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Russland
Gastarbeiter kehren heim nach Zentralasien

Jeder zweite Tadschike im arbeitsfähigen Alter soll in den vergangenen Jahren im Ausland gearbeitet haben, 90 Prozent von ihnen in Russland: Durch die Wirtschaftskrise dort lohnt sich die Arbeit nun nicht mehr, sie kehren massenhaft heim. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Von Gesine Dornblüth | 21.02.2015

Eine Anzeigetafel in Moskau zeigt den aktuellen Wechselkurs des russischen Rubels. Zum ersten Mal muss man für einen Dollar mehr als 40 Rubel bezahlen.
Rubel-Wechselkurs im Oktober: Für Gastarbeiter lohnt sich die Arbeit in Russland nicht mehr. (picture-alliance / dpa / Ramil Sitdikov)
Vor der Botschaft Tadschikistans in Moskau stehen mehrere Dutzend Männer Schlange. Die meisten benötigen Ausreisepapiere. Sie sind als Gastarbeiter nach Russland gekommen und kehren nun heim. Massenweise. Omar hat vier Jahre auf dem Bau gearbeitet: "Morgen geht mein Flugzeug. Der Rubelkurs ..."
Der Rubel hat innerhalb der vergangenen zwölf Monate kontinuierlich an Wert verloren. Zugleich seien in Russland auch noch die Löhne gesunken, erzählt ein anderer, der sich als Raschid vorstellt:
"Man bekommt jetzt höchstens noch 35.000 Rubel. Vor einem Jahr war das gutes Geld, mehr als tausend Dollar. Jetzt ist es nur noch die Hälfte. Wie soll ich da neben allem anderen auch noch die Arbeitserlaubnis bezahlen?"
Arbeitserlaubnis ist teuer
Die Arbeitserlaubnis wird in Russland jeweils für drei Monate ausgestellt und ist immer teurer geworden. In Moskau kostet sie derzeit rund 80 Dollar im Monat. Dazu kommen noch Verpflegung, Unterkunft, Fahrkarten. Es gehe einfach nicht, meint Raschid. Und erst recht könne er seine Eltern zuhause in Tadschikistan nicht mehr unterstützen – der eigentliche Sinn seines Aufenthaltes in der Fremde.
Das Geld ist aber nicht der einzige Grund, weshalb die Zentralasiaten Russland verlassen. Hinzu kommt ein neues Aufenthaltsgesetz. Zentralasiaten dürfen sich ohne besondere Genehmigung 90 Tage in Russland aufhalten. In der Vergangenheit haben viele von ihnen diese Frist überzogen, teils um Monate oder sogar Jahre. Sie arbeiteten schwarz. Das blieb oft folgenlos. Seit Anfang des Jahres drohen bei Verstößen gegen das Aufenthaltsrecht nun lange Einreiseverbote. Wer länger als ein Jahr illegal in Russland verbracht hat, darf zehn Jahre nicht mehr einreisen. Das schreckt viele Gastarbeiter ab. Außerdem dürfen Zentralasiaten neuerdings nur noch mit einem Reisepass einreisen, während vorher ein Inlandsdokument reichte.
Millionen Tadschiken kehren zurück in die Heimat
Karomat Scharipow ist Vorsitzender der Organisation Tadschikischer Arbeitsmigranten in Russland. Sein Büro liegt in einem verwinkelten, etwas heruntergekommenen Wohnhaus in Moskau. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Porträt des russischen Präsidenten, darauf steht: "Putin ist ein Mensch des Wortes und der Tat."
Scharipow spricht von 1,3 Millionen Tadschiken, die in den letzten Wochen Russland verlassen hätten: etwa 70 Prozent. Sie reisten in eine ungewisse Zukunft.
"In Tadschikistan gibt es keine Arbeit, und so schnell kann man auch keine Arbeitsplätze schaffen. Mehr als eine Million Menschen werden Arbeit suchen. Jeder versorgt zwei, drei Familienmitglieder – das macht drei Millionen Hungrige."
In Tadschikistan regiert Dauerpräsident Emomali Rahmon seit bald 23 Jahren autoritär und hat es nicht geschafft, für Wohlstand zu sorgen. Deshalb ging in den letzten Jahren jeder zweite Mann im arbeitsfähigen Alter ins Ausland. Das Geld, das die Gastarbeiter heimschickten, machte zeitweise mehr als die Hälfte des tadschikischen Bruttoinlandsprodukts aus. Scharipow warnt vor den Folgen, die es hat, wenn diese Zahlungen wegbrechen.
"Unsere Feinde können dort jederzeit alles Mögliche organisieren. Der Staat Tadschikistan muss dem entgegenwirken. Vor allem mit Aufklärung."
Mit den Feinden meint Scharipow radikale Islamisten. Tadschikistan grenzt an Afghanistan. Beobachter befürchten, dass mit dem Abzug der NATO aus dem Nachbarland vermehrt Drogen, Waffen und radikale Kämpfer nach Tadschikistan kommen. Experten sprechen von mehreren hundert Kämpfern aus Tadschikistan, die bereits jetzt in den Reihen des Islamischen Staates in Syrien und im Irak kämpften. Und es gibt Erkenntnisse, denen zufolge die IS-Kämpfer auch unter Gastarbeitern in Russland angeworben werden. Aleksej Malaschenko, Islamexperte beim Carnegie-Zentrum in Moskau, warnt aber davor, diese Gefahr zu überschätzen.
Womöglich neue Konflikte
"Viele Usbeken, Tadschiken und Kirgisen, die aus Russland in ihre Heimat zurückkehren, sind hier religiöser geworden. Daraus können Konflikte entstehen. Der Einfluss des IS in Russland ist aber minimal."
Malaschenko setzt im Gegenteil darauf, dass die Rückkehrer ihre Heimat stabilisieren.
"Vor drei Jahren sind schon einmal sehr viele Tadschiken in ihre Heimat zurückgekehrt. Damals haben alle eine Revolution erwartet. Nichts ist passiert. Im Gegenteil. Die Rückkehrer haben Geld mitgebracht, sie haben in Tadschikistan Geschäfte aufgemacht und sich gut eingerichtet. Die Leute haben hier Geld gerochen. Natürlich wird es einige Verlierer geben. Aber die Mehrheit der Rückkehrer wird Erfolg haben. Zumal sie sich hier in Russland auch Fertigkeiten angeeignet und Selbstachtung gewonnen haben."
Die Tadschiken vor der Botschaft in Moskau wirken allerdings nicht besonders optimistisch.
"Es gibt schon Arbeit in Tadschikistan. Aber nicht für alle. Vielleicht für jeden Fünften. Und um einen Job zu bekommen, muss man auf jeden Fall eine Vermittlungsgebühr bezahlen."
Der andere meint, halb im Scherz, er werde in Tadschikistan wohl stehlen müssen.