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StartseiteCampus & KarriereVolksbegehren gegen Lehrermangel droht zu scheitern16.09.2020

Sachsen-Anhalt Volksbegehren gegen Lehrermangel droht zu scheitern

Grade mal ein Zehntel der Unterschriften haben die Initiatoren für ein Volksbegehren in Sachsen-Anhalt zusammen bekommen. Damit wollen sie auf den eklatanten Lehrermangel in ihrem Land aufmerksam machen. Die fehlenden Stimmen lassen sich aber mit Corona allein nicht erklären, sagen Elternvertreter.

Von Niklas Ottersbach

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„Wegen Lehrermangels nicht unterrichtet“, steht auf einem Schulzeugnis für das Fach Sport.  (picture alliance: FrankHoermann/ SVEN SIMON)
Für das Volksbegehren haben sich Elternvertreter, Linkspartei, ein Wirtschaftsverband und die Lehrergewerkschaft GEW zusammengetan (picture alliance: FrankHoermann/ SVEN SIMON)
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"Das ist jetzt mehr als eine Petition. Nur zu sagen, ich bin dagegen oder dafür - Sie können es wirklich tun, die Kinder, die keinen Unterricht haben, können es leider nicht tun. Die sind nicht wahlberechtigt. Sie haben die Wahlberechtigung."

Kathrin Scheibe steht mit Klemmbrett in der Magdeburger Innenstadt und sammelt Unterschriften. Es ist der Schlussspurt für das Volksbegehren für mehr Lehrer in Sachsen-Anhalt.

Kathrin Scheibe hat zwei Söhne, 12 und 14 Jahre alt. Zu oft säßen die beiden zu Hause, weil mal wieder der Unterricht ausgefallen ist. Die Stundenzahl bei ihrem älteren Sohn: gekürzt. Und zwar in den Kernfächern Mathe, Deutsch und Englisch. Elternvertreterin Kathrin Scheibe ist empört über die Zustände in Sachsen-Anhalts Schulen.

Note kann "nicht erteilt" werden - wegen Unterrichtsausfall

"Die Kinder wurden auch mal an der anderen Grundschule auf dem Gang unterrichtet, weil eben nicht mehr als 30 in einen Klassenraum passten. Es gab genug Schulen, die gesagt haben, ich kann den Brandschutz hier nicht mehr gewährleisten, weil da so viele Schüler drinsitzen. Der Lehrer hat kaum noch Platz da vorne. Und das sind so Sachen. Und da steht noch ein Lehrer vorne. Mittlerweile ist es ja so, dass es so viele Zeugnisse gibt, wo draufsteht: "nicht erteilt". Das kann man doch nicht akzeptieren als Bildungsstandort Deutschland!"

Nicht erteilt bedeutet: In diesem Fach wurde so wenig unterrichtet, dass es nicht bewertet wurde.

Insgesamt fehlen in Sachsen-Anhalt derzeit 500 Lehrer, vor allem an Sekundarschulen. Das Ziel der Initiative: Im Schulgesetz soll verbindlich festgeschrieben werden, wie viele Lehrer, Pädagogen und Schulsozialarbeiter pro Schüler eingesetzt werden müssen. Ein Personalschlüssel an Schulen, der vom Parlament kontrolliert werden kann, das wäre eine bundesweit einmalige Regelung im Schulgesetz. Das Volksbegehren ist ein Bündnis aus Elternvertretern, Linkspartei, einem Wirtschaftsverband und der Lehrergewerkschaft GEW. Dessen Chefin in Sachsen-Anhalt heißt Eva Gerth:

"Wir wollen dem Bildungsminister die Möglichkeit wegnehmen, nach Lust und Laune und nach Bedarf und still und heimlich die Unterrichtsversorgung zu kürzen, wie er das an Sekundarschulen zum Beispiel gemacht hat. Er hat ja auch die schülerbezogene Stundenzuweisung gekürzt. Und die Stundentafeln an Sekundar- und Gemeinschaftsschulen. Bis jetzt darf er das. Er soll es nach unserem Willen eigentlich nicht mehr dürfen."

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Ein Erbe der jahrelangen Sparpolitik

Der Lehrermangel in Sachsen-Anhalt: er ist das Erbe jahrelanger Sparpolitik Anfang der 2010er-Jahre. Damals wurden pro Jahr gerade mal 75 neue Lehrer eingestellt. Also, fast nur Kandidaten mit einem Einser-Examen. Jetzt sind es 1.000 pro Jahr. Und trotzdem nicht genug, weil viele Lehrer gerade in Rente gehen.

Der Bildungsminister in Magdeburg heißt seit 2016 Marco Tullner. Der CDU-Mann argumentiert, das Volksbegehren könne auch nicht mehr Lehrer herbeizaubern:

"Der Grundansatz der Kritik ist erstmal, dass wir mit einem Volksbegehren den Lehrermangel auch nicht bekämpfen. Weil wir ja am Ende über konkrete Fachkräfte reden. Die ausgebildet werden müssen. Und das dauert halt länger, als wir uns das alle vorstellen konnten. Und wir sind alle unzufrieden, das verstehe ich ja auch. Aber sozusagen mit einer Unterschrift oder mit einem Stichtag zu arbeiten löst keine Probleme, sondern ist eine Scheinlösung."

Zuwenige Stimmen trotz Verlängerung 

Heute endet die Frist für das Volksbegehren für mehr Lehrer. Sie wurde Corona bedingt verlängert. Aber auch das hat nicht viel geholfen, gut 60.000 Unterschriften haben die Initiatoren. 163.000 wären nötig. Für die GEW-Chefin in Sachsen-Anhalt steht fest: Corona hat das Volksbegehren für mehr Lehrer zerpflückt. So waren große Sammelaktionen rund um die Spiele des 1. FC Magdeburgs geplant. Doch ohne Fans keine Unterschriften.

Kathrin Scheibe, die Elternvertreterin aus Magdeburg hat noch eine andere Erklärung: zu wenig Spenden und Mitmachbereitschaft.

"Das Problem ist, das uns diese Gelder fehlen. Wir haben zwar zu Spenden immer aufgerufen. Aber wir wissen auch, dass da in Sachsen-Anhalt nicht so viel los ist. Und wir merken eben auch, dass da nicht so viel Bereitschaft ist, überhaupt an das Thema zu denken. Wir hören ganz oft: Ich habe keine Kinder, ich bin Rentner oder ich bin raus. Und keiner denkt daran, dass das unsere Mitbürger sind, die da aus der Schule kommen."

Auch wenn es vermutlich nicht reicht, bleibt das Thema erhalten. Und zwar für Jahre, trotz aufgestockter Lehramtsstudiengänge. Bis die Absolventen in den Lehrerzimmern landen, vergehen nochmal vier bis fünf Jahre. Für Kathrin Scheibe zu spät. Der Lehrermangel ist möglicherweise dann vorbei, wenn ihre Kinder die Schule gerade verlassen.

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