Donnerstag, 09. Dezember 2021

Russland und AfghanistanPutins Interessen am Hindukusch

Die Lage in Afghanistan beunruhigt die Nachbarstaaten des Landes aus verschiedenen Gründen. Deshalb hat Russland erneut eine Konferenz in Moskau ausgerichtet und die Taliban aufgefordert, für Frieden zu sorgen. Welche Ziele verfolgt der Kreml damit und was kann das Treffen erreichen? Ein Überblick.

20.10.2021

Vertreter der Taliban, der amtierende Außenminister Amir Khan Muttaqi und der stellvertretende Ministerpräsident Abdul Salam Hanafi, beim Treffen des Moskauer Formats zur Lage in Afghanistan
Vertreter der Taliban beim Treffen des Moskauer Formats zur Lage in Afghanistan (dpa / TASS / Sergei Bobylev)
Schon in der Vergangenheit hat Russland immer wieder Konferenzen zur Entwicklung in Afghanistan veranstaltet. Nach der Niederlage der westlichen Allianz und der Machtübernahme der Taliban hat Moskau am 20.10.2021 eine weitere Konferenz ausgerichtet. Und wie schon zu früheren Zeiten, sind auch wieder Vertreter der Taliban dabei, die in Moskau offiziell als terroristische Organisation eingestuft wird.
Ein geschmückter Panzer, der von Taliban-Kämpfern bemannt ist, rollt durch Kabul.
Machtwechsel in Afghanistan - Die Taliban waren nie ganz weg
Zwanzig Jahre nach der Vertreibung von der Macht in Afghanistan beherrschen die Taliban das Land erneut. Das "Islamische Emirat Afghanistan", das sie erneut proklamierten, war aus ihrer Sicht ohnehin nie abgeschafft.
Moskau sei im Umgang mit den Taliban insgesamt pragmatischer als der Westen, sagte Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) am 20.10.2021 im Dlf . Die Konturen einer gestaltenden Afghanistan-Politik seien aber noch nicht erkennbar. Von daher sei die russische Politik im Moment noch sehr zurückhaltend, sehr vorsichtig.
Wer hat neben den Taliban an der Konferenz teilgenommen?
Vertreter von zehn Staaten aus der Region nahmen Teil. Das sind die zentralasiatischen Staaten sowie China, Indien, Iran und Pakistan. Nicht dabei waren die USA. Als Grund werden logistische Probleme genannt und das könnte damit zusammenhängen, dass der US-Sonderbeauftragte für Afghanistan gerade zurückgetreten ist.
Chinas Außenminister Wang Yi und Taliban Co-Gründer und jetziger Taliban-Außenminister Mullah Abdul Ghani Baradar bei einem Treffen am 28. Juli 2021 in China
Wie stehen Afghanistans Nachbarländer zu den Taliban?
Chinesen und Taliban mögen ein verbindendes Interesse an den großen Rohstoffvorkommen Afghanistans haben, doch Peking fürchtet das Eindringen von Terrorismus ebenso wie Russland.
Worum geht es der russischen Führung?
Russland kann die koordinierende Rolle einnehmen in der Afghanistanpolitik, weil es schon länger engen Kontakt pflegt zu den Taliban. Vertreter der Taliban waren in diesem Jahr schon dreimal in Moskau. Grundsätzlich geht es um eine gemeinsame Politik in der Region und um den Versuch, sich mit den Taliban zu verständigen.
Denn es ist klar, deren Machtübernahme hat die Sicherheitslage in der Region vollständig verändert, teilweise auch die Machtkonstellationen. Pakistan zum Beispiel ist deutlich einflussreicher geworden, weil es mit den Taliban auch schon lange sehr eng zusammenarbeitet.
Taliban-Kämpfer stehen Wache an einem Checkpoint in Kabul (AP Photo/Rahmat Gul)
Taliban, IS und Co. - Die Rivalität der Islamisten in Afghanistan
Die radikal-islamistischen Taliban haben die Macht in Afghanistan übernommen. Sie sind aber nicht die einzige extremistische Gruppierung dort. Ein Überblick.
Die gesamte Entwicklung birgt enorme Risiken für die unmittelbaren Nachbarn. Vor allem kann Afghanistan wieder Rückzugsgebiet werden für islamistische Terroristen. Das kann den Handel mit Drogen intensivieren, insbesondere mit Heroin und auch den Handel mit Waffen.
Und für Russland ist es besonders unangenehm, weil es mit den zentralasiatischen Republiken mehr oder weniger stark verbündet ist. Und weil die Grenzen zu diesen Republiken auch nicht gut geschützt sind. Russland, China und auch die übrigen Nachbarstaaten hätten ein großes strategisches Interesse daran, dass Afghanistan und die Region stabil bleibt, sagte die FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermannn am 20.10.2021 . Die Taliban auf der anderen Seite benötigten unbedingt finanzielle und humanitäre Hilfe. Man versuche deshalb, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Was soll und kann die Konferenz erreichen?
Die Konferenz biete vor allen Dingen deshalb einen Mehrwert etwa im Vergleich zur G20-Konferenz (12.10.2021), weil sie die regionalen Anrainer zusammenbringe, sagte Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Sie seien von den Entwicklungen in Afghanistan direkt betroffen und hätten das größte Interesse daran, eine Verbesserung der Lebenssituation für die Bevölkerung vor Ort zu veranlassen.
Kinder im Flüchtingslager in Herat, Afghanistan 
Nach G20-Konferenz zu Afghanistan - Die Europäische Union ist in der Pflicht
Schon vor der Machtübernahme der Taliban war das Leben vieler Menschen in Afghanistan alles andere als einfach. Der Westen müsse sich deshalb darauf konzentrieren: die Menschen im Land und die Nachbarländer zu unterstützen, kommentiert Marcus Pindur.
Ein Drittel der afghanischen Provinzen waren in den letzten Monaten von schweren Dürreperioden betroffen. "Dementsprechend sind große Ernteausfälle zu verzeichnen gewesen. Ein Drittel der Bevölkerung, so sagen die Vereinten Nationen, droht unter die Armutslinie zu fallen." Und jetzt kommt der Winter.
Wenn die internationale Gemeinschaft nicht schnell in der Lage sei, humanitäre Hilfe losgelöst von politischer Kooperation zu leisten, dann drohe ein "sehr finsteres Bild für die Bevölkerung in Afghanistan". Es gehe jetzt erstmal darum, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, betonte auch Strack-Zimmermann. Denn in Afghanistan herrsche nach all den Unruhen eine große Hungersnot.
Die Teilnehmer der internationalen Konferenz in Moskau forderten die Taliban nicht nur auf, für einen dauerhaften Frieden in ihrem Land zu sorgen, auch müssten die Rechte der verschiedenen ethnischen Gruppierungen sowie von Frauen und Kindern in Afghanistan gewahrt werden, heißt es in einer Abschlusserklärung, die das russische Außenministerium am 20.10.2021 veröffentlichte. Große Sorge äußerten die Teilnehmer, zu denen auch die Taliban selbst zählten, über die desolate wirtschaftliche und humanitäre Lage am Hindukusch.
Geht es auch um wirtschaftliche Interessen etwa in Rivalität zu China?
Im Großen und Ganzen ziehen Russland und China an einem Strang. Für beide sind die Risiken enorm. Beide sind bereit zu einer Zusammenarbeit mit den Taliban, und beide wollen letztlich auch eine internationale Anerkennung der Taliban-Herrschaft.
Auch militärisch sind die Bande noch einmal enger geworden wegen der Lage in Afghanistan. Es gab im August eine gemeinsame russisch-chinesische Militärübung im Nordwesten Chinas. Zum ersten Mal durften russische Truppen an einer Übung auf chinesischem Territorium teilnehmen. Das erklärte Ziel war die Bekämpfung des internationalen Terrorismus, was auch auf Afghanistan zielte.
Einen Unterschied gibt es aber doch bei den wirtschaftlichen Interessen. Afghanistan ist sehr reich an Bodenschätzen. Afghanistan ist möglicherweise sogar das Land, das die meisten Vorkommen von Lithium hat, wenn sie denn entdeckt und ausgebeutet werden können. Und Lithium ist wichtig für die Energiewende, die überall auf der Welt ansteht. Und damit kann China wesentlich mehr anfangen als Russland. Als möglicher Investor für die Taliban ist China interessanter.
Quellen: Florian Kellermann, Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur, gue, dpa