Dienstag, 27. Februar 2024

Krieg in der Ukraine
Wie Russland Sportclubs zur Rekrutierung nutzt

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat weitreichende Folgen für die Sportwelt. Auf beiden Seiten kämpfen auch Sportler an der Front. In Russland nutzt der Chef der Privatarmee Wagner nun auch Sportclubs, um Freiwillige anzuwerben.

Von Gesine Dornblüth | 19.03.2023
Ein Soldat der russischen Wagner-Gruppe. Die Gruppe rekrutiert Freiwillige in Sportclubs.
Ein Soldat der russischen Wagner-Gruppe. Die Gruppe rekrutiert Freiwillige in Sportclubs. (IMAGO / SNA / IMAGO / Evgeny Biyatov)
Jewgenij Prigoschin, Chef der russischen Wagner-Truppe, verkündete die Nachricht höchstpersönlich: "Um neue Kämpfer für die Privatarmee Wagner zu rekrutieren, die unsere Heimat verteidigen, haben wir in vielen Städten Rekrutierungszentren eröffnet. Sie befinden sich in Sportclubs. Ihr geht dort hin, macht einen Fitness-Test, und dann erfahrt ihr, wie ihr zu uns kommt."
Das war am 2. März. Eine Woche später veröffentlichte Prigoschins Pressedienst eine Liste mit 58 Sportclubs in 42 russischen Städten, von Kaliningrad über Murmansk im Norden bis nach Tschita im Fernen Osten des Landes.

Gründe für Kooperation: Ideologie und Geldprobleme

Das russischsprachige Onlinemedium Sota hat mehr als die Hälfte dieser Clubs unter die Lupe genommen. Bis auf zwei würden tatsächlich alle mit der Wagner-Gruppe kooperieren, schreibt Sota. Die einen aus ideologischen Gründen, die anderen, weil sie Geldprobleme hätten.
Und noch etwas wollen die Journalisten herausbekommen haben: Auffallend viele Clubs, die als Rekrutierungsstellen für die Wagner-Gruppe fungieren, würden von Funktionären der Russischen Sambo-Föderation betrieben. Sambo ist ein Kampfsport, der in der Sowjetunion für die Armee entwickelt wurde, um Soldaten im Nahkampf zu schulen. Die Russische Sambo-Föderation pflegt diese Tradition offenbar weiter. Nach Auskunft ihres Vorsitzenden trainiert sie Angehörige privater Sicherheitsdienste, Polizisten, Grenzbeamte, Personenschützer.
Ein Reporter des russischen Exilsenders Doschd wollte genauer wissen, wie die Rekrutierung in den Sportclubs funktioniert. Zunächst rief er in einem Kampfsport-Club an und erkundigte sich, ob das Angebot, an die Front zu gehen, nur für Mitglieder gelte. Die Frau am Telefon verneint: "Ich bin selbst eine Vertreterin des Unternehmens Wagner. Wir füllen einen Antrag aus, dann kommt eine Fitness-Check, und innerhalb von ein bis zwei Tagen unterschreiben 98 Prozent. Das bekomme ich mit, und ich kaufe Ihnen dann ein Ticket."

Körperliche Fitness nicht so wichtig

Körperliche Fitness sei übrigens nicht so wichtig, so die Frau: "Es gibt Mindestanforderungen, aber wenn Sie die nicht ganz erreichen, spielt das keine Rolle."
Ein Besuch des Reporters mit versteckter Kamera in einem Kampfsport-Club in St. Petersburg bestätigt das: "Ein Tresen ist zu sehen, dann ein kleiner Tisch und daran ein Mann in olivfarbener Weste. Ich rede ein bisschen mit Ihnen, wir machen den Fitnesstest, ein paar Klimmzüge, ein paar Liegestütze, ein bisschen laufen…"
An der Wand prangt das Emblem der Privatarmee Wagner: Zwei gekreuzte Schwerter, in der Mitte ein Sowjetstern, dazu die Wörter "Blut, Ehre, Heimat, Mut".

Sportclubs als Meldestellen

Das vermeintliche Anwerbe-Gespräch verläuft ohne Komplikationen. Der Reporter kommt zu dem Schluss: "Offenbar schicken sie nicht nur Sportler ins Kampfgebiet, sondern jeden, der dringend Geld braucht. Die Sportclubs fungieren bloß als Meldestellen."
Der russische Journalist Denis Korotkow vom Zentrum "Dossier" bestätigt das. Er hat sich intensiv mit der Wagner-Truppe beschäftigt: "Die Anwerbung hat mittlerweile totalen Charakter angenommen. Natürlich werden auch Sportler an der Front gebraucht. Aber Prigoschin nimmt, wen er kriegt."
Russische Kampfsportler sind bereits an der Front. Wie viele, weiß man nicht.

Russische Kampfsport Union stellt ganze Einheit

Wladimir Mineew hat Karriere im Kickboxen gemacht. Der russische "Sport Express" besuchte ihn im Herbst beim Training. Da hatte er sich gerade entschieden, sich als Freiwilliger zu melden: "Ich kann in dieser Situation nicht zuhause sitzen. Ich bin Patriot. So ist mein Charakter. Dazu hat mich meine Mutter erzogen."
Im Dezember gab die Russische Kampfsport Union bekannt, eine ganze Einheit aus Freiwilligen zu bilden. Die Nachricht wurde bei einem Wettkampf verkündet, der "Schlacht der Champions" in Moskau. 95 Athleten und ihre Trainer würden an die Front fahren, direkt nach dem Turnier. Juri Trutnew, russischer Vizepremier und Co-Vorsitzender der Kampfsport Union, begründete den Schritt: "Wenn du heute beweisen willst, dass du ein Kämpfer bist, dann reicht es nicht, in den Ring zu steigen. Echte Kämpfer vergießen Blut für unsere Heimat."