Samstag, 20.07.2019
 
StartseiteInformationen am MorgenUhrenhersteller bietet Workshops gegen Rechts18.03.2019

SachsenUhrenhersteller bietet Workshops gegen Rechts

"Made in Germany" - von diesem Qualitätslabel lebt der Uhrenhersteller "Nomos Glashütte" in Sachsen. Umso mehr ist die Geschäftsführung seit einiger Zeit beunruhigt über rechte Ausschreitungen in dem Bundesland und schult deshalb seine Mitarbeiter in speziellen Workshops.

Von Barbara Schmidt-Mattern

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die Manufaktur des Uhrenherstellers Nomos Glashütte in Sachsen. (imago/DATA73)
Die Manufaktur des Uhrenherstellers Nomos Glashütte in Sachsen. (imago/DATA73)
Mehr zum Thema

2018 in Sachsen Chemnitz - eine zerrissene Stadt

Chemnitz-Gala "Gemeinsam stärker" Locker gegen den rechten Rand

"Wir können auch gerne noch mal über die Schulter eines Uhrmachers gucken, wenn Sie das wollen? Stört das denn nicht?"

"Nein, das stört nicht. Solange Sie die Uhrmacher nicht erschrecken."

Lennart Kluge grinst ein wenig, als er das sagt. Der 32-Jährige, schlank, in weißem Kittel, ist selbst gelernter Uhrmacher. Deshalb eines gleich vorweg: Für Ungeduldige sei der Job nicht ratsam. Jedes Schräubchen, jedes Ankerrad, jede Spirale muss passen.

"Also es ist wie beim Puzzeln zuhause: Manche puzzeln unheimlich gerne. Andere nicht. Das ist dasselbe beim Uhrmachen. Manche machen‘s einfach gerne und andere könnten’s sich nicht vorstellen, das einen ganzen Tag zu machen."

Ein paar Meter weiter zählt Hartmut Böhme die Minuten. Seit 6.30 Uhr sitzt er an seiner Werkbank, hier bei Nomos Glashütte, im gleichnamigen Städtchen südlich von Dresden. Nach neun Stunden hoch konzentrierter Arbeit sind Böhmes Augen gerötet, im rechten klemmt eine Lupe wie ein Monokel. "Es gibt so Tage, wo man alles mehr oder weniger in die Ecke schmeißen kann. Wenn’s nicht will. Wenn’s nicht geht, dann geht’s nicht – auf gut deutsch gesagt."

"Als Unternehmen auf Demokratie und Freiheit angewiesen"

Gut deutsch, also made in Germany: Von diesem guten Ruf lebt die Uhrenmanufaktur in aller Welt. Das Politische ist deshalb nicht privat in Glashütte. Im Gegenteil: Die rassistischen Gewalttaten der letzten Jahre – in Chemnitz, in Heidenau, oder auch Freital – bedrohen das Geschäft des Uhrenherstellers aus Sachsen. 

"Es kamen immer wieder besorgte Anrufe, Posts und Post von Kunden in aller Welt, die einfach wissen wollten, ob denn ihre Uhr eventuell auch von einem Nazi zusammengebaut worden sei", erzählt Geschäftsführerin Judith Borowski. Damals, im Sommer 2015, haben sie im Konferenzraum der Firma erst mal ein großes Plakat gegen Rassismus aufgehängt: "Wir ticken international," stand darauf. Doch nicht jeder in Glashütte fand das gut.

"Das hat uns damals zu denken gegeben. Einfach, weil wir als Unternehmen auf Demokratie und Freiheit angewiesen sind. 1989 wurde hier in Sachsen die Demokratie erkämpft, und deshalb hat uns das so sehr erschrocken damals, dass bei den Bundestagswahlen die Rechtspopulisten hier so gut abgeschnitten haben."

Frauke Petry gewann den Wahlkreis, in dem Glashütte liegt, bei der letzten Bundestagswahl mit gut 37 Prozent. Warum? Nomos-Firmengründer Roland Schwertner, ein Rheinländer, sucht bis heute nach Erklärungen. Glashütte zählt zu den wohlhabendsten Kommunen in ganz Ostdeutschland, es gibt kaum Arbeitslose. Vielleicht, sagt Schwertner, sei der Grund, "dass da, wo es vielen sehr gut geht, viele auch abgehängt werden. Das stört hier alles. Die Uhrmacher nehmen uns die Parkplätze weg, und die kommen von außerhalb".

Auch in der Uhrenmanufaktur falle hier und da schon mal ein kritischer Satz, heißt es. Und ja, als 2015 Geflüchtete auch in Glashütte nach einer neuen Zukunft suchten, gab es Ressentiments. Das alte Dorfleben löst sich andererseits immer mehr auf, sagt Judith Borowski.

"Das Kulti, was es einst gab, das Kulturzentrum hier in Glashütte, das gibt’s natürlich schon lange nicht mehr. Das war eine DDR- Einrichtung. Die Kneipen und Gaststätten, die haben in der Regel nur über Mittag geöffnet. Also abends ist es wirklich schwierig, hier ein Bier oder was zu essen zu bekommen. Einrichtungen für Jugendliche wüsst ich jetzt gar nicht. Es gibt da nicht so rasend viel."

Workshops, um Ängste und Sorgen zu thematisieren

Wie also ins Gespräch kommen mit den Leuten? Und Sorgen und Ängste auch in der Belegschaft ansprechen? Die Geschäftsführung bietet dafür seit einiger Zeit Workshops im Unternehmen an, fast jeder Dritte der 250 Beschäftigten hat schon teilgenommen:

"Wo unsere Mitarbeiter ihr Kreuzchen machen, darf uns gar nichts angehen", betont Borowski. "Was wir aber wichtig finden ist, dass wir auch darüber sprechen, was ist denn an den Parolen der Rechten dran? Und ich glaube, da haben diese Workshops große Hilfe geleistet und tun es auch weiterhin. Und ich glaube, das ist einfach ein erster kleiner Schritt."

In der Werkstatt im zweiten Stock des Firmengebäudes sitzt immer noch Hartmut Böhme, der seit 40 Jahren als Uhrenmacher arbeitet. Gleich ist Feierabend, Böhme sieht erschöpft aus. Und hat erkennbar keine Lust, über Politik oder Workshops zu reden. Was soll er schon dazu sagen?

"Weiß ich auch nicht, was ich dazu sagen soll. Ich persönlich hab da kein Interesse."

Bei Lennart Kluge ist es genau anders herum. Beim verspäteten Kantinenbesuch erzählt der Leiter der Werk- und Uhrenmontage, warum er an einem der Workshops gegen Rassismus teilgenommen hat. Zuhören und Vorurteile abbauen, das habe er gelernt.

"Man kriegt’s ja mit durch die Medien, was gerade alles passiert. Und ich finde es halt eine gute Sache, dass sowas erst mal angesprochen wird."

Nomo-Geschäftsführer kandidiert als Stadtrat für die Grünen

Zum Beispiel der heute beginnende Prozess vor dem Landgericht Chemnitz zum gewaltsamen Tod von Daniel H. im August letzten Jahres. Lennart Kluge erinnert sich zurück, als ein Flüchtlingsheim in Glashütte eröffnet wurde:

"Und da hat man natürlich verschiedene Sachen gehört. Dass die Kinder nicht mehr zur allein zur Schule gehen können, wenn die Leute aus den Flüchtlingsheimen dann hier sind, wo ich sage, totaler Quatsch."

Im Herbst sind Landtagswahlen in Sachsen, und Ende Mai bereits Kommunalwahlen. Einer der Geschäftsführer von Nomos Glashütte kandidiert als Stadtrat für die Grünen. Das ist jedoch nicht der einzige Grund, warum Parteichef Robert Habeck an diesem Tag nach Glashütte gereist ist. Im aufziehenden Landtagswahlkampf wollen die Grünen mehr Präsenz im Osten zeigen. Habeck wird im Unternehmen freundlich empfangen, doch draußen auf der Straße hängen Steckbriefe mit seinem Photo. Daneben Zitate aus dem Jahr 2010, in denen Habeck sich kritisch zum Thema "Vaterlandsliebe" äußert:

"Ich fänds cooler, wenn die Leute gekommen wären und gesagt hätten, hier, wir haben da ein Problem, rede mit uns. Ich werd ja nicht das letzte Mal in Glashütte sein, schon gar nicht hier in den Landkreisen. Da werden sich sicherlich auch viele Leute finden, und dann reden wir ruhig und freundlich miteinander."

Mehr Flagge zeigen gewünscht

Der Grünen-Chef wünscht sich, dass mehr deutsche Unternehmen Flagge zeigen gegen rechts: "So ein bisschen der Appell auch an die Wirtschaft, die Dinge nicht laufen zu lassen, sondern sich zumindest deutlich zu artikulieren. 

"Insofern wäre das aus meiner Sicht das Beste, wenn wir einfach Verbündete hätten."

Zumal sie, so sagt Borowski, wirtschaftlichen Erfolg vorweisen können. Und zugleich in einer strukturschwachen Region investiert haben. Mindestens bis zur Landtagswahl in Sachsen am 1. September will das Unternehmen seine Workshops gegen rechts weiter anbieten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk