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StartseiteWirtschaft und GesellschaftAltmarkkreis: Alles andere als eine Krisenregion03.09.2019

Sachsen-AnhaltAltmarkkreis: Alles andere als eine Krisenregion

Die Altmark und die Region Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg laufen Gefahr, wirtschaftlich den Anschluss zu verlieren. Das geht aus einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft hervor. Doch es gibt in der Region auch Perspektiven und florierende Betriebe.

von Christoph Richter

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Fachwerkhaus in Kalbe in der Altmark (dpa / Jens Wolf)
Kalbe in der Altmark ist Sitz eines Herstellers exklusiver Uhren (dpa / Jens Wolf)
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"Also wir haben schon hidden champions, versteckte Weltmarktführer in unterschiedlichen Bereichen, die aber eher im Mittelstand angesiedelt sind."

Christdemokrat Michael Ziche ist Landrat des Altmarkkreises im Norden Sachsen-Anhalts. Also jenes Gebiet, das diverse Studien als abgehängte Region ausgemacht haben - wegen Einwohnerrückgangs und schwächelnder Wirtschaft. Doch mit einer derartigen Rhetorik komme man nicht weiter, sagt Ziche.

"Das ist Kraiburg Relastec hier am Standort in Salzwedel, die in einem Segment unterwegs sind, hinsichtlich von Dämm- und anderen Baustoffen. Die sind weltweit unterwegs. Wir haben Technologieführer im Erdöl- und Erdgasbereich. Gibt da durchaus Entwicklungen, die über die Altmark hinausgehen."

Auch kleine Familienunternehmen sorgen in der Altmark für Furore, unterstreicht Kommunalpolitiker Ziche. Ein Beispiel ist die Uhrenmanufaktur "Dornblüth und Sohn" in Kalbe, 40 Kilometer nordöstlich von Wolfsburg.

"…das war jetzt viermal, das ist vier Uhr. 16 Uhr."

Uhren aus der Altmark

Im Kleinstädtchen Kalbe läuft alles im Takt der Zeit, ein Rädchen greift ins andere. Uhrmacher Dirk Dornblüth lacht, ist aufgeschlossen. Ein hidden champion in der Altmark.

"Damals, als wir anfingen, mein Vater und ich, als wir erzählten, was wir vorhatten, mein Vater und ich, da haben alle gesagt, ihr habt doch einen Vogel. Und dann war ich mal in der Uni Magdeburg. Da war da ein Professor, der hat gesagt, das können sie gleich vergessen, es gibt so viele Uhrenmarken. Und da wollen sie…? Das wird nie was. Ich hab gesagt, wir probieren das. Zum Glück: Wir haben Liebhaber gefunden."

Die Chronographen kosten zwischen 3.000 und 15.000 Euro. Wartezeit dafür: Ein Jahr. Über den Jahresumsatz und Gewinn will man in Kalbe keine Auskunft geben. Die Anfragen kämen aus der ganzen Welt, internationale Kunden würden gar gelegentlich persönlich anreisen, um ihre Uhren abzuholen.

Geschichte aus der Erfolgsperspektive

Die vielfach abgeschriebenen Krisen-Regionen aus der Erfolgsperspektive erzählen, das rät der frühere LEUNA-Manager Reinhard Kroll. Von 1992 an hat er die Total-Raffinerie maßgeblich mit aufgebaut.

"Ich finde, Sachsen-Anhalt hat so viele positive Dinge, es wird leider Gottes nur über die negativen Nebeneffekte gesprochen. Über das Positive, was normal ist, kommuniziert man nicht."

Ähnlich sieht es FDP-Mann Karl-Heinz Paqué, Vorsitzender der Friedrich Naumann Stiftung. Von 2002 bis 2006 war er der Finanzminister Sachsen-Anhalts. Heute lehrt der studierte Volkswirt Internationale Wirtschaft  an der Universität Magdeburg.

"Also in gewisser Weise, wenn man es vergleicht mit dem, was vor 1990 war, ist dieses Land eine blühende Landschaft…."

Die Berliner Schriftstellerin Monika Maron vermutet, dass die Ostdeutschen wohlmöglich ihre eigenen Erfolgsgeschichten überhaupt nicht kennen.

Beispiel FAM - Förderanlagen Magdeburg. Der einstige "VEB Förderanlagenbau 7. Oktober" produziert Schüttgutanlagen, Tagebau- und Hafentechnik, die weltweit im Einsatz ist, die Kunden kommen aus den USA und Kanada.  Oder der Autozulieferer IFA Rotorion in Haldensleben. Er gehört zu den Top drei in der Welt bei der Herstellung von Gelenk-Achsen.

Ein weiteres Beispiel ist die Quedlinburger Bowdenzugmanufaktur. Seilzüge aus Sachsen-Anhalt, die in der U-Bahn von Sao Paulo im Einsatz sind.

Und: Die Altmark ist eine Hochburg des Algen-Anbaus. Der große Renner hier sind Spirulina – und Chlorella-Algen die am Ortsrand von Klötze in einem Bio-Reaktor hergestellt werden, betrieben von Jörg Ullmann und Kristin Knufmann. Sie vertreiben Algen als Nahrungsmittel in die ganze Welt.

Debatte um Schuldenerlass

Michael Hüther vom Institut der Deutschen Wirtschaft rät Bundesländern mit abgekoppelten Regionen, über Schuldenerlasse für Kommunen nachzudenken, damit sie wieder handlungsfähig werden. Landrat Michael Ziche kann damit wenig anfangen. Er fordert stattdessen eine Neuordnung des Länderfinanzausgleichs, damit überall in Deutschland annähernd gleichwertige Lebensverhältnisse herrschen.

"Wir fordern höhere Steueranteile vom Bund, um die gleichwertigen Lebensverhältnisse im ländlichen Raum auch finanziell herbeiführen zu können. Und da ist eine Möglichkeit, dass man das System einer Verteilung nach Köpfen und nicht nach Wirtschaftskraft einführt."

Das wäre eine deutlich gerechtere Finanzverteilung der Steuern, ergänzt der Magdeburger Politologe Wolfgang Renzsch.  Die Frage nach den reichen und armen Ländern würde sich völlig neu stellen.

"Das System würde besser funktionieren. Wir hätten weniger Konflikte.  Also so gesehen reflektiert die heutige originäre Steuerverteilung, die zufällige Verteilung der Unternehmenssitze."

Zurück in der Altmark, beim Luxus-Uhrenmacher Dirk Dornblüth. Man könne aus der Altmark ein kleines Wirtschaftswunderland machen, glaubt er. Man müsse es nur wollen.

"Sich mal was trauen, Mut zum Risiko. Und selber Verantwortung übernehmen. Das ist der Punkt. Es ist immer eine Sache von Interesse, dazuzulernen, von einander lernen."

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