie von einer chlor-organischen Verbindung, wie zum Beispiel Dichlorethan, hervorgerufen werden kann.
Ein Gift, das sie über die Haut aufgenommen oder verschluckt haben könnte. „Vielleicht im Nachtzug nach München oder im Restaurant in der Nähe des ukrainischen Konsulats“, so Kostyuchenko. Die Mediziner in der Charité gingen zunächst von Covid-Spätfolgen oder Hepatitis aus. Doch ein Bluttest auf ein Gift wurde nicht gemacht, entgegen der Anweisung der Polizei.

Fragezeichen auch bei anderen Opfern

Irina Babloyan von "Echo Moskwy" erfuhr genauso wenig, ob sich Gift in ihrem Blut befand. Die russische Radiojournalistin war im November von Moskau nach Tiflis gezogen, wo sie mutmaßlich vergiftet wurde. Sie ging nach Berlin und ließ sie sich dort in der Charité untersuchen. Ihre Symptome glichen denen von Elena Kostyuchenko. Doch in der Klinik erklärte man ihr, ihre Testergebnisse seien verloren gegangen. Die Russin Natalia Arno, die für eine Hilfsorganisation in Washington tätig ist, wurde mutmaßlich im Mai in Prag und zwei Jahre zuvor wohl in Vilnius vergiftet, also ebenfalls im angeblich sicheren Europa.
Elena Kostyuchenko würde gern endlich ihre Stelle als Reporterin für das russischsprachige Portal Meduza antreten, doch so weit ist sie noch nicht. „Ich habe sehr wenig Kraft, ich bin sehr schnell müde. Ich kann nicht länger als zwei, drei Stunden arbeiten. Früher konnte ich sehr, sehr lange arbeiten. Die Ärzte befürchten, dass es so nie wieder wird.“
Sie als Journalistin umzubringen, hält Elena Kostyuchenko für völlig unsinnig. Der Deutschen Welle sagte sie sinngemäß, dass sie als Reporterin die schlechten Nachrichten nur überbrächte. Die Realität werde nicht besser, wenn sie, die Botin, weg sei.